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Wolfgang Abendroth (2. Mai 1906 bis 15. September 1985) war in der Nachkriegszeit einer der wichtigsten Oppositionellen Westdeutschlands und ein Vordenker der 68er-Bewegung. Seine radikaldemokratische Interpretation des Grundgesetzes, nach der eine sozialistische Transformation des Kapitalismus verfassungsrechtlich möglich ist, war wegweisend für die Verteidigung des Streikrechts und den Kampf gegen die Notstandsgesetze. Angesichts der dramatischen Aushöhlung von Grundrechten haben seine Schriften größte aktuelle Bedeutung.
Gregor Kritidis, Historiker, arbeitet als Geschäftsführer der Naturfreunde Niedersachsen. Er hat zur sozialistischen Opposition in der Ära Adenauer und zur Krise in Griechenland publiziert und war von 2000 bis 2017 Mitherausgeber des Online-Magazins Sozialistische Positionen (www.sopos.org).
Wolfgang Abendroth, in Wuppertal-Elberfeld 1906 geboren, wurde nicht nur in der sozialistischen Arbeiterbewegung, sondern auch in der Jugendbewegung sozialisiert. Er wuchs in Frankfurt am Main in einer Lehrerfamilie auf und engagierte sich dort früh in der sozialistischen Bewegung. Obwohl er sich mehr für Biologie interessierte, nahm Abendroth 1924 ein Studium der Rechtswissenschaften auf. Der Arbeiterbewegung, so die dahinterstehende Überlegung, sei mit Juristen besser gedient. Seine politischen Aktivitäten entfaltete er unter anderem in der Roten Hilfe, die ihm die Möglichkeit bot, seine fachlichen Fähigkeiten praktisch zu erproben. Zum wichtigsten politischen Aktionsfeld wurde für Abendroth der Bund der Freien Sozialistischen Jugend, der seine Wurzeln sowohl in der proletarischen als auch in der bürgerlichen Jugendbewegung hatte.
Der Arbeiterbewegung, so die dahinterstehende Überlegung, sei mit Juristen besser gedient.
Während des Studiums bewegte er sich im Umfeld des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, dem deutschsprachigen Zentrum der Diskussion der verschiedenen undogmatischen marxistischen Richtungen. Politisch orientierte er sich auf die KPD-Opposition (KPO), deren Einheitsfront-Politik darauf abzielte, die Organisierung nach Klassen- und nicht nach Parteiinteressen voranzutreiben.
Abendroth verfasste beim sozialistischen Arbeitsrechtler Hugo Sinzheimer eine Dissertation über das Betriebsrätegesetz von 1920, die er jedoch nicht beenden konnte; 1933 wurde er zusammen mit seinem Doktorvater kurzzeitig verhaftet und aus dem juristischen Vorbereitungsdienst entlassen. Seine akademische Karriere war mit dem Sieg der NS-Bewegung zu Ende. Seine zweite Dissertation über die sozialen und politischen Rechte der Menschen in den Kolonialgebieten, mit der er 1936 in Bern promovierte, wurde kurz nach Erscheinen in Breslau beschlagnahmt. Seine Auffassung vom Völkerrecht stand in völligen Gegensatz zum Volksgruppen-Prinzip, das auf eine Legitimation imperialistischer Kriegführung hinauslief.
Haft, Strafdivision, Widerstand
Bei einer Razzia im Februar 1937 gegen die KPO wurde Abendroth verhaftet und im gleichen Jahr wegen Hochverrats zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Er wurde von der Gestapo in der Untersuchungshaft mehrfach gefoltert und unternahm einen Selbstmordversuch.
Nach der Haft im Zuchthaus Luckau in der Niederlausitz wurde Abendroth 1943 in die Strafdivision 999 eingezogen, da nach der Niederlage von Stalingrad auch die an sich „wehrunwürdigen Kriminellen“ als kriegstüchtig betrachtet wurden. Auf der Insel Limnos nahm er Kontakt zur griechischen Widerstandsbewegung EAM auf, mit der er eng kooperierte. Als er sich bei einem Sturz schwer verletzte und der Arzt des Lazaretts ihn nicht angemessen behandelte, schickte die EAM einen Mediziner, der ihm mit einer Notoperation das Leben rettete. Beim Abzug der deutschen Truppen 1944 gelang es der deutschen Widerstandsgruppe, die Sprengung des Elektrizitätswerks zu verhindern. Abendroth desertierte und tauchte mit dem österreichischen Genossen Wilhelm Wehofer unter; sie versteckten sich in einer Höhle. Nach acht Tagen brachte die EAM beide auf die benachbarte Insel Lesbos, wo sie Flugblätter verfassten, die sich an deutsche Soldaten richteten.
