Nachricht | Antisemitismus (Bibliographie) - Antisemitismus und Nahost global Lutz Fiedler: Matzpen. Eine andere israelische Geschichte, 2017.

Eine bewusste «Gegenerzählung» zur Geschichte Israels, die ohne die Zusammenarbeit mit israelischen Institutionen und Universitäten nicht entstanden wäre.

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Autor

Mario Kessler,

Dieses Buch schließt eine wichtige Forschungslücke zur Geschichte der israelischen Linken. Es vermittelt darüber hinaus wichtige Informationen zur politischen Kultur des Landes wie zum Nahost-Konflikt. Entstanden ist es als Leipziger Dissertation unter Anleitung Dan Diners, der selbst eine Zeit lang Mitglied der hier behandelten Organisation war.

Die 1962 gegründete Sozialistische Organisation in Israel (Ha-Irgun ha-Sozialisti be-Israel) wurde besser bekannt unter dem Namen ihrer Zeitschrift «Matzpen» (Kompass). Ihre Vorgeschichte aber reicht bis zum Streik der Hafenarbeiter in Haifa 1951 zurück. Zu den damals politisierten jungen Menschen gehörten der in Berlin geborene Akiva Orr (ursprünglich Karl Sonnenberg), zweifacher Sieger im 200-Meter-Brustschwimmen bei den jüdischen Maccabi-Sportspielen, und der aus einer arabisch-christlichen Familie stammende Daud Turki. Beide schlossen sich der Kommunistischen Partei Israels an, wo sie zusammen mit Moshe Machover und mit Jabra Nicola, dem Redakteur des arabischsprachigen KP-Organs «al-Ittihad» (Die Einheit) einen Freundeskreis bildeten, der die kommunistische Kritik am Zionismus auf eine neue Grundlage zu stellen suchte.

Ihrer Meinung nach sei der arabisch-israelische Konflikt nicht auf zwischenstaatlicher Ebene lösbar, wie dies auch die Sowjetunion und die KP Israels forderten, sondern liege in der kolonialistischen Natur des Zionismus begründet. Obwohl die KP Palästinas als Vorgängerin der israelischen Partei in der Zwischenkriegszeit ebenfalls diese Position vertreten hatte, stieß sie nunmehr unter israelischen Kommunisten auf Kritik, buche sie doch, so der Vorwurf, die Möglichkeiten der Sowjetunion herunter, im Rahmen der friedlichen Koexistenz auch diesen Konflikt zu lösen.

Hinzu kam, dass die jungen Aktivisten irritiert darüber waren, wie rigoros die Partei mit solchen Genossen umsprang, die forderten, Nikita Chruschtschows «Geheimrede» vom XX. KPdSU-Parteitag ernst zu nehmen. Kommunisten, die kritische Fragen über das Schicksal der unter Stalin in der Sowjetunion ermordeten oder inhaftierten KP-Mitglieder stellten, wurden aus der Partei ausgeschlossen; zu ihnen gehörte der spätere Historiker Walter Grab. Der bislang schwelende Konflikt entlud sich, als Machover und Orr 1961 die Schrift «Shalom, Shalom ve’ein Shalom» (Frieden, Frieden, wenn es keinen Frieden gibt) publizierten, was nun auch für sie zum Parteiausschluss führte.

Die Hauptkritik richtete sich jedoch gegen das israelische Establishment um David Ben Gurion. Israel habe sich, entgegen seinen ureigenen Lebensinteressen, 1956 am zum Scheitern verurteilten Unternehmen der alten Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich beteiligt, mit Militärgewalt die Kontrolle über den Suezkanal zurückzugewinnen. Die dahinterstehende politische Philosophie sehe den Zionismus wie Israel als nahöstlichen Vorposten des westlichen Kapitalismus und Kolonialismus. Die zudem vom Zionismus proklamierte Einwanderung möglichst aller Juden nach Israel sei zwar in der Zeit des Faschismus plausibel gewesen, habe aber nunmehr ihren Sinn verloren. Vielmehr sei in Israel eine neue, hebräische Nation entstanden, deren Bindung an das Diaspora-Judentum schwächer werde. Sie habe langfristig nur eine Zukunft, wenn Israel die Besatzungspolitik aufgebe und sich Juden und Araber wechselseitig ein Existenzrecht im Land zusicherten. Vermochten diese Ansicht auch nichtkommunistische Kritiker der israelischen Politik wie Uri Avneri, Maxim Ghilan oder Nathan Yellin-Mor zu teilen, wiesen diese doch die Schlussfolgerung der kommunistischen Dissidenten als unrealistisch zurück: Eine friedliche Zukunft der jüdischen Israelis sei nur in einer sozialistischen Nahost-Föderation möglich – auf rätesozialistischer Grundlage, nicht als Parteidiktatur wie in der Sowjetunion.

