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Hintergrund , : Wirtschaft als Waffe gegen Palästina

Die neoklassische Ökonomie hat dem palästinensischen Volk stets geschadet und darf beim Wiederaufbau Gazas nicht zum Einsatz kommen

Wichtige Fakten

Details

Ein Mann blickt auf neu errichtete Zelte in Gaza-Stadt während der letzten Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas, 17.02.2025.
Ein Mann blickt auf neu errichtete Zelte in Gaza-Stadt während der letzten Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas, 17.02.2025. Foto: IMAGO / NurPhoto

Am 3. Juni 2025 wurden 27 Palästinenser*innen getötet und 147 verletzt, als sie versuchten, eine der neuen und umstrittenen Hilfsgüterverteilungsstellen zu erreichen, die von Israel und den Vereinigten Staaten im zerstörten Gaza eingerichtet worden sind. Erst zwei Tage zuvor waren unter ähnlichen Umständen 31 Personen getötet und 170 verletzt worden. Auch Sie hatten nach Nahrung für ihre Familien gesucht.

Ibrahim Shikaki ist assoziierter Professor für Wirtschaft am Trinity College in Hartford, Connecticut. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit heterodoxer Makroökonomie, Wachstum und Verteilung und mit der politischen Ökonomie von Palästina.

Die Ursache dieser Tragödien liegt in Israels Entscheidung, Gaza seit Anfang März von sämtlichen Hilfs- und Versorgungslieferungen abzuschneiden und Druck auf die Hamas auszuüben, indem es mehr als zwei Millionen Palästinenser*innen hungern lässt. Der größere Zusammenhang ist natürlich der Krieg, den inzwischen selbst einige von Israels engsten Verbündeten als „nicht mehr zu rechtfertigen“ bezeichnen. Laut dem Palästinensischen Amt für Statistik (Palestinian Central Bureau of Statistics, PCBS) hat das israelische Militär seit Oktober 2023 rund 54.000 Palästinenser*innen getötet. Diese erschütternde Zahl umfasst 30.400 Frauen und Kinder, 1.411 medizinische Fachkräfte, 800 Lehrer*innen, 219 Journalist*innen und 203 UN-Mitarbeiter*innen.

Doch können diese Zahlen niemals das ganze Ausmaß des Grauens widergeben. Immer mehr Berichte über MordFolter und Hunger dringen an die Außenwelt – obwohl Israel internationalen Journalist*innen weiterhin den Zugang zum Gazastreifen verwehrt. Veranlasst durch diese und andere Vorgehensweisen forderten nun mehrere europäische Staaten ein bisher beispielloses Waffenembargo. Genozidforscher*innen auf der ganzen Welt kommen inzwischen beinahe einstimmig zu demselben Schluss wie der Bericht der Sonderberichterstatter*innen der Vereinten Nationen: Israel begeht in Gaza einen Genozid.

Menschliche Grundbedürfnisse zu beschneiden, in diesem Falle den Zugang zu Nahrung, ist als Druckmittel nicht neu. Israel hat solche Taktiken schon lange vor den Ereignissen von 2023 angewendet. Die Art, in der ökonomische Notwendigkeiten hier als Waffe eingesetzt werden, führt deutlich vor Augen, wie die Machthabenden den Zugang zu Ressourcen zu manipulieren bereit sind, um politische Ziele durchzusetzen. Allerdings soll sich dieser Artikel nicht in erster Linie mit den unmittelbaren Formen derartiger ökonomischer Zwangsausübung befassen, sondern sich auf das breitere Feld der ökonomischen Theorie und Wirtschaftspolitik konzentrieren und darlegen, dass die herrschenden Wirtschaftsparadigmen zu einer Entpolitisierung tendieren, indem sie ökonomische Theorien als wertfreie, objektive Wissenschaft darstellen. 

