Nachricht | Rosa Luxemburg - Deutsche / Europäische Geschichte «Lese viel, denke auch ziemlich viel»

Rosa Luxemburg als politische Gefangene

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Rosa Luxemburg  Karl Dietz Verlag Berlin

I

Rosa Luxemburg kam im Spätsommer und Herbst 1904 erstmals ins Gefängnis, als sie im sächsischen Zwickau eine dreimonatige Gefängnisstrafe wegen «Majestätsbeleidigung» zu verbüßen hatte. Das Gerichtsurteil wurde gefällt nach Wahlkampfauftritten in Sachsen, auf denen Rosa Luxemburg eine Behauptung Kaiser Wilhelms II. polemisch aufs Korn nahm, der sich öffentlich damit gebrüstet hatte, da unter seinem Zepter deutsche Arbeiter eine gute und gesicherte Existenz hätten. In ihrer Verteidigungsrede vor Gericht hatte Rosa Luxemburg darauf verwiesen, dass kein Sozialdemokrat die Absicht habe, den Kaiser zu beleidigen, weil Sozialdemokraten Institutionen, nicht aber Personen bekämpften.

Erhalten geblieben sind einige Briefe, die Rosa Luxemburg aus dem Zwickauer Gefängnis getarnt an ihren damaligen Lebenspartner Leo Jogiches geschrieben hatte. Den Tagesablauf hinter Gittern beschreibt sie so: «Also: Ich stehe auf um 6, bekomme um 7 Kaffee, um 8–9 Spaziergang, um 12 Mittagessen, 1–2 Spaziergang, 3 Kaffee, um 6 Abendbrot, 7–9 Lampe, 9 schlafen. Ich bekomme das ‹Berliner Tageblatt›. Lese viel, denke auch ziemlich viel.» (Brief vom 9. September 1904) Und Leo Jogiches bat außerdem, ihm die Zelle zu beschreiben. In der Antwort kommt der feine selbstironische Zug Rosa Luxemburgs ganz zum Tragen: «Meine Zelle soll ich Dir auch noch beschreiben! Du beanspruchst viel, my darling. Wo nehm ich Pinsel und Farben, um diesen Reichtum zu schildern! Übrigens fand ich neulich an der Wand ein hektographiertes Inventar meiner Zelle, aus dem ich zu meinem Erstaunen ersah, daß in derselben etwelche zwanzig Gegenstände sich vorfinden. Und ich war sicher, daß die Zelle überhaupt ganz leer ist! Die Moral von der Geschichte: Sobald der Mensch sich im Leben einmal recht arm vorkommt, soll er sich nur hinsetzen und ein ‹Inventar› seiner irdischen Güter aufnehmen, alsdann wird er erst entdecken, wie reich er ist.» (Brief vom 23. September 1904)

Holger Politt ist Leiter des RLS-Regionalbüros Ostmitteleuropa in Warschau.

Eine typische Eigenschaft wird sichtbar, denn Rosa Luxemburg bleibt – wo immer sie eingesperrt wird – die aufmerksame und überaus sensible Beobachterin der Umgebung, wofür in der Post an Leo Jogiches ein schönes Beispiel zu finden ist: «Ob ich hier arbeiten kann? Gewiß, es herrscht vollkommene Ruhe ringsherum, ausgenommen etwas lustiges sächselndes Kindergeplapper irgendwo draußen (ich habe ja keine Ahnung, wo hinaus mein Fenster geht) und ein geschäftiges Entengeschnatter vom Teich der nahen Anlage, wie ich mir denke. Diese Enten müssen sämtlich weiblichen Geschlechts sein, denn sie können aber auch nicht eine Stunde ‹den Schnabel halten› und führen sogar mitten in der Nacht eifrige Unterhaltungen, wobei das Qua, qua! so pathetisch und mit so tiefer Überzeugung die Tonleiter herunter skandiert wird, daß ich mitten im Ärger immer lachen muß.» (Brief vom 4. Oktober 1904)

