
Der von US-Präsident Donald Trump als Zwölf-Tage-Krieg bezeichnete jüngste Luftkrieg zwischen Iran und Israel – eine Bezeichnung, die auch der iranische Präsident Massud Peseschkian in seiner Siegesrede aufgriff – markierte einen entscheidenden geopolitischen Moment. Dieser bemisst sich nicht an der Wucht der gegenseitigen Militärschläge, sondern an den von ihnen ausgelösten Veränderungen, die zu einer Neuausrichtung der Sicherheitsdoktrinen beider Parteien führen. Nach Jahrzehnten einer Art «Schattenkrieg», der von einer gewissen Zurückhaltung und unausgesprochenen Einsatzregeln gekennzeichnet war, kollabierte der Eiserne Vorhang der traditionellen Abschreckung und brachte Teheran und Tel Aviv auf Kollisionskurs. Damit stehen grundlegende Konzepte der nationalen Sicherheit und des staatlichen Überlebens zur Disposition.
Ramez Salah ist unabhängiger Wissenschaftler mit dem Schwerpunkt internationale Beziehungen. Er lebt in Ägypten.
Der Kollisionskurs erreichte seinen Höhepunkt in den frühen Morgenstunden des 22. Juni 2025 – also neun Tage nach den israelischen Luftschlägen, mit denen der Krieg begann –, als die USA sich offiziell den Angriffen auf den Iran anschlossen und drei wichtige iranische Atomanlagen bombardierten: Fordo, Natanz und Isfahan. Diese duale Strategie war keineswegs rein militärischer Natur. Vielmehr lässt sie im Nahen Osten eine neue instabile Abschreckungssituation entstehen, die das Regelwerk, das die Beziehungen zwischen den beiden Regionalmächten Iran und Israel jahrzehntelang bestimmt hat, nachhaltig verändert.
Um diesen Wandel zu begreifen, müssen wir auf die Theorie der Abschreckung in den internationalen Beziehungen zurückgreifen und konkret der Frage nachgehen, wie ein geopolitischer Akteur einen anderen davon abhalten kann, aggressive Maßnahmen zu ergreifen – etwa indem er ihn davon überzeugt, dass die Kosten dieser Maßnahmen ihre potenziellen Gewinne und Vorteile überwiegen werden. Traditionelle Abschreckungsmodelle basieren auf einer Reihe von Annahmen, insbesondere gehen sie von einer grundsätzlichen Rationalität der Akteure, einer gewissen nationalstaatlichen Einheit, der Anerkennung diplomatischer Signale und roter Linien sowie der Fähigkeit der Akteure aus, die Quelle einer Bedrohung zu verifizieren und ihre Reaktion direkt darauf abzustimmen. Die Angriffe Israels und der USA auf den Iran zeigen allerdings die Grenzen dieser Annahmen auf. Wir haben deshalb komplexere Abschreckungsansätze zu entwickeln, die über die klassischen Modelle hinausgehen.
Israelische Sicherheitsdoktrin im Wandel
Seit seiner Gründung im Jahr 1948 basiert Israels Sicherheitsdoktrin auf dem Konzept der «absoluten Abschreckung». Diese Doktrin beruhte auf dem festen Glauben an die eigene militärische Überlegenheit, die Israel in der Vergangenheit «strategische Immunität» verlieh, da es die Konfliktaustragung auf feindliches Gebiet verlagern konnte.
Obwohl sie seit einiger Zeit unter Druck stand, begann die Aushöhlung der israelischen Immunitätsdoktrin mit den Ereignissen vom 7. Oktober 2023. Denn der Hamas war die Durchbrechung der israelischen Verteidigungslinien gelungen. Plötzlich war Israel mit einer beispiellosen direkten Bedrohung konfrontiert. Dies war der «auffälligste Riss» im Konzept der «absoluten Immunität», der durch Angriffe des Iran vertieft wurde. Dadurch verwandelte sich die Auseinandersetzung mit einer irregulären bewaffneten Gruppierung in den Konflikt mit einer Regionalmacht. Von daher war die Warnung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, dem Land und der Armee stünden «schwierige Tage» bevor, mehr als reine Mobilisierungsrhetorik, sondern vielmehr eine (implizite) Ankündigung, Israel sei bereit, bis dato nie dagewesene Verluste hinzunehmen. Anzuerkennen, dass man selbst Schaden nehmen wird, ist kein Ausdruck von Schwäche. Vielmehr zeigte sich darin die Bereitschaft, solche Kosten im Gegenzug für strategische Vorteile einzukalkulieren und in Kauf zu nehmen – und zwar als Teil einer umfassenderen Vision eines neu gestalteten Nahen Ostens mit einem Israel als dominierender Macht.
