Nachricht | Geschichte - Erinnerungspolitik / Antifaschismus Weitermachen hieß die Parole

Holger Politt über das Buch «Das Amt und die Vergangenheit» und eine persönliche Erfahrung mit der Erinnerungspolitik im diplomatischen Dienst.

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Es begann mit einem Auftrag, eine Überprüfung wurde anberaumt für ein deutsches Amt, welches sich selbst wichtig zu nehmen und von Dienst wegen dementsprechend zu benehmen weiß. Es stellte sich der Überprüfung durch eine unabhängige Historikerkommission, nicht einmal zwingender Not gehorchend, obwohl es vor allem um die Zeit des Nationalsozialismus ging. Bevor die Historiker aus Deutschland, den USA und Israel an das umfangreiche Quellenmaterial herandurften, musste ein Minister über Praktiken stutzen, die wegen der vielen, inzwischen vergangenen Jahre kaum noch ein Normalsterblicher dem Amte zugetraut hätte. Es wurden in offiziellen Schriften des Hauses aus Anlass ihres Ablebens nämlich noch immer Leute geehrt, die an exponierter Stelle tief in Deutschlands brauner Vergangenheit verstrickt waren.

Der damalige grüne Außenminister Joschka Fischer mochte das nicht hinnehmen, glaubte er doch wie viele, dass sich Deutschlands höchste Ämter längst restlos vom braunen Schmutz gereinigt hätten. Sei es wie es sei, Außenminister Fischer schwieg nicht, ließ vielmehr ausgewiesene Historiker berufen, denen freier Zugang zu den Akten und Freiheit der Forschung garantiert war. Heraus kam nach fünf Jahren intensiver Arbeit ein der Seitenzahl nach dickes Buch, in dem im Herbst 2010 die vier Historiker dem Publikum in komprimierter Form die Aktenlage nachlesbar zugänglich machten. Und das Bild, welches sich nun dem Lesestoff nach bietet, ist recht eindeutig. Das Auswärtige Amt war in der Zeit des Nationalsozialismus tief verstrickt in die Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Es war Teil des Europa und andere Weltteile mit Krieg und Verwüstung, mit Massenmord überziehenden Machtapparates des Hitlerstaats.

Anfang 2011 machte sich einer der Autoren, der israelische Historiker Moshe Zimmermann, mit Unterstützung der Rosa Luxemburg Stiftung auf, um in Deutschland sich mit Lesern zu treffen. Im Januar waren es sechs Orte, im Februar werden es drei weitere sein. Und das Interesse bei den Lesern, die in den meisten Fällen nicht vom historischen Fach stammen, ist groß. Sie wurden nicht enttäuscht, denn Moshe Zimmermann geizt nicht mit klaren Aussagen, die an Abgewogenheit des Urteils und Seriosität der Fakten nichts zu wünschen übrig lassen.

Bereits der Titel des Buches, um den mit den Autoren heftig gestritten wurde, nennt die Sache beim Namen: „Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik“. Und keiner der Forscher sei überrascht gewesen über das Ausmaß der Verstrickungen in der Hitlerzeit, hier bestätigten die ausgewerteten Dokumente das bisher vorliegende Wissen. Bis auf ganz wenige Ausnahmen waren die Ministerialbeamten bereitwillige Erfüllungsgehilfen im Räderwerk von Krieg und Vernichtung.

Als die Hitlerleute noch herumrätselten, wie sie die „Judenfrage“ in Deutschland lösen sollten, waren es AA-Beamte, die – wie Moshe Zimmermann es auf den Punkt brachte – bereits „Bescheid wussten“. Denen nämlich war längst klargeworden, dass die „Judenfrage“- wenn überhaupt -  nur in europäischer Perspektive lösbar sei, und sie boten nach Kriegsbeginn bis fast zum bitteren Ende hin ihre genauen Kenntnisse vor Ort an, um effektive Gesamtlösungen in den okkupierten Ländern und eroberten Gebieten zu ermöglichen.

Zu den wenigen Ausnahmen gehören zwei Vorgänge, die wegen ihres außergewöhnlichen Charakters unbedingt erwähnt gehören, auch weil sie zeigen, welche Gewissensentscheidungen deutschen Diplomaten unter dem Hakenkreuz treffen konnten. Im besetzten Dänemark informierte ein Beamter der deutschen Vertretung in Kopenhagen die dänische Widerstandsstruktur rechtzeitig über die geplante Deportation von knapp 7.000 Menschen jüdischer Herkunft. Fast alle konnten gerettet werden, weil sie sich in Kopenhagen und anderswo bei Mitbürgern verstecken konnten und über Nacht mit Fischerbooten ins sichere Schweden gebracht wurden. Unter den Geretteten war auch der deutsche Jude Fritz Bauer, der spätere Generalstaatsanwalt im Bundesland Hessen.