II

Das zweite Mal kam Rosa Luxemburg im Zarengefängnis hinter Gitter, als sie im März 1906 inmitten der Revolutionswirren in Warschau verraten und verhaftet wurde. Sie war Ende 1905 illegal nach Warschau gekommen, um hier gemeinsam mit Leo Jogiches an der Spitze ihrer polnischen Partei SDKPiL (Sozialdemokratie des Königreichs Polen und Litauens) für den Sturz der Zarenherrschaft zu kämpfen, den sie für greifbar nahe hielt. Sie stand nicht auf den Barrikaden, war keine Streikführerin, hielt keine öffentlichen Reden – ihre einzigen, allerdings wirkungsvollen und scharfen Waffen waren die Schreibfeder und das gedruckte Wort. Doch im März 1906 wanderte sie nach der Festnahme ins Gefängnis, beruhigte aber schnell die aufgeregten Gemüter in Berlin, die sich natürlich große Sorgen machten, denn niemand unter den SPD-Genoss*innen konnte abschätzen, was Rosa Luxemburg in Warschau unter den Bedingungen einer insgesamt ums politische Überleben kämpfenden Zarenmacht nun erwartet: «Am Sonntag, dem 4., abends hat mich das Schicksal ereilt: Ich bin verhaftet worden. Ich hatte bereits meinen Paß zur Rückreise visiert und war auf dem Sprung zu fahren. Nun, es muß auch so gehen. Hoffentlich werdet Ihr Euch nicht zu sehr die Sache zu Herzen nehmen. Es lebe die Re[volution]! mit allem, was sie bringt. […] Meine Zelle, die ein Kleinod in dieser Garnitur ist (eine gewöhnliche Einzelzelle für eine Person in normalen Zeiten), enthält vierzehn Gäste, zum Glück lauter Politische. Tür an Tür mit uns noch zwei große Doppelzellen, in jeder ca. dreißig Personen, alle durcheinander. Dies sind schon, wie man mir erzählt, paradiesische Zustände; früher saßen sechzig zusammen in einer Zelle und schliefen schichtweise je paar Stunden in der Nacht, während die anderen ‹spazierten›. Jetzt schlafen wir alle wie die Könige auf Bretterlagern, querüber, nebeneinander wie Heringe, und es geht ganz gut […].» (Brief an Luise und Karl Kautsky vom 13. März 1906)

Wie in Zwickau versuchte sie zu arbeiten, soweit die Möglichkeiten es erlaubten. Anfang April schreibt sie an Luise und Karl Kautsky, nachdem sie in ein anderes Gefängnis gebracht worden war, in dem die Bedingungen deutlich bessere waren: «Ich schrieb Euch lange nicht mehr […], weil ich sehr fleißig war und gestern die dritte Broschüre fertiggemacht habe seit ich hier weile (zwei werden bereits gedruckt, die dritte wird in drei Tagen ‹geschwärzt›). Im früheren Quartier war es undenkbar zu arbeiten, also galt es, das Versäumte hier nachzuholen. Auch habe ich hier eigentlich zu meinem Privatgebrauch bloß einige Abendstunden, von 9 Uhr etwa bis nachts; denn bei Tag, seit 4 Uhr morgens, ist hier im ganzen Hause und auf dem Hof ein Höllenspektakel […]». (Brief vom 7. April 1906)

Nachgestellte Zelle im heutigen Museum des X. Pavillons, Warschau Foto: Holger Politt

Es gab damals weitgediehene Pläne der polnischen Sozialdemokraten, Rosa Luxemburgs aus dem Gefängnis zu befreien, die sich aber plötzlich zerschlugen, denn kurz vor der geplanten Befreiung wurde die prominente Gefangene in den berüchtigten X. Pavillon der Warschauer Zitadelle gebracht, einem besonders gesicherten, nahezu hermetisch abgeriegelten Gefängnis, das ausschließlich für die politischen Gefangene im russischen Teil Polens gedacht war. Hier war im September 1905 Marcin Kasprzak hingerichtet worden, ein enger Kampfgefährte Rosa Luxemburgs, der beim Aufbau einer illegalen Druckerei im April 1904 in Warschau von der Zarenpolizei gestellt worden war, wobei vier Polizeibeamte in der anschließenden Schießerei zu Tode kamen, was zur Verurteilung mit der Höchststrafe führte. Rosa Luxemburg hatte an ihn so erinnert: «Als schließlich die Gewalt gesiegt hatte und es ans Sterben ging, schied er so, wie es nur große Geister können. […] Anderthalb Jahre Folter in den mörderischen Kasematten der Warschauer Zitadelle haben ihr übriges getan.» (Z pola walki, Nr. 12, September 1905, S. 1)

