
Einen Hinweis auf die Strecke, die die voranschreitende Militarisierung bereits zurückgelegt hat, finden wir bei einem zuverlässigen gesellschaftlichen Gradmesser: dem Influencer. An dieser Stelle ein Hinweis zur Transparenz: Manche würden auch mich zu dieser Gattung zählen. Dies ist jedoch nicht der Grund, warum ich zu einer Ehrenrettung für mein Metier schreite; es soll eigentlich auch gar keine sein. Influencer*innen handeln für gewöhnlich unter einer Maxime, ja, wir müssen unter ihr handeln: Bloß nicht bei Werbetreibenden in Verruf geraten! Denn sollten diese wegbrechen, versiegt für die meisten Influencer*innen der wichtigste Einkommensstrom. Wenn unser Teil der öffentlichen Aufmerksamkeit uns als nicht mehr ansprechend betrachtet, als zu kontrovers, als eine potential liability – dann ist unsere materielle Lebensgrundlage ganz massiv angetastet. Wenn nun Influencer*innen beginnen, sagen wir mal, für die Bundeswehr Werbung zu machen und, wie mit Beauty-Konzernen, bezahlte Kooperationen mit ihr einzugehen, dann bedeutet das vor allem eines: dass das Sich-Gemeinmachen mit der nach außen gerichteten Staatsgewalt keine Gefahr mehr für zukünftige Werbepartner*innen bedeutet.
Simon David Dressler (25) ist Politik-Influencer und produziert Videos über linke Themen für ein überwiegend junges Publikum auf TikTok und Instagram (@thesimondavid) – unter anderem über die Wehrpflicht. Er lebt und studiert in Berlin.
Influencer*innen stellen, grob vereinfacht, die folgende Kalkulation an: «Wenn ich mit der Bundeswehr eine Kooperation auf meinem Kanal mache, dann bekomme ich zwar Betrag X, aber dafür werden mich einige ‹unpolitische› Werbetreibende meiden, weil sie sich davor scheuen, sich mit irgendetwas gemein zu machen. Dadurch habe ich Einbußen von Betrag Y.» Solange Betrag Y dann kleiner ist als Betrag X, beschert uns das zum Beispiel Zitate wie das folgende eines Twitch-Streamers mit fast 900.000 jungen Follower*innen: «[WERBUNG] Deine Zukunft beginnt hier. Jetzt über den Dienst, Ausbildung und Studium informieren: [Link]». Das ist der sprichwörtliche Kanarienvogel in der Goldmine, der uns zwitschert, dass in Zukunft auch noch viele weitere unpolitische Influencer*innen zum gleichen Ergebnis kommen werden.
Der Elefant im Raum
Ich weiß. Es ist Zeit, über den Elefanten (den Leoparden?) im Raum zu sprechen: «Die Rekruten». Die Bundeswehr produzierte vor mittlerweile fast zehn Jahren eine YouTube-Miniserie, in der eine Gruppe von Rekruten von einer Kamera begleitet und ihr Alltag während der Grundausbildung in YouTube-tauglicher Ästhetik dargestellt wurde. Einige Jahre später folgte dann konsequenterweise «Die Rekrutinnen». Diese Produktionen waren der erste große Auftritt der Bundeswehr in der Welt von Social Media, sie generierten Millionen von Klicks. Ideologisch verfolgten sie das gleiche Ziel wie Berliner Tram-Wägen in Flecktarn-Print, wie Döner- und Pizzaschachteln mit Bundeswehr-Werbung, wie Podcaster wie Otto Bulletproof und Influencer wie David Matei: All diese Instrumente streben danach, das Dasein als Soldat*in als einen Beruf wie jeden anderen darzustellen – und wenn überhaupt als großes Abenteuer unter tollen neuen Freund*innen!
Das ist natürlich Propaganda in Reinform: Soldat zu sein, insbesondere Berufssoldat, bedeutet, sich ausbilden zu lassen, um andere Menschen zu töten und potenziell selbst zu sterben – im Namen des eigenen Nationalstaats. Passenderweise haben die Szenen, die David Matei, «Die Rekruten» oder die kurzweilig geschnittenen Werbeclips der Bundeswehr auf Instagram an ein zum großen Teil minderjähriges Publikum vermitteln, wenig mit der Realität des Krieges zu tun. Es ist eher American Pie als Im Westen nichts Neues. Wobei: Auf eine Weise ist es natürlich passend, ist Deutschland doch einer der wenigen Staaten, die auf Kindersoldaten setzen. Man kann sich ja glücklicherweise schon unter 18 bewerben!