In Budapest aber gelang es einem schweizerischen Botschaftsangestellten mit unmittelbarer Hilfe des deutschen Botschaftsgesandten 50.000 Menschen vor der drohenden Deportation nach Auschwitz zu retten. Es gelang, in dreißig durch die schweizerische Botschaft angemieteten Häusern diese Menschen zu verstecken vor den auf Menschenjagd befindlichen Terrortruppen der durch Hitlers Gnaden eingesetzten ungarischen Pfeilkreuzler-Regierung. Das Bravourstück des deutschen Beamten bestand nun darin, zum Schutz der gemieteten Häuser vor den Pfeilkreuzler-Garden ungarische Polizisten eingesetzt zu haben. Mit Erfolg, wie sich zeigte.

Doch das waren die großen Ausnahmen, Abweichungen von der Regel. Und die Regel nach 1945 sah so aus, dass dem in Nürnberg gehenkten Minister Ribbentrop abgeschworen wurde, so als ob er von Anfang an zusammen mit einigen wenigen Günstlingen ein Fremdkörper im Fleische der untadeligen Amtsstruktur gewesen wäre. Und es wurden Netzwerke gesucht, um zunächst erfolgreich unterzutauchen und sich möglichst zu schonen für neuerliche Karrieren. Die Chancen dazu kamen und wurden genutzt, auch weil der Kalte Krieg die einstigen, gegen Hitler gemeinsam ins Feld gezogenen Alliierten in Ost und West fast restlos entzweite.

Dieser Teil der Forschungen und der Aktensichtung bot die größeren Überraschungen, fesselt auch als Lesestoff. Die große Resonanz, auf die Moshe Zimmermann während seiner Lesereise stieß, hat vor allem mit diesem Teil zu tun, da es viel unmittelbarer das eigene Gemeinwesen zu treffen scheint. Auch alle kritischen Bemerkungen zum Buch meinen meistens diesen Teil, denn an der Faktenlage bis 1945 kann kaum noch gerüttelt werden.

Auch deshalb soll eine Randfigur genannt werden, die im Buch nur nebenbei an zwei kurzen Stellen Erwähnung findet. Hans Adolf Moltke brachte es unter Hitler zum Botschafter, nämlich erstens in Warschau und zweitens in Madrid. Er war Botschafter, als Hitler ohne vorherige Kriegserklärung den Überfall auf Polen befahl und damit den Zweiten Weltkrieg vom Zaune brach. Botschafter Moltke wollte damals die Vertreter der Weltpresse davon überzeugen, dass Polen den Krieg angefangen habe, der eigentlich Schuldige an der entstandenen Situation in Europa sei.

Später wurde er noch einmal Botschafter - in Madrid, in Franco-Spanien. Als es in Berlin um die Frage ging, was mit den spanischen Juden zu geschehen habe, die sich in Deutschland bzw. im Machtbereich der Deutschen aufhielten, machte Botschafter Moltke seinen Gesprächspartner in Madrid klar, es gäbe nur zwei Lösungen: Entweder die jüdischen Bürger „heimzuschaffen“, wie es im Amtsjargon hieß, oder aber zu akzeptieren, dass ansonsten nur „ihre Unterwerfung unter die allgemein geltenden Bestimmungen“ in Frage käme.

Und noch im Sommer 2009 hing Botschafter a. D. Moltke als Konterfei an der Wand in der Bibliothek der fast noch nagelneuen Deutschen Botschaft zu Warschau. Kein noch so kleiner Platz fand sich übrigens für den ersten deutschen Botschafter, der nach dem Krieg in Warschau sein Amt aufnahm, für Friedrich Wolf, einen deutschen Juden und entschiedenen Hitlergegner. Der weltbekannte Schriftsteller wurde im Herbst 1949 der erste Botschafter der soeben gegründeten DDR in Polen. Interessant wäre indes, zu sehen, ob der Nazi-Botschafter auch jetzt noch die Botschaft der Bundesrepublik in Warschau schmücken darf. Ich denke, das Buch hat ausgereicht, ihn abzuhängen.

(Holger Politt)

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