Am 28. Juni 1906 kam Rosa Luxemburg gegen Zahlung einer Kaution in Höhe von 3.000 Rubel auf freien Fuß, durfte Warschau aber nicht verlassen, kam wohl einstweilen bei ihrer Familie unter. Sofort benachrichtigte sie die Genoss*innen in Berlin: «Ich bin zwar physisch sehr matt und sehe, wie man mir sagt, sehr gelb aus, fühle mich aber so frisch und arbeitslustig, daß ich alle ‹Gelbheit› und Mattigkeit bald in der Arbeit zu vergessen hoffe. Die allgemeine Situation ist ausgezeichnet, die Verhältnisse verschärfen sich immer mehr und treiben gewaltig zu einer scharfen Lösung.» (Brief an Emanuel Wurm vom 8. Juli 1906) Berühmt wurde ihre lapidare Feststellung:

Die Revolution ist großartig, alles andere ist Quark!

Brief an Mathilde und Emanuel Wurm vom 18. Juli 1906

Nach einigen Wochen durfte Rosa Luxemburg schließlich zu Heilzwecken Warschau verlassen, schlug allerdings eine andere als die von Amtswegen vorgeschriebenen Richtung ein, denn sie verließ Warschau über Petersburg und Finnland, um schließlich Ende September 1906 wieder in Deutschland anzugelangen. An Franz Mehring schreibt sie von unterwegs aufgekratzt: «Ich habe mich jetzt so an das revolutionäre Milieu gewöhnt, daß mir bange wird, wenn ich mich in die ruhige deutsche Tretmühle zurückdenken soll; ich fürchte, ich werde dort nicht lange aushalten… Sie machen dann vielleicht mit mir eine Spritztour nach Warschau, ja?!» (Brief vom 12. August 1906)

III

Ein drittes Mal musste Rosa Luxemburg ins Gefängnis, nachdem der Erste Weltkrieg ganz Europa bereits mit irrsinnigem Kriegsgeschehen übersät hatte. Im Februar 1914 wurde sie laut Gerichtsurteil in Frankfurt am Main zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, weil sie im September 1913 dort auf öffentlichen Versammlungen dazu aufgerufen hatte, den Kriegstreibern rechtzeitig in den Arm zu fallen, was nun als Hochverrat gewertet wurde. Sie trat ihre Gefängnisstrafe in Berlin am 18. Februar 1915 an, wurde ein Jahr später am 18. Februar 1916 entlassen. Nach der Verurteilung trat sie in Frankfurt am Main auf Protestversammlungen gegen das Urteil auf: «Man glaubt, nun einen Schreckensruf gefunden zu haben: Jeder, der es wagt, an den Grundfesten des Staates zu rütteln, der wird jetzt zwölf Monate ins Gefängnis gesperrt. […] Der Staatsanwalt hat die Höhe des Strafmaßes damit begründet, daß er sagte, ich hätte den Lebensnerv des heutigen Staates treffen wollen.» (Rosa Luxemburg: Gesammelte Werke, Bd. 7/2, S. 810 ff)

Von diesem längeren Gefängnisaufenthalt sind ein umfangreicherer Briefwechsel und ein bis Ende 1915 geführter Umschaltkalender erhalten geblieben. Den Kalender hatte Rosa Luxemburgs Sekretärin Mathilde Jacob beim ersten Besuch mit ins Gefängnis genommen, damit über das lange Jahr kleine Tagesnotizen gemacht werden konnten. Einer der ersten Einträge ist folglich dieser unter dem 5. März 1915: «Von Fräulein Jacob diesen Kalender und wundervolle Blumen erhalten (Anemonen, Vergißmeinnicht, Kätzchen und Kirschenzweige).» (Ebd., S. 921) Rosa Luxemburg mahnte ihre enge Mitarbeiterin an anderer Stelle ganz nach ihrer Art:

[…] und vergessen Sie nie, daß das Leben, was auch kommen mag, mit Gemütsruhe und Heiterkeit zu nehmen ist. Diese besitze ich nun auch hier in dem nötigen Maße.

