Nachricht | Fischer: Dresden und der 13. Februar 1945 im Gedächtnis der Berliner Republik; Münster 2011

Der Opferdiskurs in der Modernisierungsschleife

Warum Dresden auch ohne Neonazis Thema bleiben muss

In den letzten zwei Jahren war Dresden im Zusammenhang mit dem 13. Februar in den Medien vor allem wegen der dortigen Nazi-Aufmärsche und den zuletzt erfolgreichen Massenblockaden präsent. Die Publikationen zum Thema "Dresden" füllen allerdings schon seit Jahren ganze Schrankwände. Dass Quantität auch in diesem Fall noch lange nicht Qualität bedeutet, verrät schon ein kurzer Blick in die meisten dieser Machwerke. Doch auch hier gibt es Ausnahmen. Eine solche ist das kürzlich erschienene Buch "Erinnerung an und für Deutschland" von Henning Fischer.
Politik mit der Erinnerung ist das gesellschaftliche Ringen um die Deutung von Vergangenheit, um identitäre Bezüge für die Gegenwart zu schaffen, zu festigen, fortzuschreiben. Henning Fischer nimmt dieses Ringen unter die Lupe. Die Erinnerung an den Nationalsozialismus beschreibt er als "doppelte Einfühlung" (in das Leid der Deutschen sowie der Opfer der Deutschen), die sich die konkrete Verantwortung für die Taten "aus dem Kopf schlägt". Gegen die "Einfühlung" und ihr affirmatives Verhältnis zur Vergangenheit steht nach Walter Benjamin das "Eingedenken", welches als kritische Erinnerung die Vergangenheit nicht nur verstehen, sondern auch die Gegenwart erkennen und verändern will. "Erinnerung an und für Deutschland" leistet dazu ein Beitrag.
In Dresden (und nicht nur dort) ist der Mythos der "unschuldigen Stadt" bis heute lebendig und erfährt jedes Jahr seine Re-Aktualisierung - ein Spaziergang durch die Dresdner Altstadt am Abend des 13. Februars genügt, um dies eindrucksvoll vor Augen geführt zu bekommen. Es ist hartnäckig, das kollektive Gedächtnis, dass sich über die Jahre weiter fortschreibt und vor allem eines ganz und gar nicht ist: Abbild irgendeiner historischen Wahrheit.
Wer die Mythen, die um das "Elbflorenz" ranken, dekonstruieren will, muss gleichzeitig selbstkritisch darauf achten, "nicht in der Dekonstruktion einen neuen Mythos entstehen zu lassen". Dafür gilt es, einen historischen Kern herauszuschälen: die Funktion Dresdens im Nationalsozialismus, die Bombardierung der Stadt am Ende des Krieges, die früh einsetzende Legendenbildung und deren vitale Weiterführung sowohl in der BRD als auch in der DDR. Dafür gilt es aber auch, die Teile der Vergangenheit hervorzuheben, die vergessen und von der "Erinnerung an Dresden" verdeckt werden. So wie das ehemalige "Judenlager Hellerberg", in dem Dresdner Jüdinnen und Juden bis 1943 interniert und von dort nach Auschwitz deportiert wurden.
"Erinnerung an und für Deutschland" greift geschichtspolitische Debatten und deutsche Opferdiskurse nach 1945 kritisch auf, vor allem in der Berliner Republik. Eine lesenswerte Zusammenfassung, allerdings ohne überraschend neue Erkenntnisse. Leider konzentriert sich Fischer vor allem auf westdeutsche Entwicklungen; der Erinnerungsprozess in der DDR wird eher am Rande gestreift.
Interessant wird das Buch dort, wo es um neuere Entwicklungen gerade des Dresdner Diskurses geht. In den letzten Jahren hat eine geschichtspolitische Neujustierung stattgefunden; "Universalisierung" lautet (nicht nur hier) das Stichwort. Durch die neonazistischen Aufmärsche und eine fortdauernde linke Gedenkkritik sah sich das offizielle Dresden mehr oder weniger gezwungen, von den immer gleichen Varianten Dresdner Legenden und dem Fokus auf deutsche Opfer abzurücken. Vielfalt ist das neue Zauberwort. Wer nicht in die rechte Ecke gestellt werden will, kann heute kaum noch von der Bombardierung sprechen, ohne den Holocaust zu erwähnen.
Das klingt eigentlich erfreulich. Doch der kritische Geist ist auch hier gut beraten, wachsam zu bleiben. Das "wahrhaftige Erinnern", wie es von offizieller Seite heißt, grenzt sich nicht nur von den Neonazis ab, sondern sieht sich generell bedroht von "dem Extremismus". In der Modernisierung des Gedenkens scheint das Symbol Dresden abgelöst zu werden durch eine "nationale Trias", die "die Luftangriffe in einen Dreischritt von erinnerungswerten geschichtlichen Daten einordnet: Nationalsozialismus, Luftangriffe, die ,friedliche Revolution' am Ende der DDR: Sünde, Sühne, Happy End".
Und was passiert, wenn die Nazis wirklich nicht mehr in Dresden marschieren? Dann, so Fischer, werde sich in den nächsten Jahren herausstellen, "ob die Schwächung der neonazistischen Erinnerungspraxis in Dresden zu einer verstärkten Rückkehr des traditionellen Opferdiskurses führt (...) oder ob sich die politisch-historische Korrektur der Dresdner Lokalerinnerung verstetigt." Momentan hält er letzteres für wahrscheinlich: "Der Bruch mit der konkurrenzlosen Opfererzählung scheint sich im Sinne einer Modernisierung der Dresdener Erinnerung auf den Stand der bundesrepublikanischen Identität durchgesetzt zu haben."
Wer übrigens Ausführliches über Neonazis lesen will, wird nicht fündig. Aber das macht nichts: Das Problem des Nazi-Aufmarschs in Dresden wird sich hoffentlich bald erledigt haben. Das Problem einer "doppelten Einfühlung" vorerst leider nicht.

Maike Zimmermann

Henning Fischer: ,Erinnerung' an und für Deutschland. Dresden und der 13. Februar 1945 im Gedächtnis der Berliner Republik. Westfälisches Dampfboot, Münster 2011, 19,90 Euro

Der Text ist zuerst in ak - zeitung für linke debatte und praxis / Nr. 564 / 16.9.2011 erschienen. Wir danken herzlich für die Erlaubnis zur Veröffentlichung.

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Unter http://www.socialnet.de/rezensionen/11559.php findet sich eine weitere Rezension des Buches. Sein Erscheinen wurde von der RLS mit einem Druckkostenzuschuss unterstützt.