Nachricht | Dehmlow/Iffert (Hrsg.): Ketty Guttmann oder: Eine Todfeindin der Autoritäten; Berlin 2025

Eine Kommunistin, die sich für Prostituierte einsetzte

Information

Seit 2011 sind mehr als 20 Bücher in der verdienstvollen Reihe Miniaturen des Dietz Verlages Berlin erschienen, in der überwiegenden Mehrheit zu prominenten Personen. Nun liegt der achte zu einer Frau vor, die wohl weitestgehend unbekannt sein dürfte. Mit großer Sympathie schildern die Herausgeber kurz und knapp Leben und Wirken von Ketty Guttmann (1883-1967).

Ab 1904 in der SPD organisiert, war sie als gelegentliche Autorin in der von Clara Zetkin geleiteten Zeitschrift «Gleichheit» aktiv. 1906 heiratete sie Felix Hermann Guttmann, der jüdischer Herkunft war, drei Jahre später wurde der gemeinsame Sohn geboren. 1914 trat sie aus der Partei aus, wurde 1918 Mitglied der USPD – im selben Jahr starb ihr Mann –, um dann der KPD beizutreten. Hier wandte sich dem Thema der Sozialreform zu, ganz explizit vertrat sie die Interessen von Prostituierten und war federführend an der Zeitung Der Pranger – Organ der Hamburg Altonaer Kontrollmädchen beteiligt. 1921 wurde sie Abgeordnete der Hamburger Bürgerschaft, politisch war sie u.a. Ernst Thälmann verbunden. Ihre Erfahrungen im Russland der Jahre 1922 und 1923 ließen sie jedoch zu einer Kritikerin der bolschewistischen Politik, insbesondere der Komintern werden. 1924 wurde sie daraufhin aus der KPD ausgeschlossen.

Ihre neue politische Heimat wurde für einige Zeit die anarchosyndikalistische Allgemeine Arbeiter-Union – Einheitsorganisation. Guttmann veröffentlichte Russland-kritische Arbeiten und hielt Vorträge, für die sie jahrelang publizistisch wie körperlich aus den Reihen der KPD angegriffen wurde, ihrem Selbstverständnis nach blieb sie jedoch weiterhin Kommunistin. 1932 wurde Guttmann wieder Mitglied der SPD. Wie genau sie die Zeit nach 1933 verbrachte und den Nationalsozialismus überlebte, ist bislang kaum erforscht. Für die Jahre 1946 und 1947 ist ein Briefwechsel mit Ruth Fischer überliefert, der hier nur kurz gestreift wird – vielleicht wäre ein Abdruck aller Briefe von Interesse gewesen, so bleibt auch unklar, wie dieser Kontakt endete. Publizistisch trat Guttmann bis zu ihrem Tod 1967 nur noch vereinzelt in Erscheinung. Dass ihr Sohn 1972 starb, erfährt man nur in ihrem Wikipedia-Artikel, über ihn erfährt man nur wenig. Spuren ihrer politischen Aktivitäten finden sich in der zeitgenössischen Tagespresse, die Herausgeber geben einige Beispiele. Dank der zwischenzeitlich vorangetriebenen Digitalisierung lassen sich weitere Details auffinden.1 Auch in der bürgerlichen Presse wurde sehr genau zur Person berichtet, so heißt in der Godesberger Volkszeitung vom 26. Juli 1924: «Eine der angriffslustigsten Kommunistinnen, die Schriftstellerin Frau Ketty Guttmann, die seinerzeit in Hamburg eine sehr lärmende Rolle gespielt hat und seit November 1921, nachdem der Untersuchungsrichter beim Reichsgericht sie wegen Hochverrats verfolgt hat, verschwunden ist, hat jetzt von ihren Genossen den Laufpaß erhalten. Das Hamburger Kommunistenblatt, die Volkszeitung, verkündet ihren Ausschluß aus der Partei wegen parteischädigenden Verhaltens».2. In der besagten Hamburger Volkszeitung wird sie dafür in die Nähe der Weißgardisten gerückt und als «Agentin der Konterrevolution» bezeichnet.3 Im März 1930 wird sie in einem mehrfach in verschiedenen Zeitungen veröffentlichten Artikel mit ihrer Kritik an Russland und den Bolschewisten zitiert,4 danach findet sich bislang nichts mehr. Es wäre schön, wenn diese Recherche in einer Folgeauflage des Bandes vertieft werden könnte. Neben der Biografie auf nicht ganz 70 Seiten kommt dann Guttmann auf den verbliebenen Seiten selbst in neun hier wieder zugänglich gemachten Texten zu Wort, in einem weiteren Ausschnitt wird sie in einem Gespräch zwischen Zetkin und Lenin thematisiert.

Alles in allem ein empfehlenswerter, flott geschriebener Band für jene, die sich auch für linke Personen jenseits der ersten Reihe interessieren und einen Einblick in den umkämpften linken Alltag der 1920er Jahre bekommen wollen.

Raimund Dehmlow & Thomas Iffert (Hrsg.): Ketty Guttmann oder: Eine Todfeindin der Autoritäten, Dietz Verlag, Berlin 2025, 184 Seiten, 14 Euro

1 Die zwei zentralen Plattformen für Deutschland sind hierfür https://zeitpunkt.nrw und https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/search/newspaper

2 Godesberger Volkszeitung, Zweites Blatt, Nr. 174, 19. Jg. 26. Juli 1924, S. 3 (https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/zoom/1990882).

3 Ein wuchtiges Bekenntniss für Moskau. Die Antwort der Hamburger Arbeiterschaft an Ketty Gutmann, in: Hamburger Volkszeitung. Organ der KPD, 7. Jg., Nr. 141, S. 2,

4 Dr. Karl Brennert: Die neue antirussische Front. Eine Folge der kommunistischen „Weltkampftage“, in: Sauerländer Zeitung, 42. Jg., Nr. 57, 1. Blatt, 10. März 1930, S. 1 (https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/27533229).