Brief vom 23. Februar 1915

Wieder ist der Tagesablauf streng geregelt, die Gefangene steht um 5.40 Uhr auf, muss aber um 9 Uhr abends ins «Bett», das sie als «Instrument» bezeichnet, «das ich mir jeden Morgen rauf- und jeden Abend runterklappe und das bei Tag sich so akkurat an die Wand schmiegt wie ein Brett.» (Brief an Marta Rosenbaum vom 12. März 1915) Im Kalender erfahren wir nun, wie aufmerksam Rosa Luxemburg in ihrem engen Zellenkäfig im Berliner Frauengefängnis in der Barnimstraße die Vorgänge bei Mutter Natur verfolgt. Unter dem 18. April 1915 ist eingetragen: «Heute um ½ 12 den ersten Pirol gehört!» (Rosa Luxemburg: Gesammelte Werke, Bd. 7/2, S. 926) Aber vor allem arbeitet sie, so wie während der bisherigen Gefängnisaufenthalte: «Ich habe endlich nach zwei Wochen meine Bücher und die Erlaubnis gekriegt zu arbeiten, Sie können sich denken, daß ich´s mir nicht zweimal sagen ließ. Meine Gesundheit wird sich schon an die hiesige, etwas eigentümliche Diät gewöhnen müssen, die Hauptsache ist: Sie stört mich nicht bei der Arbeit.» (Brief an Marta Rosenbaum vom 12. März 1915) Allerdings waren die Regeln im Gefängnis streng, auch wenn es in den Briefen mitunter so klingt, als habe das Gefängnis-Regime Rosa Luxemburg wenig ausmachen können, wusste sie doch um den Ort und den Grund ihres Daseins dort. «Ich soll Ihnen aber sagen, daß ich nicht so oft Briefe kriegen darf, also müssen wir uns damit leider etwas einschränken, obwohl Sie sich denken können, daß mir jede Nachricht von Ihnen eine Freude ist. Auch sollen Sie keine Personen mit bloßen Anfangsbuchstaben bezeichnen; ich weiß, das ist Ihre Gewohnheit in bezug auf gemeinsame Bekannte, aber das ist hier nicht zulässig.» (Brief an Mathilde Jacob vom 5. Mai 1915)

In die Gefängniszelle nahm sie neben den für die Studienzwecke benötigten Bücher auch einen kleinen Schatz mit – das 1913 begonnene Herbarium: «Ich weiß nicht, ob ich Ihnen meine Botanisierhefte schon gezeigt habe, in denen ich vom Mai 1913 ab etwa 250 Pflanzen eigetragen habe – alle prächtig erhalten. Ich habe sie alle hier, ebenso wie meine verschiedenen Atlanten, und nun kann ich ein neues Heft anlegen, speziell für die ‹Barnimstraße›. Gerade alle die Blümchen, die Sie mir geschickt haben, hatte ich noch nicht, und nun habe ich sie ins Heft gebracht […].» (Brief an Mathilde Jacob vom 9. April 1915) An Luise Kautsky, die offensichtlich auch nichts von Rosa Luxemburgs Leidenschaft für das Pflanzensammeln gewußt hatte, ergeht folgende schöne Briefstelle: «Vor zwei Jahren – das weißt Du gar nicht – hatte ich einen anderen Rappel: In Südende packte mich die Leidenschaft für Pflanzen; ich fing an zu sammeln, zu pressen und zu botanisieren. Vier Monate lang machte ich buchstäblich nichts anderes, als im Feld schlendern oder zu Hause zu ordnen und zu bestimmen, was ich von den Streifzügen mitbrachte. Jetzt besitze ich zwölf vollbepackte Pflanzenhefte und orientiere mich sehr gut in der ‹heimischen Flora›, z. B. im hiesigen Lazaretthof, wo ein paar Sträucher und üppiges Unkraut zur Freude der Hühner und zu meiner gedeihen. So muß ich immer etwas haben, was mich mit Haut und Haar verschlingt, sowenig sich das für eine ernste Person ziemt, von der man – zu ihrem Pech – immer etwas Gescheites erwartet.» (Brief vom 18. September 1915)