Opportunismus aus Angst vor dem Mainstream
Diesem Alltags-Militarismus auf Social Media muss selbstverständlich Einhalt geboten werden. Bezüglich der Frage nach dem Wie zuerst ein kurzer Exkurs: In Folge 414 von Lex Fridman Podcast spricht der interviewte Tucker Carlson an einer Stelle über seine Kollegen, über US-amerikanische Late-Night-Show-Hosts wie Stephen Colbert, Jimmy Kimmel und Fallon und weitere. Der ehemalige Fox-News-Star Carlson war kürzlich aus Moskau zurückgekommen, wo er sein berüchtigtes Interview mit Wladimir Putin aufgenommen hatte. Diese Reise und der um sie herum existierende Krieg in der Ukraine waren die primären Themen im Gespräch von Fridman und Carlson; letzterer nutzte die Gelegenheit für eine Tirade über seine eher den Demokraten zugeneigten Kolleg*innen: Er habe sämtlichen Respekt vor Journalisten (Carlson würde es vermutlich nicht geschlechtsneutral formulieren) verloren, die niemals etwas wirklich Unpopuläres sagen. Dies bezog er auf besagte Show-Moderator*innen, die sich unter keinen Umständen gegen die militärische und finanzielle Unterstützung der Ukraine durch die USA aussprechen würden, da das die Haltung des Demokraten-Mainstreams sei.
Wer Reichweite besitzt und sich niemals in seiner Bubble unbeliebt macht, indem er unpopuläre Dinge sagt, der ist unseriös, Punkt.
An dieser Stelle möchte ich eines festhalten: Tucker Carlson, Rechtspopulist und Republikaner durch und durch, wird seinem eigenen Maßstab selbstverständlich zu 100 Prozent nicht gerecht. Carlson würde sich niemals öffentlich gegen die aktuelle Trump-Administration stellen, um seinen Überzeugungen gerecht zu werden, er ist ein virtuoser Opportunist. Das macht seine Aussage jedoch nicht weniger wahr und gilt nicht nur für Journalist*innen: Wer eine gewisse Reichweite besitzt und sich niemals in seiner «Herrschaftsbubble», in seiner Sparte der Öffentlichkeit unbeliebt macht, indem er unpopuläre Dinge sagt, der ist unseriös, Punkt.
Diese radikale, aber (wie ich finde) essenzielle Maxime zum Umgang mit sogenannten Meinungsmacher*innen lässt sich nicht nur auf das offensichtliche Thema (Gaza) anwenden. Dazu haben sich selbst Teile der linken Bewegung (zum Beispiel der ängstliche und der staatstragende Teil) über eineinhalb Jahre nicht geäußert. Aus Angst vor Gegenwind aus dem medialen Mainstream folgt ein Haltungsopportunismus, dem auch ich etwa drei Monate lang nach dem 7. Oktober 2023 verfallen war, bis ich mich traute, meine Meinung im Sturm der damals entfesselten Staatsräson öffentlich (sprich: auf Social Media) zu äußern. Ich war jedoch überrascht, dass der größte Shitstorm meiner Karriere nicht durch ein Video über Gaza ausgelöst wurde, sondern durch drei Videos, in denen ich über die Wehrpflicht und den Krieg in der Ukraine sprach.
Antimilitarismus ist unpopulär, oder?
Ich gebe es zu: Ich habe in diesen Videos unter anderem das verbotene Wort (Stellver***terkrieg) verwendet und habe daraufhin wüste Anfeindungen von User*innen mit Fahnen in ihren Social Media-Bios erhalten. Aber das Gros der Hasskommentare war auf meine Kritik an Jakob Blasel (Co-Sprecher der Grünen Jugend) bezogen, der in einem Tweet jeden als unsolidarisch und naiv bezeichnete, der auch nur zögere, Europa mit Waffen zu verteidigen. Ich fragte durchaus polemisch, wann er denn dann selbst eine Waffe in die Hand nehme und die Ostukraine verteidige – denn das sei ja die einzig konsequente Schlussfolgerung seiner Aussage. Ich bekam hunderte Kommentare, E-Mails und Direktnachrichten, in denen mir, aber vor allem meinen weiblichen Familienmitgliedern unaussprechliche Dinge gewünscht wurden à la: «Wenn erst einmal der Ivan im Vorgarten deiner Mutter steht und sie vor deinen Augen (… etc.pp.), dann wirst du deine Meinung ändern!» Laut meinem Deserteurkollegen Ole Nymoen erlebt er bei öffentlichen Auftritten regelmäßig dasselbe. Diese Kommentare zeigen nicht nur in herrlicher Klarheit die patriarchale Grundstruktur des Krieges, in der Frauen hilflose Beute sind, die vom wehrhaften Mann entweder beschützt oder vergewaltigt werden. Sie zeugen auch von einer unfassbaren Verrohung bei den Guten™: Die Gewaltphantasien, die so ähnlich auch in American Psycho stehen könnten, schlummerten offensichtlich bereits in den Köpfen der Menschen mit grünen und roten Herzen im Username; die aktuelle Militarisierung ist lediglich das Ventil.
Eine antimilitaristische Position ist aktuell in Deutschland eine der politisch unpopulärsten Meinungen, die man öffentlich vertreten kann.
