Hintergrund | Arbeit / Gewerkschaften - Bildungspolitik - Gewerkschaftliche Kämpfe Gewerkschaftliche Erneuerung an den Hochschulen

Strategiegeleiteter Machtaufbau bei studentischen Beschäftigten von 2018 bis heute

Information

Kundgebung für einen Tarifvertrag für studentische Beschäftigte Foto: Kay Herschelmann

Hochschulen sind traditionell gewerkschaftlich schlechter organisiert. Mitglieder oder gar Strukturen finden sich unter den bundesweit knapp 800.000 Beschäftigten am ehesten an den Unikliniken und in den wissenschaftsunterstützenden Bereichen, #IchBinHanna zum Trotz bis heute aber kaum unter den wissenschaftlichen Beschäftigten. Das (weitgehende) Fehlen einer Kultur von Arbeitskämpfen am Nadelöhr zu einer zunehmend akademisierten Arbeitswelt stellt dabei eine strategische Herausforderung für die Erneuerung der Gewerkschaften dar, die zur Sicherung ihrer Machtbasis zunehmend auch auf die Gewinnung von Hochqualifizierten angewiesen sind.

Dort, wo viele Akademiker*innen ihre ersten Berufserfahrungen sammeln, nämlich unter den «Hilfskräften» und «Tutor*innen», bauen Aktive seit 2018 eine bundesweite Tarifbewegung auf. 2023 waren sie der Anstoß für den ersten bundesweiten Hochschulstreiktag, einem Meilenstein für die gewerkschaftliche Erschließung des Wissenschaftsbetriebs. 2025 nehmen sie nun erneut Anlauf im Kampf um einen Tarifvertrag für die mehr als 300.000 studentischen Beschäftigten.

Ist das eigentlich Arbeit? Zum Status studentischer Erwerbsarbeit

Ann-Kathrin Hoffmann war Bundessprecherin der Studierenden in der GEW, studiert im Master Erziehungswissenschaft und Geschichte in Bochum und ist seit Beginn der bundesweiten Vernetzung in der Tarifbewegung studentischer Beschäftigter (TVStud) aktiv.

Marvin Hopp ist Sozialökonom und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Arbeitsbereich Soziologie mit den Schwerpunkten Arbeit, Unternehmen und Wirtschaft der Universität Göttingen. Von 2019 bis 2024 beteiligte er sich am Aufbau der bundesweiten TVStud-Bewegung.

Der Beitrag ist eine gekürzte und überarbeitete Fassung des Artikels «Keine Ausnahme!» und kann in voller Länge zusammen mit vielen weiteren Beispielen gewerkschaftlicher Erneuerung an den Hochschulen in dem kürzlich im VSA-Verlag erschienenen Sammelband «Arbeitskämpfe an die Hochschulen! Beschäftigungsbedingungen und Strategien gewerkschaftlicher Gegenmacht» nachgelesen werden.

Die anhaltende Ungleichbehandlung von studentischen Beschäftigten an Hochschulen und Forschungseinrichtungen, die im Gegensatz zu den meisten anderen Lohnabhängigen im öffentlichen Dienst nicht unter einen (Flächen-)Tarifvertrag fallen, weit überwiegend auf der Basis des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes vom Teilzeit- und Befristungsgesetz ausgenommen sind und in zahlreichen Bundesländern unzureichend oder sogar gar nicht von den jeweiligen Personalvertretungsgesetzen erfasst werden, wird gerne damit legitimiert, dass sie noch keine «fertig» ausgebildeten Arbeitnehmer*innen sind – ein Argumentationsmuster mit langer Tradition. Schon Dr. Wilhelm Alexander Kewenig (CDU), 1981 bis 1986 Wissenschaftssenator für in West-Berlin, beklagte, dass sich in Berlin wegen des 1980 unter einer sozialdemokratisch geführten Landesregierung ersten und (bis heute) einzigen abgeschlossenen Tarifvertrags für studentische Beschäftigte (TVStud) «so eine Arbeitnehmermentalität unter den Tutoren und unter den Studenten ausgebreitet [hat], eine Mentalität, die da überhaupt nichts zu suchen hat. Das sind keine Arbeitnehmer […]. Das sind Studenten, die die Gelegenheit bekommen, ein paar Mark auf eine bequeme Art zuzuverdienen, neben ihren regelmäßigen sonstigen Einkünften.» (Mackenthun 1986: 107, eigene Hervorhebungen). In ähnlicher Weise argumentieren Wissenschafts- und Finanzministerien teilweise bis heute, dass die «Sicherstellung des Lebensunterhalts ›nicht der Sinn des Entgelts‹» sei und es in erster Linie darum gehe, sich auf diesem Wege der Erwerbsarbeit qualifizieren und beruflich orientieren zu können (Hopp et al. 2023a: 58, unter Zitation von Drucksache, 18/522, 2019). Auch der Verhandlungsführer der Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL), Dr. Andreas Dressel (SPD), ließ im Rahmen der Tarifrunde 2023 verlauten, dass seiner Auffassung nach studentische Beschäftigung an Hochschulen ausbildungsbegleitend und somit keine richtige Arbeit sei (ver.di 2023: 2). 

