Nachricht | Soziale Bewegungen / Organisierung - Partizipation / Bürgerrechte - Westasien - Libanon / Syrien / Irak - Westasien im Fokus «Nenn mir einen Grund zu bleiben…»

Insbesondere junge Libanes*innen versuchen der Perspektivlosigkeit in ihrem Land zu entfliehen

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Ulla Taha,

«Ihr habt das Land zerstört und die Zukunft unserer Kinder.» Graffiti am Beiruter Hafen. Bildrechte: Ulla Taha

In meinem einmonatigen Libanonaufenthalt im Mai/Juni 2021 habe ich einen Satz von nahezu allen Personen gehört, mit denen ich Zeit verbracht habe: «Hätte ich die Möglichkeit, auszureisen, ich würde sie nutzen, ohne mit der Wimper zu zucken.» Meine Tante sagte etwas sehr Tiefgründiges am Ende eines stundenlangen Gespräches: «Wir atmen nicht mehr, wir existieren nur noch. Die Tage des echten Krieges waren leichter als die heutigen, die wir durchleben. Nenn mir einen Grund, zu bleiben!» Die Gründe dagegen sind eindeutig: Das Land bietet keinerlei Perspektive, selbst Akademiker*innen haben nur unsichere Berufsperspektiven und arbeiten nach ihrem Abschluss im besten Fall als Taxifahrer*innen, in der Gastronomie oder in Bekleidungsgeschäften. Dieser Zustand scheint langanhaltend, denn die wirtschaftliche Situation des Landes wird nicht besser, sondern verschlechtert sich zunehmend. Die nationale Währung hat immens an Wert verloren und die ohnehin wenigen Arbeitsplätze werden weiter abgebaut.

Der Unmut über die prekäre Lage schlägt seit längerem in rassistische Übergriffe und Kampagnen gegen geflüchtete Syrer*innen um, deren Lebensbedingungen im Land sie schon lange dazu zwingen, zu besonders geringen Stundenlöhnen zu arbeiten und die von Unternehmen bei Einstellungen vorgezogen werden.

Ulla Taha ist Libanesin aus dem Süden des Landes. Sie lebt und arbeitet in Hamburg und studiert im Masterstudiengang Staatswissenschaften – Public Economics, Law and Politics in Lüneburg. Sie ist aktiv in der feministischen Mädchenarbeit und ist Mitglied der Rosa-Luxemburg-Stiftung Hamburg.

Was die Menschen am Leben und die Wirtschaft des Landes überhaupt noch am Laufen hält, sind Gelder, die die im Ausland lebenden Libanes*innen an ihre im Libanon lebenden Verwandten senden. Diese Gelder machten im Jahr 2019 etwa 14 Prozent des Bruttosozialproduktes aus (siehe Länderreport 32 Libanon des BAMF von 2020). Ausländische Währungen wie der Dollar oder der Euro haben zunehmend an Wert gewonnen. So entsprechen beispielsweise 100 € heutzutage fast 2.000.000 Libanesischen Pfund (LBP). Bei meinem Aufenthalt im Libanon 2015 waren 100 € nur 160.000 LBP wert.

Das Implodieren der Währung, der Mangel an Arbeitsplätzen, Existenzängste und die schlechten Lebensbedingungen – dieser Zustand wirkt sich auch auf die psychische Gesundheit der Menschen vor Ort aus. Immer mehr Menschen begeben sich in Behandlung; Angstzustände und Depressionen haben besonders nach der Explosion am Beiruter Hafen im August 2020 zugenommen. Einem Bericht der Organisation Ärzte ohne Grenzen vom 13.10.2020 zufolge haben in den betroffenen Stadtteilen zwei von drei Personen die ihnen angebotenen psychologischen Behandlungen in Anspruch genommen.

Die Situation im Land hinterlässt Traumata, die (noch) nicht sichtbar sind. Die Menschen zerbrechen an den zahlreichen Krisen, die das Land plagen. Dadurch scheint das Verlassen des Landes als der einzige Ausweg zur Überwindung der sozioökonomischen Misere. Spätestens seit der Explosion haben vor allem Libanes*innen mit doppelter Staatsbürgerschaft das Land verlassen. Bereits zuvor konnte schon zuvor von einer Emigrationskultur innerhalb der libanesischen Gesellschaft gesprochen werden. Vor allem nach dem fünfzehnjährigen libanesischen Bürgerkrieg verließen Libanes*innen zu Hunderttausenden das Land in Richtung Australien und Nord- sowie Südamerika (vor allem Brasilien). Aber auch europäische Staaten wie Deutschland, Frankreich oder Schweden waren Zielländer.

Die, die es sich leisten können, verlassen das Land mit dem Flugzeug; der Rest begibt sich auf die gefährliche Reise über das Mittelmeer. Heute folgen viele ihren Familienmitgliedern in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Die libanesische Diaspora ist eine der größten weltweit. Leben circa fünf Millionen Libanes*innen im Libanon, so sind es über 13 Millionen außerhalb des Landes.

Das Kernproblem bleibt: Ein schwacher Staat, der in der grundlegenden Versorgung seiner Bürger*innen Lücken hinterlässt, die von den jeweiligen konfessionellen Strukturen mal mehr, mal weniger kompensiert werden. Hierzu zählen beispielsweise die Finanzierung von Krankenhäusern oder Bildungsmöglichkeiten durch Stipendien und Spendensammlungen, aber auch Vermittlung von Arbeitsplätzen. Die Anhänger*innen der jeweiligen Konfession werden über soziale Angebote gebunden und so gesellschaftliche Abhängigkeiten und politische Loyalitäten erzeugt. Die politische Elite trifft jedoch ausschließlich Entscheidungen, die zu ihrem persönlichen Vorteil sind. Wahlen haben damit kaum eine Bedeutung, denn der breiten Bevölkerung ist das Wahlergebnis bereits vor der Abstimmung bekannt. Das Land bedarf tiefergehender Reformen hin zu mehr sozialer Absicherung, um diesen Zustand zu überwinden. Dafür ist es auf seine gut ausgebildete junge Generation angewiesen, die aktuell jedoch keine attraktiven Entwicklungschancen im Land vorfindet. Was eint diese jungen Menschen in einem tief gespaltenen Land? Sie stehen der Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit gegenüber, die sie förmlich zwingt, das Land zu verlassen, da eine Verbesserung der Lebensbedingungen vor Ort nicht in Aussicht ist. Der Wunsch nach einem angenehmen Leben und danach, Geld zu verdienen, um ihre Familien in der Heimat unterstützen zu können, eint fast alle jungen Libanes*innen.

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