Ausschreibung | Studienwerk Krise und sozial-ökologische Transformation

Zweite Ausschreibung des RLS-Graduiertenkollegs

Kontext: Die Zuspitzung sozial-ökologischer Widersprüche

Die Gegenwartsgesellschaften sind weltweit von widersprüchlichen sozial-ökologischen Dynamiken gekennzeichnet, die im globalen Norden und im globalen Süden teilweise höchst unterschiedliche Formen annehmen. Erstens spitzt sich die ökologische Krise global dramatisch zu. Der Klimawandel droht außer Kontrolle zu geraten, sofern nicht in den nächsten Jahren große Schritte in Richtung Dekarbonisierung gegangen werden. Manche Klimawissenschaftler*innen befürchten, dass einzelne Kipppunkte des Klimasystems, d.h. Grenzen, jenseits derer die globale Erwärmung sich selbst verstärkende Effekte zeitigt, bereits überschritten worden sind. Weltweit sichtbar ist eine Häufung und Dynamisierung von Krisen und Katastrophenphänomenen, die – zum Schaden vor allem der Subalternen – sozioökonomische Prozesse immer wieder unterbrechen und die Funktionsfähigkeit wichtiger Infrastruktursysteme bedrohen. Die (mit dem Klimawandel und seinen Konsequenzen verschränkten) Folgen des Biodiversitätsverlusts dürften, obwohl in einer breiteren Öffentlichkeit weit weniger beachtet, kaum weniger schwerwiegend sein. Die Zerstörung von Ökosystemen, das Aussterben von Tierarten und Pflanzensorten sowie der Verlust an genetischer Vielfalt, wie sie vor allem durch die räumliche Expansion der industriellen Landwirtschaft verursacht werden, wirken sich räumlich und zeitlich sehr ungleich aus. Sie berauben jetzt schon viele Menschen im globalen Süden (Kleinbauern und -bäuerinnen, indigene Gemeinschaften) ihrer Existenzgrundlage. Weiter zunehmende schwerwiegende Konsequenzen für die menschliche Ernährung und Gesundheit sind zu erwarten. Auch im globalen Norden treffen sie auf eine zunehmende soziale Ungleichheit, die sie gleichzeitig zu verschärfen drohen. Die Zerstörung von Ökosystemen durch Waldrodungen verkleinert zudem den Lebensraum von Wildtieren. Diese geraten dadurch leichter mit Menschen in Kontakt und können Mikroben übertragen, die sich im menschlichen Körper in gefährliche Krankheitserreger verwandeln. Das Risiko von Pandemien wie COVID-19 steigt.

Zweitens werden diese und andere Krisenphänomene zunehmend wirksam politisiert. Im globalen Süden haben sich schon seit den 1970er Jahren Gegenbewegungen gebildet, die Umweltgerechtigkeit einklagen und sich gegen ein extraktivistisches Wirtschaftsmodell wenden. Im globalen Norden haben die Schüler*innen- und Studierendenbewegung Fridays for Future, Initiativen gegen den Kohle-Bergbau wie Ende Gelände oder die unüberhörbar zunehmende Kritik an den sozial-ökologischen Konsequenzen der (Elektro-)Automobilität die ökologische Frage (zurück) auf die gesellschaftliche und politische Tagesordnung befördert. Auch in der Arbeiter*innenbewegung und den Gewerkschaften wird die ökologische Frage immer stärker zum Thema. Während manche Kräfte eher bremsen und durch eine konsequente Ökologisierung der Wirtschaft zahlreiche Arbeitsplätze in Gefahr sehen, betonen andere die Notwendigkeit, auch aus beschäftigungs- und sozialpolitischen Gründen der ökologischen Krise wirksam zu begegnen (zu erwähnen sind hier etwa die Trade Unions for Energy Democracy und die vorsichtige Öffnung der IG Metall für die Frage einer sozial-ökologischen Transformation). In Programmen wie dem European Green Deal oder dem Klimapaket der Bundesregierung zeigen sich die staatlich-politischen Spuren, die die gesellschaftlichen Debatten und die neue Klimabewegung bereits hinterlassen haben. Gleichzeitig manifestieren sich in ihnen bzw. in der Tatsache, dass diese Programme in keiner Weise problemadäquat und in ihren Details umstritten sind, die Beharrungskräfte, die einer sozial-ökologischen Transformation entgegenstehen.