Will man also gewinnen, ist es in zweierlei Hinsicht erforderlich, das hegemoniale Verständnis von studentischer Erwerbsarbeit als «keiner richtigen Arbeit» aufzubrechen: nach außen durch die öffentliche Konfrontation von Politiker*innen mit ihren eigenen Verlautbarungen über die Wichtigkeit von Tarifverträgen und Mitbestimmung für die Arbeitswelt, die sie zugleich weiterhin studentischen Beschäftigten nicht zugestehen wollen. Nach innen wiederum durch die Entwicklung eines kritischen Bewusstseins unter den studentischen Beschäftigten, dass sie vollwertige Beschäftigte sind, denen die gleichen Rechte zustehen wie ihren (ebenfalls) lohnabhängigen Kolleg*innen im öffentlichen Dienst (und allen gemeinsam eigentlich noch mehr).

Nur da, wo kollektiv geteilte Ansprüche artikuliert werden – oder, in den Worten von Kewenig, eine «Arbeitnehmermentalität» ausgebildet wird –, kann politische Bewegung entstehen. Denn was sich viel zu viele studentische Beschäftigte selbst nicht zugestehen, etwa einen höheren Lohn oder (häufig aus Unwissen) ihren Urlaubsanspruch, kann weder eingefordert noch beklagt werden. Daher braucht es Beziehungsarbeit unter Kolleg*innen, um über Rechte aufzuklären und kollektiv getragene Ansprüche an die eigenen Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen zu entwickeln, um diese in Organisierung zu überführen.

Von den ersten Erfahrungen zur «Quick and Dirty»-Strategie

Den Anstoß für einen bis heute anhaltenden bundesweiten Bewegungszyklus gab die TVStud-Bewegung in Berlin. Nach 41 Streiktagen mit in der Spitze fast 1.500 Teilnehmer*innen auf Streikdemonstrationen hatte sie 2018 einen neuen landesweiten Tarifvertrag (den TVStud III) durchsetzen können (Bouali et al. 2018). Dieser Erfolg ließ auch in anderen Bundesländern neue Erwartungshaltungen und Hoffnungen auf einen Tarifvertrag entstehen. In Bremen und Hamburg gründeten sich in der Folge neue TVStud-Initiativen, die von ver.di unterstützt mit strukturbasiertem Organizing loslegten (ver.di Hamburg 2021). Relativ schnell mussten die Aktiven jedoch feststellen, dass sich das Vorgehen und damit der Erfolg aus Berlin nicht ohne Weiteres eins zu eins übertragen ließen.

Erstens versteckten sich beide Bundesländer hinter ihrem Arbeitgeberverband: Die Mitgliederversammlung der TdL, bestehend aus den Finanz- oder Innenminister*innen der Bundesländer (außer Hessen), verweigerte Bremen und Hamburg per Beschluss, einen Tarifvertrag auf Landesebene auszuhandeln – berechtigterweise wurden weitere Spillover-Effekte befürchtet. Zweitens ließ sich die Strategie, 1.000 Neumitglieder zu gewinnen und in einen anschließenden mehrtägigen Arbeitskampf zu treten, nicht ohne Weiteres auf andere Bundesländer übertragen. So waren studentische Beschäftigte in Berlin u.a. in den Bibliotheken angestellt und konnten deshalb durch ihren Streik deutlich mehr stören, also: «strukturelle Macht» entfalten (Schmalz/Dörre 2014: 222), als etwa in Hamburg. Von noch größerer Bedeutung waren jedoch drei andere zentrale Aspekte, die für den Erfolg in Berlin wichtig gewesen waren: ein bestehender Tarifvertrag (1), Mindestvertragslaufzeiten (2) und eigene Personalräte (3):

