Nachricht | Ungleichheit / Soziale Kämpfe - Kapitalismusanalyse - Gesellschaftstheorie Neue «Luxemburg»: Gerechte Übergänge

Die ökologischen wie ökonomischen Grenzen des gegenwärtigen kapitalistischen «Wachstumsmodells» sind erreicht. Doch was sind die Alternativen? Heft 1/2011 beschäftigt sich mit Positionen der «Mosaik-Linken».

Wir können nicht so weiter machen wie bisher, wollen wir unseren Planeten auch in Zukunft bewohnen. Doch was sind die Alternativen? Die Vorstellungen und Perspektiven darüber gehen selbst innerhalb der Mosaik-Linken weit auseinander: soziales oder qualitatives Wachstum, grünes Wachstum bzw. Green New Deal und Steady-State-Economy ohne Wachstum oder gar Schrumpfung (DeGrowth).

Beim Reden über die Überwindung eines schädlichen Wachstums ist entscheidend, wohin die Transformation gehen soll. Andernfalls geht die Wachstumskritik ins Leere. Ohne gerechte Übergänge wird es schwer, eine breite Zustimmung zu einem Einstieg in den Umstieg zu gewinnen. Bisher gibt es nur wenige Übersetzungsversuche, die Differenzen und Gemeinsamkeiten herausarbeiten, die erlauben, gerechte Übergänge transnational zu denken.

Mit Beiträgen von Leida Rijnhout, Eduardo Gudynas, John Bellamy Foster, Alberto Acosta, Nicola Bullard, Amit Bhaduri, Ho-fung Hung, Angelika Zahrnt & Irmi Seidl, Hermann Scheer, Wolfgang Rhode, Dieter Klein u.a.

Ab 6. April erhältlich:

Luxemburg 1/2011, April 2010, 160 S., VSA Verlag, ISBN 978-3-89965-856-9 10 Euro
Hrsg.: Rosa-Luxemburg-Stiftung
Weitere Infos: www.zeitschrift-luxemburg.de

Inhalt

Jenseits des Wachstums

  • Leida Rijnhout: Die industrialisierte Welt schrumpfen
  • John Bellamy: Foster Schrumpf oder stirb?
  • Amit Bhaduri: Vernichtendes Wachstum in Indien
  • Ho-fung Hung: Globale Krise und Entwicklung in China
  • Stefan Schmalz: Chinas technokratischer Green New Deal
  • Günther Bachmann: Wider das Wachstumspathos
  • Michael Dauderstädt: Soziales Wachstum für Alle
  • Tilman Santarius: Die fetten Jahre sind vorbei
  • Ralf Krämer: Umbau – sozial und ökologisch
  • Wolfgang Rhode und Kai Burmeister: Wachstum für Arbeit und Umwelt
  • Uwe Witt: Die Mär vom nachhaltigen Wachstum
  • Irmi Seidl und Angelika Zahrnt: Warum Konsum sich ändern muss
  • Dieter Klein: Zahnlos-fulminante Wachstumskritik
  • Rainer Rilling: Book Bloc
  • Wu Ming Kollektiv: «Ohne Erzählung ist jeder Kampf verloren»
  • Ryan Pyle: China Manufacturing

Strategische Übergänge – Just Transition

  • Nicola Bullard: Just Transition – Einstieg in Transformation?
  • Harald Schumann und Hans-Jürgen Urban: Gespräch über Konversion und Mosaik-Linke
  • Mario Candeias: Strategische Probleme eines gerechten Übergangs
  • Campaign against Climate Change Eine Million Klima-Jobs jetzt!
  • Milton Rogovin: Bilder aus Buffalo
  • Holger Politt: Vorbemerkung zu Rosa Luxemburg
  • Rosa Luxemburg: Aus Russland
  • Eduardo Gudynas: Die Linke und die Ausbeutung der Natur
  • Alberto Acosta: Alternativen zum Extraktivismus
  • Hermann Scheer: Energie System Wechsel

Class & Care

  • Stefanie Graefe: Alltag in der Präventionsgesellschaft
  • Jana Seppelt, Julian Jaedicke und Heiner Reimann: Zwischen Aufopferung und Arbeitskampf. Organisierung in evangelischen KiTas
  • Meinhard Meuche-Mäker: Sieg des Elternwillens?
  • Zur gescheiterten Schulreform in Hamburg

