Nachricht | Ungleichheit / Soziale Kämpfe - Wirtschafts- / Sozialpolitik - Kapitalismusanalyse Krise ohne Konflikt?

Am vergangenen Freitag wurde in der Rosa-Luxemburg-Stiftung eine Studie vorgestellt, die erstmals seit 15 Jahren wieder die Frage von Krisenbewußtsein in den Belegschaften und den Konsequenzen für die gewerkschaftliche Interessenvertretung aufwirft.

Information

Dieter Sauer, einer der AutorInnen, stellte die zentralen Arbeitsergebnisse des ForscherInnenteams aus dem ISF München (http://www.isf-muenchen.de/) und der Vereinigung Wissentransfer (http://www.wissentransfer.info/) zur Diskussion. Die WissenschaftlerInnen hatten in den vergangenen Monaten Vertrauensleute und Betriebsräte zu den Wirkungen der Wirtschaftskrise in den Belegschaften befragt. Die so entstandene Studie analysiert die Aussagen der Befragten unter dem Gesichtspunkt, wie die Wirtschaftskrise selbst in den Belegschaften wahrgenommen wird und wie sich deren Sichten auf Gesellschaft, Politik, Betrieb und Gewerkschaft verändert haben. Breiten Raum nimmt die Dokumentation der Positionen ein. Die LeserInnen können sich so ein eigenes Bild über die Situation machen können. Die Analysen setzen eng an den dokumentierten Aussagen an und verallgemeinern nur in sehr vorsichtigem Maße.

Die Studie scheint auf den ersten Blick andere Untersuchungen und Thesen zum Verhalten in der Krise zu bestätigen. Hinter dem oberflächlichen Eindruck einer »Krise ohne Konflikt« verbergen sich massive Ohnmachtserfahrungen, heißt es in der Studie. Allerdings ist dies anderes als vor zehn oder fünfzehn Jahren mit Wissen um die Ursachen der Krise, um die Hintergründe und Mechanismen ihrer Bearbeitung verbunden. Nicht der Konflikt mit dem Management steht im Mittelpunkt, sondern die Systemfrage. Das Ausbleiben offener Konflikte resultiert nicht aus bedingungslosen Akzeptanz des Gegebenen, sondern aus dem Fehlen von Alternativen. Ohnmacht, wachsender Zorn und Erwartung darauf, dass „etwas passiert“ verschmelzen im Krisenbewußtsein der Befragten. Eins zeigt die Studie so mit großer Deutlichkeit – das Bild, das viele AktivistInnen von den „Massen“ haben, ist wenigstens ungenau. Gewerkschaften und linke Bewegungen müssen ihre Arbeitsweise ändern, wenn sie den Erwartungen vieler Menschen gerecht werden wollen.

Die von der RLS und der Wolfgang-Abendroth-Stiftungsgesellschaft Fürth geförderte Arbeit wird in Kürze im VSA-Verlag veröffentlicht.

Zusammenfassung der Arbeitsergebnisse (Auszug aus der Studie): http://ifg.rosalux.de/files/2011/02/auszug-krisenbewusstein.pdf

Übersicht über Kernaussagen der Studie (Präsentation der Ergebnisse vom 11.02.2011):  http://ifg.rosalux.de/files/2011/02/krisenbewusstsein.pdf