Nachricht | Antisemitismus (Bibliographie) - Linke und jüdische Geschichte Christian Dietrich: Sozialdemokratische Antisemitismusabwehr als Republikschutz 1918 - 1932, Göttingen 2021.

Die Arbeiter:innenbewegung war, bei allen Anfälligkeiten etwa für problematische Stereotypisierungen, weit resistenter und aktiver gegen den Antisemitismus als andere Milieus, Parteien und große Teile der Eliten. Für die SPD bedeutete die Bekämpfung des Antisemitismus zugleich Republik- und Demokratieschutz.

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Autor

Florian Weis,

Mit der vorliegenden Arbeit habilitierte sich Christian Dietrich 2020 an der Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. In seinem ersten Kapitel ordnet Dietrich die sozialdemokratischen Positionen zu Antisemitismus und Zionismus seit dem späten 19. Jahrhundert ein, ausgehend von Friedrich Engels sowie vor allem von August Bebels berühmten Reden von 1892/93. Spätestens nach den Pogromen im Zarenreich 1905/06 wich die leichte Ambivalenz, in der zwar der Judenhass stets abgelehnt wurde, aber ihm in seinem primitiven Antikapitalismus doch auch Elemente zugerechnet wurden, an die anknüpfend die Arbeiterbewegung Menschen jenseits des Judenhasses ansprechen könne, einer unzweideutigen Ablehnung: «Dass der Antisemitismus der Sozialdemokratie nutzen könne, sei kein Grund, den Judenhass nicht zu bekämpfen.» (S. 11).

Dietrichs zentrale These lautet, dass die Sozialdemokratie die Bekämpfung des Antisemitismus als untrennbaren Bestandteil des Republikschutzes verstanden habe: «Er [der Antisemitismus, Anm. des Rez.] war auch ein wesentliches Instrument, um die neugegründete Republik insgesamt zu delegitimieren. Dies betraf wiederum die Sozialdemokratie als eine der staatstragenden Parteien der Weimarer Republik.» (S. 21f.)      

Dietrich stellt im folgenden sechs forschungsleitende Thesen auf: Eine Kolonialismusthese in Bezug auf die Haltung zum Zionismus (1), die hier nicht weiter erörtert werden kann; die schon skizzierte Republikschutzthese (2); eine Abschirmungsthese des eigenen Milieus gegen reaktionäre Spaltungsversuche, als die der Antisemitismus verstanden wurde (3); eine Bezugsthese, mit der der SPD eher eine liberale Staatsbürgerschafts(verteidigungs)position gegen den Antisemitismus zugeordnet wird, während die USPD eine stärker internationalistische Position vertreten habe (4); eine Bewertungsthese, der zufolge die SPD ihren Kampf gegen den völkisch-deutschnationalen Antisemitismus 1923/24 als erfolgreich einstufte und sich darauf dann hoffnungsvoll in ihrem Kampf gegen den NS-Antisemitismus bezog (5); schließlich eine Koalitionsthese, nach der die SPD über das Reichsbanner versuchte, gemeinsam mit dem progressiven Teil des Bürgertums die Republik zu verteidigen (S. 23f.). Die Erfahrungen aus Kaiserreich, Erstem Weltkrieg und Zusammenbruch des Kaiserreiches prägten die sozialdemokratische Erfahrungswelt, was eine angemessene Reaktion auf die tiefen Verwerfungen der Weltwirtschaftskrise und des in manchem neuartigen NS-Antisemitismus erschwerte (S. 35).

Das vierte Kapitel («Eine >gegen die natürliche Entwicklung der Gesellschaft gerichtete Bewegung.< Sozialdemokratie und Antisemitismus») umfasst fast die Hälfte des gesamten Buches und behandelt die gesamte Zeitspanne der Republik samt eines Rückblicks auf das Kaiserreich, wodurch im Gesamtaufbau eine gewisse Unwucht entsteht. Anhand von Reichstagsdebatten, Parteitagen von SPD und – bis 1922 – USPD sowie verschiedener Presseorgane der Sozialdemokratie werden die oben skizzierten Thesen überzeugend entfaltet. Dietrich geht dabei auch auf die «Ostjudendebatte» im Preußischen Landtag und im Reichstag ein. Die USPD, und hier wiederum besonders Personen wie Rudolf Breitscheid und Eduard Bernstein, die später den Weg zurück in die SPD fanden, sei in dem antisemitisch und fremdenfeindlich aufgeladenen Klima der «Ostjudendebatte» klarer und energischer aufgetreten als die SPD, die deutlich zwischen Jüdinnen und Juden mit deutscher Staatsangehörigkeit, die uneingeschränkt unterstützt wurden, und jenen ohne Staatsangehörigkeit unterschieden habe, im Umgang mit denen die SPD und das von ihr geleitete Preußische Innenministerium sich ambivalent verhalten hätten (S. 117ff. sowie S. 239ff.).

