Artikel | Was ist eigentlich Antisemitismus?

Die Einordnung «antisemitisch» ist politisch umstritten – aktuell etwa bei den Definitionen JDA und IHRA

Beispiele für Aussagen, um die es bei der Debatte über israelbezogenen Antisemitismus geht: Das Bestreiten oder Relativieren des Existenzrechts Israels, die Bewertung der Besatzungspolitik als Apartheid und die Forderung nach einem Boykott des Landes (fotografiert in München 2024). Foto: IMAGO / ZUMA Press Wire

Wir leben in extrem politisierten Zeiten. Die Diskussionen ändern sich schnell und sind oft hitzig. Manchmal werden absichtlich falsche Behauptungen aufgestellt, und es ist nicht immer leicht, Fake News von Fakten zu unterscheiden. In unserer Serie «Was ist eigentlich …?» erklären wir wichtige Begriffe aus der politischen Diskussion und zeigen, welche Interessen und Konflikte dahinterstecken.

Antisemitismus ist die Abwertung und Feindseligkeit gegenüber Jüdinnen, Juden und dem  Judentum. Er äußert sich in Diskriminierung, Verschwörungsdenken und Gewalt und hat eine lange, vielgestaltige Geschichte. 

Die Ursprünge des heutigen Antisemitismus liegen unter anderem in der christlichen Judenfeindschaft, die Jüd*innen für die Kreuzigung Jesu verantwortlich machte. Im europäischen Mittelalter entstanden daraus verschiedene Formen von Ausgrenzung und Entrechtung sowie Vorstellungen über angebliche jüdische Verschwörungen, die sich im 19. Jahrhundert mit Rassismus und nationalistischen Ideologien verbanden. Völkische Bewegungen zeichneten das Bild einer «jüdischen Rasse», die weltweit im Geheimen Macht ausübe – von der «undurchsichtigen Macht des Finanzkapitals» bis zur kommunistischen Weltrevolution. Der Nationalsozialismus machte diesen Wahn zur Staatsideologie und radikalisierte den Antisemitismus zu einem Vernichtungsprogramm, in dem sechs Millionen Jüdinnen und Juden ermordet wurden. Nach 1945 kamen weitere Motive hinzu, etwa die Leugnung des Holocaust oder die Behauptung, Jüd*innen würden den Holocaust «ausnutzen».

Mit der Gründung Israels verlagerte sich antisemitisches Denken zunehmend auf den mehrheitlich jüdischen Staat. Seither ist es oft schwer, berechtigte Kritik an der israelischen Politik – etwa wegen der Vertreibung und Entrechtung der Palästinenser*innen – von antisemitischen Aussagen zu unterscheiden. Aktuell nimmt auch im Zusammenhang mit der Kriegsführung in Gaza die Zahl antisemitischer Vorfälle zu, wobei intensiv darüber debattiert wird, wo legitime «Israelkritik» endet und Antisemitismus beginnt.

Der Bundestag hat 2019 und erneut 2024 die «Arbeitsdefinition Antisemitismus» der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) anerkannt. Diese beschreibt Antisemitismus als «eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegen Juden ausdrücken kann» und nennt Beispiele, mehrheitlich zu israelbezogenem Antisemitismus. Kritiker*innen bemängeln, dass die IHRA-Definition linken und muslimisch-migrantischen gegenüber rechtem oder christlichem Antisemitismus überbetone und zur Einschränkung von Meinungsfreiheit genutzt werden könne – etwa bei Protesten gegen Israels Politik.

Als Reaktion legte eine Autor*innengruppe 2021 die «Jerusalem Declaration on Antisemitism» (JDA) vor. Die JDA-Definition unterscheidet zwischen legitimen, per se antisemitischen und nicht per se antisemitischen Aussagen, wobei auch nicht per se antisemitische Aussagen je nach Kontext antisemitisch sein können. So soll berechtigte Kritik an Israels Politik von Positionen unterschieden werden können, die dem Staat Israel das Existenzrecht absprechen oder einen antisemitischen Antizionismus vertreten. Die Partei Die Linke schloss sich im Mai 2025 der JDA-Definition an und wies die IHRA-Definition als «Einfallstor für autoritäres staatliches Handeln» zurück, was parteiintern und in der Öffentlichkeit für Kontroversen sorgte.

Die Begriffsdebatte zeigt, wie kompliziert in manchen Fällen die Einordnung von Vorkommnissen oder Aussagen als antisemitisch ist, besonders, wenn Antisemitismus verschlüsselt oder indirekt geäußert wird. Eine linke Haltung muss historischen wie aktuellen Antisemitismus ernst nehmen – auch im eigenen Umfeld – und dagegen vorgehen. Das schließt eine aktive Erinnerungskultur in Bezug auf die NS-Verbrechen ein. Gleichzeitig gilt es, einer Entleerung des Begriffs entgegenzutreten, etwa, wenn er zur Kriminalisierung von Protesten gegen Israels Kriegsführung benutzt wird. Die Anerkennung des Existenzrechts Israels als Lehre aus dem Holocaust darf nicht bedeuten, gegenüber dem von israelischer Politik erzeugten Leid die Augen zu verschließen.

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Redaktionelle Betreuung: Henning Obens