1. Dadurch, dass bereits zuvor ein Tarifvertrag etabliert(er) war, musste er nicht (auch in kultureller Hinsicht) komplett neu durchgesetzt werden.

2. Dank der im Berliner Hochschulgesetz verankerten Mindestvertragslaufzeit von in der Regel 24 Monaten haben außerdem 83% der studentischen Beschäftigten einen Vertrag für mindestens ein Jahr, über 56% sogar für 24 Monate oder mehr (Hopp et al. 2023a: 71). In den übrigen Bundesländern war dem Sonderbefristungsrecht auf Basis des §6 Wissenschaftszeitvertragsgesetz keine Grenzen gesetzt, was Vertragslaufzeiten von weniger als sechs Monaten sowie eine Vielzahl von Kettenverträgen zur Folge hatte. Ob oder wie lange man selbst einen konkreten, absehbaren Nutzen aus einem Arbeitskampf haben wird (also für sich selbst und nicht nur für nachfolgende Beschäftigte kämpft), hat Auswirkungen auf die rationale Abwägung über den eigenen Einsatz. Zugleich führen kurze Vertragslaufzeiten und Kettenverträge zu einer verstärkten Machtasymmetrie gegenüber den Vorgesetzten (Hopp 2025), mit erheblichen Konsequenzen: Denn wer ist bereit sich aufzulehnen und an Streiks zu beteiligen, wenn der Arbeitsvertrag nur noch zwei Monate läuft und die Unterzeichnung eines Anschlussvertrags noch aussteht?

3. Mit den studentischen Personalräten existiert in Berlin zudem eine Institution, die es gewählten studentischen Beschäftigten ermöglicht, sich im Rahmen ihrer Arbeitszeit für die Belange ihrer Kolleg*innen einzusetzen, sich entsprechend zu qualifizieren, Wissen aufzubauen sowie kontinuierliche Beziehungsarbeit zu leisten. Neben einem Mailverteiler, der es erlaubte, alle studentischen Beschäftigten über aktuelle Entwicklungen zu informieren, erhalten studentische Personalräte in Berlin Informationen, wo wie viele studentische Beschäftigte arbeiten. Auch das hilft bei der Organisierung. Darüber hinaus haben die studentischen Personalräte die Möglichkeit, zu Personalversammlungen einzuladen, auf der etwa auch die im Betrieb vertretenen Gewerkschaften sprechen dürfen, um beispielsweise über die anstehende Tarifbewegung zu informieren. Eine vergleichbare Institution und die damit verbundene Möglichkeit, eine betriebliche (Gegen-)Öffentlichkeit sowie Beziehungen durch Sicht- und Ansprechbarkeit von innerbetrieblichen gewerkschaftlichen Akteur*innen zu schaffen, existiert anderswo nicht.[1] Beschäftigtenzahlen (und weitere Informationen) sind bestenfalls aus parlamentarischen Anfragen von Oppositionsparteien (zumeist von der Partei Die Linke) bekannt. 

In der Praxis des Organisierens wurde außerhalb Berlins zwischen 2018 und 2020 sehr schnell klar, dass die kurzen Vertragslaufzeiten und die hohe Fluktuation dem eigentlichen Credo des Organizings, Mehrheiten zu gewinnen, entgegenstanden. Stattdessen zeigte sich in der Vorbereitung der Tarifrunde 2021, dass «Quick and Dirty» (Hoffmann/Hopp 2021) vorgegangen werden muss. Quick in dem Sinne, dass gezielt ausgewählte, streikfähige Leuchttürme (beispielsweise in Form einzelner Institute) aufgebaut werden sollten, um innerhalb klar umrissener und absehbarer Zeitfenster von nur einem Semester Handlungsfähigkeit herzustellen, dadurch schrittweise erste strukturelle Verbesserungen durchzusetzen und gleichzeitig positive Bezugspunkte für die gesamte Bewegung zu schaffen. Allen war dabei klar: In diesen Organizingsemestern entscheidet sich, wie stark man im darauffolgenden Streiksemester wird. 