Rückkehr und erneute Flucht
Um möglichst schnell nach Deutschland zurückkehren zu können, lieferte sich Abendroth der britischen Armee aus. Er wurde zunächst in Ägypten und später im englischen Wilton Park interniert. Dort trat er 1946 der SPD bei und diskutierte mit Richard Löwenthal vor dem Hintergrund des Wahlsieges der britischen Labour Party die Möglichkeiten eines demokratischen Sozialismus. An der vorbereitenden Diskussion der bedeutendsten linkssozialistischen Programmatik der unmittelbaren Nachkriegszeit, Löwenthals unter dem Pseudonym Paul Sering veröffentlichtem Buch „Jenseits des Kapitalismus“, war Abendroth beteiligt.
Nach seiner Rückkehr nach Deutschland 1946 heiratete Abendroth seine Verlobte Lisa Hörmeyer. Sie wurde zu seiner wichtigsten Diskussionspartnerin und nahm, da viele Treffen privat stattfanden, häufig an Besprechungen teil.
Da Abendroth sein zweites Staatsexamen nachholen musste und habilitieren wollte, ging er auf Anraten des hessischen Justizministers und späteren Ministerpräsidenten Georg August Zinn in die sowjetische Besatzungszone (SBZ). Dort machte er als Professor für öffentliches Recht in Leipzig und Jena Karriere. Als im Dezember 1948 ein Kurier des Ostbüros der SPD verhaftet wurde, sahen sich Lisa und Wolfgang Abendroth mit ihrer einjährigen Tochter zu einem fluchtartigen Verlassen der SBZ gezwungen.
Abendroths Perspektive war ein demokratisch-sozialistisches, unabhängiges Gesamtdeutschland.
1948 wurde Abendroth zum Gründungsrektor der neuen Reformhochschule für Arbeit und Wirtschaft in Wilhelmshaven-Rüstersiel ernannt. Dieses Reformprojekt wurde jedoch von konservativen Seilschaften sabotiert, sodass er einen Ruf als Politikwissenschaftler an die Marburger Universität annahm. Die hessische SPD beabsichtigte, ein Gegengewicht zu den braunen Ordinarien zu schaffen. Von der SPD wurde er zudem als Mitglied der Staatsgerichtshöfe von Bremen und Hessen ernannt.
Abendroths Ziel bestand darin, der Arbeiterbewegung ein neues intellektuelles Zentrum zu schaffen, das ähnlich dem Frankfurter Institut für Sozialforschung in der Weimarer Republik die wissenschaftlichen Debatten bündeln und eine hohe theoretische und politische Ausstrahlungskraft entfalten sollte. Das wiedergegründete Institut in Frankfurt schätzte er zwar als wichtigen Bündnispartner, die Funktion als Think-Tank der Arbeiterbewegung hatte es jedoch nach seiner Auffassung verloren.
Grundgesetz mit fragilem Klassenkompromiss
Abendroths Perspektive war ein demokratisch-sozialistisches, unabhängiges Gesamtdeutschland. Damit bewegte er sich durchaus im sozialdemokratischen Mainstream. Seiner Analyse zufolge beruhte das Grundgesetz von 1948 auf einem fragilen Klassenkompromiss. Da dieser im Falle einer erneuten Krise von den kapitalistischen Interessengruppen in Frage gestellt werden würde, komme es darauf an, die sozialen und politischen Grundrechte zu verteidigen, die zu erwartenden Angriffe auf die Verfassungsordnung zurückzuschlagen und das demokratische Prinzip von der staatlichen Ebene auf die ökonomische Sphäre auszuweiten. „Das Parlament“, schrieb er 1954, „ist nur in dem Maße demokratisches Integrationsmittel, in dem es sich bewußt bleibt, lediglich die Koordinationsstelle und die Entscheidungseinheit der in sich demokratisch organisierten vielfältigen Kräfte der modernen Gesellschaft zu sein.“ Mit den Bestimmungen des Grundgesetzes, nach denen die Bundesrepublik ein sozialer und demokratischer Rechtsstaat sei, werde die weitere gesellschaftliche Gestaltung hin zu einer sozialistischen Umgestaltung offengehalten. Dadurch werde, schrieb er 1956, „eine so breite Erweiterung der Volksbildung und des Wissens breiter Massen um die Probleme ihrer Gesellschaft möglich, daß jede durch Gruppen und Ausbildungswege fixierte Unterscheidung, die hierarchische Differenzierungen rechtfertigt, tendenziell überflüssig wird.“
Gewerkschaften als Träger der Umgestaltung
