Nachricht | Antisemitismus (Bibliographie) - Shoah und linkes Selbstverständnis Enzo Traverso: Auschwitz denken//Nach Auschwitz, Hamburg: 2000//Köln 2000.

Eine oftmals gnadenlosen Kritik der marxistischen Linken, die in der Forderung einer neuen marxistischen Ethik mündet.

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«Auschwitz ist und bleibt für Theoretiker aller Richtungen aus der Marx’schen Schule ein Lackmustest», schreibt der in Paris lebende italienische Politikwissenschaftler Enzo Traverso in dem Buch Nach Auschwitz (B, S. 11). Seine Aufgabe sieht er darin, die marxistische Theorie «aus dem Innern dieser Tradition heraus» in Frage zu stellen (ebd.). Auschwitz steht dabei auch für ihn als Synonym für die faschistische Vernichtung des europäischen Judentums. Und wie in den beiden vorhergegangenen Werken[1] will Traverso auch in diesen beiden Büchern «versuchen zu verstehen» (A, S. 356).

Wie lässt sich Auschwitz historisch erklären, wie verstehend deuten? Den Grenzen dieser weiterhin aktuellen Herausforderung ist sich der Autor durchaus bewusst, denn, wie er in Auschwitz denken schreibt, «gerade bei dem Versuch zu verstehen erfährt die Vernunft ihre Ohnmacht. Sie vermag es zwar, die Menschenausrottung zu erklären. Man kann die Ursachen und den historischen Hintergrund des Genozids erfassen, seine Etappen beschreiben und die innere Logik der fortschreitenden Radikalisierung aufdecken, die zur völligen Vernichtung eines Volkes führte. Auch lässt sich die sonderbare Verbindung von archaischer Mythologie und moderner Rationalität herausarbeiten, die für den Genozid so charakteristisch war. Das alles aber heißt noch nicht, ihn auch zu begreifen.» (A, S. 256)

Die deutsche und europäische antifaschistische Kultur der 1930er Jahre, so Traversos Kritik an der eigenen marxistischen Tradition, war ebenso wie die aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangene Kultur unfähig, «im Genozid einen Zivilisationsbruch zu erkennen, und, davon ausgehend, eine Neuinterpretation der Geschichte vorzunehmen» (A, S. 28). In der einen oder anderen Form sei Auschwitz als Rückfall in die Barbarei betrachtet worden, als ausschließliches Produkt mentaler Archaismen. Gerade die europäische Arbeiterbewegung habe das Neue des Hitlerschen Antisemitismus missverstanden, ihn lediglich als bruchlose Fortsetzung des alten pogromistischen Antisemitismus, als ein neues Kapitel der tausendjährigen Leidensgeschichte des jüdischen Volkes angesehen und damit die eigentliche Natur des NS-Staates verkannt. Der Antisemitismus als kultureller Code, der die Juden als Verkörperung der modernen kapitalistischen Geldwirtschaft verachtet, sie gleichsam als Quelle negativer Identität benutzt, sei jedoch ein qualitativ anderer als jener faschistische Antisemitismus, der auf das im alten Antisemitismus notwendige Gegenüber verzichtet und es möglichst vollständig und organisiert vernichtet.

Der deutschen Linken fehlte das kulturelle, theoretische und praktische Gepäck zum Kampf gegen den Nazifaschismus, schreibt Traverso, weil sie den Antisemitismus als zweitrangig, als bloße Verschleierung des bürgerlichen Klassencharakters betrachtete. Er macht dafür auch den klassischen Marxismus verantwortlich, dessen evolutionistische und positivistische Tendenzen die notwendige Zivilisationskritik vernachlässigt habe und den Sozialismus als quasi-natürliches, als automatisches und unvermeidliches Resultat der Geschichte angesehen habe.

Da der klassische Marxismus in letzter Instanz die bürgerlichen Klasseninteressen zum Interpretationskriterium seiner Faschismustheorien gemacht habe, könne er den Völkermord an den Juden in seiner tieferen Natur nicht verstehen. Diese «Unmöglichkeit, in der Vernichtung der Juden den Vorrang der Ideologie über die Ökonomie anzuerkennen» führe zur Unfähigkeit, «sich über nicht auf der Klasse beruhende Unterdrückungsformen klar zu werden, seien sie nationaler, <rassischer>, religiöser oder sexueller Art» (B, S. 100). Entsprechend stehe der heutige Marxismus vor einer doppelten Herausforderung: «Einerseits muss er die Geschichte im Zeichen der Katastrophe, unter dem Gesichtspunkt der Besiegten, neu denken und andererseits den Sozialismus als radikal andere Zivilisation auffassen, die nicht mehr auf dem Paradigma der blinden Entwicklung der Produktivkräfte und der Beherrschung der Natur durch die Technik gegründet ist, sondern auf einer neuen Lebensqualität, einer neuen Hierarchie der Werte, auf einer anderen Beziehung zur Natur, auf gleichen Verhältnissen in den Beziehungen der Geschlechter, der Nationen und der <Rassen>, auf sozialen Beziehungen der Geschwisterlichkeit und Solidarität zwischen den Völkern und den Kontinenten.» (B, S. 29)