Einen Tag nach der Freilassung am 18. Februar 1916 schreibt sie an Clara Zetkin in Stuttgart: «Zu Hause wohl angelangt.» (Brief vom 19. Februar 1916) Wenige Tage später teilt sie derselben Adressatin mit: «An mein Kommen zu Dir ist leider vorerst nicht zu denken; ich brachte mir einen völlig ruinierten Magen und große Herzerschlaffung mit und mußte auf der Stelle eine Kur anfangen, die ich hier systematisch unter Aufsicht eines guten Arztes mache.» (Brief vom 25. Februar 1916) Im März ergeht folgender Hinweis nach Stuttgart: «Das Wetter tut mir so wohl, der Frühling ist nun endgültig eingezogen, und ich schlendere hier am Südender Feld, sobald ich eine freie Minute habe.» (Brief vom 18. März 1916) Kurz bevor Rosa Luxemburgs Zeit in der Freiheit von Amts wegen allzuschnell beendet wird, schreibt sie aus Leipzig an Sophie Liebknecht über einen kurzen Besuch im dortigen Stadtpark: «Bevor ich mich zum Lesen hinsetzte, prüfte ich natürlich die Anlagen auf Bäume und Sträucher hin – alles bekannte Gestalten, was ich mit Befriedigung feststellte.» (Brief vom 7. Juli 1916)

IV

Zum vierten Mal musste Rosa Luxemburg am 10. Juli 1916 ins Gefängnis, inmitten des Kriegs, denn an den Fronten war kein Ende der blutigen und für alle Seiten verlustreichen Kämpfe zu sehen. Von der militärischen Obrigkeit wurde gegen die als öffentliche Gefahr im Hinterland ausgemachte revolutionäre Streiterin eine sogenannte militärische Sicherheitshaft verhängt. Rosa Luxemburg war in den folgenden Haftjahren keine Strafgefangene, hatte in mancher für sie wichtigen Hinsicht sogar Ansprüche auf gewisse Erleichterungen, die sie auch entsprechend zu nutzen verstand. Doch blieb der trostlose Gefängnisalltag, blieben die kargen Zellen, die sie sich später nach dem Abtransport in die beiden Haftanstalten außerhalb Berlins mit den verschiedensten kleinen Mitteln, wovon ihre berühmt gewordenen Gefängnisbriefe zeugen, wohnlicher zu machen suchte. Zunächst kam sie am 10. Juli 1916 ins Polizeigefängnis am Berliner Alexanderplatz, am 21. Juli 1916 rückte sie wieder ein ins Frauengefängnis in der Barnimstraße, am 26. Oktober 1916 wurde sie nach Wronke in Posen verbracht, schließlich kam sie am 22. Juli 1917 in das Strafgefängnis Breslau. Dort wurde sie am 8. November 1918 in die Freiheit entlassen.

Das ehemalige Strafgefängnis Breslau, heutige Ansicht Foto: Holger Politt

Vergleichsweise wissen wir heute über diese letzte Gefängniszeit Rosa Luxemburgs sehr viel, denn große Teile des ausgiebigen Briefverkehrs sind erhalten geblieben, im Laufe der Zeit zusammengetragen und veröffentlicht worden.[1] Rosa Luxemburgs Gefängnisbriefe aus der Zeit des Ersten Weltkriegs gehören heute zur Weltliteratur, sind nebenbei fast zu einem eigenständigen Werk geworden. Da aus naheliegenden Gründen der Gefängniswirklichkeit die Erörterungen zur politischen Lage keinen Platz oder nur einen am Rande bzw. zwischen den Zeilen haben konnten – soweit sie politische Lageberichte dennoch schrieb, dann tatsächlich illegal und unerkannt im Rücken der Gefängniszensur –, standen Reflexionen anderer Art im Vordergrund, die heute die Leser noch immer faszinieren. Nirgends sonst als in diesen Briefen hatte Rosa Luxemburg ihr Naturell als begnadete und höchst talentierte Naturbeobachterin in geschriebenen Worten so breit und umfangreich ausleben können. Und sie fand noch stärker als schon früher zu den wunderschönen Beschreibungen über sich, über Gott und die Welt: «Man muß überhaupt nie vergessen, gut zu sein, denn Güte ist im Verkehr mit Menschen viel wichtiger als Strenge. Erinnern Sie mich oft daran, denn ich neige zur Strenge, leider – freilich nur im politischen Verkehr. In persönlichen Verhältnissen weiß ich mich von Härte frei und neige am meisten dazu, lieben zu können und alles zu verstehen.» (Brief an Marta Rosenbaum vom 10. Februar 1917)

