Nachricht | International / Transnational - Amerika Neue Hegemonien, alte Probleme

Zwischen dem 21. und 22. Juli 2011 organisierte das Büro der Rosa Luxemburg Stiftung in Quito gemeinsam mit „Oilwatch“ ein internationales Seminar in der Hauptstadt Ecuadors.

Zwei Tage lang diskutierten Aktivisten aus Afrika, Asien, Europa und Lateinamerika über Veränderungen im globalen Machtgefüge, Spannungen zwischen „Norden“ und „Süden“, Extraktivismus und seine Alternativen, sowie den Widerstand sozialer Bewegungen und Organisationen.

Die Diskussion verlief entlang von fünf Arbeitsthemen: „Wie verteidigt der Kapitalismus seine Vorherrschaft?“, Entwicklung von Alternativen oder Alternativen zur Entwicklung?“, „Widerstandsbewegungen im Globalen Süden“; und „gegenhegemoniale Strategien und Transition zum buen vivir“.

In der Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus, kam die Diskussion immer wieder auf die Rolle des Staates zurück. Camila Moreno vom Global Justice Ecology Project aus Brasilien analysierte wie der erstarkende Staat in Brasilien zur Festigung kapitalistischer Strukturen beiträgt, durch die der Subimperialismus des Landes in der Region zementiert wird. Konkret nennt sie die Verquickung des Staates mit nationalen Unternehmen wie Petrobras und EletroBras, die wachsenden Militärausgaben, sowie staatliche Investitionen in genetisch veränderte Nahrungsmittel wie Soya. Morenos Meinung nach ist es an der Zeit, den „Staatsfetischismus“ in Brasilien zu dekonstruieren. Hierbei sei die enge Zusammenarbeit mit den sozialen Bewegungen notwendig, da diese sich auf der einen Seite dem kapitalistischen Wildwuchs entgegenstellten und auf der anderen Seite an konkreten Alternativen zur Staatslogik arbeiteten.

Einen weiteren wichtigen Beitrag zur Debatte lieferte der Professor für internationale Politik der Universität Wien, Ulrich Brand in seinem Beitrag über das Konzept der „imperialen Lebensweise“. Er nutzt dieses Konzept zur Analyse der alltäglichen Beziehungen im Kapitalismus: Konsumorientierung, Wachstum und Fortschritt mit unbegrenztem Zugriff auf globale Ressourcen, Territorien und Fähigkeiten. Für Ulrich Brand ist dieses Modell jedoch nicht mehr auf die Bevölkerung des „Nordens“ beschränkt, sondern es regiert mittlerweile auch Politik und kollektive Vorstellungen in Ländern des globalen „Südens“. Als Beispiel nannte er das Auto, dessen Nutzung trotz nachgewiesener Klimaschädlichkeit und Ressourcenabhängigkeit heute sowohl in Ländern des Nordens als auch in denen des Südens Statussymbol und beliebtes Fortbewegungsmittel ist.

Einen wichtigen Beitrag zu der Veranstaltung leistete auch die „grupo permanente“, die fortlaufende Arbeitsgruppe von Aktivisten, Akademikern und Regierungsvertretern der Region, die sich vor allen Dingen mit Transformationsprozessen in Venezuela, Ecuador und Bolivien auseinandersetzt. Hierbei wird besonderes Augenmerk auf das Spannungsfeld zwischen einem progressiven Transformationsdiskurs auf der einen Seite und der Ausbeutung von Rohstoffen auf der anderen Seite gerichtet, sowie Strategien für Alternativen zur Entwicklung diskutiert. Das aus der Andenregion stammende Konzept des buen vivir, des „Guten Lebens“ ist für die Gruppe richtungsweisend für die Auseinandersetzung mit den herrschenden kolonialen, patriarchalen und kapitalistischen Strukturen.

Das im globalen Süden entstandene Netzwerk Oilwatch berichtete auf dem Seminar von Kämpfen gegen die Ölförderung auf den Philippinen, in Nigeria und Ecuador, bei denen jungen Menschen und Frauen eine herausragende Rolle spielen. Gleichzeitig kritisierten die Repräsentanten des Netzwerks den sogenannten „grünen Kapitalismus“ als Strategie der Rechten zur Bekämpfung des Klimawandels bei der das kapitalistische System nicht in Frage gestellt wird.

Audios von der Veranstaltung und weitere Informationen auf Spanisch:  
http://www.rosalux.org.ec/es/analisis/regional/item/215-hegemonias