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Der englische Begriff für Spätkapitalismus – late capitalism – ist vieldeutig. Late bedeutet nicht nur „spät“, sondern auch „verstorben“. So sprechen wir etwa vom späten Nachmittag (late afternoon) oder von einem verstorbenen Großvater (my late grandfather). Als der Sozialtheoretiker Werner Sombart den deutschen Begriff Anfang des 20. Jahrhunderts prägte, meinte er damit tatsächlich das bevorstehende Ende des Kapitalismus. Allerdings verweist das englische late im Superlativ – also latest – auch auf das „Neueste“ beziehungsweise den „letzten Stand“ und deutet somit nicht auf ein Ende, sondern vielmehr auf Weiterentwicklung und Fortschritt hin. Angesichts derselben Entwicklungen, die Sombart zu seiner Diagnose veranlassten, sprach der österreichische Marxist Rudolf Hilferding schlicht von der „jüngsten Entwicklung des Kapitalismus“ – eine Ansicht, die auch Lenin aufgriff, als er seine Genoss*innen mahnte: „Absolut ausweglose Lagen gibt es nicht“ für die Bourgeoisie.
Obwohl der Begriff in den letzten Jahren – insbesondere seit der Finanzkrise von 2008 und den darauf folgenden linkspopulistischen Aufbrüchen – wieder größere Verbreitung gefunden hat, taugt er nicht als Konzept für Revolution oder Fortschritt. Er mag den Wunsch zum Ausdruck bringen, den Kapitalismus endlich hinter sich zu lassen. Meistens steht er jedoch für eine Theorie der Wendepunkte, die nie eintreten – oder es kommt sogar noch schlimmer.
Die erstaunliche Stabilität des Kapitalismus
Traditionell ging die sozialistische Linke davon aus, dass der Kapitalismus zu Krisen neigt – und zwar nicht nur zu den Auf- und Abschwüngen des Konjunkturzyklus, sondern zu immer heftigeren Erschütterungen, die innerhalb der Systemgrenzen nicht gelöst werden können. Früher oder später, so die kanonische Formel, würden diese Krisen enden müssen – entweder „in einer revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft […] oder im gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen“. Auch wenn Marx und Engels damit wohl kaum einen deterministischen Zukunftsentwurf zeichneten – der „gemeinsame Untergang der kämpfenden Klassen“ sei durchaus möglich –, setzt eine derartige Theorie der Revolution auch eine Theorie der Krise voraus.
Sombart zufolge hatte der Spätkapitalismus diese Krisenanfälligkeit beseitigt. Die staatliche Regulierung von Märkten und Unternehmen, die wachsenden Apparate der Unternehmensverwaltung, der Aufschwung der Gewerkschaften, der Ausbau von Sozialversicherung und Arbeitsrecht sowie die zunehmende Kapitalkonzentration und Kartellbildung – all diese Entwicklungen milderten demnach die „zyklischen Schwankungen des ökonomischen Systems“. Ohne jeden Hauch von Revolution oder Ruin verwandle sich der Kapitalismus damit in ein verschwindendes oder sich zurückziehendes Wirtschaftssystem. Mit anderen Worten: Der Kapitalismus wird enden, aber nicht mit einem Knall.
Adorno ging zwar nie so weit, ein solches Ende des Kapitalismus zu prognostizieren, folgte Sombarts Argumentation aber ansonsten weitgehend. In einem einflussreichen Vortrag von 1968 stellte er fest, der Spätkapitalismus habe in sich selbst „Ressourcen entdeckt“, die sich die erste Generation von Marxist*innen nicht habe vorstellen können: die Verbesserung des Lebensstandards breiter Massen, die Einverleibung der Arbeiterklasse in die Mittelschicht, das gesteuerte Wachstum der Industrieländer und die Überwindung jener Krisen, die früher Arbeiter*innen wie Kapitalist*innen in Schrecken versetzt hatten. Mit diesen Maßnahmen, so Adorno, habe der Spätkapitalismus es vermocht, das Ende des Systems „ad Kalendas Graecas“ zu vertagen – also für immer. Der Kapitalismus wird nie enden.
