Nachricht | Geschichte - Erinnerungspolitik / Antifaschismus Aktuelle Fragen von Holocaust-Education und Gedenkstättenpädagogik

Ein Weiterbildungsangebot für Lehrer_innen/Multiplikator_innen historisch-politischer Jugendbildung zu aktuellen Fragen am Beispiel der Gedenkstätte des ehemaligen KZ Mauthausen mit seinen Nebenlagern

„Aktuelle Fragen von Holocaust-Education und Gedenkstättenpädagogik im internationalen Vergleich – Das Beispiel: Gedenkstätte des ehemaligen KZ Mauthausen mit seinen Nebenlagern im Netzwerk des Terrors der Nationalsozialist_innen“ war das Thema einer Weiterbildung für 20 Lehrer_innen/Multiplikator_innen historisch-politischer Jugendbildung vom 31.5.-5.6.2011 in Berlin und Oberösterreich.

Erwünscht für die Teilnahme an dieser Weiterbildung waren bereits bestehende Kooperationsbeziehungen mit der Rosa Luxemburg Stiftung/Akademie für politische Bildung/Gesprächskreis „Geschichte für die Zukunft“ und/oder dem Deutschen Mauthausen Komitee Ost e.V. (DMK Ost) in Bezug auf gemeinsame Schulprojekte im Bereich der historisch-politischen Jugendbildung.
Über 15 Monate wurde diese Weiterbildung im GK „Geschichte für die Zukunft“ und in enger Kooperation mit DMK Ost vorbereitet. Unsere Kooperationspartner_innen in Oberösterreich waren Mitglieder des „Bundes Sozialdemokratischer Freiheitskämpfer_innen, Opfer des Faschismus und aktiver Antifaschist_innen“, ohne deren Unterstützung und Begleitung diese Weiterbildung nicht möglich gewesen wäre.

Dem gemeinsamen Bildungsansatz des GK „Geschichte für die Zukunft“ und dem DMK Ost folgend, standen folgende Zielstellungen im Mittelpunkt dieses Projekts:

1.Ein Weiterbildungsangebot für Lehrer_innen/Multiplikator_innen historisch-politischer Jugendbildung zu aktuellen Fragen von Holocaust-Education und Gedenkstättenpädagogik im internationalen Vergleich am Beispiel

  • der Gedenkstätte eines ehemaligen KZ und dessen Nebenlagern, die bei bundesdeutschen Weiterbildungsangeboten zu diesen Themen eher nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen und
  • der internationale Erfahrungsaustausch zu Fragen der Erinnerung an Geschichte und Verantwortung für die Zukunft bei der jungen Generation, ohne sich künftig noch auf die unersetzbaren Möglichkeiten des kommunikativen Erinnerns mit Zeitzeug_innen stützen zu können;


2.Die Beförderung von Erfahrungsaustausch und Vernetzungsmöglichkeiten der Teilnehmer_innen untereinander;

3. und schließlich prioritär für die Ziele der Weiterbildung: Die Initiierung neuer Schüler_innen-Geschichtsprojekte, die der Erinnerung an das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte und der Verantwortung der jungen Generation für die Zukunft gleichermaßen gerecht werden. Dabei haben wir ganz bewusst ein bereits realisiertes Projekt von Schüler_innen des Ernst-Haeckel-Gymnasiums in Werder/Havel und dem Lyceum Nr. 26 in Warschau sowie dem Wolterstorff-Gymnasium Ballenstedt in Zusammenarbeit mit dem DMK Ost in den Mittelpunkt gestellt – Die Ausstellung „Im Tod lebendig. Erinnern heißt handeln“. Ein nicht unwesentlicher Teil der Ausstellung beinhaltet Biografien von ehemaligen Mauthausenhäftlingen sowie Helfer_innen im Überlebenskampf der Häftlinge.

In den Ländern Brandenburg, Berlin und Sachsen-Anhalt hat diese Ausstellung bereits für eine Reihe von Folgeprojekten gesorgt, so auch in der RLS/Akademie für politische Bildung: Der GK „Geschichte für die Zukunft“ hat angeregt, diese Ausstellung (wie schon zuvor die Ausstellungen „Rosa Luxemburg“ von Maxi Besold, „Schloss. Palast der Republik. Humboldt-Forum“ von Bruno Flierl und „KZ Auschwitz. Stätte des GeDenkens, Mahnung an die Menschheit“ von Eric Paul und Louisa-Christiane Arndt vom Christa-und-Peter-Scherpf-Gymnasium in Prenzlau) in einem mobilen, laminierten A-3-Format als Ausstellungs-/Bildungsmappe, geeignet für Unterricht, Klassenzimmer, Jugend-Geschichtsclub…zu produzieren und Lehrer_innen/Multiplikator_innen historisch-politischer Jugendbildung zur Verfügung zu stellen – nicht ohne „Hintergedanken“!