Auf diesem technokratischen Ansatz basierten die bisherigen Strategien internationaler Hilfs- und Entwicklungsorganisationen in Palästina, was den diplomatischen Diskurs in der Region geprägt hat. Die dahinter stehende Logik zeigt sich vielleicht am deutlichsten an Trumps Vorschlag, Gaza in die „Riviera des Nahen Ostens“ zu verwandeln – eine Idee, die auch Monate später noch eine genauere Betrachtung verdient. Denn diesen entpolitisierten ökonomischen Ansatz gibt es nicht erst seit Palästina, vielmehr ist er Ausdruck eines jahrhundertealten gedanklichen Projekts, das darauf abzielt, den Kapitalismus zu verteidigen und die Politik gänzlich aus der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung herauszulösen. In Palästina zeigt er sich nur von seiner brutalsten Seite.

Die neoklassische Wende

Im späten neunzehnten Jahrhundert fand einer der folgenreichsten wirtschaftswissenschaftlichen Paradigmenwechsel statt: die marginalistische Revolution, welche die Grundlage für die neoklassische Ökonomie legte, also die vorherrschende Denkschule, die bis heute die Mainstream-Ökonomie prägt. Die frühe wirtschaftswissenschaftliche Forschung, vor der Verbreitung der Grenznutzenschule, wurde von klassischen politischen Ökonom*innen und deren Kritiker*innen wie Karl Marx angeführt. Diese Denker*innen analysierten den Übergang vom Feudalismus zum industriellen Kapitalismus in Westeuropa und konzentrierten sich dabei auf Themen wie Wirtschaftswachstum, technischen Wandel und Einkommensverteilung. Im Zentrum ihrer Analysen stand die Rolle von Macht, insbesondere da sich innerhalb des industriellen Kapitalismus neue Formen von Klassendynamik und Autorität herausbildeten.

Die darauffolgende neoklassische Wende wurde hauptsächlich aus zwei Gründen vorangetrieben: Zum einen stellte sie einen bewussten Gegenentwurf zur Marx’schen Kapitalismuskritik dar – vor allem zu seinen Theorien zu Mehrwert, Ausbeutung und dem historischen Materialismus. Neoklassische Denker*innen wollten den Kapitalismus umdeuten, ihn nicht mehr als Schauplatz von Kämpfen und Ungleichheit betrachten, sondern als effizientes, sich selbst regulierendes System. John Bates Clark beispielsweise, der ursprünglich sehr kapitalismuskritische Ansichten vertrat, wurde zu einem der überzeugtesten Verfechter neoklassischen Denkens. Er behauptete bekanntermaßen, dass „die Verteilung des gesellschaftlichen Einkommens durch ein Naturgesetz gesteuert wird, und wenn dieses Gesetz ungehindert wirken könnte, würde es jedem Produktionsfaktor die Menge an Reichtum zukommen lassen, die dieser Faktor erzeugt.“

In Bezug auf Palästina diente die neoklassische Ökonomie – losgelöst von ihren historischen und politischen Dimensionen – seit den frühen 1990er Jahren als vorherrschendes Rahmenmodell für Politik und Planung, was zeitlich mit dem Beginn des offiziellen Friedensprozesses zusammenfiel.

Zum anderen gab es konzertierte Bemühungen, die Ökonomie als eine wertfreie, neutrale Naturwissenschaft darzustellen. Teilweise inspiriert durch das wachsende Ansehen der Physik, übernahmen neoklassische Ökonom*innen die mathematische Sprache der klassischen Mechanik und fokussierten sich auf abstrakte Konzepte wie zum Beispiel das Gleichgewicht. Dieser wissenschaftliche Anstrich half, die Ökonomie als präzises, unpolitisches Forschungsfeld darzustellen und von den stärker normativen und interpretativen Wurzeln der politischen Ökonomie abzurücken.

