Nachricht | Parteien- / Bewegungsgeschichte - Mexiko / Mittelamerika / Kuba Das indigene Mexiko

Vor 500 Jahren eroberte Hernán Cortés Tenochtitlán, das heutige Mexiko-Stadt. Der Widerstand hält bis heute an.

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Seit sieben Jahren kämpfen die Bewohner*innen der Gemeinde Unión Hidalgo im Bundesstaat Oaxaca gegen den Ausbau einer Windkraftanlage. Der Bau von Windparks droht die Gemeinde einzukreisen. Die Windturbinen verursachen nicht nur Lärm und sondern sorgen für verheerende Folgen für Natur und die Gesundheit der Menschen. Maya Goded für desinformémonos

2021 ist für Mexiko ein geschichtsträchtiges Jahr: Vor 700 Jahren wurde Tenochtitlán erbaut. Vor 500 Jahren nahm Hernán Cortés die Stadt ein, auf deren Gebiet die Spanier später Mexiko-Stadt gründeten. Und vor 200 Jahren wurden die spanischen Herrscher aus Mexiko vertrieben. In ihrer dritten Kolumne betont die diesjährige Südlink-Kolumnistin Roselia Chaca, dass indigener Widerstand auch nach 500 Jahren noch lebendig ist.

Sie haben unsere Früchte gepflückt,
unsere Äste abgeschnitten,
unseren Stamm verbrannt,
doch unsere Wurzeln konnten sie nicht töten.


Übersetzung eines anonymen Nahuatl-Gedichtes

In ihrer Muttersprache bezeichnen die Zapotek*innen im mexikanischen Bundesstaat Oaxaca Widerstand als «Guendarudxiilu». Aufgrund der Geschichte ist dieser praktisch Teil ihrer DNA. Sie wehrten sich einst gegen die hohen Steuern, die ihnen die spanische Krone auferlegte, und heute gegen Megaprojekte, die ihnen «Wohlstand und Fortschritt» versprechen.

Die Zapotek*innen sind nur eines von 68 indigenen Völkern in Mexiko, die sich seit mehr als 500 Jahren gegen die Invasion und Enteignung ihres Territoriums auflehnen. Der Widerstand richtete sich damals gegen die spanischen Kolonisatoren, so wie er sich heute gegen den mexikanischen Staat richtet, wenn dieser seine Bergbauprojekte und Ideen von Entwicklung im Austausch für ein, wie er es nennt, «besseres Leben» durchzusetzen versucht. Die Folgen sind häufig wilder Raubtierkapitalismus und Zerstörung, aber auch Widerstand der wahren Besitzerinnen der Erde: der indigenen Gruppen.

Roselia Chaca ist eine zapotekische Journalistin in Mexiko. Sie lebt und arbeitet in Oaxaca und ist dort Korrespondentin der mexikanischen Tageszeitung El Universal.

Aus dem Spanischen von Tobias Lambert.

Über den gesamten indigenen Widerstand gegen Megaprojekte zu schreiben, würde zu viel Zeit, Papier und Tinte in Anspruch nehmen. Deshalb wollen wir uns kurz mit den Zapotek*innen des Isthmus und Tals von Oaxaca befassen, der größten indigenen Gruppe in der Region. Diese musste in den letzten 15 Jahren mit ansehen, wie der Staat mit Unterstützung internationaler und heimischer Unternehmen Bergbau- und Windenergieprojekte vorantrieb. Und wie diese die Umwelt verschmutzten und den lokalen Gemeinschaften kaum Nutzen brachten. Nur wenige profitieren davon.

Riesige, weiße Windkraftanlagen sind in jeder Ecke des Isthmus von Tehuantepec im Süden Mexikos zu sehen. Seit fast zwei Jahrzehnten sättigen mehr als zweitausend Windräder in 25 Windparks die natürliche Landschaft der schmalsten Stelle des Landes. Für fast keinen dieser Windparks wurden die lokalen Bewohner*innen vor dem Bau konsultiert, die Ablehnung ist daher groß.