Wieder hat Rosa Luxemburg das geliebte Herbarium bei sich, das sie gewissenhaft pflegt. In Wronke hat sie innerhalb der Gefängnismauern sogar einen kleinen Vorgarten vor der Zelle zu ihrer Verfügung: «Der Frühling kommt allerdings sehr zögernd. In meinem Gärtlein hier ist noch kein Grün zu sehen. Ich habe aber nach den Knospen schon alle Sträucher festgestellt und erwarte eine ganz herrliche Blüte. […] Das wird schön nacheinander blühen, und ich warte ohne Ungeduld, denn ich habe jetzt schon an den Knospen große Freude. Von Vöglein sind zu meinen Meisen und Amseln hinzugekommen: Buchfink, Zeisig, Blaumeisen und Bachstelzen. Der Buchfink kommt jeden Morgen um 7 Uhr und ruft am Fenster nach Futter; ganz zahm ist das Kerlchen.» (Brief an Clara Zetkin vom 13. April 1917) Und sie arbeitet, wie gewohnt regelmäßig, auch und gerade hinter den hohen Gefängnismauern: «Was ich lese? Hauptsächlich Naturwissenschaftliches: Pflanzengeographie und Tiergeographie. Gestern las ich gerade über die Ursachen des Schwindens der Singvögel in Deutschland: Es ist die zunehmende rationelle Forstkultur, Gartenkultur und der Ackerbau, die ihnen alle natürlichen Nist- und Nahrungsbedingungen: hohle Bäume, Ödland, Gestrüpp, welkes Laub auf dem Gartenboden – Schritt für Schritt vernichten. Mir war so sehr weh, als ich das las. Nicht um den Gesang für die Menschen ist es mir, sondern das Bild des stillen, unaufhaltsamen Untergangs dieser wehrlosen kleinen Geschöpfe schmerzt mich so, daß ich weinen mußte. Es erinnerte mich an ein russisches Buch von Professor Siber über den Untergang der Rothäute in Nordamerika, das ich noch in Zürich gelesen habe: Sie wurden genauso Schritt für Schritt durch die Kulturmenschen von ihrem Boden verdrängt und einem stillen, grausamen Untergang preisgegeben. Aber ich bin ja natürlich krank, daß mich jetzt alles so tief erschüttert. Oder wissen Sie? Ich habe manchmal das Gefühl, ich bin gar kein richtiger Mensch, sondern auch irgendein Vogel oder ein anderes Tier in mißlungener Menschengestalt; innerlich fühle ich mich in so einem Stückchen Garten wie hier oder im Feld unter Hummeln und Gras viel mehr in meiner Heimat als – auf einem Parteitag. Ihnen kann ich ja wohl das alles ruhig sagen: Sie werden nicht gleich Verrat am Sozialismus wittern. Sie wissen, ich werde trotzdem hoffentlich auf dem Posten sterben: in einer Straßenschlacht oder im Zuchthaus. Aber mein innerstes Ich gehört mehr meinen Kohlmeisen als den ‹Genossen›.» (Brief an Sophie Liebknecht vom 2. Mai 1917)

