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Hintergrund , : Mein Zuhause umarmen

Von Ali Abu Yassin, Gaza-Stadt

Wichtige Fakten

Details

Ali Abu Yassin, Trainer/Regisseur ASHTAR Theater Gaza, 2016.
Ali Abu Yassin, Trainer/Regisseur ASHTAR Theater Gaza, 2016 Standbild aus dem Film «We Are Here – Young Gaza on Stage»

Der genozidale Krieg in Gaza geht unvermindert weiter. Inmitten von Vertreibung, Zerstörung, Zehntausenden Toten und Verletzten und einer menschengemachten Hungersnot hat die israelische Regierung die militärische Einnahme von Gaza-Stadt angekündigt und die Stadt zur „Kampfzone“ erklärt. Die Bewohner*innen können sich nicht in Sicherheit bringen, denn es gibt keine Zufluchtsorte. Bisher hatten sie noch gehofft, bald in ihre Häuser, ihre Nachbarschaften zurückkehren zu können. Diese letzte Hoffnung wird gerade zerstört. So auch bei Ali Abu Yassin und seiner Familie.

Ali Abu Yassin arbeitet seit 2008 als Theaterdirektor und Schauspiellehrer beim Ashtar Theater in Gaza, wo er neben vielen anderen Produktionen die weltweit aufgeführten und in viele Sprachen übersetzten Gaza-Monologe mit Kindern und Jugendlichen entwickelt hat. Der Dokumentarfilm „We are Here. Young Gaza on Stage“ zeigt die Arbeit von Ali Abu Yassin und des Ashtar Theaters und erzählt die Geschichten der jugendlichen Schauspieler*innen. Der Film von Sabrina Dittus (Pepperlint Film) ist 2016 in Kooperation mit dem Ashtar Theater und mit Unterstützung der Rosa-Luxemburg-Stiftung entstanden. Das Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Ramallah hat viele Jahre mit dem Ashtar Theater, das seinen Hauptsitz in Ramallah hat, zusammengearbeitet.

Ali Abu Yassin lebt im Strand-Flüchtlingslager (al-Shati) in Gaza-Stadt, einem der größten Flüchtlingslager im Gazastreifen. Er ist einer von Hunderttausenden, die nun erneut von Vertreibung betroffen sind. Wir veröffentlichen seinen Text, um zu zeigen, in welcher verzweifelten Lage sich die Menschen befinden.

 
Die Einwohner*innen von Gaza-Stadt leben in einem Zustand quälender Angst und zermürbenden Wartens. Sie fragen sich, was mit ihnen und ihrer Stadt geschehen wird. Werden wir tatsächlich in den Süden evakuiert werden können oder bleiben wir blockiert in unseren Häusern, selbst wenn sie über unseren Köpfen einstürzen?

Als wir zum ersten Mal vertrieben wurden, glaubten wir, wir würden nach höchstens ein oder zwei Wochen zurückkehren. Am Ende blieben wir 13 Monate fern, und erduldeten in dieser Zeit unvorstellbares Leid. Die Rückkehr nach der Waffenruhe war der schlimmste Tag meines Lebens. Meine Familie und ich mussten fast 15 Kilometer zu Fuß zurücklegen, schwer beladen mit einer Last, die unsere Körper fast zerbrach. In der Nähe eines Carrefour-Supermarkts brachen wir zusammen, erschöpft von der grenzenlosen Anstrengung, dem schrecklichen Durst. Vier Stunden lang lagen wir dort, unfähig uns zu bewegen, ohne irgendein Transportmittel, das uns die letzten kaum drei Kilometer nach Hause hätte bringen können. 

Diese Rückkehr fühlte sich an wie der Jüngste Tag. Irgendwann rief ich einen Freund an, der einen Bus für fünfzig Personen schickte. Es gab kein anderes Fahrzeug. Als der Bus ankam, stiegen wir ein, und innerhalb von Sekunden kletterten auch all die anderen erschöpften Menschen hinein, die ebenfalls auf dem Rückweg waren, bis der Bus bis auf den letzten Platz gefüllt war. 

So erreichten wir unser Haus – und konnten noch immer nicht fassen, dass wir tatsächlich zurückgekehrt waren. Es fühlte sich an wie ein unerreichbarer Traum, wie der Eintritt ins Paradies. Wir konnten es nicht glauben, dass wir tatsächlich in unserem Zuhause stehen konnten. Es war weitgehend intakt, bis auf das zerbombte oberste Stockwerk und einige verschwundene Dinge. Doch wie wir war das Haus verschlissen, bedeckt von einer dicken schwarzen Staubschicht. Man konnte sich nirgends hinsetzen, nichts berühren.