Die Debatten und politisch-publizistischen Aktivitäten der zunächst kaum mehr als ein Dutzend Köpfe zählenden Gruppe blieb längere Zeit von der Öffentlichkeit fast unbemerkt. Dies änderte sich nach dem Sechstage-Krieg vom Juni 1967 mit dem Sieg der israelischen Armee über ihre arabischen Gegner und der Besetzung des Westjordanlandes, der Sinai-Halbinsel und der Golan-Höhen. Matzpens entschiedener Protest gegen die Besetzung führte der Organisation neue Mitglieder zu. Sie warnte früh vor einem immer stärker religiös aufgeladenen Konflikt.

Ohne einen Rückzug aus den besetzten Gebieten sei für Israel kein Frieden möglich. «Jedes ‚Abkommen’ auf der Grundlage der heutigen Position der Stärke wird ein nur zeitweiliges sein und ist daher illusorisch», hieß es in einer Erklärung unmittelbar nach Kriegsende (S. 203). «Ganz gleich, ob sich die israelische Besatzung als liberal, aufgeklärt oder humanistisch begreift», schrieb Oded Pilavsky wenig später, sie bleibe für die Palästinenser «eine fremde Besatzung, die abzulehnen und zu bekämpfen ist» (S. 205).

Im März 1968 erklärte Matzpen, es sei «das Recht und die Pflicht eines jeden besiegten und unterworfenen Volkes, Widerstand zu leisten und für seine Freiheit zu kämpfen. […] Die notwendigen und geeigneten Mittel und Wege in diesem Kampf müssen von diesem Volk selbst bestimmt werden» und «es wäre heuchlerisch, wenn Fremde – besonders wenn sie der Nation des Unterdrückers angehören – diesem Volk predigen wollten, was es zu tun und zu lassen habe» (S. 209 f.). Es sei ein bedingungsloses Recht der Eroberten, sich der Besatzung zu widersetzen. Doch werde Matzpen politisch nur solche Organisationen unterstützen, die zusätzlich zum Widerstand gegen die Besatzung auch das Bleiberecht der Juden und ihr Recht auf Selbstbestimmung in Israel anerkennen würden. Nur der gemeinsame Kampf von Arabern und Juden ermögliche eine sozialistische Zukunft.

Damit befand sich Matzpen in großer Nähe zur Neuen Kommunistischen Liste (Rakach), wie sich der sowjettreue Teil der KP Israels nach der Parteispaltung 1965 nannte – ein anderer KP-Teil hielt sich mit wechselnden Namen ohne Unterstützung der Sowjetunion noch bis 1977. Es war deshalb logisch, dass Matzpen im Oktober 1969 seine Anhängerschaft aufrief, bei den anstehenden Parlamentswahlen für die Rakach zu stimmen. Aber diese Sympathie wurde nicht erwidert. Vielmehr warfen die Kommunisten Matzpen vor, ein Konglomerat aus trotzkistischem und maoistischem Gedankengut zu vertreten.

Einer unter linken Kleingruppen endemischen Krankheit entging auch Matzpen nicht: der fortdauernden Spaltung. Schon 1970 spaltete sich mit Avangard eine trotzkistische («Lambertistische») Tendenz unter Sylvain Cypel und Menachem Carmi ab, die sich ab 1974 wiederum in den Spartakusbund und die Nitzotz (Funken)-Gruppe spaltete. Eine andere Gruppe um Ilan Halevi und Rami Livneh bildete die Revolutionäre Kommunistische Allianz (ha-Brit ha-Komunistit ha-Mahapakhnit), besser als Gruppe Ma’avak (Kampf) bekannt. Sie stand dem damals modischen Maoismus nahe und träumte vom jüdisch-arabischen Volkskrieg gegen das zionistische Besatzer-Regime.