Dies ist keine bloße taktische Anpassung, Es handelt sich vielmehr um eine einschneidende, ja geradezu revolutionäre Veränderung, die den Kern des strategischen Denkens Israels und seiner Ausrichtung staatlicher Sicherheit berührt. Über viele Jahrzehnte orientierte sich das nationale Sicherheitskonzept Israels an der sogenannten Begin-Doktrin. Sie beruhte auf zwei Säulen: der Beseitigung existenzieller Bedrohungen in einem frühen Stadium durch entschlossene Präventivmaßnahmen und der Gewährleistung einer nahezu absoluten Immunität gegenüber Angriffen im eigenen Land. Was wir jetzt erleben, ist die Herausbildung und Anwendung einer Doktrin, die bewusst innenpolitische Opfer und Kosten in Kauf nimmt und diese als strategisches Instrument versteht. Dies weist beunruhigende Ähnlichkeiten mit Aspekten des Konzepts der Zwangsabschreckung auf, das bestimmte Risiken oder Schäden als Mittel einkalkuliert, um beim Gegner eine radikale Verhaltensänderung zu erzwingen. Die sich abzeichnende neue Sicherheitsdoktrin Israels betrachtet eine offene Kriegführung nicht länger als etwas, das es möglichst zu vermeiden gilt, sondern als gangbaren Weg, um Ziele zu erreichen, die weit über die Abwehr direkter Bedrohungen hinausgehen. Das Prinzip der israelischen Immunität, einst unantastbar, ist nicht mehr sakrosankt – stattdessen ist es strategisch zu einer Komponente geworden, die aufgegeben werden kann, um den Gegner an den Rand des Abgrunds zu drängen. Dies ist Teil eines umfassenderen strategischen Vorgehens vor dem Hintergrund direkter Konfrontationen und gemeinsamer militärischer Kostenteilung: Die Regeln der Abschreckung werden neu festgelegt.
Die direkte Beteiligung der USA verschaffet Israel eine strategische Reichweite, über die es zuvor nicht verfügte, und ermöglichte es der Regierung, eine Doktrin der Schadensabsorption und des kalkulierten Risikos zu verfolgen.
Ein solch radikaler Doktrinwechsel kann nicht losgelöst von der komplexen innenpolitischen Situation in Israel betrachtet werden. Der Übergang zu einer wesentlich stärker auf Risiko setzenden Doktrin, die eine Gefährdung der Heimatfront in Kauf nimmt, erfolgt zu einem Zeitpunkt, an dem die israelische Regierung vor existenziellen Problemen steht. Die Entscheidung, eine Konfrontation dieser Größenordnung einzugehen und «schwierige Tage» zu ertragen, kann auch als Versuch gedeutet werden, die gespaltene Heimatfront wieder zu vereinen, die Lösung politischer Konflikte und Krisen aufzuschieben und die Reputation der aktuellen Führung und des Landes als uneinnehmbare Festung zu stärken. Netanjahus Schachzug basiert auf der Logik, dass in Kriegszeiten juristische Kontrollversuche, Proteste oder gar Rufe nach Neuwahlen zu unterlassen seien. Seit dem 7. Oktober herrscht in Israel dementsprechend ein Ausnahmezustand. Er verleiht Netanjahu außerordentliche Befugnisse, setzt politische Rechenschaftspflichten außer Kraft und schränkt die Gewaltenteilung ein. Damit konnte er seine Position absichern. Es ist schwierig geworden, ihn seines Amtes zu entheben.
