Nachricht | Rassismus / Neonazismus - Osteuropa Black Lives Matter auf Tschechisch?

Die Roma in Tschechien erfahren weder Anerkennung noch Gerechtigkeit.

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Kerzenlichter an der Stelle in Teplice, an der Stanislav Tomáš nach einem Polizeieinsatz ums Leben kam (26.06.2021)
  Foto: Jan Majíček

Leider erinnere ich mich sehr gut an meine erste Begegnung mit Rassismus, obwohl sie bereits vor fast zwanzig Jahren stattfand. Zu jener Zeit war in Brno Kirmes mit kitschigen Karussells aus den Neunzigern, zu der ich mit meinem Vater und meiner Freundin ging. Wir saßen in einer fliegenden Untertasse und in einem Moment, bevor sie sich vom Boden löste, rannte ein Junge zwischen den Karussellen herum. Ein Roma, nicht viel älter als ich. Eine Nazi-Clique rannte hinter ihm her, mit Baseballschlägern bewaffnet und sie jagten selbstbewusst ihrem Opfer nach. Die Angst und Hoffnungslosigkeit, die ich empfand, als ich die Verfolgung dieses Kindes beobachtete, kann ich nicht vergessen und auch nicht aus meinem Gedächtnis löschen. Das freut mich eigentlich.

Apolena Rychlíková ist Herausgeberin und Redakteurin der tschechischen Zeitschrift A2, die von der RLS Prag unterstützt wird. Ihr Kommentar erschien bereits 2020 undwurde für den Europäischen Pressepreis in der Kategorie «Meinung» nominiert. 
Anlässlich des aktuellen Todes von Stanislav Tomáš, der in Tschechien infolge eines Polizeieinsatzes starb und der Aufmerksamkeit für Antiziganismus in Tschechien veröffentlichen wir den Text in deutscher Übersetzung.

Es waren Zeiten, als es üblich war, auf «Jagd» auf Rom*nja zu gehen. Der Begriff des rassistischen Mordes setzte sich erst allmählich durch und suchte seinen Platz in der rechtlichen und sozialen Terminologie. Es waren Zeiten, in denen ein Teil der Gesellschaft schockiert zuschaute, wie  Rom*nja Opfer von brutalen und hinterlistigen Morden wurden, deren Motiv nur eines war: ihre Hautfarbe. Es waren Zeiten, in denen der Staat Rom*nja nicht schützte und die Täter die Gerichte mit lächerlich niedrigen Strafen verließen. Und das obwohl sie in den meisten Fällen «nur zum Spaß» angriffen und ihre Opfer ermordeten. Bis heute kennt die Mehrheitsgesellschaft die Namen der getöteten Rom*nja nicht, obwohl es ihrer vieler und nicht nur Geister aus der fernen Vergangenheit sind.

Sag mir, wo die Menschen sind!

Emil Bendík wurde mit Stöcken erschlagen. Tibor Danihel ließen die Neonazis «nur so zum Spaß» ertrinken. Milan Lacko wurde bewusstlos getreten und dann auf der Straße liegen gelassen, wo er von einem Auto überfahren wurde. Helena Biháriová wurde bei Hochwasser in die Elbe geworfen. Karel Balogh wurde in einer Disco mit einem Messer erstochen. Der sechsjährige Radek Rudolf wurde von einem betrunkenen Neonazi brutal geschlagen und mit einer Scherbe erstochen. Oto Absolon wurde ebenfalls mit einem Messer erstochen. Weitere Opfer der rechten Gewalt gab es auch: zum Beispiel der Sudanese Hassan Elamin Abdelradi, den Nazis erstachen. Oder ein unbekannter türkischer Staatsbürger, der von Neonazis mit einem Roma verwechselt und mit Ketten, Messern und Stöcken ermordet wurde. Miroslav Demeter, der nach einem überzogenen Polizeieinsatz unter ungeklärten Umständen starb. Zu all diesen Namen können wir noch gewalttätige Übergriffe, unfreiwillige Sterilisationen von Roma-Frauen, Brandanschläge oder Aufmärsche, die Hass gegen Rom*nja schürten und auf den Pogromstimmung herrschte, hinzuzählen, denen sich in den letzten Jahren Aktivist*innen widersetzten. Nicht zu vergessen auch die alltägliche strukturelle Diskriminierung, die Demütigung und das Leben am Rand der Gesellschaft - oft in Angst.