Vielleicht am bezeichnendsten – und für diesen Artikel am relevantesten – war die Neudefinition von Zweck und Umfang ihres Forschungsfelds. Politische Ökonomie mit ihrem Schwerpunkt auf Macht, Klasse, Verteilung und Konflikten innerhalb des Produktionsprozesses wurde als zu ideologisch und zu anfechtbar angesehen. Die neu definierte Disziplin der Ökonomie hingegen wurde als „positive“ Wissenschaft ausgedeutet, die Märkte, Handel und Effizienz mithilfe mathematischer Modelle und theoretischer Abstraktion betrachtet. Auf diese Weise wurde die Politik systematisch von der Wirtschaft abgetrennt.

Unpolitische Ökonomie kommt nach Palästina

Die Lehren der Mainstream-Ökonomie stammen weitgehend von weißen Männern im globalen Norden und bilden oftmals nicht die Lebenswirklichkeit der großen Mehrheit der Weltbevölkerung ab. Über dieses demografische Ungleichgewicht hinaus gibt es eine Fülle an kritischen Arbeiten, welche die kolonialen Ursprünge der Ökonomie hinterfragen, die schädlichen Auswirkungen internationaler Finanzinstitute auf den globalen Süden herausstellen und eine Verbindung zwischen mainstream-ökonomischem Denken und Austeritätspolitik, Autoritarismus und Marktfundamentalismus sehen. Wissenschaftler*innen haben untersucht, inwiefern die Einführung des Nobelpreises für Wirtschaftswissenschaften ein politischer Akt war, der neoliberale Ideologie stärken und Alternativen wie die Sozialdemokratie schwächen sollte. Andere Forscher*innen zeigten, wie derartige wirtschaftliche Rahmenmodelle oftmals Werte wie Gemeinschaft und Solidarität untergraben.

In Bezug auf Palästina diente die neoklassische Ökonomie – losgelöst von ihren historischen und politischen Dimensionen – seit den frühen 1990er Jahren als vorherrschendes Rahmenmodell für Politik und Planung, was zeitlich mit dem Beginn des offiziellen Friedensprozesses zusammenfiel. Die Weltbank spielte beim Entwurf dieser Agenda eine zentrale Rolle. Auch wenn diese in ihren Berichten nach und nach die wirtschaftlichen Folgen der israelischen Besatzung anerkennt, ist weiterhin euphemistisch von „Beschränkungen durch Israel“ die Rede, womit eine explizite Benennung ihres strukturellen und kolonialen Charakters vermieden wird. Trotz dieser Sichtweise befürwortet die Weltbank weiterhin eine unregulierte Marktintegration der palästinensischen und israelischen Wirtschaft, mit der Begründung, eine solche Regelung würde positive Spillover-Effekte schaffen, die Entwicklung in Palästina vorantreiben und Anreize für einen „ökonomischen Frieden“ setzen.

In der Praxis allerdings ist die Kluft zwischen beiden Volkswirtschaften nur noch größer geworden. Es herrscht eine extrem asymmetrische Beziehung einseitiger Abhängigkeit: Die palästinensische Wirtschaft ist stark von den israelischen Arbeits- und Warenmärkten abhängig und auf israelisch kontrollierte Finanztransfers sowie wachsende Zuflüsse internationaler Hilfen und private Verschuldung angewiesen. Diese Dynamiken haben sich im Laufe der Zeit eher verstärkt als verringert.

In den vergangenen 15 Jahren wurden von westlichen Akteur*innen drei große Wirtschaftspläne vorgelegt: der Plan des Nahost-Quartetts (2011), die John-Kerry-Initiative (2014) und der Kushner-Plan (2019). All diese Initiativen basierten auf derselben fehlerhaften Grundannahme, dass ein politischer Konflikt mit ökonomischen Mitteln gelöst werden könne. Es überrascht nicht, dass keiner dieser Pläne vollständig umgesetzt wurde, die meisten kamen nicht einmal über die Entwurfsphase hinaus. Der jüngste Vorschlag aus Washington zeigt nun vermutlich am deutlichsten, wie der ökonomische Diskurs als Waffe im Dienste der Ungerechtigkeit eingesetzt werden kann.