Das weitgehende Schweigen der marxistischen Linken ist für Traverso umso kritikwürdiger, als es andere linke Intellektuelle gab, die mehr Gespür für das Neuartige von Auschwitz aufbrachten. Untersucht er die Ersteren in der Aufsatzsammlung Nach Auschwitz, so stehen letztere im Zentrum von Auschwitz denken. Auf der Suche nach kritischen «Vor»denker*innen der neuartigen Allianz von Rationalität und Barbarei analysiert er hier die Werke von Max Weber, Franz Kafka, Walter Benjamin, Hannah Arendt, Günther Anders, Theodor W. Adorno, Paul Celan, Jean Améry, Primo Levi, Dwight Macdonald und Jean-Paul Sartre. In Webers Analyse der bürokratischen Rationalität, in Kafkas Ordnung des Schreckens und Benjamins Angelus Novus, in Arendts Analysen des neuen Antisemitismus, des Totalitarismus und der Banalität des Bösen sowie ihrer Lesart der Juden als heimat- und staatenlose Paria jenseits von Assimilation und Zionismus, in Anders’ Technikkritik und Hiroshimaanalysen und in Adornos Fortschritts-, Aufklärungs- und Vernunftkritik sowie seiner Infragestellung der Geschichtsphilosophie, und schließlich, in Celans Kritik der Sprache des Todes und in Amérys und Levis Erinnerungspolitik, findet er die ersten philosophischen und dichterischen Reflexionen des Genozids. Und zwar zu einer Zeit – in den 1940er und 1950er Jahren –, als dieser Genozid noch eine in der europäischen Kultur marginale Rolle spielte.

Von besonderem Interesse sind hier seine Hinweise auf den soziologisch spezifischen Charakter jener kleinen Handvoll Intellektueller, die sich in der Lage sahen, die weltgeschichtliche Katastrophe zu erkennen. Überwiegend habe es sich bei ihnen nämlich um exilierte deutsche Intellektuelle einer bestimmten Generation gehandelt. Geboren kurz nach der Jahrhundertwende, seien sie alle aus dem Milieu des assimilierten Judentums gekommen und von den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges und der Weimarer Republik geprägt worden. Ideologisch nicht wirklich festgelegt und sozial freischwebend seien sie alle intellektuelle Erben der romantischen Kritik an der industriellen Moderne ebenso wie der Tradition des aufklärerischen Universalismus. Sie teilten nicht nur das Alter und den historisch-sozialen Raum, sie teilten infolge ihrer Zugehörigkeit zum Judentum und ihrer politischen Orientierung auch das gleiche Schicksal als staatenlose Exilanten. Gesellschaftlich marginalisiert und zwischen allen Stühlen sitzend, brachten sie «eine dialektische Dissonanz» (A, S. 53) in die, Auschwitz in Kategorien einer Philosophie des Fortschritts interpretierende Widerstandskultur: «Nur sie waren in der Lage, sich mit den Opfern des Genozids zu identifizieren und diesen Bruch der Geschichte zu begreifen.» (A, S. 59)

An den zentralen Analyseelementen dieser «Feuermelder» (A, S. 13) anknüpfend, versteht Traverso Auschwitz vor allem als Paradigma des modernen Kapitalismus. In Auschwitz spiegele sich die wissenschaftliche Rationalität der Mittel, v. a. das Lagersystem und die industriell betriebene Tötung von Menschen, mit einer einzigartigen Irrationalität der Ziele:

«(D)er Völkermord an den Juden war in der Geschichte der einzige, der mit dem Ziel einer biologischen Neugestaltung der Menschheit verübt wurde, der einzige, dem ein instrumenteller Zweck völlig fehlte, der einzige, bei dem die Vernichtung der Opfer kein Mittel, sondern Selbstzweck war» (B, S. 110).

