Nachricht | COP26 «Der Schutz von Wäldern ist wichtig als Maßnahme zur Anpassung an den Klimawandel, nicht zur Verringerung von Emissionen»

Die Aktivistin und Wissenschaftlerin Melissa Moreano im Interview

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Melissa Moreano,

Eine Mitarbeiterin des Internationalen Zentrums für tropische Landwirtschaft führt Kohlenstoffmessungen im Rahmen eines REDD+-Workshops in der Reserva Natural El Hatico bei Palmira, Kolumbien, durch. CC BY-SA 2.0, CIAT/Neil Palmer

Naturbasierte Lösungen waren ein zentrales Thema bei den Klimaverhandlungen auf der 26. Vertragsstaatenkonferenz (COP26) der UN-Klimakonvention, die vom 31. Oktober bis 13. November 2021 in Glasgow stattfand. Zu diesen gehört auch das Instrument REDD+, das vom UN-REDD-Programm der Vereinten Nationen gefördert wird und Anreize für Entwicklungsländer schaffen soll, ihre Wälder zu erhalten.

Aber ist der Ansatz wirklich effektiv? Juliane Schumacher von der Rosa-Luxemburg-Stiftung sprach auf der COP26 in Glasgow mit der Wissenschaftlerin und Umweltaktivistin Melissa Moreano aus Ecuador über die Schwierigkeiten, den COP26-Verhandlungen in diesem Jahr zu folgen, und darüber, was sich hinter REDD+ und anderen falschen Lösungen verbirgt, die in Glasgow zur Lösung der Klimakrise angepriesen werden.

Melissa, du arbeitest seit vielen Jahren zu REDD+. Kannst du kurz erklären, was REDD+ und die Idee dahinter ist?

REDD steht für Reduction of Emissions from Deforestation and Forest Degradation (Reduzierung von Emissionen aus Entwaldung und Waldschädigung). Es handelt sich dabei um ein Instrument, das innerhalb der Klimarahmenkonvention Vereinten Nationen (UNFCCC) entwickelt wurde und das darauf abzielt, den Ausstoß von Kohlendioxid und anderen mit der Abholzung verbundenen Emissionen zu verringern. Beim Fällen von Bäumen wird Kohlenstoff freigesetzt. Deshalb wurde im Rahmen des UNFCCC eine Reihe von Mechanismen geschaffen, um diese Emissionen zu vermeiden, und zwar auf der Grundlage von Zahlungen für die Dienstleistung der Kohlenstoffbindung und -speicherung durch Wälder.

Von Anfang an war REDD+ sehr umstritten, insbesondere bei Bewegungen aus dem globalen Süden. Warum haben sich diese so vehement gegen das Instrument gewehrt?

Umweltgruppen in Lateinamerika haben REDD+ und andere Mechanismen im Zusammenhang mit Kohlenstoffmärkten abgelehnt – und sie tun dies immer noch. Zu Beginn, und oft auch bis heute noch, gab es viele Fälle, in denen die Kohlenstoffgutschriften, die im Rahmen von Waldprojekten ausgestellt wurden, in Wirklichkeit keinen Wert hatten, sie reduzierten überhaupt keine Emissionen. In vielen Ländern gab es massiven Betrug in diesem Bereich. Gleichzeitig stellten die Projekte eine Bedrohung für die in den Wäldern lebende Gemeinschaften dar. In Ländern wie Nigeria oder Brasilien wurden Menschen durch den militarisierten Schutzprojekte vertrieben und verloren ihr Recht auf Nutzung der Wälder. In Mexiko, Chiapas, oder Costa Rica stieß REDD+ auf Ablehnung bei der indigenen Bevölkerung, weil sie den Verlust von territorialem Rechten fürchteten. Ein weiteres Problem ist, dass dieser Finanzmechanismus, der offiziell eigentlich Wälder schützen soll, es der Industrie ermöglicht, weiterhin CO2 auszustoßen, und dadurch verhindert, dass sie tatsächlich zu einer Reduzierung ihrer Emissionen gebracht werden.

Das Konzept von REDD+ wurde erstmals 2005 in die UN-Klimaverhandlungen aufgenommen. Wie hat es sich im Laufe der Jahre verändert? Und wie wird es derzeit in Glasgow diskutiert?

Anfangs ging es bei REDD+ nur darum, Abholzung zu verhindern und Wiederaufforstung zu fördern. Das hatte zur Folge, dass einige Regierungen bestehende Wälder rodeten und an ihrer Stelle neue Forstplantagen anlegten, weil Bäume in der Wachstumsphase mehr Kohlenstoff binden. Daraufhin wurden Schutzklauseln in Form von Konzepten und Begriffen integriert, die das Ziel der Maßnahme verdeutlichen sollten – dass bei der Verhinderung der Abholzung gleichzeitig auch die biologische Vielfalt geschützt und auf die Ziele für nachhaltige Entwicklung hingearbeitet werden müsse. Es gibt auch soziale Absicherungensklauseln, die angeblich die Beteiligung von unten fördern und Basisorganisationen, indigene Bevölkerung und lokale Gemeinschaften in diese Projekte einbeziehen sollen. Seit der Einführung des Mechanismus ist also schon viel passiert. Aber es wird immer noch darüber gestritten, ob REDD+ in den Kohlenstoffmarkt einbezogen werden sollte und ob es zum Ausgleich von Emissionen genutzt werden soll oder nicht. Das Problem liegt nicht darin, dass versucht wird, Wälder zu erhalten oder Abholzung zu verhindern. Sondern das Problem liegt darin, dass manche Länder oder Unternehmen den in Wäldern gespeicherten Kohlenstoff zur Vermeidung echter Emissionsminderungsmaßnahmen nutzen könnten. Und wenn man Wälder auf den Markt bringt, stellt sich auch die Frage, wer eigentlich den Wald besitzt, und das kann negative Auswirkungen auf die Beziehung der lokalen und indigenen Gemeinschaften zum Wald und auf ihre Nutzungrechte haben.