Dietrichs Republikschutzthese durchzieht folgerichtig fast alle Abschnitte des Buches, vom Republikschutzgesetz der Regierung des progressiven Zentrum-Kanzlers Joseph Wirth bis in die Endphase der Republik. Eine besondere Aufmerksamkeit wird dabei dem Wirken des 1924 gegründeten «Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold» zuteil, das eine defensive Schutzfunktion, insbesondere aber eine starke Aufklärungsfunktion besaß, die nicht zuletzt der Immunisierung oder Abschirmung des Arbeiter:innenmilieus gegen Antisemitismus und Republikfeindlichkeit diente (S. 170ff., S. 239ff.). In diesem Zusammenhang ist auch von Bedeutung, dass SPD und Reichsbanner zumindest in begrenztem Umfang mit dem «Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens» (CV) kooperierten, was von beiden Seiten, insbesondere aber vom CV, bis weit in den Ersten Weltkrieg hinein ideologisch kaum möglich erschien (S. 260ff.).

So verständlich das Setzen auf ein breites Bündnis zur Republikverteidigung zusammen mit dem Zentrum und dem liberalen Bürgertum war, mit dem dramatischen Zerfall der DDP und anderer bürgerlicher Parteien ab 1929/1930 standen SPD und Reichsbanner weitgehend alleine. Dazu trug auch bei, dass sich die Zentrumspartei im gleichen Zeitraum unter Heinrich Brüning und Ludwig Kaas nach rechts orientierte. Gleichzeitig, so Dietrich, unterschätzte die Sozialdemokratie die neue Kraft und Bedeutung des Antisemitismus für die NSDAP und wandte sich in gleichem Maße gegen die KPD (S. 216f.), wobei der sektiererische und (selbst)zerstörerische Kurs der KPD mindestens ab 1928 hier nicht unerwähnt bleiben soll. Fraglich ist allerdings auch, ob der Durchbruch der NSDAP ab 1929/30 wesentlich auf ihren aggressiven Antisemitismus zurückzuführen war, auch wenn dieser für die Entstehung ihrer Bewegung, für ihren ideologischen Zusammenhalt und mehr noch später für den systematischen Massenmord an den europäischen Jüdinnen und Juden wesentlich und stets präsent war. Sozialdemokratie und Reichsbanner betonten ganz wesentlich die Sündenbock-Funktion des Antisemitismus (S. 165) und seine ablenkende Funktion vom antikapitalistischen Kampf, was nicht falsch war, aber die eigenständige Rolle des Antisemitismus im Nationalsozialismus teilweise verkannte.

Abschließend betont Dietrich noch einmal den Gedanken der Bekämpfung des Antisemitismus als Republik- und Demokratieschutz: «Die Demokratie steht und fällt in wesentlichem Maße mit dem Schutz, der Freiheit und Gleichheit von Minderheiten. Der Sozialdemokratie war dieser Zusammenhang bewusst.» (S. 293). Anhand der exemplarisch dargestellten Lebenswege von Kurt Rosenfeld, Kurt Löwenstein und Julius Kaliski kommt Dietrich zu dem Ergebnis: «Die Sozialdemokratie war für jüdische Politiker (…) gemessen am gesamtgesellschaftlichen Klima ein Emanzipationsraum». (S. 287).    

Die Ergebnisse von Dietrichs Studie bestätigen auch, dass die Arbeiter:innenbewegung, bei allen Anfälligkeiten etwa für problematische Stereotypisierungen, weit resistenter und aktiver gegen den Antisemitismus war als andere Milieus, Parteien und große Teile der Eliten. Während die marxistisch inspirierten Parteien der Arbeiterbewegung sozio-ökonomische, d. h. ganz wesentlich kapitalistische Funktionen und Ursachen des damaligen Antisemitismus überschätzten, tendieren heute viele Erklärungsansätze von Antisemitismus und Rassismus dazu, diese zu unterschätzen.
 


Christian Dietrich: Im Schatten August Bebels. Sozialdemokratische Antisemitismusabwehr als Republikschutz 1918 - 1932, Göttingen 2021: Wallstein (321 S., 34,90 €).
 

Die Rezension erschienen im Mai 2022 in der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft70. Jg., Heft 5, S. 472-474.