All dies wäre ohne die direkte Beteiligung der USA nicht möglich. Die ausdrücklichen Drohungen Donald Trumps, der sogar die «bedingungslose Kapitulation» des Iran forderte und andeutete, er könne weitere «Schläge» gegen das Land anordnen, sind nicht nur ein Zeichen politischer Unterstützung, sondern bestimmen auch grundlegend die Risikoabwägung Israels. Sie verschaffen Israel eine strategische Reichweite, über die es zuvor nicht verfügte, und ermöglichten es der Regierung, eine Doktrin der Schadensabsorption und des kalkulierten Risikos zu verfolgen. Denn Israel kann sich darauf verlassen, dass die Supermacht USA nicht nur als ultimativer Garant für seine Sicherheit fungiert, sondern sich auch aktiv an kriegerischen Auseinandersetzungen beteiligen und einen Teil der Kosten der Konfrontation tragen wird, sollte die Lage außer Kontrolle geraten.
Irans «Widerstands-Doktrin» unter Druck
Nach den Ausführungen dazu, wie sich Israels Sicherheitsdoktrin als Reaktion auf externe Schocks verändert hat, stellt sich nun die Frage: Wie hat «die andere Seite» reagiert? Genauer: Hat auch Teheran eine Neuausrichtung seiner Sicherheitsdoktrin vorgenommen? Die Antwort auf diese beiden Fragen weist auf parallele Veränderungen bei der iranischen Abschreckungsstrategie hin.
Die sogenannte Widerstands-Doktrin des Iran wird derzeit einem heftigen Stresstest unterzogen. Jahrzehntelang basierte sie auf dem Konzept der «strategischen Geduld», was bedeutete: Direkte Kriege wurden vermieden. Man stützte ein Netzwerk regionaler Akteure, die Stellvertreterkriege gegen Israel führten, während auf israelische Angriffe in maßvoller und eingeschränkter Weise reagiert wurde. Diese «Zurückhaltung» zeigte sich deutlich in den «begrenzt wirksamen» Reaktionen auf den Angriff Israels auf das iranische Konsulat in Syrien im April 2024 oder auf die Ermordung von Hisbollah-Führern im Oktober desselben Jahres. Die Führung in Teheran vertraute darauf, dass die Zeit für sie arbeiten werde und sie, sofern sie direkten Konfrontationen aus dem Weg gehe, in Ruhe ihr Atomprogramm weiterverfolgen und auf den damit verbundenen Abschreckungseffekt setzen könne.
Doch das Ausmaß des israelischen Angriffs und die beispiellose Eskalation der Lage durch die militärische Intervention der USA ließen diese Geduld wie Schwäche erscheinen. Die begrenzte Reaktion des Iran hatte keine abschreckende Wirkung mehr, sondern ermunterte stattdessen weitere Aggressionen, die zum Zusammenbruch des iranischen Systems hätten führen können. Infolgedessen ist die Doktrin der strategischen Geduld zum Synonym für politischen und strategischen Selbstmord geworden.
Bei der Militärdoktrin des Iran zeichnet sich derzeit ein qualitativer Wandel ab, der aufgrund neuer Abschreckungsabwägungen notwendig geworden ist. Der Iran verfolgt nun den Ansatz des «gegenseitigen Targeting», was bedeutet, dass Teheran seine Städte, kritische Infrastruktur und Entscheidungszentren der Gefahr direkter Angriffe aussetzt, im Gegenzug für die eigene Fähigkeit, das israelische Landesinnere anzugreifen. Außerdem ist die iranische Regierung, die sich in der Vergangenheit vor allem auf regionale Stellvertreterkriege verließ, zu direkten Interventionen übergegangen. Sie testet dabei die eigenen militärischen Fähigkeiten aus. Deutlich wurde dies beim Raketenangriff auf den US-Luftwaffenstützpunkt Al Udeid in Katar am 23. Juni. Zwar hatte man zuvor Katar gewarnt – ein Schritt, der als taktische Anti-Eskalations-Maßnahme und Versuch interpretiert wurde, die Zahl der Opfer zu minimieren. Doch der Angriff selbst markierte eine bedeutende strategische Wende: weg von der Nutzung der «Achse des Widerstands» als indirektes Druckmittel hin zu einer Doktrin der «umfassenden Konfrontation», um auf existenzielle Bedrohungslagen für das Regime zu reagieren. Damit signalisiert der Iran seine Bereitschaft, größere Risiken einzugehen und sich direkter in Konflikte einzumischen. Ali El Din Hilal, ein führender Experte für internationale Beziehungen, befürchtet, dass ein Scheitern der bevorstehenden Oslo-Gespräche oder ein Bruch des aktuellen Waffenstillstands zu «einer weitreichenden militärischen Eskalation und möglicherweise zum Ausbruch eines offenen regionalen Krieges» führen könne.