Hierzu verschaffen sich die Beschäftigten in einem ersten Schritt bei einem Mapping einen Überblick, wo wie viele Hilfskräfte und Tutor*innen arbeiten und bereits Aktive sind, notieren in Fachbereichskarten pro Institut, Arbeitsbereich oder Projekt die Namen und Kontaktdaten der Kolleg*innen und sprechen sie dann nacheinander mit einem vorher festgelegten Anspracheinstrument (zum Beispiel Forderungsbefragungen oder Petitionen) an. In einer großen Tabelle – dem Charting – vermerken sie, wer zu Aktionen, Streik oder Gewerkschaftsbeitritt bereit ist. In regelmäßigen Strukturaufbautreffen (bestenfalls wöchentlich) werden dann die Fortschritte zusammengetragen und das weitere Vorgehen geplant. Das Ziel ist der «Gewerkschaftsaufbau von unten»: Wer Kolleg*innen anspricht, fragt sie auch, ob sie ihrerseits noch weitere kennen und ansprechen, also, ob sie für ihre Interessen aktiv werden wollen. So werden bestenfalls Verbindlichkeiten hergestellt, Verantwortung auf viele Schultern verteilt und es können sich viele Beschäftigte mit ihrem Wissen einbringen, das über Ansprachetrainings und weitere Schulungen wiederum gezielt geteilt und erweitert wird.[2]

Dirty sollten wiederum die politischen Begleitkampagnen geführt werden, die insbesondere die Finanz- und Wissenschaftsminister*innen persönlich adressieren. Wo immer es sich bei öffentlichen Veranstaltungen, parlamentarischen Anhörungen und besonders im Wahlkampf anbietet, sollten bestenfalls die verantwortlichen Politiker*innen mit den Forderungen konfrontiert, an ihre Versprechen erinnert und Handeln eingefordert werden. In Verbindung mit Kundgebungen vor den zuständigen Behörden sowie gezielte und koordinierte Mail- oder Social Media-Aktionen und gerahmt durch eine mediale Skandalisierung der Missstände kann so der Handlungsdruck auf die Vertreter*innen der Länder im Arbeitgeberverband erhöht werden.

Der Aufbau einer bundesweiten Bewegung: Wie werden wir durchsetzungsfähig?

Spätestens mit der Blockade der Arbeitgeber*innen war den Aktiven aus Bremen und Hamburg klar, dass sie zusätzliche Machtressourcen erschließen und die bisherige Strategie weiterentwickeln müssen. Zu dem Tarifvertrag kamen Mindestvertragslaufzeiten und studentische Personalräte als strategische Kernforderungen hinzu, wobei die letzten beiden die betrieblichen Rahmenbedingungen und damit dauerhaft die Voraussetzungen für (Selbst-)Organisierung und Streikfähigkeit verbessern sollten. Für die Durchsetzung fuhren die Aktiven zweigleisig: Sie forderten zum einen den Tarifvertrag auf Bundesebene ein und starteten zum anderen Initiativen, um Mindestvertragslaufzeiten und studentische Personalräte auf Landesebene rechtlich durchzusetzen. 

Ab 2020 wurde dafür der Aufbau einer bundesweiten Bewegung fokussiert, um den TVStud zum Verhandlungsgegenstand in der Tarifrunde der Länder zu machen. Ziel war es, dass ein Verhandlungsmandat an die einzelnen Länder übertragen oder es eine Verhandlungsverpflichtung über einen bundesweiten Tarifvertrag gibt. Alle zwei Wochen wurde zu Onlinetreffen eingeladen und die erste gemeinsame Kampagne «Keine Ausnahme!» entwickelt, mit der in vielen Städten erstmals Bewegung aufkam. Ab Sommersemester 2021 starteten die Aktiven dazu mit einer (Online-)Petition, in der sich die Bewegung an die TdL richtete und das Ende der Ausnahme von Tarifvertrag, arbeitsrechtlichen Mindeststandards und Mitbestimmung forderte. In Verbindung mit selbstgetragenen Organizing-Kampagnen in Bremen, Hamburg und Göttingen sowie zahlreichen 1 zu 1-Gesprächen mit studentischen Beschäftigten kamen bis zum Ende des Semesters über 4.500 Unterschriften zusammen, die bei der ersten bundesweiten TVStud-Konferenz «Get organized to strike!» im Juli 2021 in Hannover im Zuge einer Demonstration dem damaligen Verhandlungsführer der TdL im niedersächsischen Finanzministerium vorbeigebracht wurde.