«Ich lege von jedem Gehalt ein paar Hundert Kronen zur Seite, damit wir etwas haben, wenn wir gehen müssen, wenn hier alles außer Kontrolle gerät», sagte mir einst eine Roma-Freundin nach einem Gespräch mit Schüler*innen in einer Mittelschule. Ich stand da, mit Tränen in den Augen. Was sie von den Schüler*innen anhören musste, war schockierend. Trotzdem reagierte sie in aller Ruhe auf die größten rassistischen Wahnvorstellungen und dummen Anspielungen und versicherte dem Publikum, dass sie wirklich keine gewaltigen Summen an Sozialleistungen bezieht, dass Rom*nja keine Tiere sind, die mit Vorliebe blonde Mädchen vergewaltigen. Ich an ihrer Stelle hätte alle zum Teufel gejagt und wäre gegangen. Dieser demütigenden Verteidigung der eigenen Existenz allein nur zuzuschauen, grenzte an Wahnsinn – wie viel schlimmer muss es sein, jeden Tag damit zu leben? Dies wird zum Beispiel von der Journalistin Fatima Rahimi treffend beschrieben.

Denkmale allein reichen nicht aus

Es ist schon einige Jahre her, dass die Regierung den Kauf eines Schweinestalls in Lety und dessen Umbau in das Mahnmal an den Holocaust an den Rom*nja genehmigt hat. Wo Rom*nja unter Zutun tschechischer Gendarmen starben, stand über Jahrzehnte die größte Schande unserer tschechischen Gesellschaft. Wir nannten es das Denkmal des tschechischen «Anti-Ziganismus». Es zeigte perfekt das Verhältnis der tschechischen Gesellschaft zu den Rom*nja. Und nicht nur das – es war ein Beweis dafür, wie sehr wir versuchen, uns aus der Beteiligung am Roma-Holocaust herauszuwinden, wie sehr wir uns weigern, uns damit auseinanderzusetzen, wie sehr wir es leugnen wollen. Die Geschichte der Schande in Lety geht in diesen Tagen allmählich zu Ende. Im Juni 2020 präsentierte das Museum für Roma-Kultur die erste Visualisierung des neuen Holocaust-Mahnmals für Rom*nja in Tschechien. Zum Gewinner der öffentlichen Ausschreibung für die Gestaltung des Denkmals wurde der Entwurf des Ateliers Terra Florida und des Ateliers Světlík. Ihr erfolgreicher Entwurf hat die symbolische Form eines Waldes. Der Abriss des Schweinestalls wird bald beginnen und bis 2023 könnte anstelle des Ortes des tragischen Leidens der Rom*nja dort endlich ein erster Lichtblick auf dem Weg zu einer würdigen Auseinandersetzung mit der Geschichte der Tschech*innen und Rom*nja entstehen.

In den letzten Jahren befasste man sich mehr denn je mit der Benennung von Straßen oder Plätzen. In gewisser Weise dienen sie ja immer als Politikum: sowohl lokal als auch global. Ob es wirklich notwendig ist, Straßen nur aufgrund politischer Bedürfnisse umzubenennen, ist an und für sich umstritten. Der Platz vor der russischen Botschaft wurde nach Boris Nemzow benannt, obwohl er vorher eigentlich problemlos – Pod kaštany – Unter den Kastanien – hieß. Aber es ging darum zu zeigen, wer die Oberhand über Putin hatte. Natürlich wir, die Prager*innen. Es gab auch eine Petition zur Umbenennung der Koněvova-Straße in Prag-Žižkov in Maria-Theresia-Straße, da nachdem die Statue für den sowjetischen Marschall Konew ins Depot verbannt wurde, keine Spur des Bolschewiken mehr übrig bleiben durfte. Einige Debatten über den öffentlichen Raum sind geradezu niederschlagend, unter anderem, weil sie nur sehr selten versuchen, sich mit der eigenen Geschichte und der Verantwortung dafür auseinanderzusetzen. Die Benennung von Straßen und Plätzen nach Rom*nja, die Opfer von Hassgewalt wurden, könnte eine ideale Gelegenheit dafür sein. Das würde bedeuten, sich auf die Reise der Selbstreflexion zu begeben und zu beginnen, die Schuld der Mehrheitsgesellschaft gegenüber den Rom*nja einzugestehen. Aber ohne weitere strukturelle Schritte würde auch dies nur eine leere Geste bleiben.