Melissa Moreano ist Mitglied des Kollektivs der Kritischen Geographie Ecuadors und der Lateinamerikanischen und Karibischen Plattform für Klimagerechtigkeit. Sie ist außerdem Forscherin und Professorin an der Andenuniversität Simón Bolívar in Quito.

REDD+ ist schon vor einiger Zeit totgesagt worden. Jahrelang ging es mit dem Konzept aufgrund technischer und konzeptioneller Probleme nicht voran. Dann wurde es an zentraler Stelle in das Pariser Abkommen aufgenommen.

Ja, REDD+ hat einen ganzen Artikel im Pariser Abkommen bekommen. Die UNFCCC und auch viele waldreiche Länder argumentieren, dass Wälder unsere Zukunft seien, der wichtigste Faktor zur Bekämpfung des Klimawandels, und dass wir die Kapazität der Wälder nutzen müssen, um Kohlenstoff zu speichern und zu binden. Doch wir bezeichnen REDD+ aufgrund der bereits erwähnten Probleme als eine der falschen Lösungen, die zur Lösung der Klimakrise vorgeschlagen werden. Ich denke jedoch, dass REDD+ nur darauf wartet, dass es mit Artikel 6 des Pariser Abkommens in den Verhandlungen vorangeht. Artikel 6 behandelt verschiedene Finanzierungsmechanismen, darunter Marktmechanismen, nicht-marktbezogene Mechanismen und Mechanismen für nachhaltige Entwicklung. Bei dieser COP diskutieren die Verhandlungsführer*innen darüber, wie diese Marktmechanismen funktionieren sollen.

Verfolgst du die Diskussionen in Glasgow?

Leider konnten wir den Verhandlungen nicht beiwohnen. Ich bin seit Montag hier und versuche, die Verhandlungen über Artikel 6 zu verfolgen, doch uns wurde der Zutritt zum Verhandlungsraum verwehrt. Die Organisatoren der Konferenz sagten, dass die meisten Beobachtergruppen, wie Umwelt- oder Menschenrechtsgruppen, keinen Zutritt haben, wegen der begrenzten Anzahl von Personen, die in den Raum gelassen werden können. Von meinen Kolleginnen und Kollegen, die die Verhandlungen verfolgen, weiß ich, dass sie hart dafür kämpfen, die Formulierungen zu Menschenrechten in dem Artikel beizubehalten. Diese Marktmechanismen werden also eingeführt werden. Und mein Eindruck ist, dass die Klimakrise hier genutzt wird, um zu sagen: Wir brauchen den Markt, er ist effizienter, er wird helfen, Finanzmittel zu generieren.

Wenn diese Marktmechanismen und Instrumente wie REDD+ falsche Lösungen sind, was wären dann die richtigen Lösungen, um die globale Erwärmung zu stoppen und die Wälder zu schützen?

Die wirkliche Lösung besteht darin, die Förderung und Nutzung fossiler Brennstoffe einzustellen. Natürlich können wir das nicht von heute auf morgen, der Ausstieg aus den fossilen Energiequellen bedarf einer langfristigen Planung, aber wir müssen damit anfangen. REDD+, climate-smart agriculture, Geoengineering – all diese falschen Lösungen erlauben es den Verursacher*innen der Klimakrise weiterhin Emissionen auszustoßen und diese dann zu kompensieren. Die erste Lösung wäre also, die Reduktionsziele ernst zu nehmen, ohne Emissionshandel, ohne Kompensation.

Die zweite Lösung bestünde darin, nicht zu versuchen, fossile Brennstoffe durch erneuerbare Energien zu ersetzen, ohne etwas an der Struktur, dem Verbrauch und dem Nutzungsverhalten von Energie zu ändern. Wir erleben derzeit in unseren Ländern einen wachsenden Druck zur Gewinnung von Mineralien wie Kupfer, Gold, Lithium und Nickel. All diese Rohstoffe werden für die berüchtigte Energiewende benötigt. Wir müssen also den Diskurs über die Energiewende neu gestalten.

Drittens müssen wir für mehr Umweltschutz lokale Gemeinschaften unterstützen. In Ecuador, meinem Land, sind die Hauptursachen für Entwaldung gegenwärtig der in großem Maßstab betriebene Bergbau, die Erschließung von Erdölvorkommen und die Ausweitung der landwirtschaftlichen Nutzflächen für die Agrarindustrie, also für den Export von Agrarprodukten. Das Problem der Entwaldung steht also auch im Zusammenhang mit dem globalen Ernährungssystem.

Abschließend möchte ich darauf hinweisen, dass es natürlich nicht falsch ist, Maßnahmen zum Schutz der Wälder zu ergreifen. Aber wir müssen von der Vorstellung, dass wir die Wälder schützen müssen, weil sie zur Eindämmung des Klimawandels beitragen, zu der Auffassung übergehen, dass wir die Wälder schützen, weil sie uns bei der Anpassung an den Klimawandel helfen – wenn wir den Diskurs über den Klimawandel in Bezug auf die Wälder aufrechterhalten wollen. Wenn wir die Wälder zur Anpassung schützen, ist das etwas ganz anderes, als wenn wir sagen, dass wir das tun, weil sie Kohlenstoff binden und speichern. Ein Wald ist Teil eines Ökosystems, das anderen Arten Lebensraum bietet, er ist ein Lebensraum. Und deshalb müssen wir ihn schützen – nicht nur, weil er Kohlenstoff aus der Luft filtert.

Übersetzung: Katharina Gübel