Die „langen Wellen“
Ernest Mandels Werk Der Spätkapitalismus. Versuch einer marxistischen Erklärung (1972) ist wohl die ernsthafteste und umfassendste Auseinandersetzung mit diesem Thema. Es geht davon aus, dass das staatlich regulierte Wachstum und die Umverteilung der Nachkriegsära – Les Trente Glorieuses oder „das goldene Zeitalter“ –, die für Sombart und Adorno schon selbstverständlich geworden waren, ihren Endpunkt erreicht hätten. Mandel bezeichnet als Spätkapitalismus somit die Phase, die auf Sombarts und Adornos Spätkapitalismus folgt. Statt den Mechanismus außer Kraft zu setzen, der den Kapitalismus am Laufen halte – Konkurrenzkampf um immer höhere Profitraten durch Warenproduktion und Ausbeutung der Arbeiter*innen –, treibe der Spätkapitalismus diese „auf die Spitze“. Die Widersprüche würden nicht gelindert und die Arbeiter*innen nicht befriedet; vielmehr markiere der Spätkapitalismus den Moment, in dem der Konflikt eine „explosive Form annimmt“ und sich zu einer allgemeinen Krise ausweitet. In den frühen 1970er Jahren ist Mandel davon überzeugt, dass eine „revolutionäre Massenbewegung des internationalen Arbeiterklasse“ unmittelbar bevorstehe. Doch woher nimmt er diese Gewissheit?
Nach Mandel verlaufen Wirtschaftswachstum und Profitratensteigerungen nie langsam, stetig oder gesichert. Aber ebenso wenig sind sie zufällig. Sie erscheinen vielmehr in „langen Wellen“ von vier bis fünf Jahrzehnten: von 1793 bis 1847, 1848 bis 1893 und 1894 bis 1939. Vor Beginn einer solchen Welle liegt Kapital in großem Umfang brach und wartet darauf, dass sich Kanäle für Profit und Investitionen öffnen. Dann können plötzlich Profite erzielt werden, und dies aus ganz unterschiedlichen Gründen: Kriege, Massenarbeitslosigkeit oder Migration senken die Lohnkosten; Rohstoffe werden durch imperialistische Eroberungen erschlossen; neue Märkte entstehen auf bislang unerschlossenen Kontinenten oder in neuen gesellschaftlichen Sphären wie dem Haushalt. Die Welle kommt ins Rollen.
Je stärker sie anschwillt, desto schneller steigen Profit und Wachstum: Die Hochkonjunkturen erstrecken sich über lange Zeiträume, die Rezessionen sind nur von kurzer Dauer. Das Kapital investiert, um technologische Innovationen voranzutreiben. Dabei geht es nicht nur um Maschinen, die den Bedarf an menschlicher Arbeit verringern, sondern in erster Reihe um die maschinelle Produktion von „Bewegungsmaschinen“ (wie die Dampfmaschine, den Verbrennungsmotor oder den Computer), die die Massenproduktion antreibt und steuert. Je mehr Arbeit dadurch eingespart wird, desto größer der Profit.
Wenn dann die Welle ihren Höhepunkt erreicht, verlangsamen sich Profitsteigerung und Wachstum. Jetzt sind die Hochkonjunkturen kurz und die Rezessionen lang. Einige Ursachen der nachlassenden Dynamik sind kontingent – etwa ein Rückgang im Welthandel oder neue Konkurrenten mit günstigeren Preisen –, doch die Hauptursache besteht paradoxerweise genau in dem, was Investitionen zuvor profitabel gemacht hatte: der maschinellen Produktion der Bewegungsmaschinen. Die Produktivität, die den Arbeiter*innen abgerungen werden kann, ist nicht vorherbestimmt. Sie hängt ab von der Macht des Kapitals, der Zustimmung der Beschäftigten und von der Existenz oder Abwesenheit einer industriellen Reservearmee. Was Maschinen leisten können, ist dagegen durch ihre Funktionsweise festgelegt. Je abhängiger der Kapitalist von der Maschine ist, desto weniger variabel wird sein Profit. Verfügen genügend Konkurrent*innen über solche Maschinen, lässt sich mit ihnen weniger Profit erzielen. Stagnieren die Profite, flieht das Kapital. Die Welle bricht und zieht sich zurück.