Die Menschenvernichtung am laufenden Band, der Triumph des verdinglichten Todes sind für ihn unbegreiflich, Produkt einer Trennung von Wissenschaft und Moral. Die spezifische Mischung aus Archaismus und Modernität, gleichzeitig Bruch wie Fortführung moderner bürokratischer Arbeitsteilung und Technologie, vereinigt Antisemitismus, Rassismus, Gefängnis, Fabrik und bürokratisch-rationale Verwaltung und stellt die menschliche Existenz in Frage, weil sie die Menschlichkeit des Anderen verleugnet. «Die industrialisierte Barbarei war eher eine pathologische Manifestation der Moderne als deren Negation», eine Anomalie, «deren Möglichkeit in der Normalität der modernen Gesellschaft angelegt war» (A, S. 349 f.), aber eben nicht unausweichlich. Eine Anomalie, «zu der es im Rahmen einer tragischen Konstellation bestimmter historischer Umstände (Krieg, <Kreuzzug> gegen das bolschewistische Russland etc.) kam» (A, S. 345) und als «Resultat einer langen Entwicklung, zu der die Exzesse der Kreuzzüge, die Massaker bei der Eroberung der Neuen Welt, der Völkermord an den Armeniern und die technischen Massaker des Ersten Weltkriegs beigetragen hatten» (A, S. 335).

Es ist dieser Blickwinkel, der Traverso dazu bringt, Auschwitz weniger als deutsche Besonderheit, sondern vielmehr als europäische Tragödie des 20. Jahrhunderts zu begreifen. Er betont jedoch, dass diese Sicht die Deutschen nicht aus ihrer spezifischen Verantwortung entlassen kann und soll. In Anlehnung an einen anderen französischen Autor will er damit die Vergangenheit nicht normalisieren, sondern die Gegenwart entnormalisieren:

«Die Einzigartigkeit von Auschwitz anzuerkennen kann nur einen Sinn haben, wenn die Anerkennung dazu beiträgt, eine fruchtbare Dialektik zwischen der Erinnerung an die Vergangenheit und der Kritik an der Gegenwart in Gang zu setzen mit dem Ziel, die vielfältigen Verbindungslinien zu erhellen, die unsere Gegenwart mit der noch nicht weit zurückliegenden Welt verknüpfen, in der dieses Verbrechen begangen wurde.» (B, S.123)

Es ist ein schmaler Grat, auf dem Traversos Versuch wandert, Auschwitz zu verstehen und zu historisieren. Auf jeweils eigene Weise, das zeigt er mit seinen umfassenden Studien auf, haben sich Linke und Marxisten dem Thema nur bedingt gewachsen gezeigt und mal die eine, mal die andere Seite einer vielfältigen Geschichte hervorgehoben. Und auch er selbst ist bei aller Vorsicht und Bescheidenheit nicht vor dieser Gefahr gefeit. Weniger allerdings bei dem Versuch, Auschwitz zu verstehen, als vielmehr bei den aus diesem Versuch zu ziehenden politischen Konsequenzen. So ausführlich er das Denken der «Feuermelder» darstellt und kritisch analysiert, die politischen Konsequenzen, die diese aus ihren Analysen gezogen haben, bleiben bei ihm entweder eigenartig unterbelichtet oder bemerkenswert wohlwollend interpretiert.

Weder problematisiert er Hannah Arendts radikaldemokratischen Liberalismus noch die Grenzen der Erinnerungspolitik von Améry und Levi. Die zum Nihilismus ausschlagenden Ambivalenzen der Adornoschen Fortschritts-, Aufklärungs- und Vernunftkritik werden zwar vorsichtig registriert, aber nicht auf ihren Zusammenhang zu Adornos Versuch, Auschwitz zu denken, in Beziehung gesetzt. Deutlicher wird er bei Günther Anders. Traverso arbeitet treffend heraus, wie dessen aus einer verabsolutierten Technikkritik abgeleitete Philosophie der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung «eine Situation ontologischer Subalternität» (A, S. 173) der Menschen heraufbeschwört, die Anders selbst politisch nicht immer durchhalten kann. Allzu wohlwollend nimmt jedoch Traverso solchem ideologischen Zuckerguss die politische Spitze, beispielsweise, wenn er Adornos absurdes Gedichtverbot zur schlichten Warnung uminterpretiert. Am ausführlichsten kritisiert er diese, alle seine «Feuermelder» auszeichnenden Tendenzen am Beispiel des US-amerikanischen nicht-jüdischen Linken Dwight Macdonald, dessen sensibler Versuch, Auschwitz zu denken, über eine entsprechend verabsolutierte Technikkritik zur Abkehr vom Marxismus und zur Hinwendung zu Individualismus und ethischem Sozialismus führte.