Die Aktiven machten sich dabei nie die Illusion, mit Unterschriften die TdL umstimmen zu können. Vielmehr bot die Petition einerseits einen Anlass, mit neuen Kolleg*innen ins Gespräch zu kommen, ihre E-Mail-Adressen und Handynummern zu sammeln, um sie in die gemeinsame Tarifbewegung einbinden zu können und dabei zu unterstützen, vor Ort TVStud-Initiativen aufzubauen. Andererseits diente sie dazu, sich innerhalb von ver.di und GEW Sichtbarkeit zu verschaffen und auf dieser Basis als Forderung in die Verhandlungen aufgenommen zu werden.

Der erste Erfolg: Nach 30 Jahren war ein bundesweiter TVStud in der Tarifrunde der Länder 2021 erstmals wieder Thema am Verhandlungstisch. Unter anderem in den Leuchttürmen Bremen und Hamburg gelang es in Folge des systematischen Strukturaufbaus erstmals, außerhalb von Berlin einen Streik von studentischen Beschäftigten zu organisieren und dabei die allgemeine Streikbeteiligung massiv zu steigern. 

Die Tarifbewegung 2023: das Ergebnis von strategischem Lernen

Am Ende der Tarifrunde 2021 stand kein Tarifvertrag, sondern eine «Bestandsaufnahme zu den Arbeitsbedingungen studentischer Beschäftigter». Damit versuchten die Arbeitgeber*innen das, was sie mit prekär Beschäftigten allzu häufig tun: auf Zeit spielen, um Organisierungsbemühungen ins Leere laufen zu lassen. In den Mühlen des Alltags versickert Kampfesmut, in der hohen Fluktuation von Belegschaften gehen Erfahrungen und Führungspersonen schnell verloren. Ein Jahr ließ sich die TdL Zeit, bis sie in Folge von politischem Druck die ersten Gesprächstermine vereinbarte. Die Zeit bis dahin hatte die TVStud-Bewegung jedoch sinnvoll nutzen können und eine eigene Erhebung durchgeführt. 

Die Ergebnisse aus über 100 Hochschulen und Forschungseinrichtungen und von mehr als 11.000 Befragten wurden im Januar 2023 in der Studie «Jung, akademisch, prekär» (Hopp et al. 2023a) veröffentlicht – pünktlich eine Woche vor dem ersten Gespräch. Die Ergebnisse offenbarten, wie prekär die Bedingungen an der Hochschule sind – aber sie zeigten durch den Vergleich zwischen Berlin und anderen Bundesländern auch, dass sich die drei geforderten institutionellen Machtressourcen Tarifvertrag, Mitbestimmung, Mindestvertragslaufzeit, die in Berlin bereits Realität waren, dort positiv auf die soziale Lage von studentischen Beschäftigten und die Einhaltung ihrer Arbeitnehmer*innenrechten auswirkten. 

Mit einem großen medialen Echo und reichlich Empörungspotenzial aus dem ersten Gespräch mit der TdL im Rücken organisierten die Aktiven zur Vorbereitung der Tarifrunde im Februar dann die erste TVStud-Organizing-Konferenz in Göttingen. Über 250 Teilnehmende leiteten so das erste bundesweite Organizingsemester ein (Hopp et al. 2023b; Hoffmann/Hopp 2023). Im Mittelpunkt stand neben verschiedenen inhaltlichen Workshops die Organizing-Akademie: Hier wurde mit einer Forderungsbefragung als Anspracheinstrument für das kommende Semester geübt, wie Kolleg*innen als Multiplikator*innen für die Bewegung – sogenannte TVStud-Botschafter*innen –, als Gewerkschaftsmitglied und für den späteren Streik gewonnen werden können. Der feierliche Abschluss bestand in der Verkündung von selbst gesetzten Zielen, wie viele Gespräche die jeweiligen Initiativen führen wollen. Pro Initiative und Bundesland wurden Verantwortliche benannt, die fortan alle zwei Wochen die aktuellen Zahlen über geführte Gespräche, aktions- und streikbereite Kolleg*innen und neue Gewerkschaftsmitglieder zusammentrugen, damit die Fortschritte in Form rasant ansteigender Kurven auf dem bundesweiten Plenum präsentiert und gefeiert, aber auch Schwierigkeiten besprochen werden konnten. 