Vor diesem Hintergrund ist es denkbar, dass der Iran nicht nur zum Mittel einer Blockade der Straße von Hormus greifen wird, sondern auch weitere militärische Einrichtungen oder Stützpunkte in den Golfstaaten attackiert, um diese dazu zu bewegen, Washington zur Beendigung des Krieges zu drängen – trotz der damit drohenden enormen politischen, militärischen und wirtschaftlichen Kosten. In dieser Bereitschaft, bis dahin kaum vorstellbare menschliche und materielle Opfer zu erbringen, zeigt sich das Bestreben des iranischen Regimes, zu beweisen, dass seine Fähigkeit, Israel Schaden zuzufügen und die gesamte Region in ein unkontrollierbares Chaos zu stürzen, nicht länger hypothetisch, sondern real ist. Damit zeichnet sich eine neue Abschreckungslogik ab, die dem Prinzip der «gegenseitigen Zermürbung» folgt, wobei Abschreckung nicht länger darauf abzielt, Krieg vollständig zu verhindern. Vielmehr geht man davon aus, dass, wenn die Kosten kriegerischer Auseinandersetzungen für beide Seiten ein gewisses Maß überschreiten, die Fortsetzung des Konflikts für alle Beteiligten zu anstrengend, zu teuer und von daher unhaltbar wird.
Aufgrund der technologischen Überlegenheit Israels konzentrierte sich der Iran bislang auf die Entwicklung von Strategien, mit denen sich Israels militärisches Potenzial neutralisieren und sein Apparat stören lässt. Seine Raketenangriffe etwa folgen einer sogenannten Sättigungsstrategie, das heißt es werden massiv Raketen und Drohnen aus mehreren Richtungen abgefeuert, um die israelischen Abwehrsysteme zu überwältigen und zu verwirren. Trotz der hohen Abfangquote trafen einige dieser Raketen und Drohnen kritische Ziele in Israel, was die Wirksamkeit dieser Taktik unterstreicht. Dies ging einher mit der fast vollständigen Abschaltung des Internets im eigenen Land, um den «digitalen Raum» für israelische Cyberangriffe zu schließen, sowie mit Deepfake-Videos, die in der Öffentlichkeit Israels Irritationen hervorrufen sollten.
Israel nimmt Abschied vom Konzept der präventiven Abschreckung und absoluten Immunität, während der Iran dabei ist, seinen Ansatz der strategischen Geduld und Stellvertreterkriege zugunsten einer direkten Konfrontation und staatlichen Abschreckung aufzugeben.
Der offensive Kurswechsel des Iran ist symptomatisch für einen tiefergreifenden Wandel aufseiten der Mullahs: weg von einer «regionalen Abschreckungsstrategie » hin zu einer «direkten staatlichen Abschreckung» als grundlegender Säule ihrer Verteidigungsdoktrin. Bislang beruhte die Abschreckungskraft des Iran in erster Linie auf seiner Fähigkeit, die Interessen Israels oder konkurrierender Regionalmächte mithilfe eines Netzwerks von Stellvertretern im Libanon, in Syrien, im Irak und im Jemen zu bedrohen. Nun integriert der Iran seine direkte souveräne Macht – repräsentiert durch sein Arsenal an Präzisionsraketen und Angriffsdrohnen sowie durch die potenzielle Blockade der Straße von Hormus – in seine Abschreckungsstrategie beziehungsweise macht sie zu ihrem Kern.
Dies verändert den Charakter des iranischen Regimes grundsätzlich. Es agiert nicht länger wie eine transnationale revolutionäre Macht mit Expansionsdrang, sondern tritt zunehmend als ein normal funktionierender Nationalstaat auf, der seine territoriale Souveränität mit traditionellen Mitteln verteidigt. Die Gefahr dieser Transformation liegt in ihren langfristigen strategischen Auswirkungen. Denn Teherans Neuorientierung wird die Interaktionsmuster mit den Nachbarstaaten sowie die Abschreckungs- und Bedrohungsanalysen für die gesamte Region beeinflussen und möglicherweise auch dazu führen, dass internationale Mächte die Position des Iran neu einschätzen, falls es zu einem dauerhaften Waffenstillstand kommt.
