
Eine breitere Öffentlichkeit kannte Willi Bleicher lange nur als Führer der großen Metallerstreiks 1963 und 1971 und als Gegenspieler des Arbeitgeberpräsidenten Schleyer. Über Schleyers Vergangenheit in der SS war lange so wenig bekannt wie über die KZ-Geschichte Bleichers. Diese hatte ihn in den siebziger Jahren zum Vorbild vieler junger Gewerkschafter gemacht.
Bleicher war schon früh in der kommunistischen Jugend und der Gewerkschaft aktiv gewesen, ab 1929 im Rahmen der kommunistischen Opposition, die sich für eine Einheitsfront gegen den Faschismus einsetzte. Er beteiligte sich 1933 am Widerstand, wurde 1936 verhaftet und nach dem Gefängnisaufenthalt 1938 ins KZ Buchenwald deportiert.
In den ersten Jahren nach dem Krieg, so berichtet Bleicher, wollte man nicht hören, was die Überlebenden zu sagen hatten, und sie selbst sprachen auch wenig darüber. In dieser Zeit weckte das Zusammenreffen Bleichers mit «Juschu» Zweig 1964 und die gemeinsame Fahrt nach Buchenwald das Interesse der Medien. Denn Bleicher hatte maßgeblich an der Rettung des «Kindes von Buchenwald» mitgewirkt, an der Rettung des dreijährigen «Juschu» Stefan Jerzy Zweig vor der Deportation ins Gas. In einem ergreifenden Brief bedankte sich der in Israel lebender Vater Dr. Zacharias Zweig: Nicht nur einmal habe er seinen Freunden von Bleichers «Kampf um das Leben meines Kindes erzählt», vom Kampf um «die Rettung der Leidenden, obwohl du selbst gelitten hast, die Hilfe und den Kampf für diese Häftlinge, die in größerer Gefahr waren als Du, wie z.B. die Juden».
Der ergreifende Brief ist erstmals abgedruckt in dem materialreichen und gut recherchierten Band «Texte eines Widerständigen», der Abmayrs Bild-Biografie «Wir brauchen kein Denkmal. Willi Bleicher: Der Arbeiterführer und seine Erben» (hier als ebook) von 1992 ergänzt und in Teilen korrigiert.
Es war der 1958 in der DDR erschienene Roman «Nackt unter Wölfen» gewesen, über dessen Autor Bruno Apitz Zweig die Adresse von Bleicher herausgefunden hatte. Apitz Film- und Buchprojekt, das von der SED-Führung lange rigoros abgelehnt worden war, wurde zum meistverkauften Buch der DDR und hatte im Westen großen Erfolg – auch wenn man Apitz bei einer Lesung in Dortmund verhaftete und abschob. In der DEFA-Verfilmung von 1963 spielt Armin Müller-Stahl die Rolle Willi Bleicher, eigensinnig auch gegen die Parteidisziplin und im Sinne einer Brüderlichkeit, von der er etwas bewahren wollte.
Als Kapo der Effektenkammer, in der die persönlichen Gegenstände und Akten der Häftlinge, auch ihre Wertsachen, verwahrt wurden, musste Bleicher dafür sorgen, dass mit diesen Dingen korrekt umgegangen wird, auch wenn er Diebstähle durch SS-Chargen nicht verhindern konnte, darunter die Frau des Lagerkommandanten Ilse Koch und Karl Otto Koch selbst.
Die Tätigkeit der Funktionshäftlinge war risikoreich, auch für Bleicher, der auf Veranlassung von Koch ausgepeitscht wurde, weil ihm beim Umzug eine Tasse herunterfiel. 1949 wurde Ilse Koch vor ein deutsches Gericht gestellt. Abmayr dokumentiert Bleichers Aussagen, die zur Verurteilung wegen Anstiftung zum Mord, versuchten Mordes und Anstiftung zu schwerer Körperverletzung beitrugen. 1967 erhängte sich die «Hexe von Buchenwald» in ihrer Zelle.
Die Thälmann-Feier
Es waren aus der KPD-Opposition stammende Häftlinge, die am 18. September 1944 eine Totenfeier für den ermordeten KPD-Vorsitzenden Thälmann durchführten. Abmayr dokumentiert diese Ereignisse durch zwei ausführlichen Interviews, die hier erstmals in voller Länge und ohne diskrete Kürzungen wiedergegeben werden, sowie in Briefwechseln, etwa mit Robert Siewert, dem Hauptredner der Feier, der bis 1950 als Innenminister von Sachsen-Anhalt wirkte und dann im Zuge der Re-Stalinisierung wegen seiner KPO-Vergangenheit aller Ämter enthoben wurde.