Wie eine kalte Dusche freilich wirkte dann der angeordnete plötzliche «Umzug» in das Strafgefängnis Breslau, wo sie nun gleich zwei Zellenräume nebeneinander bekam, um die mit der Zeit gewachsene Bibliothek unterbekommen zu können: «Herrgott, der Himmel und die Wolken und die ganze Schönheit des Lebens bleiben doch nicht in Wronke, daß ich von ihnen Abschied zu nehmen brauchte; nein, sie gehen mit mir fort und bleiben mit mir, wo ich auch bin und solange ich lebe.» (Brief an Sophie Liebknecht vom 20. Juli 1917) In Breslau angelangt ergeht schnell folgende Notiz nach Berlin: «Gestern bin ich hier angekommen halbtot vor Müdigkeit: Ich bin ja so abgewöhnt von Menschen und vom Trubel! Der erste Eindruck meiner hiesigen Behausung war so niederschmetternd, daß ich mit Mühe die Tränen zurückhielt. Der Sprung nach Wronke ist gar zu groß. Aber was möglich ist, um mir das Dasein hier ein bißchen zu erleichtern, wird wohl getan werden, daran zweifle ich nicht.» (Brief an Mathilde Jacob vom 23. Juli 1917) Schnell findet Rosa Luxemburg auch in Breslau den gewohnten Tagesrhythmus, den sie braucht, um genügend Kräfte aufzubringen gegen den zermürbenden Gefängnisalltag: «Die ganze Situation hier ist so ziemlich genau wie in der Barnimstraße, nur der hübsche grüne Lazaretthof fehlt, in dem ich doch jeden Tag irgendeine kleine botanische oder zoologische Entdeckung machen konnte. […] Mein Visavis ist das Männergefängnis, der übliche düstere, rote Backsteinbau. Aber quer über die Mauer sehe ich die grünen Baumwipfel irgendeiner Anlage, eine große Schwarzpappel, die bei stärkerem Luftzug vernehmlich rauscht, und eine Reihe viel hellerer Edeleschen, die mit gelben (später tiefbraunen) Schotenbündeln behängt sind. Die Fenster geben auf Nordwest Aussicht, so daß ich manchmal schöne Abendwolken sehe, und Sie wissen, daß mich eine solche rosige Wolke allem entrücken und für alles entschädigen kann. In diesem Augenblick – 8 Uhr abends (in Wirklichkeit also 7) – ist die Sonne kaum hinter den Giebel des Männergefängnisses gesunken, sie scheint noch grell durch die Glasbodenluken im Dache, und der ganze Himmel leuchtet goldig. Ich fühle mich sehr wohl und muß – ich weiß selbst nicht, warum – das Ave Maria von Gounod leise vor mich hin singen (Sie kennen es wohl?).» (Brief an Sophie Liebknecht vom 2. August 1917)

V

Am Anfang des Haftaufenthalts 1915/16 erhielt Rosa Luxemburg am 12. und 13. März 1915 zwei Tage Ausgang, um in ihrer Wohnung die Sachen zu ordnen. Begleitet wurde sie von einer, wie Mathilde Jacob schreibt, sehr nachsichtigen Beamtin. Genutzt werden konnten die beiden Tage also zu einem Wiedersehen im Freundeskreis, über das Mathilde Jacob so berichtet:

Als wir beieinandersaßen, wurden Gefängnisepisoden erzählt. Karl Liebknecht berichtete von seiner Glatzer Festungszeit und von seines Vaters Gefängnissen, Leo Jogiches von seinen und Rosa Luxemburgs Kerkern in Polen und Rußland.

Hier zitiert nach Rosa Luxemburg: Gesammelte Werke, Bd. 7/2, S. 922

Leo Jogiches war überhaupt jene erste Person, von der Rosa Luxemburg erfahren konnte, wie im Gefängnis als politischer Häftling sich zu verhalten sei. Die zweite Quelle war übrigens Marcin Kasprzak, auf den bereits im Zusammenhang mit der Warschauer Zitadelle hingewiesen wurde. Leo Jogiches hatte bereits in Wilna (heute Vilnius) das Zarengefängnis kennengelernt, bevor er im Herbst 1890 nach Zürich flüchtete und dort auf Rosa Luxemburg stieß. In Wilna saß er vom September bis November 1888 und von Mai bis September 1889 in der berüchtigten Zitadelle der Stadt. Und im März 1906 wurde er zusammen mit Rosa Luxemburg festgenommen, kam auch in den X. Pavillon der dortigen Zitadelle, allerdings kannte die Zarenregierung ihm gegenüber keinerlei Erbarmen, war er damals 1890 doch vor der drohenden Einberufung zur Zarenarmee aus dem Russischen Reich getürmt. So wurde er schließlich zu acht Jahren Verbannung verurteilt, konnte aber im März 1907 aus dem Gefängnis in Warschau, von dem aus die verurteilten Häftlinge in die Verbannung geschickt wurden, fliehen, versteckte sich noch einige Zeit in Warschau, bevor er über Krakau schließlich wieder nach Berlin kam. Auch wenn Rosa Luxemburg und Jogiches ihre engen persönlichen Beziehungen danach beendeten, sich trennten, blieben sie Zeit ihres Lebens die engsten politischen Partner. Jogiches saß vom März 1918 bis zum 8. November 1918 in Berlin-Moabit in Haft.