Als Träger für diese Umgestaltung sah Abendroth aber weniger die SPD als die Gewerkschaften an. Insbesondere zur IG-Metall, bei der viele Funktionäre im Widerstand gewesen waren, unterhielt er enge Beziehungen. Vor allem in rechtlichen Fragen, etwa im Kampf um das Betriebsverfassungsgesetz und das Streikrecht, suchten Gewerkschafter seinen Rat. In den Auseinandersetzungen um die Wiederbewaffnung 1954/55, die atomare Bewaffnung der Bundeswehr 1958 und im sich bis Ende der 60er Jahre hinziehenden Konflikt um die Notstandsgesetze war die IG-Metall der Adressat von Abendroths Interventionen und sein wichtigster Bündnispartner. So bekniete er Hans Matthöfer 1959, aus den USA zur IGM zurückzukehren: „Das Reservoir an jüngeren Volkswirten, die über die für derartige Arbeit erforderlichen Kenntnisse verfügen, ist dank des gegenwärtigen Standes an den nationalökonomischen Fakultäten der Bundesrepublik unendlich klein. Man kann sich die methodischen Voraussetzungen in Deutschland ja im Allgemeinen nur gegen die Universität und nicht an der Universität erwerben. In der Wirtschaftsabteilung der IG Metall droht bei der in solchen Fragen (...) fast gleichgeschalteten Positionen des formellen Leiters nun auch alles konformistisch umgestaltet zu werden, wenn Du ausfällst.“
Abschied von der Sozialdemokratie
Die Bindung an die SPD wurde dagegen in den 50er Jahren immer schwächer; die Räume des Sagbaren wurden im antikommunistischen Treibhaus Bundesrepublik auch mit Zutun der sozialdemokratischen Partei immer enger. Zeitweise war die linksprotestantische „Stimme der Gemeinde“ neben den linkssozialistischen Zeitschriften „Funken“ und „Sozialistische Politik“ Abendroths wichtigster Publikationsort. Als 1961 der SDS wegen seiner abweichenden Positionen aus der SPD ausgeschlossen wurde, gehörte Abendroth zu den Gründern der SDS-Förderergesellschaft, die ebenfalls aus der Sozialdemokratie verbannt wurde. In üblen Diffamierungskampagnen ging der Parteivorstand gegen die Abweichler und insbesondere Abendroth vor. Die Allianz der sozialistischen Linken zur IG-Metall blieb dagegen erhalten und bildete das Rückgrat der Anti-Notstands-Bewegung zwischen 1958 und 1968.
Als sich 1966 eine große Koalition unter dem ausgewiesenen NS-Parteigänger Kurt-Georg Kiesinger bildete, formierte sich mit der APO eine breite Oppositionsbewegung. Erstmals nach 1945 schien sich die Perspektive einer eigenständigen linkssozialistischen Kraft jenseits der SPD zu eröffnen. Die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 und die Gründung der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) 1969 entzogen diesem Projekt jedoch die Basis. In den 70er Jahren prägte weiterhin die Frage der Stellung zum Ostblock die Auseinandersetzungen innerhalb der Linken. Während Abendroth und viele seiner Schüler Kontakte zur DKP pflegten, polemisierten seine ehemaligen Bündnispartner aus der Redaktion der „Sozialistischen Politik“ gegen die DKP-Fraktion in den Gewerkschaften.
Man müsse ‹auch um eine Chance von 0,1 Prozent ... kämpfen, schon damit Reste einer demokratischen Tradition jede Durstperiode überstehen können, auch in diesem Deutschland.›
Abendroth blieb dem Kampf um die Grundrechte treu, sei es in der Frage des § 218 oder der Berufsverbote. Ganz im Sinne Rosa Luxemburgs verteidigte er die demokratischen und sozialen Freiheitsrechte als das Lebenselixier der sozialistischen Bewegung. Man müsse, schrieb er an Heinrich Böll 1968, „auch um eine Chance von 0,1 Prozent ... kämpfen, schon damit Reste einer demokratischen Tradition jede Durstperiode überstehen können, auch in diesem Deutschland.“
Wolfgang Abendroth wird 1972 emeritiert und stirbt am 15. September 1985.
Zum Weiterlesen:
- Wolfgang Abendroth. Ein Leben in der Arbeiterbewegung. Gespräche. Aufgezeichnet und hg. von Barbara Dietrich und Joachim Perels, Frankfurt am Main 1976.
- Wolfgang Abendroth, Gesammelte Schriften, Hg. von Michael Buckmiller, Joachim Perels und Uli Schöler, Hannover 2006ff.
- Gregor Kritidis, Wolfgang Abendroth. Oder: „Rote Blüte im kapitalistischen Sumpf“. Dietz-Verlag, Berlin 2015.
- Website zu Wolfgang Abendroth, mit digitalisierten Ton- und Audioaufnahmen: wolfgangabendroth.org.