Abschreckung neu denken
Die derzeitigen geopolitischen Divergenzen sind nicht auf die sich verändernden Abschreckungsdoktrinen Israels und des Iran beschränkt. Auch andere Staaten überdenken derzeit ihr Verhältnis zum Iran. Israels Strategie basiert auf der Überzeugung, dass die Logik der klassischen Abschreckung – wonach die Angst vor Vergeltungsmaßnahmen Staaten davon abhält, bestimmte rote Linien zu überschreiten – im Fall des Iran nicht greift. Während häufig argumentiert wird, die Androhung von Gewalt reiche aus, um Gegner in Schach zu halten, steht für Israel fest, dass die Politik des Iran von ideologischen und strategischen Motiven getrieben werde, was den Staat für Abschreckung unempfänglich mache. Folglich bevorzugt Israel einen präventiven oder vielmehr offensiven Ansatz, um die Bedrohung im Keim zu ersticken. Aus Israels Sicht ist das Risiko – zu warten, bis der Iran die Schwelle zur Atombombe erreicht – zu groß, weil unmittelbar existenzgefährdend.
Im Gegensatz dazu üben sich die arabischen Staaten in der Region derzeit noch eher in Zurückhaltung, da sie sich der möglichen negativen Folgen eines unkontrollierten Zusammenbruchs des Iran und der Gefahr grenzüberschreitender Kämpfe bewusst sind. Ihrer Ansicht nach stellt nicht nur der Iran eine Bedrohung dar, sondern auch sein inkohärentes Netzwerk von Stellvertretern, das im Falle eines Zusammenbruchs des Regimes unkontrollierbar werden könnte. Hier entsteht eine andere Art der Abschreckung, die man als «präventive Abschreckung durch drohendes Chaos» bezeichnen könnte. Diese Befürchtungen werden durch den multiethnischen Charakter der iranischen Bevölkerung, die aus Perser*innen, Aserbaidschaner*innen, Kurd*innen, Araber*innen und Belutsch*innen besteht, und die damit eingehenden Risiken eines Bürgerkriegs oder von Massenvertreibungen noch verstärkt. Die humanitären, sicherheitspolitischen und wirtschaftlichen Folgen solcher Vertreibungen könnten ebenso einschneidend sein wie die Zerstörung der iranischen Urananreicherungsanlagen, wenn nicht sogar noch einschneidender.
Der jüngste Konflikt stellt somit nicht nur eine Eskalation militärischer Gewalt dar, sondern einen anhaltenden «ideologischen Schock», der beide Parteien dazu zwingt, die tragenden Säulen ihrer bisherigen Abschreckungspolitik zu überdenken. Israel nimmt Abschied vom Konzept der präventiven Abschreckung und absoluten Immunität und verfolgt nun eine Doktrin des kalkulierten Risikos und der Schadensabsorption, während der Iran dabei ist, seinen Ansatz der strategischen Geduld und Abschreckung durch Stellvertreterkriege zugunsten einer direkten Konfrontation und staatlichen Abschreckung aufzugeben. Die tragische Ironie dabei ist, dass beide Staaten mit ihrem Bestreben, eine neue Sicherheitsdoktrin zu verfolgen, gemeinsam zu einem regionalen System beitragen, das auf «instabiler Abschreckung» beruht. Direkte militärische Angriffe bleiben dabei eine gangbare Option, die Denkbarkeit eines offenen Krieges wird zur neuen Normalität.
Dieses Szenario lässt weitere Kampfhandlungen erwarten, die sich auf internationale Akteure ausweiten könnten, insbesondere jetzt, da Washington das Tabu der direkten Beteiligung gebrochen hat. Darüber hinaus deutet vieles darauf hin, dass die Region in eine komplexe Phase strategischer Unsicherheit eintritt, in der sich Fehleinschätzungen als weitaus verheerender herausstellen könnten als gezielte Angriffe – während alle Parteien zunehmend anerkennen müssen, dass die Aussichten auf eine dauerhafte Lösung der Konflikte in der Region gering sind. Vor diesem Hintergrund müssen wir grundlegender über eine Neudefinition von Abschreckung nachdenken – nicht als Stärkung oder Wiederherstellung der Fähigkeit von Staaten, Schaden anzurichten und Chaos zu verursachen, sondern als Instrument zur Regulierung stabilerer Beziehungen zwischen den Staaten.