Nachricht | Zwei Besprechungen zur Bedeutung von Pop in der Geschichte

Auf H-Soz-Kult sind zwei Besprechungen zu Neuerscheinungen zur Geschichte des Pop erschienen.

Philipp Baur, Geschichte des europäisch-transatlantischen Kulturraums, Universität Augsburg, rezensiert

Stark, Jürgen; Gebhardt, Gerd: Wem gehört die Popgeschichte? Berlin: Bosworth Music GmbH 2010. 384 S.; EUR 19,95.

Er schreibt: "Was ist Pop? Diese Frage hält Produzenten und Konsumenten genauso wie Journalisten, Theoretiker und Wissenschaftler auf Trab. Die Zahl der Erklärungsversuche ist mannigfaltig und die Diskussion darüber weit entfernt von einem Konsens. Lediglich über die Bedeutung scheint generelle Einigkeit zu herrschen: "Pop hat als zeitgeistiges Phänomen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts das gesamte Spektrum der kulturellen Äußerungen erfasst und sich als 'Lebensgefühl' in der westlichen Welt etabliert." In die andauernde Debatte um die Historisierung von Pop mischen sich nun Gerd Gebhardt und Jürgen Stark ein und fragen provokativ: Wem gehört die Popgeschichte?"
Weiter: "Das Buch bietet keine systematische oder chronologische Aufarbeitung der Popgeschichte. Gebhardt und Stark (Jahrgang 1951 bzw. 1957) dokumentieren ihre autobiografische Sicht auf ein Stück erlebter Popgeschichte - in der Doppelrolle von Konsumenten und Produzenten des Pop-Business. Das Ergebnis ist ein über weite Strecken melancholischer Blick zurück auf jenes goldene Zeitalter bis zur Mitte der 1990er-Jahre, in der die Autoren einen tief greifenden Wandel der globalen Rockpopmusik diagnostizieren. "Aus einer Bewegung gegen das 'Establishment' in Staat und Politik wurde eine weitgehend gesellschaftlich integrierte Musikfankultur, die bei aller Ausdifferenziertheit und Andersartigkeit ihre Rollenspiele nicht mehr in
der Nähe zum politischen Aufbruch in vermeintlich bessere Welten betreibt. Pop sei in der breiten Mitte der behäbiger und saturierter gewordenen westlichen Gesellschaften angekommen." (S. 14) Gebhardt und Stark wenden sich jener "Phase eins" zu, als Pop noch Underground und Subkultur gewesen sei, und beschwören den Geist jener Ära, als Musik die Erfüllung von "Love and Peace and Freedom" proklamierte. Auch wenn die beiden einleitenden Kapitel von kulturpessimistischen Tönen geprägt sind, so bieten die folgenden Kapitel das, was sie versprechen: den Insider-Blick zweier Pop-Sympathisanten."

Der bekannte Historiker Detlef Siegfried rezensiert ein Buch des Germanisten Thomas Hecken: Pop. Geschichte eines Konzepts 1955-2009 (= Kultur- und Medientheorie). Bielefeld: Transcript - Verlag für Kommunikation, Kultur und soziale Praxis 2009. 563 S.; EUR 35,80.

Siegfried schreibt abschließend über dieses Buch: "Auch manchen anderen  Thesen, wie etwa der vom Hegemonieverlust der linken Popkritik in den 1980er-Jahren, ist zuzustimmen. Auf Glatteis begibt sich der Verfasser allerdings, wenn er am Ende die Thesen der Pop-Theoretiker auf ihre gesellschaftliche Triftigkeit hin bewertet, denn die Gesellschaftsanalyse ist nicht Gegenstand der Untersuchung - sie erscheint nur gelegentlich als Kontext zur Einordnung der Diskurse. Inwiefern etwa Popkultur und Medienkonsum die Gesellschaft veränderten oder wie sich Popkultur und liberale Demokratie zueinander verhielten, lässt sich nicht aus dem Handgelenk beurteilen, sondern hier sind differenziertere Antworten wünschenswert und möglich, die freilich nicht allein aus den Diskursen zu gewinnen sind. Dennoch ist Thomas Heckens Standardwerk zu den sich wandelnden Deutungen des Pop ein großer Gewinn auch für diejenigen Zweige der Popkulturforschung, die sich diesem Thema gesellschaftsgeschichtlich nähern. Es bietet einen vorzüglichen diskurshistorischen Rahmen, den die beginnende Popgeschichte mit Leben füllen muss."

URL zum Volltext dieses Beitrages
http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2011-2-133

Zum Thema vgl. auch:
Bodo Mrozek, Popgeschichte, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 6.5.2010,