Nachricht | Focke Museum (Hrsg.): Lebenswege / Hayat Yolları, Bremen 2021

Elf Einwanderungsgeschichten dokumentiert

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Am 30. Oktober jährte sich die Unterzeichnung des Anwerbeabkommenzwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei zum 60. Mal. Aus diesem Anlass haben mehrere Museen das Thema Arbeitsmigration in Ausstellungen aufgegriffen. Das Technoseum(das frühere Landesmuseum für Technik und Arbeit Baden-Württemberg) in Mannheim in einer großen Sonderausstellungincl. Begleitpublikation, und auch das Focke Museum als Bremens Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, in einer kleineren, noch bis 1. Februar 2022 geöffneten.

In Bremen wurden im Rahmen der Ausstellung zum einen unter dem Titel «Lebenswege» elf Videointerviewsgeführt, die auch online anzusehen sind. Diese wiederum sind Grundlage der Begleitpublikation, die Ausschnitte aus diesen Interviews sowie Illustrationen (meist aus Privatbesitz der Interviewten) enthält. 1974 leben circa 900.000 Menschen mit türkischen Wurzeln in Deutschland, 1979 sind es bereits 1,5 Millionen.

Zu lesen sind die Berichte von vier Frauen und sieben Männern, die heute allesamt 70 Jahre und teilweise deutlich älter sind. Sie gehören alle zur ersten Generation der aus der Türkei kommenden damals sog. GastarbeiterInnen, die sehr jung Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre, also vor dem Erlass des sog. AnwerbestoppsEnde 1973, nach Bremen gehen.

Sie erzählen ihre Geschichte, wie sie sie erinnern: Von ihrer Reise, ihrer Ankunft, ihren Arbeitsplätzen, den KollegInnen, und wie sie langsam in Deutschland ankommen, EhepartnerInnen nachholen, hier Kinder (und später: Enkel) bekommen. Viele haben heute arbeitsbedingte Gesundheitsschäden und verbringen ihr nachberufliches Leben in der Türkei und Bremen. Was genau Heimat für sie ist, diese Frage wird jedem und jeder gestellt, fällt vielen schwer zu sagen.

Das Buch wird mit Texten des Filmemachers Orhan Çalışır und des 1977 geborenen Kurators der Ausstellung, Dr. Bora Akşen eingeleitet. Sie rahmen ihre persönliche Geschichte mit einer Skizze der Ausländer-, Migrations- und Einwanderungspolitik der letzten Jahrzehnte. Diese beiden Texte weiten den Blick hin zu den ökonomischen Rahmenbedingungen, aber auch zu gesellschaftlichen Faktoren, wie etwa dem Rassismus vor und nach 1989.

Ein persönliches, weniger ein wissenschaftliches Buch, das Menschen eine Stimme gibt, deren Vergangenheit bisher nicht als Teil der Geschichte Deutschlands angesehen wird.

Focke Museum (Hrsg.): Lebenswege / Hayat Yolları, Schünemann Verlag, Bremen 2021, 134 Seiten, deutsch/türkisch, 17,90 EUR

Hinweis: Die Ausstellung Wir sind von hier. Türkisch-deutsches Leben 1990ist ab 2. Februar 2022 im Museum für Hamburgische Geschichte zu sehen. Die in Mannheim ist bis zum 19. Juni 2022 geöffnet.

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