Dieses systematische Charting erlaubte einen steten Überblick über die Stärke der Strukturen, die mit einer politischen Druckkampagne mit u.a. Kundgebungen vor den Finanzministerien und weiteren Aktionen immer wieder getestet wurden. Parallel dazu wurden alle TVStud-Botschafter*innen u.a. direkt im Anschluss an die Gespräche mit den Arbeitgeber*innen zu Videokonferenzen eingeladen, in denen unmittelbar über den aktuellen Stand der Verhandlungen informiert und beraten wurde. Diese Vorarbeit legte wiederum den Grundstein für das anschließende Streiksemester: Wer zuvor bei Veranstaltungen oder Plena gewesen war, wurde eingeladen, bei vielerorts beschäftigtengruppenübergreifenden Arbeitsstreiks, Bürorundgängen und Anspracheaktionen am Campus über die Tarifrunde zu informieren, im Zuge von systematischem Telefonorganizing wurden vor den Warnstreiks diejenigen angerufen, die sich im Rahmen der 1 zu 1-Gespräche aktions- und streikbereit gemeldet hatten. Das damals größte Mobilisierungsziel: der Beschäftigten- und statusgruppenübergreifende Hochschulaktionstag am 20. November 2023. Dort hieß es dann: «All together now!» – «Schluss mit prekärer Wissenschaft!».

Das Ergebnis der Tarifrunde: Noch kein Tarifvertrag, aber eine schuldrechtliche Vereinbarung und damit die erste bundesweite und beidseitige Regelung der Arbeitsbedingungen studentischer Beschäftigter zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberverband. Im Ergebnis kein endgültiger Erfolg, aber ein wichtiger Meilenstein, nämlich die anvisierte Ausweitung der institutionellen Machtressourcen studentischer Beschäftigter durch die dort verankerte Mindestvertragslaufzeit von zwölf Monaten (Six et al. 2024). Zusammen mit der kurz darauf auch in Hessen erkämpften schuldrechtlichen Vereinbarung (hier sogar mit Mindeststundenumfängen von 10h die Woche; TVStud 2024) sowie den in manchen Bundesländern über politische Kampagnenarbeit (teils bereits vor der Tarifrunde) durchgesetzten Mindestvertragslaufzeiten und studentischen Personal- und Hilfskräfteräten auf Landesebene ist es so gelungen, nachhaltig die Rahmenbedingungen für kommende Tarifrunden zu verbessern.

Bausteine einer dauerhaften Organisierungsstrategie

Die langfristige Strategie der TVStud-Bewegung zielt zum einen darauf ab, schrittweise dem Zugriff auf studentische Erwerbsarbeit Schranken aufzuerlegen, die kontinuierliche (Selbst-)Organisierung der studentischen Beschäftigten zu ermöglichen, ihre Durchsetzungsfähigkeit zu erhöhen und damit im besten Fall (studentische) Arbeitskämpfe an den Hochschulen zu einer dauerhaften bzw. regelmäßig wiederkehrenden Angelegenheit zu machen. Zum anderen sollen die strukturellen Voraussetzungen im Arbeitsalltag geschaffen werden, die das Einfordern grundlegender Rechte sowie Verbesserungen ermöglichen. Dafür müssen Machtasymmetrien verringert sowie arbeitsrechtliche Ansprüche ausgebaut und bekanntgemacht werden. Für beides wurden in den letzten Jahren wichtige Meilensteine erreicht. Was 2018 als Funke von Berlin auf Bremen und Hamburg übersprang, hat sich zu der bis dato größten Tarifbewegung studentischer Beschäftigter (mit in der Spitze über 50 Initiativen) in Deutschland entwickelt. Dennoch bleibt die hohe Fluktuation der Aktiven ein Strukturmerkmal für die Organisierung in diesem Feld, auf das es eine strategische Antwort braucht. Vier Bausteine erscheinen aus unserer Sicht für die Verstetigung von Organisierung und Arbeitskämpfen wichtig:

Erstens sollte der Dreischritt Konferenz – Organizingsemester – Streiksemester weiterentwickelt und standardisiert werden. Die Konferenz im Frühjahr ermöglicht eine Reaktivierung und den Neuaufbau von Strukturen und schafft die Gelegenheit für den Erfahrungs- und Wissenstransfer zwischen neuen und alten Aktiven, einen kollektiven, identitätsstiftenden Moment und legt damit letztlich die Grundlage für die kommenden Wochen: Begeisterung für die Sache und (Organizing-)Skills, mit denen dann im Organizingsemester die Basis für das darauffolgende Streiksemester geschaffen wird.

Zweitens sollte nach den Tarifeinigungen vom «Quick and Dirty»-Organizing in die Regelarbeit der alltäglichen Ansprache übergegangen werden, da Organizing in der Intensität wie in Tarifrunden und ohne konkreten Zielkorridor nicht ohne weiteres möglich ist. Jetzt geht es darum, mit den zuvor gewonnenen Aktiven auf betrieblicher Ebene arbeitspolitische Konflikte wie etwa um die Umsetzung und Verbesserung des Tarifergebnisses zu führen sowie dieses den anderen Beschäftigten als Ergebnis der geführten Kämpfe nahezubringen. Auch auf diesem Wege lassen sich, wenn auch nicht so umfassend, Strukturen auf- und ausbauen und neue Gewerkschaftsmitglieder gewinnen.

Es bedarf drittens – auch zwischen den Tarifrunden – einer politischen Kampagnenführung und gut choreografierten, mit den anderen gewerkschaftlichen Akteur*innen abgestimmten Lobbyarbeit. Auf diesem Wege gelingt es bestenfalls, die drei Kernforderungen Tarifvertrag – Mitbestimmung – Mindestvertragslaufzeiten in Wahlprogrammen und Koalitionsverträgen zu verankern. Dafür müssen Mehrheiten organisiert und im Rahmenvon Gesetzesnovellierungen Verbesserungen eingefordert werden. Dazu wiederum braucht es immer wieder Daten zu den Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen, die beispielsweise über parlamentarische Anfragen und Befragungen erhoben werden können. Diese können wiederum genutzt werden, um die prekären Bedingungen nach innen und außen zu skandalisieren. Und das sollte viertens nicht alleine getan werden, sondern in Bündnissen: ob im Betrieb mit anderen Beschäftigtengruppen und -initiativen und besonders am Hochschulaktions- und Streiktag mit weiteren politischen Akteur*innen, ohne jedoch den Fokus auf die (Selbst-)Organisierung in Form von systematischem Organizing sowie auf die Durchsetzung der drei Kernforderungen zu verlieren. Im Februar 2025 hat wieder eine bundesweite Konferenz mit über 230 Menschen stattgefunden und im Sommer 2025 ein bundesweites Organizingsemester. Anlässlich der Tarifrunde der Länder 2025/26 ist für den Winter bereits ein Streiksemester in Planung. Jetzt gilt: dranbleiben und gewinnen!

Literatur

Bouali, Celia/Bringmann, Julia/Haßler, Laura/Keil, Christian/Neis, Matthias/Nuñez von Voigt, Pablo (Hrsg.) (2019): «Ohne uns läuft hier nix!» Der Arbeitskampf der studentischen Beschäftigten in Berlin. Hamburg.

Drucksache, 18/522. (2019, 16. April); https://www1.bayern.landtag.de/www/Elan-TextAblage_WP18/Drucksachen/Schriftliche%20Anfragen/18_0000522.pdf.

Hoffmann, Ann-Kathrin/Hopp, Marvin (2021): Auch an Hochschulen die Machtfrage stellen! Über den Arbeitskampf Studentischer Beschäftigter, in: Forum Wissenschaft, 3; https://www.bdwi.de/forum/archiv/archiv/11020930.html.

