Nachricht | Geschichte - Rosa Luxemburg Mit Rosa Luxemburg am Rio Paraguay

Im April 2011 fand in der Hauptstadt Paraguays ein Seminar zur Bedeutung Rosa Luxemburgs in Lateinamerika statt. Die TeilnerhmerInnen entdeckten das Werk Luxemburgs als eine vielversprechende Fundgrube für aktuelle Fragen.

Information

Vom 6. bis 9. April 2011 fand in Asunción, der Hauptstadt Paraguays, ein Seminar zum Thema «Die aktuelle Bedeutung des Wirkens und des Werks von Rosa Luxemburg in Lateinamerika» statt. Organisatoren waren die sozialen Basisorganisationen «Base», «Conamuri» und «Serpaj Py» aus Paraguay in Zusammenarbeit mit dem Regionalbüro São Paulo der Rosa Luxemburg Stiftung. Zu diesem Workshop wurden Teilnehmer aus Brasilien, Argentinien, Uruguay, Chile und Deutschland geladen. Die Teilnehmer aus den verschiedenen Ländern Lateinamerikas vertraten soziale Basisbewegungen ihrer Länder, wie z. B. Landlosen- oder indigene Bewegungen, Gewerkschaften, linksgerichtete politische Parteien oder intellektuelle Diskussionszusammenhänge. Auffällig waren der überdurchschnittlich hohe Anteil von Frauen und die Vielzahl von jüngeren bzw. jugendlichen Teilnehmern. Obwohl Rosa Luxemburgs Lebens- und Wirkungszeit bereits einhundert Jahre zurückliegt, wurde bereits mit Beginn des Seminars deutlich, welch hohe Bedeutung der polnisch-jüdischen Denkerin und Revolutionärin, die vor allem in den Arbeiterbewegungen Deutschlands, Polens und Russlands ihre Spuren hinterlassen hatte, im heutigen Lateinamerika zukommt. Sie zählt hier zu den bekanntesten Persönlichkeiten aus der Tradition der europäischen Arbeiterbewegung des 20. Jahrhunderts. Dennoch dürfte das Seminar in Asunción eines der ersten Zusammentreffen gewesen sein, in dem auf dem Boden Paraguays in konzentrierter Form über das theoretische und praktische Erbe Rosa Luxemburgs in aller Öffentlichkeit nachgedacht und gestritten wurde. Auch deshalb erwies sich die Einführung in Leben und Werk Rosa Luxemburgs, die durch Isabel Loureiro, Philosophie-Professorin aus São Paulo, vorbereitet und präsentiert wurde, als überaus wichtig und nützlich. Hier erhielten alle Teilnehmer in prägnanter und visualisierter Form einen fassbaren Einstieg und grundlegenden Überblick über die Auf-fassungen Rosa Luxemburgs in wichtigen Fragen der damaligen Arbeiterbewegung, der Gewerkschaftsarbeit, zum Verhältnis zwischen politischer Partei und sozialen Bewegungen sowie zu ihrem Verständnis von bürgerlich-liberaler Gesellschaft und der Vision eines diese Gesellschaft ablösenden Sozialismus. Im Mittelpunkt stand dabei die für die Teilnehmer sehr gut nachvollziehbare Debatte zwischen Rosa Luxemburg und Eduard Bernstein, die an der Frage Sozialreform oder Revolution sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts entzündete. Die weitere Diskussion an den Seminartagen zeigte beispielhaft, wie aktuell die Frage dieses tatsächlichen oder vermeintlichen Gegensatzes für viele soziale Bewegungen und linksge-richtete Kräfte und Parteien im südlichen Lateinamerika heute wieder ist. Das wurde auf mehreren Podien eindrucksvoll unter Beweis gestellt, auf denen die Fragen nach dem Sozialismus und die Haltung zum System der repräsentativen Demokratie auf den Prüfstand gehoben wurden. Nach dem kompletten Zusammenbruch des nach dem sowjetischen Modell funktionierenden Staatssozialismus in Europa und den in den letzten Jahren in Lateinamerika gemachten Erfahrungen mit linksgerichteten Regierungen wurde der Rückgriff auf das Werk von Rosa Luxemburg durch viele Teilnehmer als ein wesentlicher Beitrag zu aktuellen Debatten verstanden. Dabei standen eigene Problemsichten und die Schwierigkeiten des jeweiligen politischen Alltags im Mittelpunkt der Diskussion und des Interesses. So etwa in der Frage der Teilhabe von Frauen am politischen Prozess, die aus der Sicht der unterschiedlichsten Ebenen des politischen Lebens – von der Selbstorganisation über die Selbstverwaltung bis hin zur parlamentarischen Ebene – und aus der Perspektive aller teilnehmenden lateinamerikanischen Länder untersucht wurde.