Eine weitere Zuspitzung erfährt diese Konstellation – drittens – dadurch, dass vielerorts die gesellschaftlichen Beharrungskräfte die Gestalt rechter autoritärer Bewegungen, Parteien und Regierungen annehmen. Deren Attraktivität gründet nicht zuletzt darin, dass sie die ökologische Krise leugnen bzw. nationalistisch und rassistisch codieren und damit suggerieren, eine sozial-ökologisch zerstörerische Produktions- und Lebensweise mitsamt deren exklusiven Vorteilen auf Dauer stellen zu können. Sie nehmen eine Intensivierung geopolitischer und -ökonomischer Spannungen in Kauf, die sich auch in gewaltsamen Auseinandersetzungen um Ressourcen und Senken zu entladen drohen. Dabei stellen „rechtspopulistische“ Positionen allerdings nur die radikalisierte Variante einer von gesellschaftlichen Mehrheiten in den hochindustrialisierten Gesellschaften getragenen, nach wie vor bestehenden Hoffnung dar, die ökologische Herausforderung vor allem durch technologische Innovationen und marktwirtschaftliche Instrumente bewältigen zu können – und jedenfalls ohne weitreichende Umverteilungspolitiken oder eine grundlegende Veränderung ihrer alltäglichen Lebensführung. Der Erfolg von FDP und GRÜNEN unter Erst- und Jungwähler*innen bei den jüngsten Wahlen zum deutschen Bundestag zeugt von der Zugkraft gesellschaftspolitischer Modernisierungsangebote, die hinter den Notwendigkeiten einer sozial-ökologischen Transformation systematisch zurückbleiben.

Insofern ist die gegenwärtige innergesellschaftliche wie globale Konstellation von widerstreitenden Entwicklungen geprägt, die – viertens – durch die Corona-Krise noch dynamisiert, d.h. in die eine oder andere Richtung beschleunigt werden könnten. Der global äußerst ungleiche Zugang zu Impfstoffen bzw. die Corona-Politik rechter Regierungen wie der brasilianischen verdichten sich zu immer desaströseren sozial-ökologischen Krisenszenarien. In vielen Ländern offenbaren nicht-existente, neoliberalisierte oder von einem Klassen- und rassistischen Bias durchzogene Gesundheitssysteme schonungslos die systematischen Defizite kapitalistischer Gesellschaften. Erschöpfte Pflegekräfte, Care-Arbeiter*innen aus dem globalen Süden oder große Teile derjenigen, die in den Familien unentgeltliche Sorgearbeit leisten (zumeist Frauen), sind kaum mehr in der Lage, die Krise der sozialen Reproduktion abzufedern. Gleichzeitig nehmen die Kämpfe für bessere Arbeits- und Versorgungsbedingungen im Gesundheitssystem und in anderen Bereichen weltweit zu. Die Corona-Pandemie hat den Blick für das geschärft, was gesellschaftlich notwendig ist. In ihr hat sich zudem die Möglichkeit angedeutet, gesellschaftliche Ressourcen auf reproduktionsnotwendige Bereiche zu konzentrieren. Darin könnte eine wichtige Voraussetzung dafür liegen, in der Krise Ökonomie und Gesellschaft neu zu denken und zu reorganisieren, nämlich gebrauchswertorientiert und ausgehend von der Sorgearbeit und den sozialen und materiellen Infrastrukturen, auf denen sowohl die individuelle physische als auch die soziale Reproduktion beruht. Dies wäre gleichzeitig ein wichtiger Schritt in Richtung einer sozial-ökologischen Transformation.