Die verbliebene Matzpen-Organisation zerbrach 1972 in zwei Fraktionen, die beide den Namen beanspruchten. Die größere, in Tel Aviv basierte Gruppe um Moshe Machover, Haim Hanegbi und Akiva Orr (die sich seit 1978 Sozialistische Organisation in Israel nannte) verstand sich als unabhängige Organisation innerhalb der Linken und umfasste ein breites Spektrum antizionistischer und antistalinistischer Sozialisten, Anarchosyndikalisten und auch Trotzkisten, während die Jerusalemer Gruppe um Aryeh Bober, Michel Warschawski und Jakob Taut sich klar zum Trotzkismus bekannte und in der Konsequenz sich dem Vereinigten Sekretariat (IV. Internationale) anschloss. Sie nannte sich zunächst Matzpen-Marxist und ab 1975 Revolutionäre Kommunistische Liga. Dies war noch nicht das Ende: Ein Teil von Ma’avak konstituierte sich zur Revolutionären Kommunistischen Allianz – Rote Front um Udi (eigentlich: Ehud) Adiv und Dan Vered.

Diese von Lutz Fiedler mustergültig herausgearbeiteten verwickelten Differenzen zwischen den Gruppierungen drehten sich um das Verhältnis von nationalem und Klassenkampf sowie den Möglichkeiten einer internationalen Organisation.

Avangard sah Israel als eine normale kapitalistische Gesellschaft, in der die Arbeiterklasse als revolutionäre Hauptkraft allein zur Errichtung einer sozialistischen Republik imstande sei. Für Avangard war somit die Konzentration der «alten» Matzpen auf die kolonialen Ursprünge der israelischen Gesellschaft und den nationalen Konflikt eine Ablenkung vom Klassenkampf. Die Ma’avak-Gruppe hingegen kritisierte, dass Matzpen den kolonialen Charakter der israelischen Gesellschaft nicht genug betone. Sie verstand den palästinensischen nationalen Befreiungskampf als notwendigen Schritt in Richtung Sozialismus. Matzpen hielt beiden Gruppen gegenüber an der strategischen Einheit von nationalem und Klassenkampf fest. Oded Pilavsky schrieb, das Ziel der Fatah sei nicht die Beendigung der Unterdrückung eines Volkes durch ein anderes, sondern nur die Verkehrung des Resultats: die Araber in Besatzer zu verwandeln und die Juden in Unterdrückte.

Tragisch endete die kurze Geschichte der Roten Front. Ende 1972 wurde eine Reihe ihrer Mitglieder verhaftet und der Spionage für den syrischen Militärgeheimdienst angeklagt. Udi Adiv, der fließend Arabisch sprach, nahm in der Tat Kontakt zum syrischen Geheimdienst auf und wurde mit einem gefälschten syrischen Pass ausgestattet. Er übermittelte syrischen Geheimdienstagenten Informationen über israelische Militärstützpunkte. Nach einem Sabotagetraining wurde er nach Israel zurückgeschickt, wo er weitere Mitglieder der Roten Front für die syrische Seite rekrutierte. Sie sollten Sabotageakte in Israel durchführen, wurden aber schon vorher gefasst. Einige der Angeklagten gaben an, dass sie vor dem Prozess von israelischen Sicherheitskräften gefoltert worden seien. Udi Adiv und der ebenfalls enttarnte Daud Turki wurden zu je 17 Jahren Haft verurteilt, von denen sie fast 13 absitzen mussten. Rami Livneh wurde zu zehn Jahren verurteilt, doch wurde die Strafe auf vier Jahre verkürzt.

Während die Beteiligung des christlichen Arabers Turki an den Sabotage-Vorbereitungen von der israelischen Öffentlichkeit hingenommen wurde, war dies vor allem im Falle Udi Adivs völlig anders. Seine Eltern gehörten zu den ersten Mitgliedern des linkssozialistischen Kibbutz Gan Shmuel, und er selbst «schien das Idealbild des Sabra [des in Israel geborenen Pioniers] zu verkörpern» (S. 230). Doch als der 21-Jährige 1967 Zeuge der Vertreibung von Palästinensern wurde, «zerbrach für ihn die Utopie des zionistischen Sozialismus: die Vereinbarkeit eines jüdischen Staates mit den universalistischen Idealen eines sozialistischen Internationalismus» (S. 233). So wurde die Mitgliedschaft bei Matzpen für Udi Adiv nur der Beginn einer viel weiter reichenden Radikalisierung. Nun wollte er den Geschichtsverlauf selbst mitbestimmen. Anders als die meisten Matzpen-Mitglieder stellte er sich bedingungslos an die Seite der Palästinenser und ihrer, wie er meinte, Verbündeten. Adiv, der Mitangeklagte Vered und ihre Freunde erkannten damals nicht, dass das syrische Regime nicht das kleinere Übel im Kräftefeld des Nahen Ostens war, sondern eine pseudosozialistische Militärdiktatur, die die Palästinenser nur als Figuren im eigenen Machtspiel benutzte.