Ökonomie als Werkzeug des Bösen: Trumps Gaza-„Plan“ 

Am 4. Februar 2025 enthüllte Präsident Donald Trump in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Israels Ministerpräsidenten den Plan der USA für Gaza am „Tag danach“. Kurz gefasst sah er die zwangsweise Umsiedlung von fast zwei Millionen Palästinenser*innen und die Umwandlung des Gazastreifens in ein gewaltiges Immobilienprojekt vor.

Wie viele andere Äußerungen seiner zweiten Amtszeit hat Trump diesen Plan teilweise wieder zurückgenommen – vor allem die Umsiedlung der Palästinenser*innen nach Jordanien und Ägypten. Beobachter*innen sahen in dem Vorschlag ein weiteres Beispiel für die „Flood-the-zone-with-shit“-Strategie, die Trumps ehemaliger Berater Steve Bannon bekannt gemacht hatte. Von dieser Warte aus ist der Vorschlag nicht als konkrete Maßnahme zu verstehen, sondern als Druckmittel, um den direkt betroffenen Ländern wie Jordanien und Ägypten sowie instabileren Staaten wie Syrien politische und wirtschaftliche Zugeständnisse abzuringen.

Das reservierte Auftreten des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu während der Pressekonferenz wurde interessanterweise nicht als Ablehnung, sondern als strategische Zurückhaltung interpretiert. Die Entmenschlichung der Palästinenser*innen durch die israelische Regierung ist tief in den Institutionen verankert, was mehrere Urteile des Internationalen Gerichtshofs (IGH) bezüglich eines Genozids und der Illegalität der Besatzung ebenso belegen wie die Haftbefehle des Internationalen Strafgerichthofs (IStGH) gegen Netanjahu und seinen ehemaligen Verteidigungsminister Yoav Gallant.

Das Konzept der „Säuberung der Kolonie“ von ihren „ursprünglichen Einwohnern“ ist Netanjahu nicht fremd. Der Codename für Israels derzeitige Militäroperation im Westjordanland lautet „Eiserne Mauer“, eine direkte Anspielung auf Zeev Jabotinskys berüchtigten Aufsatz aus dem Jahr 1923. Jabotinsky war eine ideologische Schlüsselfigur und ein wichtiger Vordenker der heutigen Likud-Partei. Im heutigen Israel sind 57 Straßen, Parks und Plätze nach ihm benannt. In diesem Aufsatz fordert er die Leser*innen auf, sich die Geschichte der Kolonisierung anzusehen und zu „prüfen, ob es einen einzigen Fall gibt, in dem eine Kolonisierung mit der Zustimmung der einheimischen Bevölkerung durchgeführt wurde. Einen solchen Präzedenzfall gibt es nicht. Die einheimische Bevölkerung, ob zivilisiert oder unzivilisiert, hat sich immer hartnäckig gegen die Kolonisten gewehrt.“ Er erklärt, dass „die zionistische Kolonisierung (…) nur unter dem Schutz einer Macht voranschreiten und sich entwickeln kann, die unabhängig von der angestammten Bevölkerung ist, hinter einer eisernen Mauer, die die einheimische Bevölkerung nicht durchbrechen kann.“

Wie viele andere Äußerungen seiner zweiten Amtszeit hat Trump diesen Plan teilweise wieder zurückgenommen – vor allem die Umsiedlung der Palästinenser*innen nach Jordanien und Ägypten.