2013 begehen wir den 100. Geburtstag von Willi (Wilhelm) Rentmeister (geb. am 24. November 1913 in Oberhausen; seine Mutter und seine fünf Geschwister haben wie er das Netzwerk des nationalsozialistischen Terrors in seiner ganzen Breite erdulden müssen und überlebt; Willi war langjähriger Vorsitzender der Lagergemeinschaft Mauthausen der DDR, seine Witwe, Elsa Rentmeister, ist Ehrenvorsitzende des DMK Ost). Anlässlich Willi Rentmeisters 100. Geburtstag wollen das DMK Ost und der GK „Geschichte für die Zukunft“ bei der RLS Schüler_innen-Geschichtsprojekte befördern, die sich die Erarbeitung weiterer Biografien ehemaliger Häftlinge des KZ Mauthausen und dessen Nebenlagern zur Aufgabe stellen, um damit die bestehende und als „Work in Progress“ gedachte Ausstellung „Im Tod lebendig. Erinnern heißt handeln“ zu erweitern und zu bereichern.

Deshalb wurde

  • am Beginn der Weiterbildung nach einem Kulturprogramm mit Gina Pietsch und Uwe Streibl zum Leben von Mikis Theodorakis von Aktivist_innen des Ausstellungsprojekts das Original in Berlin präsentiert;
  • allen Teilnehmer_innen der Weiterbildung ein Ausstellungsexemplar zur Verfügung gestellt;
  • die Ausstellungs-/Bildungsmappe den oberösterreichischen Kooperationspartner_innen als Beispiel möglicher, künftiger Methodenarbeit auch ohne kommunikatives Erinnern mit Zeitzeug_innen überreicht.

Die künftige Erinnerungsarbeit mit Jugendlichen ohne die Möglichkeiten des kommunikativen Erinnerns war überhaupt ein zentraler Diskussionspunkt während der gesamten Weiterbildung. Ausführlich haben wir eigene methodische Erfahrungen untereinander und mit den oberösterreichischen Kooperationspartner_innen diskutiert. Kontrovers war unsere Diskussion zur Methodenarbeit, wenn neben fehlenden Möglichkeiten des kommunikativen Erinnerns auch der Ort des Erinnerns quasi nicht mehr erkennbar ist:
Die „Nebenlager Gusen“ sind solche Orte. „Das knapp fünf km von Mauthausen entfernt eingerichtete Lager Gusen stellt wegen seiner Ähnlichkeit mit dem Stammlager und seiner Existenzdauer und Größe einen Sonderfall im System von Mauthausen dar. Gusen war kein Außenlager, wie sie vor allem in der zweiten Kriegshälfte entstanden, sondern bildete vielmehr mit dem Lager Mauthausen eine Art Doppellager in einem von dem SS-Unternehmen Deutsche Erd- und Steinwerke (DESt) genutzten Gebiet großer Granitsteinbrüche zwischen den Ortschaften Mauthausen und St. Georgen an der Gusen.“ (Zit. nach: Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, hrsg. von Wolfgang Benz und Barbara Distel, Bd. 4, S. 371).

Diese Rolle Gusens im KZ-System ist nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich wenig bekannt. Die Topografie der Nebenlager Gusen I, II und III ist durch deren Abriss nur noch an wenigen Stellen erkennbar. In Gusen II hat so gut wie kein Häftling überlegt; die Häftlingsunterbringung dort führte auch ohne Zutun einer „Aktion Reinhardt“ zum Tod. Das Lager wurde von der US-Armee nach der Befreiung wegen der großen Seuchengefahr vollständig niedergebrannt.

Wie können Gedenkstättenpädagog_innen an solchen Orten mit Schüler_innen Erinnerungsarbeit leisten?
In Gusen gibt es seit kurzem einen Audio-Guide mit den Stimmen und Erinnerungen von Anwohner_innen, die durch die heutige Siedlungsidylle führen. Weder die Teilnehmer_innen noch die Veranstalter_innen hatten sich bisher mit so einer Methode der Erinnerungsarbeit auseinander gesetzt. Es gab viel Skepsis bei den älteren Teilnehmer_innen, aber durchgängig Zustimmung bei den jungen und jüngeren Teilnehmer_innen. Trotz kontroverser Diskussion dieser Methode der Erinnerungsarbeit haben wir alle einen großen Erkenntniszuwachs über die Nebenlager Gusen und Möglichkeiten wirksamer Erinnerungsarbeit unter neuen Bedingungen erlangt.
Für die Auseinandersetzung mit dem ganzen Netzwerk des Terrors der Nationalsozialist_innen war diese Studienfahrt für uns

Lehrer_innen/Multiplikator_innen historisch-politischer Jugendbildung ein wichtiger Abschnitt; weitere werden folgen. Anregungen und neue Projektideen, die an Schulen und geschichtsinteressierte Schüler_innen herangetragen werden können, gab es mehr, als die RLS und das DMK Ost kurzfristig unterstützen können. Bis zum Frühjahr 2013 soll die Beförderung von schulischen Projekten, die die Erarbeitung weiterer Biografien von ehemaligen Häftlingen aus Mauthausen und dessen Nebenlagern in den Mittelpunkt stellen, einen besonderen Platz in unserer historisch-politischen Jugendbildungsarbeit einnehmen. Neue Interessent_innen, die sich an unseren Vorhaben beteiligen möchten, sind uns herzlich willkommen. Eine Ausstellungs-/Bildungsmappe „Im Tod lebendig. Erinnern heißt handeln“ stellen wir als Grundlage für die Erarbeitung weiterer Biographienbeiträge gerne zur Verfügung.