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Zehn Jahre nach dem Sommer der Migration steht Deutschland an einem Scheideweg. Während autoritäre Kräfte die Migrationsgesellschaft attackieren und Abschottung propagieren, zeigen alte und neue solidarische Bündnisse sowie Millionen von Menschen, die 2024 gegen rechts demonstrierten, dass es auch anders geht: Die Gesellschaft der Vielen ist mehr als nur eine Vision – sie ist gelebte Realität und demokratische Notwendigkeit zugleich. Mit einer Analyse der Entwicklungen von 2015 bis heute, wollen wir zeigen, wie aus defensiven Protesten eine offensive Bewegung für eine solidarische Demokratie entstehen kann.
Ein historischer Aufbruch und seine Wurzeln
Als im Sommer 2015 über eine Million Menschen über die Balkanroute nach Deutschland gelangten, löste das eine beispiellose Solidaritätswelle aus. Das war kein Zufall, sondern basierte auf jahrzehntelangen Kämpfen. Bereits in den 1990er-Jahren war als Antwort auf rassistische Angriffe nach dem Mauerfall eine übergreifende antirassistische Bewegung entstanden, die ein gesellschaftliches Bewusstsein für Rassismus als eigenständiges Herrschaftsverhältnis schuf.
Diese Bewegung ebbte in den 2000er-Jahren ab, kam aber ein Jahrzehnt später mit neuer Kraft wieder. Drei Entwicklungslinien prägten diese Renaissance des Antirassismus: die Aufarbeitung des NSU-Komplexes, die selbstorganisierten Kämpfe von Geflüchteten und schließlich die Ankunft derer, die über die Balkanroute kamen.
Franziska Albrecht ist Theaterwissenschaftlerin, interkulturelle Trainerin und Übersetzerin. Seit 2014 arbeitet sie im Zentrums für internationalen Dialog der Rosa-Luxemburg-Stiftung.
Massimo Perinelli ist Historiker und engagiert sich seit 25 Jahren zu (post-)migrantischer Geschichtsschreibung und Erinnerungskultur. Seit 2016 arbeitet er als Referent für Migration in der Rosa-Luxemburg-Stiftung.
Die Beschäftigung mit den NSU-Morden und dem behördlichen Rassismus markierte einen Wendepunkt. Erstmals wurden die Perspektiven der von Rassismus Betroffenen systematisch zur Grundlage der gesellschaftlichen Debatte. Die Erfahrungen und das situierte Wissen von Migrant*innen wurden berücksichtigt und ermöglichten eine tiefgreifende Analyse struktureller Diskriminierung. Bundesweit gründeten sich Initiativen der Erinnerungsarbeit, die gemeinsam mit Überlebenden und Angehörigen an das erlittene Unrecht erinnerten und die verantwortlichen Strukturen benannten.
Parallel dazu entwickelten sich neue Formen des Widerstands gegen das europäische Grenzregime. Afrikanische Geflüchtete, die über das Mittelmeer, zeitweise vermehrt via Lampedusa, nach Europa kamen, organisierten sich: Sie marschierten von Wien nach Berlin, besetzten den Oranienplatz in Berlin-Kreuzberg für fast zwei Jahre und gründeten unter anderem das transnationale Netzwerk „Alarmphone“. Diese „unwahrnehmbaren Politiken“ erlangten eine neue Qualität der Sichtbarkeit und stellten die Grundfeste der europäischen Migrationspolitik infrage.
Als 2015 die Marches of Hope begannen, trafen diese Bewegungsformen aufeinander. Die Menschen, die über die Balkanroute kamen, brachten Erfahrungen aus den zivilgesellschaftlichen Erhebungen des Arabischen Frühlings mit. Ihre demokratische Entschlossenheit erzeugte einen Solidaritätsimpuls, der große Teile der Gesellschaft in Deutschland erfasste und unter der Parole „Refugees welcome“ eine breite gesellschaftliche Resonanz fand.