In der medialen Berichterstattung allerdings weitgehend unbeachtet blieb die ökonomische Ideologie hinter Trumps Plan. Als Quelle für Trumps angeblich so „unkonventionellen“ und „kreativen“ Vorschlag findet sich eine wissenschaftliche Arbeit mit dem Titel Ein ökonomischer Plan für den Aufbau Gazas: ein Ansatz nach dem Betreibermodell. Diese Arbeit, die von einem Wirtschaftswissenschaftler der George-Washington-Universität verfasst und der Trump-Regierung im Juli 2024 vorgelegt wurde, skizziert ein Investitionsprojekt im Umfang von mehreren Billionen Dollar, die Gazas Souveränität praktisch an ausländische Investor*innen, „Stakeholder“, übertragen und den Gazastreifen unter eine vollständig KI-gesteuerte Überwachung stellen würde. Die Arbeit sieht vor, dass „ausländische Investor*innen für einen Zeitraum von 50 Jahren Aktienanteile an Gaza erwerben, in dieser Zeit würde Gaza mithilfe der Investitionen wiederaufgebaut. ... Über die Souveränität der Einwohner*innen von Gaza wird nach Ablauf des 50-jährigen Leasing-Arrangements von ebendiesen Stakeholder*innen entschieden.“

Die Arbeit strotzt vor historischen Ungenauigkeiten, unbelegten Aussagen über palästinensische Todesopfer und Infrastrukturzerstörung, vagen Behauptungen über die Bevölkerungszahlen in Gaza und fragwürdigen Quellenangaben wie Wikipedia-Artikeln. Die öffentliche Meinung der Palästinenser*innen wird falsch wiedergegeben, und es wird sogar behauptet, das Vorgehen des israelischen Militärs sei mit internationalem Recht vereinbar. Es ist erstaunlich, dass eine solche Arbeit in einer wissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlicht wurde.

Insgesamt ist der Aufsatz durchdrungen von Marktfundamentalismus und einer entpolitisierten Wirtschaftslogik. In der Einleitung verkündet der Autor stolz seine Absicht, „eine vernünftigere wirtschaftliche Methode, frei von den Beschränkungen durch politische Faktoren“ anwenden zu wollen, mit dem Ziel eines „zivilen Regierungssystems auf Grundlage der allgemeinen Philosophie der Privatisierung öffentlicher Dienste“. Es wird argumentiert, man solle Gaza als einen Fall von Post-Insolvenz betrachten, die sich mithilfe von „Investitionslösungen“ beheben ließe.

Die Kosten dieses Mega-Immobilienprojekts würden sich auf geschätzte ein bis zwei Billionen Dollar belaufen, für die Fertigstellung sind fünf bis zehn Jahre angesetzt. Investor*innen würden im Rahmen eines 50-Jahres-Vertrages direkte Kapitalbeteiligungen an Gaza erhalten. Zwar wird in diesem Aufsatz nicht ausdrücklich eine Umsiedlung der Bevölkerung gefordert, doch enthält der vierte Abschnitt beunruhigende Pläne: Hier wird vorgeschlagen, „die gesamten 365 Quadratkilometer der Landmasse Gazas umzugraben“ und eine drei bis fünf Kilometer breite Pufferzone zu einzurichten. In Verbindung mit der hohen Bevölkerungsdichte und einer Bauzeit von fünf Jahren liefern diese Pläne rhetorische Munition für Trumps Endziel: die ethnische Säuberung.

Es gibt weitere alarmierende Einzelheiten. Der Aufsatz legt nahe, dass die Übergangsverwaltung für Gaza „von den ausgewählten Investor*innen und oder deren Vertreter*innen untervergeben“ wird und fordert, „die als ‹Rule of Law› bekannten Prinzipien des Common Law im Rahmen einer Marktwirtschaft für das Eigentums-, Vertrags-, Straf- und Deliktrecht anzuwenden.“ Abgesehen von der problematischen Geschichte des Rule-of-Law-Begriffs, ist hier anzumerken, dass das Common Law in der arabischen Welt außerhalb Israels (welches sowohl Einflüsse des Common-Law- als auch des Civil-Law-Systems aufweist) größtenteils unbekannt ist. Schlussendlich wird in der Arbeit vorgeschlagen, der Bildungssektor solle von ausländischen Experten überwacht werden, die über die Befugnisse verfügten, einen „ausgewogenen“ Lehrplan zu erstellen.