Nach all dem, was geschehen ist … wie kann ich mein Zuhause jetzt verlassen?

Ich fand meinen Bambusstuhl, in dem ich immer saß und schaukelte. Behutsam wischte ich den Staub ab und setzte mich vorsichtig hin, mit einem tiefen, langen Seufzer: „Aaaaah …“. Das wiederholte ich mehrmals. Und jedes Mitglied meiner Familie ließ sich auf einen Stuhl sinken und stieß seine eigene Version dieses Seufzers aus.

Jetzt bereitet die Besatzung sich darauf vor, uns erneut zu vertreiben – diesmal in den Süden. Und sie planen offenkundig, die Stadt zu zerstören, so wie sie es mit anderen Orten getan haben: Beit Hanun, Dschabaliya, Beit Lahiya, Rafah und Chan Junis.

Als ich Dschabaliya nach unserer Rückkehr zum ersten Mal sah, traute ich meinen Augen kaum. Das ganze Gebiet war in einen Schutthaufen verwandelt  worden. Es war jenseits aller Vorstellungskraft. Eine ganze Woche lang konnte ich nicht schlafen, und das Bild hat sich mir bis heute eingebrannt. Fotos und Videoaufnahmen sind nichts im Vergleich zu dieser Realität.

Es war buchstäblich unvorstellbar. Nicht ein einziges Haus war übrig geblieben, nicht einmal einzelne Wände oder Mauern. Dschabaliya war nur noch ein Haufen Steine – es gab keine Straßen mehr, nichts Erkennbares, keine Geografie; nichts als Zerstörung und den Geruch des Todes.

Werden sie mit dem Strand-Lager [al-Schati-Flüchtlingslager] ebenso verfahren wie mit Dschabaliya?

Gleich bringen diese Gedanken meinen Kopf zum Explodieren. 

Nach all dem, was geschehen ist … wie kann ich mein Zuhause jetzt verlassen?

Gib mir einen Kopf, der nicht meiner ist, und ein Herz, das mir nicht gehört, um mich zu überzeugen oder mir zu helfen, dieses Haus zu verlassen.

Wie kann ich es zurücklassen, wenn ich weiß: Wenn ich gehe, werden sie es zerstören.

Mein ganzes Leben habe ich damit verbracht, dieses Haus für meine Söhne und Töchter zu bauen – ihr eigener kleiner Streifen Heimat. Meine Frau und ich haben ganz Gaza durchstreift auf der Jagd nach der perfekten Fliesenfarbe für die Wohnung, nach der richtigen Arbeitsfläche für die Küche, geeigneten Keramikfliesen für das Bad, nach Vorhängen, die zu den Fliesen passten, der Sofalandschaft für das Gästezimmer.

Ach, das spielt keine Rolle – aber die Erinnerungen:

Das Lachen der Enkelkinder

Hamouds, Shams und Sosos erste Schritte

Die Geburtstage

Die Grillabende

Wie wir uns jede Silvesternacht auf dem Dach versammelt haben, zwischen Töpfen mit Basilikum und Minze

Die Hochzeiten, Verlobungen, Feste

Die unzähligen Szenen für Film, Fernsehen und Interviews, die hier, in diesem Haus, gedreht wurden

Wie oft ich das Gästezimmer in eine Theaterbühne verwandelte, um zuhause Stücke zu proben

Mein ganzes Leben in diesem Haus. Das Al-Meshal-Theater gibt es nicht mehr. Nur noch dieses Haus ist übrig. Es ist alles, was ich habe. Ein kleines, 150 Quadratmeter großes Haus im Strand-Lager, drei Stockwerke, das dritte schon zerbombt. Zwei Stockwerke sind noch übrig. 

Wie kann ich es zurücklassen?

Im Moment verbringe ich die meiste Zeit damit, mein Haus zu umarmen: Lange betrachte ich jedes einzelne Detail, erinnere mich an all die Jahre, die ich Tag und Nacht schuftete, um dieses kleine Stück Heimat zu bauen und auszustatten.

Wie kann ich es zurücklassen, wenn ich weiß: Wenn ich gehe, werden sie es zerstören.

Sie werden das Lager zerstören, in dem ich mein ganzes Leben verbracht habe und das ich über alles liebe.

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