Themenfelder: Staat, Arbeit, Infrastrukturen

Das Graduiertenkolleg nimmt diese widersprüchlichen Entwicklungen und Konfliktdynamiken aus einer politisch-ökologischen Perspektive in den Blick: Es geht davon aus, dass die Ursachen für die ökologische Krise und für die ungleiche Verteilung ihrer Folgen in der strukturellen Gleichgültigkeit kapitalistischer Gesellschaften gegenüber ihren eigenen sozialen und ökologischen Reproduktionsbedingungen sowie in patriarchalen und rassistischen Macht- und Herrschaftsverhältnisse zu suchen sind. Eine wesentliche Voraussetzung für die Überwindung der Krise wird deshalb in einer gesellschaftlichen und politischen Demokratisierung sowie im Abbau von sozialer Ungleichheit gesehen. Das Kolleg zielt darauf, das empirische Wissen über diese Zusammenhänge zu mehren, sie theoretisch zu reflektieren, die Potenziale und Voraussetzungen für erfolgreiche Kämpfe um eine sozial-ökologische Transformation zu identifizieren und das Wissen zur Verfügung zu stellen, das diese Kämpfe zu orientieren hilft.

Das Kolleg startete am 1. Oktober 2021 mit vier Stipendiat*innen. Zum 1. Oktober 2022 werden vier weitere Stipendien vergeben. Bewerbungen können zu den drei folgenden Themengebieten und einzelnen damit verbundenen Fragestellungen eingereicht werden:

  • Transformation von Staatlichkeit: Wie verändern sich staatliche Strukturen und Prozesse im Zuge einer sich intensivierenden sozial-ökologischen Krise? Welche staatlichen Strategien der Krisenbearbeitung bilden sich heraus? Wo liegen die Grenzen und Widersprüche internationaler Umweltpolitik? Welche Rolle spielen die geopolitischen Verschiebungen für die Bemühungen um eine Krisenregulierung? Inwiefern sind Staaten des globalen Südens in die Formulierung internationaler Klimapolitik integriert, inwiefern wirkt globale Umweltpolitik als disziplinierende Struktur in den Verhältnissen weltweiter Ungleichheit? Wie sind die diversen Green-Deal- bzw. Green-New-Deal-Projekte einzuschätzen? Welche Widersprüche des kapitalistischen Staates werden in der Krise manifest, und wie ließen sie sich emanzipatorisch politisieren? Welches unterschiedliche Verhältnis von Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft ist damit praktisch verbunden? Inwieweit brechen sich staatliche Krisenpolitiken an den bestehenden gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen? Welche Rolle spielt die Klassendimension der ökologischen Krise (etwa in Gestalt des Ressourcenverbrauchs der Superreichen) bei der Formulierung von Politiken und wie ließe sie sich politisieren?
  • Transformation von Arbeit: Wie verhält sich die ökologische Krise zu den vielfältigen in der Arbeitswelt feststellbaren Krisentendenzen (Prekarisierung, Erschöpfung, Arbeitsverdichtung...)?  Was bedeutet die ökologisch-technologische Modernisierung im globalen Norden für Arbeit und Arbeiter*innen im globalen Süden, deren Einkommen von formeller und informeller Arbeit im Kohlebergbau oder der Ölförderung abhängt? Wie wird die Transformationsdebatte in den Gewerkschaften geführt? Welche Rolle spielen Gewerkschaften als Akteure der Transformation im globalen Süden und globalen Norden? Was sind Hemmnisse und Ermöglichungsbedingungen von ökologischen, feministischen und dekolonialen Klassenpolitiken, basierend auf neuen Allianzen zwischen umweltpolitischen Akteuren, feministischen wie antirassistischen Bewegungen und Gewerkschaften? Wo ergeben sich Ansatzpunkte für eine sozial-ökologische Transformation in den Betrieben? Was lässt sich aus früheren Erfahrungen mit einer sozial-ökologischen Konversion der industriellen Produktion für aktuelle Transformationskonflikte lernen? Wo liegen die ökologischen Potenziale von Arbeitszeitverkürzung und generell einer anderen gesellschaftlichen Organisation von Arbeit, die wesentlich auch die Definition von Arbeit erweitert und die geschlechtlich und rassifiziert ungleiche Verteilung von Sorge- und Lohnarbeit überwindet?
  • Infrastrukturpolitik: Welche Muster der Klimafolgenanpassung bilden sich angesichts der Häufung disruptiver Ereignisse heraus? Welche Politiken, mit denen materielle und soziale Infrastrukturen an sozial-ökologische Bedrohungen und Verwerfungen angepasst werden sollen, lassen sich beobachten? Wie ist die Klimafolgenanpassung aus einer emanzipatorischen Perspektive zu bewerten? Was lässt sich aus inklusiven, teilweise selbstorganisierten Anpassungspolitiken in unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen (etwa Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Siedlungsentwicklung, industrielle Produktion, Krisenbewältigungsstrategien nach Katastrophen) im globalen Süden und Norden lernen? Welche Erfahrungen werden mit einer sozial-ökologischen Organisation von Infrastruktursystemen (etwa Energiedemokratie, Ernährungssouveränität, nachhaltige Mobilität in Städten und ländlichen Räumen) gemacht, welche Konflikte werden um sozial-ökologische Transformation von Infrastruktursystemen geführt? Welche Lehren lassen sich aus diesen Konflikten für eine „Ökonomie des Alltagslebens“ ziehen? Wie lassen sich kritische Infrastrukturen auf eine Weise organisieren, die der Zuspitzung sowohl der ökologischen als auch der sozialen Krise angemessen ist? Welche Rolle spielen Eigentumsfragen, d.h. inwieweit setzen sozial gerechte Maßnahmen zur Bekämpfung der ökologischen Krise und zur Anpassung an ihre nicht mehr vermeidbaren Folgen eine Änderung von Eigentumsverhältnissen und eine Demokratisierung (der Wirtschaft) voraus?

