Nachricht | L´HOMME. Europäische Zeitschrift für feministische Geschichtswissenschaft, Gender & 1968

rezensiert von Bernd Hüttner

Dieses Heft von L´HOMME ist eine Bereicherung für die Debatte um „1968“, da es etliche Aspekte aufgreift, die sonst nicht untersucht werden. Die von Ingrid Bauer und Hana Havelkova herausgegebene Ausgabe will „Fragen nach den Geschlechterordnungen der Protest- und Oppositionsbewegungen in verschiedenen Ländern Ost- und Westeuropas“ nachgehen und greift damit weit über den oft nur additiven Umgang mit feministischen Fragestellungen innerhalb der historiographischen Debatte zu „1968“ hinaus. Die Hälfte des Heftes machen vier Aufsätze aus, die aus einer im Mai 2008 in Prag abgehaltenen internationalen Konferenz resultieren. Im ersten dieser Texte untersucht Claudia Kraft, inwiefern in den Reformbewegungen und dissidenten Zirkeln die Forderungen nach universalen, also für Männer und Frauen gleichermaßen geltenden Menschenrechten den Blick auf die Asymmetrien des Geschlechterverhältnisses versperrten. Hana Havelkova analysiert in einer Länderstudie die Geschlechter- und Frauendiskussion in der Tschechoslowakei im Vorfeld und in Folge des „Prager Frühlings“. Dessen Vorgeschichte war stark von einer technokratischen Modernisierung staatlicher Politik geprägt, alternative Diskurse entstanden erst später, unter anderem ausgelöst durch den Import westlicher feministischer Literatur. In den beiden ersten Aufsätzen wird sehr gut gezeigt, dass Privatheit in den staatssozialistischen Ländern als vor dem Staat zu schützender abgeschlossener und abgegrenzter Raum definiert wurde, während doch die „westliche“ Frauenbewegung „das Private“ erst politisieren, also auch öffentlich machen wollte. Hinzukommt die auf eine Reform des Sozialismus orientierende starke Betonung universaler Menschenrechte im oppositionellen Diskurs, die die Bedeutung des asymmetrischen Geschlechterverhältnisses tendenziell ausblendete. Mineke Boschs Aufsatz thematisiert die Entwicklung in den Niederlanden, in denen das Jahr „1968“ nicht durch besonders herausragende politische Konfrontationen geprägt war, und auch deshalb retrospektiv vor allem durch die Folie eines Generationenkonfliktes hindurch interpretiert wird. Busch dekonstruiert diese stark durch die damals beteiligten AkteurInnen geprägte Lesart. Konkret schildert sie, wie ein öffentlicher Kuss zwischen einem der wenigen damals offen homosexuell lebenden Männer und der Kulturministerin – der ersten Frau, die in den Niederlanden ein politisches Spitzenamt innehatte – starke Debatten auslöste. Irene Bandhauer-Schöffmann widmet sich sodann der Frage, wie die Medien die Präsenz von Frauen in bewaffneten Organisationen in der Bundesrepublik kommentierten und konstruierten. Das dort entstandene Bild wertete die Teilnahme von Frauen am bewaffneten Kampf zwar als Emanzipationsstrategie, brachte dadurch aber auch die neu entstandene zweite Frauenbewegung in eine Verbindung mit dem „Terrorismus“. Die Anliegen der Frauenbewegung sollten diskriminiert werden. Wie die Frauenbewegung darauf reagierte und die Debatte um den Terrorismus führte, untersucht Branhauer-Schöffer anhand der vier Bewegungszeitschriften „Courage“, „Die schwarze Botin“, „EMMA“ und der österreichischen „AUF“. Den Band schließen kürzere Kommentare und Interviews zur Geschichte der 1968er Jahre in Holland, der Schweiz, Österreich und (West-)Deutschland ab. Sie illustrieren nachhaltig, dass sich analog zu den Spaltungen der auf 1968 folgenden Bewegungen, auch die Erinnerungspolitiken herrschaftsförmig und geschlechterspezifisch konfigurierten, was sich nur teilweise mit der Problematik der „ZeitzeugInnen als HistorikerInnen“ erklären lässt, sondern auch damit, dass in Tradierungspraktiken immer auch Machtverhältnisse eingeschrieben sind. Ein Rezensionsessay zu vier autobiographischen Büchern von Beteiligten an den amerikanischen weatherman rundet das Heft ab. Die Beiträge des lesenswerten Heftes vermitteln neues Wissen und neue Interpretationen, die aus der Flut an Literatur zum 68er-Jubiläum positiv herausstechen. Ihre kritischen Impulse und Fragen sollten bei der nun einsetzenden Historisierung der 1970er und 1980er Jahre beachtet, weiterentwickelt und vertieft werden.

L´HOMME. Europäische Zeitschrift für feministische Geschichtswissenschaft, Gender & 1968 (20. Jg. Heft 2), Wien 2009. 170 Seiten. 19,90 €

Diese Rezension wurde zuerst in der Ausgabe 4/2010 der Zeitschrift Sozial.Geschichte Online publiziert. Diese steht frei zur Verfügung. Hier können die Texte als pdf-Dokumente heruntergeladen werden: http://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DocumentServlet?id=23696