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Gedenken zum 75. Jahrestag des Pogroms in Kielce

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Am 4. Juli 2021 wurde im polnischen Kielce feierlich des Pogroms von 1946 gedacht, bei dem mindestens 42 Menschen ums Leben gekommen waren, drei darunter waren keine Juden. Veranstalter der Gedenkfeierlichkeit aus Anlass des 75. Jahrestags war der in Kielce ansässige Jan-Karski-Verein, mit dem die Rosa-Luxemburg-Stiftung im Rahmen von politischer Bildung seit vielen Jahren erfolgreich zusammenarbeitet. Der von Bogdan Białek geleitete Verein hat seinen Sitz in dem Gebäude, das vor 75 Jahren zum Ort des erschütternden Geschehens wurde. Damals war das unscheinbare Haus der Sitz des Jüdischen Komitees in der Stadt, in ihm hatten Menschen Zuflucht gefunden, die kein anderes Dach mehr über den Kopf gefunden und in einigen Fällen ohnehin auf die baldige Ausreise nach Palästina gehofft hatten. Das Haus war Suppenküche, unentbehrliche Anlaufstelle und Herberge in einem.

Holger Politt ist Leiter des RLS-Regionalbüros Ostmitteleuropa in Warschau.

An jenem 4. Juli 1946 machte sich in der Stadt in Windeseile ein Gerücht breit, wonach die Juden ausgerechnet dort entführte polnische Kinder eingesperrt hätten, um Ritualmord zu begehen. Rasch fand sich eine hasserfüllte Menschenmenge vor dem Gebäude zusammen, bald trafen sogar bewaffnet Ordnungskräfte ein, die allerdings weniger die Bewohner im bedrohten Haus vor der andrängenden Meute schützten, sondern selbst brutal ins Haus eindrangen und rücksichtslos auf wehrlose Menschen zu schießen begannen. Einmal aus dem Haus getrieben, wurden die verängstigten Bewohner zur leichten Beute der wildentschlossenen Menschenmenge, die jetzt zusätzlich unterstützt wurde durch herangeeilte Arbeiter einer großen Metallhütte. Erst nach mehreren Stunden schritten die Behörden energisch ein, machte dem blutigen Treiben ein Ende. Der Primas der katholischen Kirche August Hlond erklärte wenig später zu den Ereignissen, die er in allgemeinen Worten verurteilte, dass das jüdisch-polnische Verhältnis nach dem Krieg ernsthaft getrübt sei, woran in erster Linie aber jene Juden eine Schuld trügen, die im staatlichen Leben führende Posten innehätten.

Historiker gehen heute in den meisten Fällen davon aus, dass das schier unbegreifliche Geschehen einen spontanen, keinen organisierten Charakter gehabt habe, dass das eklatante Fehlverhalten auf Seiten der staatlichen Behörden auf der Hand liege, dass aber auch andere, eine große Autorität besitzende Institutionen und Strukturen – insbesondere die katholische Kirche – unsägliche Schuld auf sich geladen hätten.

Wenn heute in der Stadt an das damalige Geschehen erinnert wird, dann ist ein anderer Zusammenhang überhaupt nicht wegzudenken: Die Juden der Stadt machten 1939 zu Beginn der deutschen Okkupation ein Drittel der Gesamtbevölkerung aus. Von den 27.000 Menschen, die im Ghetto eingepfercht waren, erlebten noch ganze 500 das Ende von Okkupation und Krieg. Zwischen dem 20. und 24. August 1942 wurde über 20.000 Menschen nach Treblinka deportiert, viele andere an Ort und Stelle in Kielce ermordet. So wie den Juden in Kielce, so ging es den Juden in unzähligen Städten und Städtchen im besetzten Polen. Nach dem Krieg war überall jüdisches Leben ausgelöscht, jüdische Identität in den einstigen Wohnorten gebrochen. Doch Kielce ist in Polen bis heute in einem ganz besonderen Maße eine offene, eine schmerzende und mahnende Wunde.

Der Soziologe Zygmunt Bauman hatte einmal einen Vergleich gewagt, der an dieser Stelle und insbesondere für deutsche Leser wohl nicht ganz unpassend ist: Er hatte darauf verwiesen, dass der mit viel Hass und Vorurteil getränkte Antisemitismus unter breiteren Bevölkerungsschichten, der seit langen Zeiten den Nährstoff für die berüchtigten Juden-Pogrome liefere, einmal ungezügelt losgelassen, nie zu dem unübersehbaren Ausmaß an Vernichtung geführt hätte, wie der eiskalt und berechnend in die Wege geleitete industrielle Massenmord es vorgemacht habe. Hätte, um in diesem Vergleich zu bleiben, einmal angenommen an jedem einzelnen Tag im okkupierten Polen ein solches Kielce stattgefunden, man käme zusammengerechnet auf die schwindelnd machende Zahl von 85.000 Todesopfern. Das ganze damalige Kielce wäre ausgelöscht gewesen, einige kleinere Orte in der Umgebung sogar noch dazugezählt. Eine erschreckende Zahl, gewiss. Doch geradezu bescheiden nimmt sich die Zahlenreihe plötzlich aus, wenn Ortsnamen wie Treblinka, Bełżec oder Auschwitz daneben buchstabiert werden.