Bewerbung: Anforderungen und Fristen

Bewerben können sich Doktorand*innen aus den Fächern Soziologie, Politikwissenschaft und Geographie sowie anderen, verwandten Fachrichtungen (z.B. Ethnologie, Psychologie oder Entwicklungsforschung). Interessierte benötigen für ihre Bewerbung keine bereits an einer Universität beantragte Promotionszulassung, bzw. eine wissenschaftliche Betreuung; die wissenschaftliche Betreuung wird aus dem Betreuer*innenpool des Graduiertenkollegs gestellt. Zu diesem gehören: Maria Backhouse (Friedrich-Schiller-Universität Jena), Sybille Bauriedl (Europa-Universität Flensburg), Ulrich Brand (Universität Wien), Kristina Dietz (Universität Wien), Dennis Eversberg (Friedrich-Schiller-Universität Jena), Christoph Görg (Universität für Bodenkultur Wien), Melanie Jaeger-Erben (Brandenburgisch-Technische Universität Cottbus), Stephan Lessenich (Institut für Sozialforschung an der Goethe-Universität Frankfurt am Main) und Markus Wissen (Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin). Das Kolleg ist institutionell an die Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin angebunden. Von den Stipendiat*innen wird die Bereitschaft erwartet, ihren Wohnsitz an den Kollegstandort zu verlegen. Promotionen können auch auf Englisch verfasst werden; Bewerber*innen müssen jedoch Deutschkenntnisse auf B2-Niveau nachweisen. Die Teilnahme an den Veranstaltungen im Rahmen des Kollegs ist verpflichtend.

Bewerbungsschluss ist der 1. April 2022, Stipendienbeginn der 1. Oktober 2022. Weitere Informationen zu Bewerbungsunterlagen, erforderlichen Dokumenten und den Anforderungen an das Exposé entnehmen Sie bitte unserer Website: https://www.rosalux.de/stiftung/studienwerk/