Erfolge und Widersprüche der Institutionalisierung
Die Jahre nach 2015 brachten sowohl Erfolge als auch neue Herausforderungen mit sich. Aus der anfänglichen Solidarität heraus entstanden und etablierten sich vielerorts dauerhafte Strukturen wie Integrationskurse, ehrenamtliche Betreuung und professionelle Sozialarbeit. Mit Initiativen wie „Welcome United“, den #unteilbar-Demonstrationen und der Seebrücke-Bewegung formierte sich zudem eine neue organisierte Solidarität. Die Welcome-United-Paraden in den Jahren 2017 bis 2019 zeigten in bisher nicht gekanntem Ausmaß die Stärke selbstorganisierter Geflüchteter, die gemeinsam mit Akteur*innen aus der Migrationsgesellschaft, den solidarischen Strukturen und der progressiven Zivilgesellschaft auf die Straße gingen.
Doch gleichzeitig verschärfte die Regierungspolitik sukzessive die Asylgesetze. Die Asylpakete I und II, die Einstufung weiterer Länder als „sichere Herkunftsstaaten“ und die Externalisierung der EU-Außengrenzen durch Deals mit der Türkei und libyschen Milizen standen in krassem Gegensatz zur gelebten Willkommenskultur. Diese Widersprüche zwischen zivilgesellschaftlicher Solidarität und staatlicher Abschottungspolitik prägten die gesamte Folgezeit. Gleichzeitig etablierten sich als Kehrseite dieser Entwicklung rechtspopulistische Parteien wie die AfD und Bewegungen wie Pegida, die ausgehend von dieser Politik der Angst fremdenfeindliche Positionen gesellschaftsfähig machten – eine Polarisierung, die bis heute fortwirkt.
Die Corona-Pandemie verstärkte diese Entwicklungen dramatisch. Die Lockdown-Politik schwächte vielerorts das soziale Band zivilgesellschaftlichen Engagements. Nach dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine proklamierte die Bundesregierung eine „Zeitenwende“, die stärker als je zuvor auf Wehrhaftigkeit, soziale Kürzungen und Austerität setzte. Schließlich führten die Zerwürfnisse um den 7. Oktober 2023 und den Gaza-Krieg zu tiefen Spaltungen innerhalb linker und migrantischer Communities.
Hinter Mauern: Die Gefahr der Abschottung
Die aktuelle Situation in Europa macht deutlich, welche Folgen eine zunehmend geschlossene Gemeinschaft für die Demokratie hat. Das Drängen auf „sichere Außengrenzen“ und die Forderung nach Homogenität bedrohen das Fundament der pluralistischen Gesellschaft. „Abschottung schafft ein Klima der Ohnmacht, des Misstrauens und der Angst“, heißt es in der Abschlusserklärung des Solidarischen Migrationsgipfels, der im Juni 2025 in Berlin tagte.
Konkret zeigt sich dies in einer besorgniserregenden Parallele zu autoritären Entwicklungen in anderen Ländern. Der deutsche Bundesinnenminister stellt sich öffentlich gegen geltendes Recht, zivilgesellschaftliche Organisationen werden durch Klagen und Verleumdungen an ihrer demokratischen Arbeit gehindert, Menschen müssen um ihre körperliche Unversehrtheit und das Recht auf freie Meinungsäußerung bangen. Kinder werden aus Schulklassen heraus abgeschoben und geflüchtete Familien können nicht zusammenleben – alles im Namen eines imaginierten homogenen „Wir“.
Diese Politik der Abschottung gefährdet nicht nur die Rechte von Migrant*innen, sondern die demokratischen Grundlagen der gesamten Gesellschaft. Die Kategorisierung und Entrechtung von Bevölkerungsgruppen, offene Rechtsbrüche der Regierung und autoritäre Angriffe auf die Zivilgesellschaft schaffen ein Klima, in dem demokratische Teilhabe insgesamt unter Druck gerät.
Ein neuer Aufbruch im Jahr 2024
Doch die autoritäre Politik stößt auf massiven Widerstand. Mit über drei Millionen Teilnehmer*innen auf mehr als 1.200 Kundgebungen waren die Proteste gegen Rechtsextremismus, die Anfang 2024 begannen, die größte Demonstrationsserie in der Geschichte der Bundesrepublik. Ausgelöst durch Recherchen über das Potsdamer Treffen von CDU- und AfD-Politikern mit Rechtsextremisten entstand ein gesellschaftlicher Aufbruch von historischem Ausmaß.
Diese Proteste unterschieden sich fundamental von früheren Demonstrationen gegen rechts. In vielen kleinen Orten fanden zum ersten Mal überhaupt Demonstrationen statt. Es waren nicht nur die üblichen Verdächtigen aus der linken Szene, sondern ein breiter gesellschaftlicher Aufbruch, der von Gewerkschaften über Sportvereine bis zu Kirchengemeinden reichte. Die Zivilgesellschaft zeigte ihre demokratische Widerstandsfähigkeit.
