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Nachricht , : Amadeu-Antonio-Stiftung (Hrsg.): „Das hat’s bei uns nicht gegeben!“ Antisemitismus in der DDR, Berlin 2010.

Das Buch ist nicht in erster Linie eine wissenschaftliche Abhandlung, doch die Dokumente und Bilder geben aufschlussreiche Einblicke in einen erschreckenden Aspekt des Lebens in der DDR.

Wichtige Fakten

Autor
Peter Ullrich,

Details

Die Amadeu-Antonio-Stiftung hat mit ihrer Ausstellung „‹Das hat’s bei uns nicht gegeben!›. Antisemitismus in der DDR“ für einige Furore gesorgt. Das Begleitbuch zur Ausstellung ist eine wichtige Ergänzung zu anderen Veröffentlichungen, weil sein Fokus nicht nur auf der offiziellen Politik und den internationalen Beziehungen liegt. Vielmehr wird das Fortwirken und teilweise Wiedererstarken des Antisemitismus auch im DDR-Alltag untersucht.

Die Inhalte der Ausstellung gehen zu großen Teilen auf Recherchen von Schülerinnen und Schülern zurück. Die Erfahrungen hiermit werden ebenso wie die heftigen Reaktionen auf die Ausstellung im einleitenden Teil des Buches dokumentiert und reflektiert. Weitere Beiträge widmen sich zum Teil aus recht persönlicher Sicht der DDR-Berichterstattung über den Eichmann-Prozess oder dem Anne-Frank-Gedenken. In verschiedenen Beiträgen wird die ambivalente staatliche Erinnerungspolitik der DDR hinterfragt, die einerseits ein antifaschistisches Grundverständnis hatte, damit andererseits jedoch auch recht strategisch operierte.

Im Zentrum der Publikation steht die Dokumentation von Ausstellungsinhalten. Am Anfang werden begriffliche und historische Voraussetzungen und Fragen adressiert wie: Was ist Antisemitismus?, Antisemitismus und Kampf gegen Antisemitismus in der Arbeiter*innenbewegung sowie Judenverfolgung im Nationalsozialismus. Viel Raum wird dann den Differenzen zwischen dem antifaschistischen Anspruch und der gesellschaftlichen Wirklichkeit in der DDR gegeben, die sich höchst widersprüchlich zeigte. Eine Chronik listet eine Vielzahl antisemitischer Vorfälle auf (Friedhofsschändungen, Schmierereien, Beschimpfungen etc.). Ein Abschnitt widmet sich antisemitischen Stereotypen in der DDR-Kinderliteratur, ein anderer der extremen Berichterstattung über Israel und den Nahostkonflikt. Im Rahmen der Darstellung einer wachsenden rechtsradikalen Bewegung in den 1980er Jahren treten auch düster-bizarre Dinge zutage wie Bilder aus MfS-Archiven von Uniformen, selbstgebastelten Rangabzeichen und mit Buntstiften gekritzelten „Pässen“ der konspirativen „SS-Division Walter Krüger“, die sich im SS-Stil ausstaffierte und durch Beschimpfungen und gewalttätige Übergriffe gegen als Juden titulierte Menschen ins Visier der Stasi geriet.

Das Buch ist nicht in erster Linie eine wissenschaftliche Abhandlung, doch die Dokumente und Bilder geben aufschlussreiche Einblicke in einen erschreckenden Aspekt des Lebens in der DDR. Sie sind somit eine wichtige Ergänzung zu den anderen besprochenen Büchern. Auch wenn man nicht jede einzelne Einschätzung teilen muss – die Ausstellung und das sie begleitende Buch sind wichtig, nicht zuletzt aufgrund der häufigen durch sie ausgelösten (und damit titelgebenden) Reaktion: „Das hat es bei uns nicht gegeben!“.
 


Amadeu-Antonio-Stiftung (Hrsg.): „Das hat’s bei uns nicht gegeben!“ Antisemitismus in der DDR. Das Buch zur Ausstellung der Amadeu-Antonio-Stiftung, Berlin 2010: Amadeu-Antonio-Stiftung (144 S.).

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