Am 18. November 1918 erscheint in der «Roten Fahne» ein Beitrag Rosa Luxemburgs unter dem Titel «Eine Ehrenpflicht», in dem sie im Namen der politischen Häftlinge eine Lanze bricht für eine umfangreiche Justizreform, die auf der Tagesordnung stehe: «Für die politischen Opfer der alten Reaktionsherrschaft wollten wir keine ‹Amnestie›, keine Gnade. Unser Recht auf Freiheit, Kampf und Revolution forderten wir für jene Hunderte Treuer und Braver, die in Zuchthäusern und Gefängnissen schmachteten, weil sie unter der Säbeldiktatur der imperialistischen Verbrecherbande um Volksfreiheit, Frieden, Sozialismus kämpften. Sie sind nun alle frei. Wir stehen wieder in Reih und Glied, zum Kampf bereit. […] Aber eine andere Kategorie trauriger Insassen jener düsteren Häuser ist völlig vergessen worden. Niemand hat bis jetzt an die Tausenden bleicher, abgezehrter Gestalten gedacht, die hinter den Mauern der Gefängnisse und Zuchthäuser zur Sühne für gemeine Verbrechen jahrelang schmachteten. […] Das bestehende Strafsystem, das durch und durch den brutalen Klassengeist und die Barbarei des Kapitalismus atmet, muß einmal mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden. Eine grundsätzliche Reform des Strafvollzugs muß sofort in Angriff genommen werden. […] Die Todesstrafe, diese größte Schmach des stockreaktionären deutschen Strafkodex, muß sofort verschwinden! […] Liebknecht und ich haben beim Verlassen der gastlichen Räume, worin wir jüngst hausten – er seinen geschorenen Zuchthausbrüdern, ich meinen lieben armen Sittenmädchen und Diebinnen, mit denen ich dreieinhalb Jahre unter einem Dach verlebt habe –, wir haben ihnen heilig versprochen, als sie uns mit traurigen Blicken begleiteten: Wir vergessen euch nicht!» (Rosa Luxemburg: Gesammelte Werke, Bd. 4, S. 404 ff.)

Nachsatz

Aus der Fülle an Arbeiten, die Rosa Luxemburg in ihrer Gefängniszeit verfaßt hat, seien an dieser Stelle drei Arbeiten beispielhaft herausgehoben.

  • Zunächst die im März und April 1906 im Zarengefängnis in Warschau in Polnisch verfasste und aus dem Gefängnis geschmuggelte Arbeit «Zur Konstituante und zur Provisorischen Regierung», die bis heute in der Rezeption weniger beachtet wird, obwohl Rosa Luxemburg hier jenen gleichermaßen dialektischen wie schwierigen Grundzug begründet, der sie so entscheidend von Lenin unterscheiden wird: Ohne errungene und tatsächlich gefestigte Mehrheit in der Gesellschaft gibt es keinen Weg aus der alten Gesellschaft heraus hin zum Sozialismus.
  • Dann die im Berliner Gefängnis 1915 verfasste Arbeit «Die Krise der Sozialdemokratie», die von Mathilde Jacob aus dem Gefängnis geschmuggelt und zur Veröffentlichung vorbereitet, schließlich als Junius-Broschüre weithin bekannt wurde. In ihr zieht Rosa Luxemburg die internationale Sozialdemokratie wegen der als weltgeschichtlicher Katastrophe beschriebenen Kapitulation im Ersten Weltkrieg vor den Richterstuhl der Vernunft, wobei sie allerdings rät, genau und eingehend zu prüfen, was vom sozialdemokratischen Erbe auf dem Weg zu einem neuen Ufer mitgenommen, was zurückgelassen werden muss.
  • Schließlich die unvollendete Handschrift zur Russischen Revolution aus dem Breslauer Gefängnis vom September 1918, die erstmals von Paul Levi 1922 veröffentlicht wurde und die heute wohl als die berühmteste politische Gefängnisschrift der jüngeren Zeitgeschichte überhaupt gelten darf.                                                                                                                                                       

[1] Die umfangreichste Sammlung von Briefen Rosa Luxemburgs ist die heute im Karl-Dietz-Verlag in Berlin erscheinende sechsbändige Ausgabe der Gesammelten Briefe, die bereits 1982 in der DDR begonnen wurde und weitgehend alle bislang aufgefundenen und bekannten Briefe umfasst.