Laut Mandel begann die vierte lange Welle des Kapitalismus 1940, erreichte ihren Höhepunkt 1966 und zerschellte in den 1970er Jahren überall auf der Welt. In ihrer ersten Hälfte profitierte das Kapital von der Aufrüstung während des Zweiten Weltkriegs und des Kalten Krieges, der Verbreitung industrieller Methoden in sämtlichen Wirtschaftszweigen und über den gesamten Globus, der fortschreitenden Automatisierung durch die digitale Revolution sowie von der billigen Arbeitskraft, die aus den Lohnsenkungen während des Faschismus und des Zweiten Weltkriegs resultierte.
Kein Zusammenbruch. Nirgends
In den frühen 1960er Jahren hatte ein Zusammenspiel aus starken Gewerkschaften und dem real existierenden Sozialismus die Arbeitskraft in den kapitalistischen Ländern wieder teurer werden lassen, während erhebliche Teile der Welt für kapitalistische Investitionen verschlossen waren. Die weltweite Industrialisierung der Produktion von Kapital- und Konsumgütern (und nicht nur, wie noch im 19. Jahrhundert, die Extraktion von Rohstoffen) führte dazu, dass sich die Produktivitätsniveaus und Profitraten über Regionen, Staaten und Branchen hinweg anglichen. Kleine Extraprofite ergaben sich nur noch aus den „technologischen Renten“, die ein Unternehmen dank des rechtlichen Monopols auf seine Innovationen einstreichen konnte – oder weil die Konkurrenz viel Zeit und Ressourcen benötigte, um mit ihm gleichzuziehen. Das war der Spätkapitalismus: Große multinationale Unternehmen, die in einer wahrhaft internationalen Wettbewerbswirtschaft operierten und rund um den Globus technologischen Renten nachjagten.
Mandel hoffte offenkundig, der Kapitalismus sei nun an seinem Endpunkt angelangt. Inmitten der globalen Streikwelle und der steigenden Inflation der späten 1960er und frühen 1970er Jahre schien der Spätkapitalismus, anders als sein Vorgänger im 19. Jahrhundert, keinen Ausweg mehr zu finden. Die gewohnten Abhilfen – staatliche Intervention, Monopolmacht, billige Kredite – griffen nicht länger. Ein Rückgang der Profitrate erschien unausweichlich. Die lang erwartete Krise, und damit auch die Revolution, schien unmittelbar bevorzustehen.
Doch es blieb noch eine andere Möglichkeit: Wenn sich kein zusätzlicher Profit mehr aus der Maschinerie ziehen ließ, warum sollten die Unternehmen dann nicht versuchen, mehr Arbeit aus den Beschäftigten herauszupressen, ohne ihnen mehr zu zahlen? Die Arbeiter*innen mochten sich an die steigenden Löhne und Lebensstandards der Nachkriegszeit gewöhnt haben, doch kein Naturgesetz verbürgte solche Trends. Was, wenn das Kapital in der Lage wäre, die Lohnabhängigen zu überzeugen oder notfalls dazu zu zwingen, sich mit weniger zufrieden zu geben? Nur wenn es ihm gelänge, „den Widerstand der Lohnabhängigen zu brechen“ und die Profitraten wieder zu steigern, würde ihm die drohende lange Stagnation erspart bleiben. Mandel aber schien es gewiss, dass eine derartige Kriegserklärung an die Arbeiterklasse undenkbar sei, ohne den Nachkriegskonsens zu zertrümmern. Nur der Faschismus hatte es vermocht, die Arbeiterbewegung in dieser Weise zu zerschlagen; eine Arbeiterklasse aber, die im keynesianischen Massenwohlstand geboren und aufgewachsen war, würde ein solches Projekt niemals hinnehmen.
Wie wir heute wissen, hat sie es dann doch hingenommen, und zum Dank bekam sie Kürzungen: keine Revolution der Arbeiter*innen, sondern die Konterrevolution von Paul Volcker und Ronald Reagan, flankiert von der Herausbildung einer großen industriellen Reservearmee mittelloser Arbeiter*innen in Asien und anderen Teilen der Welt. Die Stagnation hielt lange an, der Fall der Reallöhne noch länger. Das ist jener Spätkapitalismus, den Mandel an manchen Stellen seiner Arbeit bereits ahnte – und den wir heute alle erleben.
