Kommentar | Wirtschafts- / Sozialpolitik - Globalisierung - Multipolare Welt Eine neue Vision für die menschliche Zivilisation

Wie die Zusammenarbeit der BRICS-Staaten die globale Entwicklung im 21. Jahrhundert prägt

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Wang Wen,

Die Teilnehmer des 15. Treffens der nationalen Sicherheitsberater und hochrangigen Vertreter der BRICS-Staaten für nationale Sicherheit posieren für ein Gruppenfoto in Brasilia, Brasilien, 30.04.2025.
Die Teilnehmer des 15. Treffens der nationalen Sicherheitsberater und hochrangigen Vertreter der BRICS-Staaten für nationale Sicherheit posieren für ein Gruppenfoto in Brasilia, Brasilien, 30.04.2025. Foto: IMAGO / Xinhua

Wenn wir über die Zukunft der BRICS sprechen, einer zwischenstaatlichen Organisation, der Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika, Ägypten, Äthiopien, Indonesien, Iran und die Vereinigten Arabischen Emirate angehören, dann diskutieren wir nicht nur über die Zukunft eines Instruments der wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Es geht vielmehr um grundlegende Fragen der Entwicklungsrichtung der menschlichen Zivilisation im 21. Jahrhundert. Die BRICS-Staaten sind längst nicht mehr nur Akteure der wirtschaftlichen Zusammenarbeit, sondern haben sich zu Schlüsselfiguren in der globalen Governance entwickelt. Ihre Bedeutung hat die geopolitischen Grenzen der Gruppe längst überschritten. Sie stehen für eine Neugestaltung der Weltordnung durch aufstrebende Staaten, die zusammen 50 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen. Ihnen kommt die historische Aufgabe zu, das Paradigma der Süd-Süd-Kooperation zu erneuern.

Der revolutionäre Beitrag der BRICS-Staaten

Die BRICS-Gruppe setzt auf drei Ebenen revolutionäre Entwicklungen in Gang. Zunächst ist es ihr Verdienst, die unipolare Hegemonie zu durchbrechen und die globale Machtstruktur grundlegend neu zu ordnen. Als die BRICS-Staaten auf ihrem ersten Gipfeltreffen im Jahr 2009 die «Förderung der Reform internationaler Finanzinstitutionen» vorschlugen, stagnierte die Quotenreform des IWF bereits seit zehn Jahren. Bis heute hat die Neue Entwicklungsbank (NDB) Projekte im Gesamtwert von mehr als 30 Milliarden US-Dollar genehmigt. Darüber hinaus wurde im Rahmen des Contingent Reserve Arrangement (CRA) ein Reservefonds in Höhe von 100 Milliarden Dollar aufgebaut. Damit wurde in der Praxis bewiesen, dass die globale Governance nicht dauerhaft von einigen wenigen Ländern monopolisiert werden muss.

Wang Wen ist leitender Dekan des Chongyang Institute for Financial Studies an der Renmin-Universität China.

Die BRICS-Staaten haben die Reform der IWF-Quoten vorangetrieben und sich in der WTO für eine «besondere und differenzierte Behandlung» der Entwicklungsländer eingesetzt. Dies entspricht im Wesentlichen einer Neugestaltung der Logik der globalen Machtverteilung, die in den letzten 100 Jahren für die Festlegung von Regeln maßgeblich war.

Gleichzeitig geht die BRICS-Gruppe über das «Zentrum-Peripherie»-Paradigma hinaus. Wir erleben die Entstehung des ersten nicht vom Westen geführten multilateralen Kooperationsmechanismus in der Geschichte der Menschheit. Die gegenseitige Anerkennung technischer Standards in der digitalen Wirtschaft unter den BRICS-Staaten, wie die Koordinierung der 5G-Frequenzen, die gemeinsame Forschung für Impfstoffe sowie der Datenaustausch zu Fernerkundungssatelliten, markieren einen Wandel des Systems der Wissensproduktion: von einer einseitigen Output-Orientierung hin zu einer multilateralen Zusammenarbeit. Noch wichtiger ist, dass diese Kooperation stets den Prinzipien «Informalität, schrittweises Vorgehen und Konsens» folgt – eine moderne Umsetzung der in den östlichen Zivilisationen bekannten Weisheit «Harmonie in der Vielfalt».