Damit hatten Matzpen und ihre Konkurrenz-Organisationen auch in der linken Öffentlichkeit Israels ihren ohnehin sehr begrenzten Einfluss überschritten. Sie wurden im Land selbst zur Marginalie. Doch wirkten viele ihrer Mitglieder als politische Intellektuelle im Ausland. Mit «Israca (Abkürzung für Israeli Revolutionary Action Committee Abroad)» und «Khamsin», begründet von Eli Lobel, entstand in Paris und London eine Reihe von Zeitschriften und Publikationen. Die Zeitschrift «Khamsin» durfte in die DDR eingeführt werden (wo sie der Verfasser dieser Zeilen las), was angesichts dortiger Ängste vor «kleinbürgerlich-revisionistischen» (d. h.: unabhängig-marxistischen) Ideen bemerkenswert war.

Hier beginnt schon die eigentliche Nach-Geschichte der noch bis 1983 bestehenden Matzpen-Organisation, deren Anhänger im Ausland Schriften und Ideen der Gründerväter verbreiteten, so Nathan Weinstock in Belgien, John Bunzl in Österreich, Mario Offenberg, Dan Diner und Micha Brumlik in der Bundesrepublik und West-Berlin. Auch Daniel Cohn-Bendit war zeitweilig vom Internationalismus von Matzpen beeinflusst. Mit Recht hebt Fiedler die konstruktive Rolle des syrischen Philosophen Sadiq al-Azm im Dialog arabischer und jüdischer Linker hervor, was er mit dem Verlust seiner Professur in Damaskus bezahlte. Er vermittelte Kontakte von Matzpen zur marxistischen Demokratischen Front für die Befreiung Palästinas (DFLP), die für Verhandlungen mit Israel eintrat.

Die meisten Matzpen-Mitglieder blieben politisch auf der Linken aktiv. Haim Hanegbi begründete mit Uri Avneri den Friedensblock (Gush Shalom) als eine Stimme gegen Krieg und Besatzung in Israel und Palästina. Akiva Orr wurde ein wichtiger politischer Publizist in England und Israel. Auch Daud Turki etablierte sich als freier Schriftsteller in Israel. Sylvain Cypel wurde stellvertretender Leiter der Internationalen Abteilung von «Le Monde» und arbeitete später als New Yorker Korrespondent für das Pariser Weltblatt. Ilan Halevi trat als erstes jüdisches Mitglied der PLO bei und vertrat sie als Diplomat.

Einigen Matzpen-Mitgliedern gelang die akademische Laufbahn. Moshe Machover unterrichtete mathematische Logik und Philosophie am King’s College London. In London promovierte schließlich auch Udi Adiv und unterrichtete später an einem College in Israel. John Bunzl, Dan Diner und Micha Brumlik wurden bekannte Wissenschaftler und Hochschullehrer in Österreich und Deutschland. Der Rechtsanwalt Nathan Weinstock wurde konservativer Zionist. Mario Offenberg arbeitete für die Berliner Synagogen-Gemeinde Adass Jisroel; auch er brach mit seiner früheren Überzeugung. Eli Lobel und Menachem Carmi starben früh. Doch fünfzig Jahre nach dem Sechstage-Krieg konnte Micha Brumlik (in der «Taz» vom 5. Juli 2017) schreiben: «Wir hatten, was die israelische Besatzung und Besiedlung des Westjordanlandes angeht, Recht. Schlimm genug!»

Worin liegt der Wert von Lutz Fiedlers Buch? Vor allem darin, einer deutschen Leserschaft anhand einer bewussten «Gegenerzählung» Einblicke in die Geschichte Israels zu liefern. Doch stellt der Text implizit auch eine Warnung vor dem Irrweg dar, den Teile einer heutigen Linken beschreiten, wenn sie zum Boykott israelischer Institutionen und Universitäten aufrufen. Denn ohne ein gründliches Studium der Geschichte und der hebräischen Sprache an der Universität Jerusalem, ohne eine umfangreiche Archivarbeit in Israel und ohne intensive Kontakte mit heute in Israel lebenden und lehrenden einstigen Matzpen-Mitgliedern hätte Lutz Fiedler dieses überaus detailreiche Buch gar nicht schreiben können.
 


Lutz Fiedler: Matzpen. Eine andere israelische Geschichte, Schriften des Simon-Dubnow-Instituts Leipzig, Göttingen 2017: Vandenhoeck & Ruprecht (408 S., 70 €).
 


Die Rezension erschienen zuerst in der politischen Monatszeitschrift Sozialismus, Hamburg, 46 (2020), Nr. 6, S. 69-71.