Gleichzeitig machten diese Proteste die Grenzen rein defensiver Politik deutlich. Gegen wen oder was demonstriert wurde, war klar – doch wofür eine positive Vision entwickelt werden sollte, blieb oft unbestimmt. Genau hierin liegt eine zentrale Herausforderung für die kommenden Jahre.
Die Gesellschaft der Vielen als gelebte Realität
An diesem Punkt gewinnt das Konzept der Gesellschaft der Vielen zentrale Bedeutung. Es beschreibt eine doppelte Realität: „Eine offene Migrationsgesellschaft stellt ein Versprechen auf eine Zukunft dar, in der soziale Rechte nicht begrenzt, sondern erweitert werden – für alle.“ Zugleich existiert diese postmigrantische Gesellschaft bereits und muss nicht erst geschaffen, sondern gegen ihre Zerstörung verteidigt werden.
„Deutschland war und ist eine Migrations- und Einwanderungsgesellschaft – das ist keine Behauptung, keine Vision oder Utopie, sondern eine Tatsache. Es gibt kein ‹vor der Migration›. Deutschland hat einen Migrationshintergrund, ein anderes Deutschland gibt es nicht und gab es nie.“ Daraus folgt: Es gibt nur unterschiedliche Arten, die Migrationsgesellschaft zu gestalten. Die Frage ist nicht, ob Deutschland ein Einwanderungsland ist, sondern wie diese Realität politisch gestaltet wird.
Konkrete Erfolgsmodelle: Von lokaler Solidarität zu transnationaler Vernetzung
Dass eine Gesellschaft der Vielen keine bloße Utopie ist, zeigen Beispiele solidarischer Politik. „Solidarity Cities“ wie Barcelona oder deutsche Kommunen, die sich als „sichere Häfen“ deklariert haben, praktizieren bereits heute eine inklusive Politik. Sie zeigen, dass Inklusion, Wohlstand und Sicherheit für alle steigen, wenn die richtigen politischen Entscheidungen getroffen werden.
„Dort, wo sich verschwistert wird, wo Nachbarschaften sich gegen die Abschiebung ihrer Mitmenschen wehren, wo eine Stadtgesellschaft vereint um Opfer rechter Gewalt trauert, wo gemeinsam gelernt, gearbeitet und gelebt wird, schwindet die Angst und wächst der gesellschaftliche Zusammenhalt.“ Diese alltäglichen Praktiken der Solidarität sind der Humus für eine andere Politik.
Gleichzeitig hat sich die transnationale Vernetzung verstärkt. Von der zivilen Seenotrettung über das „Alarmphone“ bis hin zu europaweiten Initiativen wie Moving Cities entstehen neue Formen transnationaler Solidarität, die das europäische Grenzregime herausfordern.
Politisch-ökonomische Herausforderungen
Diese Entwicklungen lassen sich nicht von ihrem politisch-ökonomischen Kontext trennen. Die nach Beginn des Ukraine-Kriegs ausgerufene „Zeitenwende“ legitimierte eine massive Aufrüstung und zugleich Kürzungen im sozialen Bereich. Die Teuerung hat soziale Konflikte verschärft und Konkurrenz um knapper werdende Ressourcen geschaffen.
In dieser Situation bieten rechtsradikale und rechtspopulistische Parteien einmal mehr scheinbar einfache Lösungen: Abschottung nach außen und Homogenität nach innen. Die AfD verspricht eine Rückkehr zu einer imaginierten ethnisch homogenen Nation, in der soziale Probleme durch Ausgrenzung gelöst werden sollen. Viele konservative und liberale Politiker*innen lassen sich nur allzu gern vor diesen Karren spannen.
Demgegenüber fordern progressive Kräfte das gute Leben für alle. Anstatt soziale Rechte einzuschränken, sollen diese universell erweitert werden. Dies ist eine fundamentale Absage an die Logik der Konkurrenz und der Nullsummenspiele, derer sich rechtspopulistische Parteien und zunehmend auch Vertreter*innen aus der Mitte des politischen Spektrums bedienen.