Darüber hinaus trägt die BRICS-Gruppe dazu bei, eine neue Entwicklungsethik zu prägen, indem sie die Vielfalt der Wege zur Modernisierung aufzeigt. Als die BRICS-Staaten ihr Handelsvolumen untereinander innerhalb von 15 Jahren um 300 Prozent steigerten, ohne dabei den traditionellen Weg des Freihandels zu beschreiten oder eine einheitliche Zollunion zu gründen, spiegelte dies auch ihr Bekenntnis zur Entwicklungsautonomie wider.

Die sozialistische Marktwirtschaft Chinas, die digitale öffentliche Infrastruktur Indiens, die Bioenergie-Revolution Brasiliens, das kommunale Gesundheitssystem Südafrikas und die Erfahrungen Russlands mit der Erschließung der Arktis bilden zusammen ein lebendiges Bild der «pluralistischen Moderne». Diese ideologiefreie, pragmatische Zusammenarbeit liefert der Menschheit neue Ideen zur Lösung der ewigen Probleme Wachstum, Verteilung, Effizienz und Gerechtigkeit.

Klippen und Turbulenzen: Realistische Herausforderungen für den BRICS-Kurs

Die Zusammenarbeit der BRICS-Staaten bewegt sich im Spannungsfeld zwischen mechanischer Struktur und Flexibilität. Derzeit ist die BRICS-Gruppe ein «forumartiger» Kooperationsmechanismus und die Neue Entwicklungsbank macht lediglich drei Prozent des Finanzierungsvolumens der globalen multilateralen Entwicklungsinstitutionen aus. Wie gelingt es, bei einer Erweiterung von derzeit fünf auf zehn Mitgliedstaaten die Balance zwischen effizienten Entscheidungsprozessen und repräsentativer Vertretung zu wahren? Wie lässt sich in konkreten Bereichen wie Ernährungssicherheit und Klimaschutzfinanzierung ein verbindlicher Handlungsrahmen schaffen? Dies sind Herausforderungen, die unsere institutionelle Aufstellung auf die Probe stellen.

Zwischen dem Recht auf Entwicklung und dem Recht, global Einfluss zu nehmen, besteht ebenfalls ein struktureller Widerspruch. So tragen die BRICS-Staaten zwar mit 50 Prozent zum globalen Wirtschaftswachstum bei, verfügen jedoch nur über 13,24 Prozent der Stimmrechte in der Weltbank und wickeln weniger als 5 Prozent ihrer Abrechnungen im SWIFT-System in Landeswährung ab. Noch gravierender ist die Tatsache, dass einige Länder technische Standards und Überprüfungen der Lieferkette allgemein verbindlich eingeführt haben. Allein im Jahr 2023 waren BRICS-Unternehmen mit 127 Sanktionen im Rahmen der Long-Arm-Jurisdiction konfrontiert. Dies offenbart eine grausame Realität: Der Gegenangriff der etablierten Interessen des Aktienmarktsystems könnte stärker ausfallen als erwartet.

Die BRICS-Kooperation ist im Wesentlichen eine stille Revolution: Sie will das bestehende System nicht zerstören, sondern beweisen, dass eine gemeinsame Entwicklung in gegenseitigem Respekt möglich ist.

Schließlich stellt die dialektische Beziehung zwischen Wertekonsens und Interessenunterschieden eine ständige Herausforderung dar. Die unterschiedlichen Positionen der Mitgliedsländer zur Ukraine-Krise sowie die fachlichen Kontroversen über Handelssubventionen zeigen, dass die Schwellenländer eine heterogene Gruppe sind. Angesichts eines Pro-Kopf-BIP in Südafrika, das nur ein Viertel des chinesischen Wertes beträgt, und einer Energieimportquote Indiens von 90 Prozent, stellt sich die Frage, wie kurzfristige Bedürfnisse und langfristige Visionen miteinander in Einklang gebracht werden können. Dies erfordert strategische Geduld, die über das traditionelle geopolitische Denken hinausgeht.