Auch insofern waren die Beiträge der beiden aus Deutschland eingeladenen Referenten für die Ausrichtung der Diskussion sehr wichtig, wurden die Teilnehmer doch so an zwei Schlüsselprobleme im Werk Rosa Luxemburgs herangeführt. Jörn Schütrumpf (Karl Dietz Verlag, Berlin) konzentrierte sich in einem ausführlichen Beitrag auf das Freiheitsverständnis Rosa Luxemburgs, von dem aus sie den Weg einer sich von Ausbeutung und Unterdrückung emanzipierenden, also davon freimachenden Gesellschaft für gangbar und notwendig hielt. Der Beitrag zeigte sehr gut nachvollziehbar, welche Bedingungen Rosa Luxemburg dafür als erforderlich ansah. Für die Teilnehmer, wie in der anschließenden lebendigen Diskussion schnell deutlich wurde, stellten sich Fragen nach dem Verständnis des emanzipatorischen und emanzipativen Charakters des eigenen politischen Handelns unter anderen Rahmenbedingungen, die aber bei allen gravierenden Unterschieden auch sehr viele Parallelen zu den Umständen aufzeigen, mit denen Rosa Luxemburg sich bei ihrem Wirken und ihrem Kampf im damaligen Europa konfrontiert sah.
Hier konnte Holger Politt (Rosa Luxemburg Stiftung, Berlin) mit seinem Beitrag «Demokratie, Revolution und die Organisation der Arbeiterklasse» anknüpfen. Dabei konzentrierte er sich vor allem auf das Demokratieverständnis Rosa Luxemburgs, denn aus der heutigen Sicht und nach den teils bitteren Erfahrungen des 20. Jahrhunderts erweist sich dieser Teil in ihrem theoretischen Wirken als der am meisten aktuelle, da sie aus eigener negativer Erfahrung im absolutistisch regierten Russischen Reich um die geschichtliche Bedeutung der in der bürgerlich-liberalen Gesellschaft erreichten Gewaltenteilung wusste. Erst als sie den Weg der europäischen Sozialdemokratie wohl restlos für gescheitert hielt, nämlich mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914, näherte sie sich Positionen, mit denen sie sich aus ihrer organisatorischen Nähe zur russischen Sozialdemokratie bereits seit Jahren auseinandergesetzt hatte. Dennoch behielt sie die kritische Distanz zu Lenin und zur russischen Bolschewiki bei, was sich insbesondere in der Diktaturfrage und in der Frage des Erhalts der einmal errungenen politischen Macht oder Herrschaft äußerte.
Fragen, die im Kern auch auf das Selbstverständnis linker Positionen im heutigen Lateinamerika zutreffen. Nach den Diktaturerfahrungen in allen am Seminar vertretenen Ländern, nach den linksgerichteten Aufbrüchen unter den Bedingungen bürgerlich-demokratischer Verhältnisse, nach den unterschiedlichen Erfahrungen in Kuba und Chile und auch nach dem Ausrufen einer bolivarischen Revolution in Venezuela liegen sehr viele Parallelen auf der Hand. Auch in dieser Hinsicht erwiesen sich Werk und Wirken der europäischen Revolutionärin aus der Perspektive des Jahres 2011 als eine wahre Fundgrube.
Für die Teilnehmer und Gäste des Seminars wurde am Vorabend in der Stadtbibliothek der Hauptstadt und unweit des Regierungszentrums ein Theaterstück aufgeführt, das Jörn Schütrumpf nach Briefen Rosa Luxemburgs verfasst hat und welches durch eine chilenische Theatergruppe aufgeführt wurde, die einst im illegalen Kampf gegen die Pinochet-Diktatur entstanden war. Die öffentliche Aufführung war eine sehr gelungene Hommage an die freiheitsliebende Revolutionärin.