Eine Frage der Kräfteverhältnisse
Walter Benjamin schrieb in seinem Passagen-Werk, „dass der Kapitalismus keines natürlichen Todes sterben wird“. Und doch hoffte die Linke in Zeiten des Stillstands oder der Niederlage immer wieder, der Zusammenbruch des Kapitalismus sei eine zwangsläufige Konsequenz seiner eigenen Logik. Ende des 19. Jahrhunderts erklärte Karl Kautsky, einer der führenden Theoretiker*innen der deutschen Sozialdemokratie: „Die unaufhaltsame ökonomische Entwicklung führt den Bankerott der kapitalistischen Produktionsweise mit Naturnotwendigkeit herbei“. Und noch in den ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts hält Kautskys ernüchterter Nachfolger Wolfgang Streeck daran fest, dass der Kapitalismus aufgrund seiner Tendenz zur Selbstzerstörung seiner „Götterdämmerung“ entgegensehe. Utopisches Denken war nie der entscheidende Mangel der Linken. Was ihre Fähigkeit zu politischem Realismus tatsächlich untergräbt, ist ihr Glaube an die rettende Macht der Katastrophe.
So hegt die zeitgenössische Linke die Hoffnung, der Klimawandel werde den Kapitalismus endlich in die Knie zwingen. Doch auch dies ist eine alte Fantasie. Am Ende von Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus (1905) fragte Max Weber, wie lange das „stahlharte Gehäuse“ des Kapitalismus noch halten werde. Die einzige Hoffnung auf Befreiung, so Weber, liege in der Endlichkeit der fossilen Energien: Der Kapitalismus werde herrschen, „bis der letzte Zentner fossilen Brennstoffs verglüht ist“. Werner Sombart schilderte, dass Weber diesen Satz auch im privaten Gespräch gern wiederholte. Sombart allerdings zeigte sich unbeeindruckt. Es gebe nicht nur Wasser- und Gezeitenkraft, sondern auch Solarenergie – die schon 1902 auf einer Straußenfarm bei Los Angeles zum Einsatz gekommen sei. Für den Kapitalismus stelle sich daher lediglich die Frage, ob sich daraus Profit schlagen lasse. Erfahrungen aus Ägypten, Peru, Chile und Südafrika sprachen dafür, dass dies sehr wohl möglich war. Es gibt keine ausweglose Lage für die Bourgeoisie.
Doch im marxistischen Kanon von Krise und Zusammenbruch liegt eine entscheidende Lektion für die Linke verborgen. In Lohn, Preis und Profit schrieb Marx über die „Maximalprofitrate“:
Die Fixierung ihres faktischen Grads erfolgt nur durch das unaufhörliche Ringen zwischen Kapital und Arbeit, indem der Kapitalist ständig danach strebt, den Arbeitslohn auf sein physisches Minimum zu reduzieren und den Arbeitstag bis zu seinem physischen Maximum auszudehnen, während der Arbeiter ständig in der entgegengesetzten Richtung drückt. Die Frage löst sich auf in die Frage nach dem Kräfteverhältnis der Kämpfenden.
Statt ein Diktat der Wirtschaft zu sein, ist Profit also eine Frage der Kräfteverhältnisse. Anders als eine Maschine ist die geballte Kraft der Arbeiter*innen nicht im Vorhinein festgelegt. Wie viel Macht sie haben – und wie viel Mehrwert der Kapitalist extrahieren kann –, bleibt eine offene Frage, die nur im Kampf beantwortet wird. In den frühen Tagen des Spätkapitalismus hat das Kapital diese Lektion gelernt. Ob wir uns in der finalen oder lediglich in der jüngsten Phase des Kapitalismus befinden, hängt davon ab, ob auch die Arbeiter*innen sie lernen werden.
Bei dem Text handelt sich um die deutsche Erstveröffentlichung eines Beitrags, der zuerst von der „New Left Review“ unter dem Titel „Waiting Game“ publiziert wurde. Die Zwischenüberschriften wurden redaktionell eingefügt. Übersetzung von Charlotte Thießen und Felix Kurz für Gegensatz Translation Collective.