Besonders auffallend ist diese Schwäche Traversos im Kontext seiner oftmals gnadenlosen Kritik der marxistischen Linken. Hier verbirgt sich ein Problem, das er nicht einmal stellt. Denn das bei den «Feuermeldern» durchweg zu Tage tretende Ausmaß an Abkehr von marxistischem Sozialismus und politischer Praxis, sowie an philosophischer Infragestellung von Vernunft und Rationalität schwankt zwischen einem oftmals nihilistischen Pessimismus und einem radikaldemokratischen Individualismus, der sich bestenfalls als ethischer Sozialismus zu verstehen in der Lage ist. Wenn dies auch sicherlich keine Entschuldigung der marxistischen Linken sein kann, so dürften gerade diese politischen Konsequenzen des Versuchs, Auschwitz zu denken, wesentlich zur beiderseitigen theoretischen Blockade beigetragen haben.

Die praktische Aktualität dieses Problems wird auch bei Traverso selbst deutlich. Auch seine politischen Konsequenzen aus dem Versuch, Auschwitz zu denken, laufen wesentlich auf die Neukonzeption des Sozialismus als eines ethischen hinaus – ein ebenso verdienstvolles wie problematisches Unterfangen. Zu den Verdiensten gehört, dass uns Traverso zurecht darauf hinweist, dass die Revolte nicht nur eine Frage der Strategie und des Kräfteverhältnisses ist, sondern ebenso eine ethische Frage: «Man revoltiert nicht nur, wenn man eine Siegeschance hat, sondern auch, weil man die Beleidigung der menschlichen Würde nicht ertragen kann» (B, S. 134), so seine Lehre aus dem leider kein Echo in der internationalen Arbeiterbewegung findenden Warschauer Ghettoaufstand. Hieran anknüpfend (und an die leider nicht auf Deutsch vorliegenden Studien des britischen Marxisten Norman Geras[2]) fordert er eine neue marxistische Ethik, eine Ethik der Solidarität und des Engagements:

«Eine Ethik des Engagements kann sich nicht nur auf abstrakte Möglichkeiten der weder guten noch schlechten, sondern <wesentlich gemischten> menschlichen Natur gründen; sie muss eine andere Dimension, die der <historischen Verantwortung>, integrieren. Mit Benjamin ließe sich sagen, dass sie sich am Eingedenken der Besiegten inspirieren, die Erinnerung der vergessenen, verhüllten Opfer, die weder Gesicht noch Namen haben, wiederbeleben muss. Die natürliche Güte genügt nicht, um eine politische Ethik zu formulieren, die sich an den Prinzipien der Gerechtigkeit und Solidarität ausrichtet, sie muss sich in ein Gedächtnis, eine Erziehung und eine Aktion einschreiben, die in der Lage sind, die Menschen zu verändern.» (B, S. 190 f.)

Wie sich jedoch eine solche neue Ethik in Gedächtnis, Erziehung und politische Aktion einschreiben kann, ohne zu einem politisch sterilen und in der Substanz autoritären moralischen Imperativismus zu verkommen, das bleibt ein offenes Problem auch nach der Lektüre der überaus anregenden Bücher Traversos.
 


[1] Enzo Traverso: Die Juden und Deutschland. Auschwitz und die jüdisch-deutsche Symbiose, Berlin: Basidruck 1993; ders.: Die Marxisten und die jüdische Frage. Geschichte einer Debatte 1843-1943, Mainz: Decathlon 1995.

[2] Vgl. v. a. Norman Geras: The Contract of Mutual Indifference. Political Philosophy after the Holocaust, London: Verso 1998. Auf Deutsch erschienen ist hieraus einzig ders.: „Marxisten angesichts des Holocaust: Trotzki, Deutscher, Mandel“, in Gilbert Achcar (Hrsg.): Gerechtigkeit und Solidarität. Ernest Mandels Beitrag zum Marxismus, Köln: ISP 2003, S.199-223.
 


Enzo Traverso [A]: Auschwitz denken. Die Intellektuellen und die Shoah, Hamburg 2000: Hamburger Edition (368 S., 30 €).

Enzo Traverso [B]: Nach Auschwitz. Die Linke und die Aufarbeitung des NS-Völkermords, Köln 2000: ISP-Verlag (220 S., 15 €).