Artikel | Multipolare Welt Was ist eigentlich eine multipolare Welt?

Damit sich die globalen Machtverhältnisse ändern, braucht es mehr als neue Machtzentren

Der russische Außenminister Sergej Lawrow spricht auf dem Panel «Die Zukunft einer multipolaren Welt» in Moskau
Der russische Außenminister Sergej Lawrow spricht auf dem Panel «Die Zukunft einer multipolaren Welt». Es geht um die zukünftige Weltordnung und welche Rolle Russland und andere Nationen darin spielen. International Science Fiction Symposium, Moskau, 4. November 2024, Foto: IMAGO / SNA

Wir leben in extrem politisierten Zeiten. Die Diskussionen ändern sich schnell und sind oft hitzig. Manchmal werden absichtlich falsche Behauptungen aufgestellt, und es ist nicht immer leicht, Fake News von Fakten zu unterscheiden. In unserer Serie «Was ist eigentlich …?» erklären wir wichtige Begriffe aus der politischen Diskussion und zeigen, welche Interessen und Konflikte dahinterstecken.

Die Weltordnung verändert sich. Lange dominierten die USA die internationalen Beziehungen – politisch, wirtschaftlich und militärisch. Doch mit dem Aufstieg Chinas, dem Erstarken von Staaten wie Indien, Brasilien oder Russland, mit zunehmender Aufrüstung und Instabilität wird das Konzept einer «multipolaren Welt» immer wichtiger. Was heißt das eigentlich – und was steckt politisch dahinter? 

Von der bipolaren zur unipolaren Welt

Die vergangenen drei Jahrzehnte waren von einer Verschiebung der Weltordnung geprägt. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Welt weitgehend in zwei Einflusssphären geteilt. Der Ostblock unter sowjetischer Vorherrschaft folgte einer staatssozialistischen Produktionsweise, der Westen unter Führung der USA war kapitalistisch und imperialistisch geprägt. Der Begriff «Kalter Krieg» kann in die Irre führen, denn die Machtblöcke trugen ihre Konflikte in Stellvertreterkriegen aus – etwa in Korea, im Vietnamkrieg, in Angola oder Afghanistan. Auch innerhalb des Westens setzten die USA ihre Vormachtstellung durch, etwa durch die Unterstützung von Putschen gegen progressive Regierungen und Bewegungen in Lateinamerika. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion entstand eine unipolare Weltordnung, mit den USA als einzige Supermacht. 

Die neue Multipolarität

Heute deutet vieles auf eine multipolare Welt hin: Mit dem Aufstieg Chinas und von Mittelmächten wie Russland, Indien oder Brasilien gibt es wieder mehrere Machtzentren. Doch die alten Mächte spielen weiterhin eine zentrale Rolle. 

Ist Multipolarität eine Chance? Viele Staaten des sogenannten Globalen Südens hoffen, durch die Konkurrenz zwischen den Machtzentren ihre Verhandlungsposition zu verbessern und mehr Handlungsspielraum zu gewinnen. Sie fordern ein Ende der wirtschaftlichen Abhängigkeiten, die auch nach dem Ende des Kolonialismus weiter bestehen. Gleichzeitig zeichnet sich eine globale Systemkrise ab: Politische, ökonomische und ideologische Widersprüche zwischen den unterschiedlichen Groß- und Mittelmächten brechen auf, oft verschärft durch Konkurrenz um Einflusszonen und Ressourcen. Neue Akteure wie China und Indien fordern mehr Mitsprache oder verfolgen, wie Russland oder die Türkei, offen regionale und imperiale Ambitionen. Damit steigt das Risiko offener Kriege, wie der russische Angriff auf die Ukraine zeigt. Aber auch nichtmilitärische Auseinandersetzungen wie Handelskonflikte nehmen zu. Während für manche Länder des Globalen Südens neue Optionen entstehen, mangelt es an echten Alternativen zur bisherigen Weltordnung. 

Für eine solidarische Weltordnung

Institutionen wie die Vereinten Nationen (UNO) als Foren für Kooperation und Konfliktbearbeitung verlieren an Bedeutung. Gleichzeitig steigen die globalen Rüstungsausgaben. Weltweit werden aktuell 21 Kriege gleichzeitig geführt – dreieinhalbmal so viele wie vor 15 Jahren. Damit sich die globalen Machtverhältnisse tatsächlich zugunsten der Armen und an den Rand Gedrängten ändern, braucht es mehr als neue Machtzentren. Notwendig ist die Stärkung jener Kräfte, die sich für Abrüstung, internationale Solidarität und gegenseitige Hilfe einsetzen. Nur so lassen sich die alten imperialen Logiken durchbrechen und eine gerechtere Weltordnung aufbauen.

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Redaktionelle Betreuung: Henning Obens