Hoffmann, Ann-Kathrin/Hopp, Marvin (2023): Jetzt oder nie! Die TVStud-Bewegung will dieses Jahr einen Tarifvertrag für Studentische Beschäftigte durchsetzen – mit einer (digitalen) Organizingstrategie und einem klaren Zeitplan, in: LuXemburg. Gesellschaftsanalyse und Praxis; https://zeitschrift-luxemburg.de/artikel/jetzt-oder-nie/.

Hoffmann, Ann-Kathrin/Hopp, Marvin (2025): Ein überfälliger Aufbruch!, in: dies. (Hrsg.), Arbeitskämpfe an die Hochschulen! Beschäftigungsbedingungen und Strategien gewerkschaftlicher Gegenmacht. Hamburg: VSA, S. 12–16.

Hopp, Marvin (2025): «Irgendwie ist man dann ja doch Mitarbeiter anderer Klasse». (Prekäre) Erwerbsarbeit von Studierenden an Hochschulen, in: Hoffmann, Ann-Kathrin/Hopp, Marvin (Hrsg.), Arbeitskämpfe an die Hochschulen! Beschäftigungsbedingungen und Strategien gewerkschaftlicher Gegenmacht. Hamburg: VSA, S. 65–81.

Hopp, Marvin/Hoffmann, Ann-Kathrin/Zielke, Aaron/Leslie, Lukas/Seeliger, Martin (2023a): Jung, akademisch, prekär. Studentische Beschäftigte an Hochschulen und Forschungseinrichtungen: Eine Ausnahme vom dualen System regulierter Arbeitsbeziehungen. 2. überarbeitete Fassung. Bremen; www.iaw.uni-bremen.de/f/b1d9874527.pdf.

Hopp, Marvin/Leslie, Lukas/Hoffmann, Ann-Kathrin (2023b): Auf der Zielgeraden? 2023 hat es die TVStud-Bewegung in der Hand, in: express, 1; https://express-afp.info/wp-content/uploads/2023/01/23-01_hopp_leslie_hoffmann_auf-der-zielgeraden.pdf

Mackenthun, Gerald (1986): Wir haben uns höheren Einsichten gebeugt. Ein Interview mit dem Wissenschaftssenator Wilhelm A. Kewenig, in: Büchner, Gerold/Hansmann,Uli/Lecher, Thomas/Stumpfögger, Niko (Hrsg.), Bis hierher und nicht weiter. Der Berliner Tutorenstreik 1986. Hamburg, S. 104–108.

McAlevey, Jane (2019): Keine halben Sachen. Machtaufbau durch Organizing. Hamburg.

Schmalz, Stefan/Dörre, Klaus (2014): Der Machtressourcenansatz: Ein Instrument zur Analyse gewerkschaftlichen Handlungsvermögens, in: Industrielle Beziehungen, 21(3), S. 217–237.

Six, Laura/Paul, Julius/ Hoffmann, Ann-Kathrin/Hopp, Marvin (2024): Der lange Weg…, in: express, 1; https://express-afp.info/wp-content/uploads/2024/01/24-01_six_paul_hoffmann_hopp_der-lange-weg.pdf.

TVStud (2024): Tarifinfo & FAQ Hessen; tvstud.de/2024/03/29/tarifinfo-hessen-zur-tarifeinigung/.

ver.di (2023): Tarifinfo #4; https://tvstud.de/wp-content/uploads/2023/11/Tarifinfo-4-digital-1-1.pdf.

ver.di (2025): Tarifrecht für den öffentlichen Dienst der Länder. Mit den Ergebnissen der Tarifrunde 2023. Stand November 2024, 7., aktualisierte Auflage. Frankfurt am Main.

ver.di Hamburg (2021): Organizing bei TV Stud in Hamburg; https://tvstud.de/wpcontent/uploads/2025/03/Organizing-bei-TVStud-in-Hamburg.pdf.
 


[1] Eine Ausnahme bildet Brandenburg, wo 2024 nach langem Kampf erstmals außerhalb von Berlin studentische Personalräte eingeführt wurden.

[2]Im Wesentlichen entstammt diese Vorgehensweise dem strukturbasierten Organizing, siehe u.a. McAlevey (2019).