Die Indigenen erheben Vorwürfe gegen die Konzerne

Widerstand geht von Gemeindemitgliedern, Nutzer*innen von gemeinschaftlichem Ejido-Land, kleinen Landbesitzer*innen, Umweltschützer*innen und Nichtregierungsorganisationen aus. Sie beschuldigen mexikanische, spanische, französische und italienische Bauunternehmen und ihre mehr als 400 Partner, für die Landbesitzer*innen nachteilige Verträge zu schließen, die Umwelt zu verschmutzen, die menschliche Gesundheit zu schädigen und die Bevölkerung zu spalten.

Der Großteil der Anwohner*innen sieht keine Vorteile, nicht einmal bei der Abrechnung des Stromverbrauchs. Ein Beispiel dafür war nach dem Erdbeben vom 7. September 2017 zu beobachten. Der mexikanische Staat erließ den Bürger*innen, die ihre Häuser verloren haben, keine Stromrechnung und führte nicht einmal einen Vorzugstarif in Gemeinden ein, die über Windparks verfügen. Der Wind nutzt den Unternehmen, aber nicht den Menschen.

Eine der zapotekischen Gruppen wehrt sich vor Gericht entschlossen gegen einen bestehenden und einen geplanten Windpark auf ihrem Gebiet in Unión Hidalgo. Sie verklagte in Paris das größte französische transnationale Energieunternehmen Electricité de France (EDF). Dem Konzern werfen sie Verstöße gegen die laut ILO-Konvention 169 vorgeschriebene freie, vorherige und informierte Zustimmung indigener Gruppen sowie Angriffe auf Menschenrechtsverteidiger*innen bei der Umsetzung ihres Windparkprojekts vor. Da das Unternehmen und die mexikanische Regierung nicht auf die Vorwürfe reagierten, musste sich die Gemeinde an ausländische Gerichte wenden.

Nicht nur die Luft, sondern auch die Berge der Zapotek*innen wecken das Interesse internationaler Konzerne. Kanadische Bergbaukonzerne erkunden seit Jahren den Bundesstaat Oaxaca, in dem 154 Konzessionen für den Metallabbau vergeben wurden. Eines der Konzessionsgebiete ist das zapotekische Dorf San Pedro Apóstol Ocotlán. Trotz ihres Widerstands gegen das Bergbauprojekt der Cuzcatlán Mining Company, die von der kanadischen Firma Fortuna Silver Mines in San José del Progreso betrieben wird, unterstützte der Staat das Unternehmen im Jahr 2009.

Zwölf Jahre später wies die Gemeinde nach, dass die Umwelt verseucht wurde, Flora und Fauna verloren gingen sowie seltsame Krankheiten bei den Bewohner*innen auftraten. Zudem starben Nutztiere, kam es zur Erosion des Bodens, zum Verlust von Ernten und zur Vergiftung von Flüssen. Der über ein Jahrzehnt andauernde Kampf der Menschen gegen die Zerstörung ihres Territoriums hat dazu geführt, dass die mexikanische Regierung die Erweiterung des Projekts letztlich nicht genehmigte. Die betroffenen Menschen fordern weiterhin die Schließung der Mine.

Diese zapotekischen Gruppen sind Beispiele für den Widerstand gegen die Enteignung und Zerstörung ihres Territoriums durch die Selbstgefälligkeit des Staates, der sie eigentlich schützen sollte. Wie alle indigenen Völker haben die Zapotek*innen eine besondere historische und kulturelle Verbindung zu ihrem Land. Daher verteidigen sie es, kämpfen, leisten Widerstand und fordern das Recht ein, ihr Territorium und ihre natürlichen Ressourcen besitzen, nutzen, entwickeln und kontrollieren zu können.

Diese Kolumne erscheint in Kooperation mit Südlink, dem Nord-Süd-Magazin von INKOTA.