Strategische Perspektiven: Vom utopischen Erinnern zur politischen Offensive
Wie kann aus den defensiven Protesten gegen rechts eine offensive Bewegung für die Gesellschaft der Vielen entstehen? Vier strategische Ansätze zeichnen sich ab:
Utopisches Erinnern bedeutet, auf den Reichtum vergangener Kämpfe zurückzugreifen. Die Willkommenskultur von 2015, die antirassistischen Bewegungen der 1990er-Jahre sowie die transnationalen Netzwerke der 2010er-Jahre bieten hierfür ein reiches Repertoire erfolgreicher Praktiken. Dabei geht es nicht um Nostalgie, sondern um die bewusste Reaktivierung bewährter Strategien.
Multidirektionale Solidarität überwindet konkurrierende Opferhierarchien. Anstatt sich in Identitätspolitik zu zersplittern, entwickelt sie gemeinsame Bezugnahmen auf verschiedene Kämpfe gegen Diskriminierung. Dies erfordert komplexere Analysen von Herrschaftsverhältnissen und die Überwindung simplifizierender Freund-Feind-Schemata.
Betroffenenzentrierte Politik stellt die Perspektiven derjenigen, die von Diskriminierung betroffen sind, in den Mittelpunkt. „Diejenigen, die – sichtbare oder unsichtbare – Grenzen überschreiten, um ihre Ausgrenzung zu überwinden, sind Pionier*innen der Demokratie“. Sie sollen nicht nur gehört, sondern zu zentralen Akteuren politischer Veränderung werden.
Transnationale Perspektive bedeutet, die europäische und globale Dimension zu stärken. Nationale Lösungen greifen bei transnationalen Problemen zu kurz. Das Engagement für Menschenrechte, Bewegungsfreiheit und das Recht auf Asyl an den EU-Außengrenzen sowie die Solidarität mit Geflüchteten weltweit sind integraler Bestandteil einer emanzipatorischen Politik.
Ausblick: Der Kampf um eine demokratische Zukunft
Die nächsten Jahre werden für die Zukunft der Demokratie entscheidend sein. Die Erfolge der AfD bei den Landtagswahlen, die diskursive Radikalisierung in Teilen der CDU/CSU sowie der FDP, der SPD und teilweise auch der Grünen sowie die autoritäre Politik in europäischen Nachbarländern lassen eine autoritäre Zukunft für Deutschland möglich erscheinen.
Dem wollen und müssen wir uns entgegenstellen und uns offensiv für eine bessere Zukunft einsetzen. Die Gesellschaft der Vielen ist nicht nur eine Utopie, sondern bereits gesellschaftliche Realität mit erheblicher Mobilisierungskraft. Die Herausforderung besteht darin, die oft defensive Mobilisierung in eine offensive Politik zu überführen. Der Kampf um die Zukunft der Demokratie wird nicht allein in den Parlamenten, sondern auch dort entschieden, wo Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammenleben, arbeiten und sich engagieren. In den Stadtteilen, Schulen und Betrieben entwickelt sich die postmigrantische Gesellschaft der Zukunft.
Die Lehre aus zehn Jahren Sommer der Migration ist eindeutig: Migration ist nicht das Problem, sondern Teil der Lösung für eine demokratische und gerechte Gesellschaft. In den Kämpfen der Migration „offenbart sich, was Demokratie im Kern ist: nicht ein Vorteilssystem für wenige, sondern die gemeinsame Aushandlung gesellschaftlichen Zusammenlebens unter Vielen“. Die Alternative zu Mauern und Abschottung ist nicht Gleichgültigkeit, sondern eine radikale Demokratisierung – eine Gesellschaft, die nicht auf Ausgrenzung, sondern auf Inklusion und Solidarität basiert und in der alle mitbestimmen können.
„Wir kämpfen um und für die Gesellschaft der Vielen, für einen offenen Raum des Zusammenlebens unter Bedingungen von Differenz und Dissensfähigkeit. Genau darin liegt ihre demokratische Qualität.“ In diesem Kampf geht es um nichts weniger als um die Zukunft der Demokratie selbst.
Weiterführende Literatur:
- Heins, Volker M./Wolff, Frank: Hinter Mauern. Geschlossene Grenzen als Gefahr für die offene Gesellschaft, Berlin 2023.
- Abschlusserklärung des Solidarischen Migrationsgipfels: Die Gesellschaft der Vielen, Berlin 2025.
- Foroutan, Naika: Die postmigrantische Gesellschaft, Bielefeld 2019.