Editorial

Die ökologischen wie ökonomischen Grenzen des gegenwärtigen »Wachstumsmodells« sind erreicht. »Wenn wir unseren Planeten auch in Zukunft bewohnen wollen, können wir nicht so weitermachen«, darüber herrscht Einigkeit in allen politischen Lagern. Doch was wächst da eigentlich? Geht es um Wachstum durch Kapitalverwertung, also Akkumulation auf erweiterter Stufenleiter, die immer mehr
Energie und Ressourcen verbraucht? Oder um das Wachstum des Bruttoinlandsproduktes (BIP), in das auch die Reparatur sozialer oder ökologischer Schäden mit einfließt? Die Milliarden zur Bekämpfung der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko steigerten das BIP der USA beträchtlich. Unbezahlte Produktions- und Reproduktionsarbeit wird meist nicht gezählt, obwohl die eine unerlässliche gesellschaftliche Stütze ist. In einer bedürfnisorientierten Ökonomie hätte der Einsatz menschlicher und natürlicher Ressourcen – anders als im Kapitalismus – nicht unbedingt mit Wert, Geld, Verwertung, Löhnen zu tun. Bedürfnisse
und Ökonomie können sich qualitativ entwickeln, ohne dass sie quantitativ stofflich wachsen müssen.

Vor fast 40 Jahren veröffentlichte der Club of Rome die Studie Grenzen des Wachstums. 1990 wurde im Rahmen der Vereinten Nationen der Human Development Index entwickelt, der Pro-Kopf-Einkommen, formales Bildungsniveau und Lebenserwartung kombiniert. Seit 1991 gibt es die Umweltökonomische Gesamtrechnung des Statistischen Bundesamtes. Auf Betreiben des französischen Präsidenten Sarkozy
setze die Europäische Union 2009 eine «Glückskommission» zur Bestimmung von neuen Indikatoren für «wirtschaftliche Performance und sozialen Fortschritt» ein. Ihr gehörten Kritiker und Renegaten des Neoliberalismus wie Joseph Stiglitz und Amartya Sen an. In Bhutan wird das »Bruttonationalglück« bereits erhoben, und der Deutsche Bundestag hat zu Beginn des Jahres 2011 die Enquete-Kommission «Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität» eingesetzt. Doch trotz der neuen Indikatoren und der Diskussionen in Expertengremien: Eine politische Wende ist damit nicht verbunden.

Lange wurden Ökologie und Ökonomie auch in linken Debatten als Gegensätze behandelt. An dieser Gegenüberstellung verliefen die Trennungslinien einer fragmentierten – gewerkschaftlichen, ökologischen, feministischen – Linken, die sich kaum zum Mosaik zusammenfand. Inzwischen wird die Notwendigkeit einer sozialökologischen Wende breit diskutiert, ökologische Modernisierung auch als Chance für die
ökonomische und soziale Entwicklung betrachtet, zumindest theoretisch. Über Wege und Zielrichtung gibt es Uneinigkeit: soziales oder qualitatives Wachstum, grünes Wachstum bzw. Green New Deal, wohlfahrtsstaatliches Wirtschaften ohne Wachstum, Entkopplung des ökonomischen vom stofflichen Wachstum und Schrumpfung sowie individueller und gemeinschaftlicher Konsumverzicht.

Von einer Wende sollen alle profitieren: «die Wirtschaft» mit neuen Wachstums- und Exportmärkten (die doch implizit Verluste anderer in Kauf nehmen), die Lohnabhängigen mit neuen Jobs, der Staat mit zusätzlichen Steuereinnahmen und allen voran «die Umwelt» durch weniger Ressourcen- und Energieverbrauch. Ob dies möglich ist, ob eine Wende ohne grundsätzlichen Bruch mit der kapitalistischen Form des Wirtschaftens machbar sein wird, ist umstritten. Eine Alternative wäre, sie mit der Perspektive eines Guten Lebens (Buen Vivir) zu verbinden, die statt auf steigenden Warenkonsum auf Zeitwohlstand und den Reichtum menschlicher Beziehungen zielt. Leicht schwingt hier ein moralischer Appell zu einem bescheideneren, weniger «materiellen» Leben im Einklang mit der Natur mit. Doch eine für alle asketische Lebensweise zu predigen, ohne die ungleiche Verteilung der Kosten einer sozial-ökologischen Transformation zur Sprache zu bringen, wird nicht überzeugen. Die Vermittlung von Partikular- und vermeintlichen Allgemeininteressen darf nicht nur abstrakt von oben gedacht werden. Statt die Ansprüche der Vielen, zumal aus dem globalen Süden, zu delegitimieren, ist zu fragen, wie sie für ein solches Projekt gewonnen werden könnten. Ohne gerechte Übergänge, ohne die Frage, wo die Transformation hingehen soll, kann eine breite Zustimmung zu einem Einstieg in den Umstieg nicht gewonnen werden. Er bleibt dann zwischen Klientelpolitik der Gewerkschaften für ihre (schwindende) Basis von Kernbelegschaften und Politik der abgesicherten Mittelklassen für eine »gute Natur« für sich und ihre Kinder stecken. Bisher gibt es nur wenige Versuche, die Differenzen und Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten, wenig Bemühen um eine »Übersetzung«, die erlauben würde, gerechte
Übergänge über nationale Grenzen hinweg zu denken. Das Heft will hierzu einen Beitrag leisten.


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