Heterodoxe Visionen für ein freies Palästina

Der oben beschriebene Plan müsste komplett diskreditiert werden. Doch da er aus einer wissenschaftlichen Abhandlung stammt, die in mainstream-ökonomischen Methoden wie dem CGE-Modell verankert ist, verleiht ihm das einen Anschein von Legitimität. Damit soll nicht behauptet werden, dass Mainstream-Ökonomie immer schädlich wäre. Aber es wird darauf hingewiesen, dass deren apolitische Logik als Waffe für zutiefst ungerechte Zwecke eingesetzt werden kann. Wenn man also Visionen für ein Nachkriegs-Palästina formulieren will, sollte man die Inspiration dafür unbedingt in heterodoxen Wirtschaftstheorien suchen.

Heterodoxe Denkschulen stellen den interdisziplinären Charakter der Wirtschaftswissenschaften in den Vordergrund und bestreiten die Annahme, dass mehr Daten und mehr Rechenleistung automatisch zu besseren, „wissenschaftlich begründeteren“ Regelungen führen. Für Palästina haben lokale Forschungseinrichtungen die politische Ökonomie der israelischen Besatzung sowie mögliche Wege für einen Rückzug aus der israelischen Wirtschaft untersucht. Weltweit entwickeln Institutionen wie das Center for Heterodox Economics (CHE) Alternativen, die sich auf Arbeiter*innenrechte, Wohnraumgerechtigkeit und inklusive Entwicklung konzentrieren – und dem Wohl der Gesellschaft eine höhere Priorität einräumen als der Maximierung des Shareholder Value.

Im Rahmen dieser kritischen Tradition möchte ich drei kurzfristige wirtschaftspolitische Maßnahmen vorschlagen, um das Leben der Palästinenser*innen im größten Gefängnis der Welt unter freiem Himmel zu erleichtern und ein Mindestmaß an Menschenwürde wiederherzustellen. Unmittelbare Priorität inmitten des andauernden Genozids und der humanitären Katastrophe haben selbstverständlich die Beendigung des Krieges und Druck auf Israel, sich aus dem Gazastreifen zurückzuziehen und humanitäre Hilfe ins Land zu lassen. Doch danach benötigt Gaza einen grundlegenden wirtschaftlichen Wandel.

Auf lange Sicht muss die tief verwurzelte ökonomische Abhängigkeit Palästinas von Israel abgebaut werden, die eine Folge asymmetrischer Machtdynamiken und einseitiger Kontrolle über die Ressourcen und den politischen Handlungsraum ist.

Wenn dieser Krieg endlich beendet sein wird, sollte allen in Gaza lebenden Erwachsenen zwei Jahre lang ein Grundeinkommen gezahlt werden. In Anbetracht der Zerstörung der materiellen Infrastruktur, der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit und der Bildungseinrichtungen ist eine solche Maßnahme essenziell für die Wiederherstellung der Kaufkraft. Bei einer durchschnittlichen Haushaltsgröße von 5,5 Personen und einer Bevölkerung von 2,1 Millionen – von denen die Hälfte jünger als 19 Jahre ist – würde ein monatliches Haushaltsgeld von 500 Dollar über zwei Jahre etwa 4,5 Milliarden Dollar kosten und könnte über die bestehenden Strukturen wie das Ministerium für soziale Entwicklung ausgezahlt werden.

Aus einem Baby-Bond-Programm könnten für jedes Kind, das in Gaza geboren wird, eine einmalige Zuwendung in Höhe von 2.000 Dollar gezahlt werden, die zinsbringend in einen sicheren Fonds investiert werden sollte. Auf diesen Fonds können die Empfänger*innen zwischen 18 und 25 Jahren zugreifen, um sich zentrale Lebensbedürfnisse zu erfüllen: Wohnen, geschäftliche Investitionen, eine Ausbildung oder Altersvorsorge. Mit einer Bruttogeburtenrate von 32 Kindern pro 1.000 Einwohner*innen, kommen in Gaza jährlich um die 67.200 Kinder zur Welt. Basierend auf internationalen Schätzungen für vergleichbare Programme würden sich die Kosten im Bereich zwischen einer und anderthalb Milliarden US-Dollar bewegen.