Die Kluft überwinden: Ein pragmatischer Weg zum Aufbau einer BRICS-Zusammenarbeit 2.0

Um die Zusammenarbeit der BRICS-Staaten weiter zu stärken, schlage ich vor, die Grundpfeiler von «drei Gemeinschaften» zu errichten. Diese Gemeinschaften sind:

  1. Lebensmittel- und Energiegemeinschaft: Einrichtung eines gemeinsamen Reservemechanismus, Aufbau einer strategischen Reserve von zehn Millionen Tonnen für Weizen, Mais und Düngemittel sowie Entwicklung eines gemeinsamen BRICS-Forschungsplans für Agrarwissenschaften und -technologien.
  2. Gemeinschaft für digitale Innovation: Förderung der Vernetzung zwischen Indiens einheitlicher Zahlungsschnittstelle (UPI) und Chinas grenzüberschreitendem Zahlungssystem (CIPS) sowie die Einrichtung gemeinsamer Forschungseinrichtungen in den Bereichen 6G und Quantencomputing.
  3. Grüne Finanzgemeinschaft: Einführung «klimaneutraler» Sonderziehungsrechte und eine Erhöhung des Anteils grüner Projekte bei Neufinanzierungen durch die Neue Entwicklungsbank auf über 60 Prozent bis 2027.

Die BRICS-Staaten sollten auch den Aufbau eines Netzwerks mit «doppelter Zirkulation» anstreben. Dieser umfasst einerseits den inneren Kreislauf unter den BRICS-Staaten, das heißt die Umsetzung des Early Harvest-Plans für die BRICS-Freihandelszone sowie die Übernahme einer Führungsrolle bei der gegenseitigen Anerkennung von Vorschriften für den Warenursprung in fünf Bereichen – darunter Elektrofahrzeuge und medizinische Geräte – und andererseits den externen Kreislauf. Letzterer umfasst die Einrichtung eines Mechanismus zur politischen Koordinierung für «BRICS+» mit der Afrikanischen Union und der ASEAN.

Schließlich müssen wir die praktische Ebene des gegenseitigen Lernens zwischen den Kulturen innovativ gestalten. Dazu gehört die Einrichtung einer digitalen Bibliothek zum kulturellen Erbe der BRICS-Staaten, die jährliche Veröffentlichung eines «Berichts über die Entwicklung der multiplen Modernitäten» sowie die universitäre Förderung in den Mitgliedsländern, um einen gemeinsamen Studiengang Global South Studies einzurichten. Noch wichtiger ist es jedoch, die erfolgreichen Praktiken der BRICS-Staaten in Bereichen wie Armutsbekämpfung (China), Gesundheitsversorgung (Südafrika) und digitaler Regierungsführung (Indien) zu nutzen, um einen vom Neoliberalismus abweichenden Diskurs zu entwickeln.

Möge die Fackel der Geschichte die Zukunft erhellen

Als die Teilnehmenden der Berliner Konferenz im Jahr 1884 Afrika per Lineal aufteilten, hätten sie wohl kaum gedacht, dass 140 Jahre später auf dem brasilianischen Plateau einst marginalisierte Länder die Grammatik der globalen Governance neu definieren würden. Die BRICS-Kooperation ist im Wesentlichen eine stille Revolution: Sie will das bestehende System nicht zerstören, sondern beweisen, dass eine gemeinsame Entwicklung in gegenseitigem Respekt möglich ist.

So wie verschiedene Baumarten im Amazonas-Regenwald über unterirdische Mykorrhiza-Netzwerke Nährstoffe austauschen, sollten auch wir uns diese Methode zum Vorbild nehmen, um eine wirklich integrative und nachhaltige Form der menschlichen Zivilisation aufzubauen. Wenn unsere Nachkommen auf diese Zeit zurückblicken, mögen sie sich daran erinnern, dass es in einer entscheidenden Phase der Geschichte eine Gruppe von Denker*innen und Akteuren aus dem Globalen Süden gab, die sich für Zusammenarbeit statt Konfrontation entschieden und so neue Möglichkeiten für die Menschheit schufen.
 

Dieser Artikel basiert auf einem Vortrag, der im Rahmen des von der Progressive International und der Rosa-Luxemburg-Stiftung im Mai 2025 in Brasília, Brasilien, veranstalteten Workshops «BRICS Ascendant» gehalten wurde.

Übersetzung von Camilla Elle für Gegensatz Translation Collective.