Damit unsere Kinder hier leben können – zusammen

Als ich letztes Jahr die imaginäre Grenze zwischen der Nordspitze des New Yorker Central Parks und Harlem überquerte, geriet ich in eine Spirale ambivalenter Gefühle. Wir standen am Anfang des Malcolm X Boulevard, einer Straße, die nach einer der bedeutendsten Persönlichkeiten der Bewegung für die Rechte der Afroamerikaner*innen benannt ist. Ebenso wie andere Orte – der Marcus Garvey Park oder der Adam Clayton Powell Jr. Boulevard – war für mich auch der Malcolm X Boulevard, der das Herz von Harlem durchläuft, eine schmerzhaft aktuelle Erinnerung an den nie endenden Kampf um Gleichberechtigung der Afroamerikaner*innen (und anderer ethnischer Gruppen) in den Vereinigten Staaten. Das ist ein Beleg für den anhaltenden Rassismus, der für uns, die wir ihn nicht erleben, nur schwer vorstellbar ist und der erst dann verschwinden wird, wenn wir ihn selbstkritisch nicht nur als bloße Tatsache hinnehmen und alle ausgegrenzten Menschen in ihrem Kampf für eine gerechte Welt unterstützen. Wenn ich heute auf dem Malcolm X Boulevard stehen würde, würde ich mich angesichts des Mordes an George Floyd noch unwohler fühlen. Die Straße mit dem Namen des schwarzen Aktivisten ist ein bitterer Beweis dafür, dass symbolische Anerkennung allein nicht ausreicht.

In Diskussionen über die aktuellen Ereignisse in Amerika wird oft gesagt, dass es wichtig sei, auch über den tschechischen Kontext nachzudenken. Dieser ist grundlegend anders – gerade weil es in Europa im Allgemeinen weniger Polizeigewalt gibt und wir in der Tschechischen Republik wiederum nicht glauben, dass der Rassismus gegen Rom*nja diese vollständig verdrängen würde. Deren Gedenken ist für uns nicht wertvoll, weil sie selbst für uns nicht wertvoll sind, sodass wir nicht einmal daran denken würden, den öffentlichen Raum mit ihnen zu teilen.

Natürlich wäre es absurd zu glauben, dass der Rassismus mit dem Entstehen von «Rom*nja-Straßen» aus den tschechischen Städten verschwinden würde. Es wäre unangemessen, die heutigen Ghettos mit Namen der ermordeten Rom*nja zu schmücken, und es wäre auch lächerlich, mit ihnen neue Luxusressorts zu zieren, wo sich wohl keiner von uns, geschweige denn ärmere Menschen Wohnraum leisten können. So sehr ich mich auch nach der Helena-Bihari-Straße oder dem Tibor-Danihel-Platz sehne, so möchte ich dennoch nicht, dass dies nur als Deckmantel für die weitere Vertiefung der Ungleichbehandlung der Rom*nja in unserem Land dient. Jede Rom*nja-Straße wäre nur dann sinnvoll, wenn wir gleichzeitig auf allen Ebenen – von der Bildung, über das Wohnen, bis hin zu sozialer Anerkennung – danach streben, dass dort Roma-Familien nicht nur ohne Angst vor Gewalt, sondern auch in der Hoffnung auf ein besseres und gerechteres Leben wohnen können.