Eine dritte Maßnahme wären Projekte im produzierenden Sektor aufgebaut – vor allem in der Warenproduktion und der Landwirtschaft – im Rahmen genossenschaftlicher Eigentumsmodelle. Die Arbeiter*innen würden faire Löhne erhalten, am Management beteiligt sein und Profite demokratisch reinvestieren. Dieses Modell ist inspiriert von den SAMED-Projekten im Libanon, die von der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) zur Unterstützung der Familien gefallener Kämpfer*innen initiiert wurden, sowie von erfolgreichen internationalen Modellen wie der Mondragon Corporation im Baskenland und dem ökonomischen Experiment Rojava im kurdischen Syrien.

Natürlich sind diese Maßnahmen kostspielig und erfordern erhebliche externe Finanzmittel. Allerdings ist zu beachten, dass es zu Trumps Plan nur eine einzige Alternative gibt, nämlich eine arabische Wiederaufbauinitiative unter ägyptischer Führung, deren Kosten derzeit auf 53 Milliarden Dollar geschätzt werden. Zum Vergleich: Bei der letzten großen Geberkonferenz für Palästina im Jahr 2007 kamen Spendenzusagen in Höhe von mehr als 7 Milliarden Dollar zusammen. Eine breiter angelegte Investitionskampagne mit arabischen Staaten und palästinensischen Investor*innen aus der Diaspora in der Schlüsselrolle würde sicher ähnliche Beträge erzielen.

Diese Maßnahmen sind nicht perfekt und keine langfristige Lösung für die strukturellen Marktverzerrungen, die Jahrzehnte israelischer Besatzung verursacht haben. Sie sind aber sinnvolle Antworten auf drängende Probleme wie Armut, Arbeitslosigkeit und wirtschaftliche Abhängigkeit von Israel. Auf lange Sicht muss die tief verwurzelte ökonomische Abhängigkeit Palästinas von Israel abgebaut werden, die eine Folge asymmetrischer Machtdynamiken und einseitiger Kontrolle über die Ressourcen und den politischen Handlungsraum ist. Strategisch muss es darum gehen, die Abhängigkeit von den israelischen Arbeits-, Waren- und Kapitalmärkten zu reduzieren und den öffentlichen wie den privaten Sektor intensiv anzukurbeln. Hierunter fallen gezielte Investitionen in die produzierende Industrie, die Wissenswirtschaft und eine deutliche Steigerung des Anteils weiblicher Arbeitskräfte, der mit weniger als 20 Prozent weiterhin auffällig niedrig ist.

Die Umsetzbarkeit solcher langfristiger Maßnahmen muss in einem breiteren politischen Rahmen und unter Einbeziehung der Interessengruppen geprüft werden, ähnlich wie in der Analyse des Palästinensischen Forschungsinstituts für Wirtschaftspolitik (MAS) in dessen jüngstem Bericht Die politische Ökonomie des palästinensischen Nationalstaats, Unabhängigkeit und Entwicklung im Nachgang des Krieges. Dieser Bericht und das daran anschließende wissenschaftliche Symposium Prioritäten für die palästinensische Wirtschaft während des Krieges stehen im Kontrast zur unpolitischen Sichtweise der neoklassischen Ökonomie. In ihrer Gesamtheit stellen sie einen zwar kleinen, jedoch essenziellen Korpus lokaler Studien dar, in denen die zugrundeliegenden Bedingungen, Symptome und Gegenmaßnahmen mit der erforderlichen analytischen Schärfe und intellektuellen Integrität untersucht werden.

Übersetzung von Cornelia Röser und Margarete Gerber für Gegensatz Translation Collective.

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