Diese Kommentare führen wieder zum Beginn meines Exkurses rund um Tucker Carlson: Eine antimilitaristische Position ist aktuell in Deutschland eine der politisch unpopulärsten Meinungen, die man öffentlich vertreten kann. Das ist hochgradig absurd – und zwar nicht nur aus basalen, moralischen Gründen (wer will schon im Krieg sterben?), sondern vor allem aus dem Grund, dass sich konstant lediglich eine stabile Minderheit der deutschen Bevölkerung in Umfragen für den Dienst an der Waffe «für Deutschland» ausspricht: zuletzt im März 17 Prozent (Forsa). Die Mehrheit, die nicht für Deutschland schießen will, findet sich in medialen Diskursen aber absolut nicht wieder: Mir fällt kein einziger einflussreicher Mainstream-Journalist ein, der beispielsweise eine Position gegen die Wehrpflicht bezieht. Die Einladungspolitik von öffentlich-rechtlichen Talkshows ist Teil ebendieser Kluft: Ich war Ende März als Gast in der phoenix runde eingeladen, als einziger von vier Gästen plus Moderatorin, der sich gegen eine Wehrpflicht und gegen Aufrüstung positionierte. In der hart aber fair-Sendung vom 17. März mit Ole Nymoen sah es ähnlich aus: Wir werden als «Meinungsexoten» eingeladen. Die Verteilung der Meinungen in Talkshows und Bevölkerung verhält sich also jeweils umgekehrt: Während meine Meinung von zwei Dritteln der Bevölkerung geteilt wird, kannten 75 Prozent der Teilnehmer*innen der phoenix runde vom 20. März nur eine Richtung: mehr Aufrüstung.
Es existiert also eine gravierende Differenz zwischen der öffentlichen Meinung und der veröffentlichten Meinung – und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass sich das auf Social Media anders verhält. Ein Teil der User*innen hat pro-militaristische Haltungen (die durchaus auch von der Online-Präsenz der Bundeswehr hervorgerufen oder verstärkt werden könnten) und tun diese lautstark kund, zum Beispiel in Hasskommentaren unter Videos von User*innen, die den unpopulären Antimilitarismus vertreten. Ein konkretes Beispiel für diese laute Minderheit sind die #NAFO-User*innen («North Atlantic Fella Organization»): Profilbilder mit dem meme-bekannten Shiba-Inu-Hund und dem NATO-Logo zieren dieses dezentralisierte Online-Netzwerk, das sich die militärische Unterstützung der Ukraine auf die blau-gelben Fahnen geschrieben hat und ganz unabhängig von Bundeswehr oder ähnlichen Institutionen antimilitaristische Online-Stimmen im Keim ersticken will.
Aufschrei gegen die laute Minderheit
«Laute Minderheit» ist jedoch primär das Substantiv und nicht das dazugehörige Adjektiv. Daran ändert auch keine Flecktarn-Kampagne der Bundeswehr etwas: Ich habe die feste Überzeugung, dass es mehr Menschen gibt, die das Leben mehr lieben als den Staat, und dadurch kann auch die medial unpopuläre antimilitaristische Meinung ihren Platz im Mainstream finden.
In den vergangenen Wochen hat sich der Wind in Bezug auf die Berichterstattung zu Gaza in deutschen Medien durchaus verändert; es werden Dinge in Leitmedien gedruckt und gesendet, die vor ein paar Monaten noch undenkbar waren. Dies hat sicherlich auch mit der jüngsten genozidalen Eskalation der israelischen Armee und ihrer Strategie zu tun, zwei Millionen Menschen auszuhungern. Von diesem neuen Gipfel der Grausamkeit wollen sich aktuell einige mediale und politische Persönlichkeiten, inklusive Bundeskanzler Merz, durch öffentliche Statements auf die richtige Seite retten. Das wäre aber nicht denkbar ohne die monatelange Vorarbeit von all den Menschen, die keine Angst hatten, das Unpopuläre auszusprechen, als es medial noch wirklich unpopulär war.
‹Laute Minderheit› ist primär das Substantiv und nicht das dazugehörige Adjektiv.
Dies kann auch in Sachen deutscher Militarismus geschehen: Die deutsche herrschende Klasse scheint sich, insbesondere seit der live-übertragenen Demütigung von Selenskyi durch Trump, für eine Ära der europäischen Supermacht bereitzumachen, inklusive dazugehörigen eschatologischem Endkampf gegen Russland. Das kann jedoch nur bis zu einem gewissen Grad gegen die eigene Bevölkerung durchregiert werden; irgendwann müssen überzeugte Männer (und im woken und wehrhaften Deutschland auch Frauen!) die Waffen ergreifen und für die Souveränität «ihres» Nationalstaats zu sterben bereit sein.
Der aktuelle Militarismus auf Social Media – die Produktionen der Bundeswehr, ihre Kooperationen mit Influencer*innen, kriegslüsterne Einzeluser*innen – ist Teil dieser Vorbereitungen, aber er ist nicht unumkehrbar. Wenn eines Tages genügend Menschen die medial aktuell unpopuläre, aber tatsächlich sehr populäre Meinung «Ich möchte nicht für den Staat sterben» öffentlich vertreten, schauen wir vielleicht auf die heutige Zeit zurück wie auf das, was es ist: eine Massenpsychose als Elitenprojekt.