Die «Thälmann-Feier» zeigte jedenfalls die Überzeugung, dass die alten Differenzen überwunden wären, und eine gemeinsame Gestaltung der Nachkriegsordnung notwendig sei. Da die Feier verpfiffen worden war, geriet Bleicher erneut in die Keller der Gestapo und wurde auf einen der berüchtigten Todesmärsche geschickt, den nur wenige überlebten.
Eher nüchtern beschreibt er in den Interviews die Nachkriegssituation, die Zerstörungen der Städte und der Seelen. Nicht die große Umgestaltung stand auf der Tagesordnung des Aktionsausschusses, in dem Bleicher aktiv wurde, sondern die Aufgabe, «das Leben der Menschen so erträglich zu gestalten wie möglich».
Nun jedenfalls vertrat er energisch die Position, «es darf nur eine einzige Arbeiterpartei geben». Dies drückte auch seine erste Rede aus, die er im Frühjahr 1946 in Stuttgart hielt, einem spannenden Dokument eigenständigen Denkens. Nur aus der Einheit des werktätigen Volkes, so formulierte er, könne der Kristallisationspunkt entstehen, der die Bevölkerung mitreißt, hin zu einer sozialistischen Ordnung mit neuen Lebensidealen.
Doch die Führung der SED begann eine Kampagne gegen potenzielle Oppositionelle und auch Funktionshäftlinge. Ehemalige Mitglieder der KPO wie der mit Bleicher befreundete Buchenwaldhäftling Robert Siewert verloren ihre Posten, der «Lagerälteste» Ernst Busse wurde 1950 sogar zu lebenslanger Haft verurteilt und starb im Gulag.
Die Interviews dokumentieren, dass Bleicher diesen Abgrenzungskurs nicht mittragen wollte, da er die Partei noch mehr in die Isolation führen musste. Seine Zweifel verdichteten sich, als ihm der KPD-Vorsitzende den Kontakt mit dem Buchenwalder Kameraden Eugen Ochs verbieten wollte, der damals der Gruppe Arbeiterpolitik nahestand, die sich aus einigen verbliebenen KPO-Überlebenden um Theo Bergmann gebildet hatte. Noch vor der berüchtigten These 37, die von KPD-Mitgliedern die Einleitung von Kampfmaßnahmen gegen den Willen der Gewerkschaftsführungen forderte, trat Bleicher aus der Partei aus.
Zu den «gewerkschaftlichen Grundsätzen gehörte für ihn stets die Entmachtung derer, die uns in Not und Elend geführt haben». In der IG Metall war Bleicher bis 1950 vom Jugendsekretär zum Vorstandsmitglied aufgestiegen, doch mit seiner kritischen Haltung zur Unterordnung unter die Besatzungsmächte machte er sich keine Freunde bei der inzwischen gut organisierten sozialdemokratischen Seilschaft. 1950 wurde er aus dem Vorstand der IGM gedrängt und fing an der Basis in Baden-Württemberg neu an, wo er 1959 zum einflussreichen Bezirksleiter aufstieg.
Die letzten Dokumente des Bandes belegen Bleichers Engagement gegen den wiedererwachenden Neofaschismus, den Radikalenerlass, die Notstandsgesetze, die Bleicher auch als Bedrohung der Gewerkschaften sieht.
Nicht nur die Zerrissenheit der Arbeiterbewegung habe den tiefen Fall von 1933 verursacht, sondern das Nichtbegreifen, dass «der Faschismus eine Herrschaftsform des Kapitalismus ist, zu der man greift, wenn mit den Mitteln der Demokratie ihre ökonomische Herrschaft und die damit verbundene Profitmaximierung nicht mehr sichergestellt werden kann». Am 23.Juni 1981 ist Willi Bleicher gestorben.
Hermann Abmayr hat eine lesenswerte Dokumentation zusammengestellt, die ohne Pathos die Wirklichkeit des faschistischen Terrorsystems zeigt und die Schwierigkeiten, unter solchen Bedingungen menschlich zu bleiben. Ernüchternd der Blick auf die Enttäuschungen des Exils. Schmerzhaft sind die Schilderungen der Tragödien der Arbeiterbewegung und das Versagen des Antifaschismus, dessen Analyse für Bleicher immer Voraussetzung eines Neubeginns war. Aber ermutigend die Ausdauer, trotzdem für eine menschliche Gesellschaft zu kämpfen.
Die Dokumente werden erläutert und eingeordnet durch kompetente Einführungen und sorgfältig recherchierte Fußnoten sowie, zum Herunterladen von der Verlagsseite, Biografien der Akteure (hier als PDF).
Willi Bleicher: Texte eines Widerständigen. Briefe aus dem KZ, Reden und Interviews; herausgegeben von Hermann Abmayr; Schmetterling-Verlag, Stuttgart 2025, 457 Seiten, 24,80 Euro

