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Interview , : Der Dschihadisten-Aufstand in Cabo Delgado

Interview mit Eric Morier-Genoud über die Hintergründe der islamistischen Bewegung in Mosambik

Wichtige Fakten

Details

Ruandische Soldaten patrouillieren im Rahmen einer Operation zur Bekämpfung von Aufständischen in der Provinz Cabo Delgado am 19. Dezember 2023 durch die Straßen von Palma, Mosambik.
Ruandische Soldaten patrouillieren im Rahmen einer Operation zur Bekämpfung von Aufständischen in der Provinz Cabo Delgado am 19. Dezember 2023 durch die Straßen von Palma, Mosambik. Foto: IMAGO / Anadolu Agency

Seit 2017 wird Mosambik von einer neuen Form organisierter Gewalt erschüttert: einem islamistischen Aufstand unter Führung der Al-Shabaab-Sekte. Tausende Menschen wurden seitdem getötet, über eine Million zur Flucht gezwungen. In seinem Buch argumentiert Eric Morier-Genoud, einer der führenden Expert*innen für die Religionsgeschichte Mosambiks, dass dieser islamistische Dschihad einen Bruch darstellt mit den bisherigen Formen, wie muslimische Führungspersönlichkeiten im postkolonialen Mosambik mit dem Staat interagierten. Um die Dynamiken dieses Konflikts zu verstehen, der sich vor allem in der erdgasreichen Provinz Cabo Delgado abspielt, sprach Fredson Guilengue, Projektmanager im Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Johannesburg, mit Professor Eric Morier-Genoud.
 

Eric Morier-Genoud ist Professor für Geschichte an der Queen’s University in Belfast. Sein 2024 erschienenes Buch trägt den Titel Towards Jihad? Muslims and Politics in Postcolonial Mozambique.

Fredson Guilengue: In Ihrem Buch Towards Jihad? schreiben Sie, dass dem Studium des Islams in Mosambik bislang nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Welche negativen Folgen hat dieses mangelnde Wissen über Muslim*innen in Mosambik? Und ist das ein Problem, das das muslimische Leben im Allgemeinen betrifft, oder ein Ausdruck des insgesamt unsteten Verhältnisses des mosambikanischen Staates zu Religion?

Eric Morier-Genoud: Religion wurde in Mosambik vor den 1990er Jahren kaum erforscht, nicht zuletzt, weil Marxismus und Materialismus in den Jahren nach der Unabhängigkeit die Geisteswissenschaften dominierten. Die ersten Arbeiten, die Ende der 1980er und in den 1990er Jahren erschienen, befassten sich vor allem mit christlichen und muslimischen Institutionen und deren Führungspersonen. Erst eine neue Generation von Wissenschaftler*innen begann Ende der 2000er Jahre, auch die jeweiligen religiösen Stätten sowie Glaubenspraktiken und Gläubige außerhalb institutioneller Strukturen zu untersuchen. Die Historiographie und unser Verständnis haben sich damit zwar weiterentwickelt, doch unser Wissen über Religion und insbesondere den Islam bleibt unzureichend. Es gibt nach wie vor nur sehr wenige Forscher*innen, die sich mit diesem Thema beschäftigen, und lediglich zwei oder drei von ihnen widmen sich explizit den Glaubensformen außerhalb der Institutionen.

Gesellschaftlich ist das nicht so bedeutsam, da die Beziehungen zwischen Menschen unterschiedlicher Konfessionen im Land sehr gut sind und es eine langjährige Tradition des „ökumenischen Miteinanders“ gibt. Auf wissenschaftlicher und politischer Ebene sind die Folgen jedoch wesentlich deutlicher zu spüren. Erstens hat dies dazu geführt, dass nur begrenzte Kenntnisse zu religiösen Fragen vorhanden sind und man sich übermäßig an religiöse Autoritäten wendet, um Glaubensfragen zu erklären. Religiöse Führungspersonen sind jedoch nicht immer die besten Ansprechpartner*innen, um solche Fragen objektiv darzulegen. Zweitens kommt es dadurch vor, dass Wissenschaftler*innen, der Staat und seine Verwaltung bestimmte Themen missverstehen und falsche, mitunter sogar kontraproduktive Maßnahmen ergreifen. Das zeigte sich etwa zu Beginn des Aufstands, als die Polizei alle Muslim*innen in Cabo Delgado unter Generalverdacht stellte, weil sie den Unterschied zwischen Islam, politischem Islam und bewaffnetem Dschihadismus nicht verstand.

Sie führen den problematischen Umgang der Mosambikanischen Befreiungsfront FRELIMO (Frente de Libertação de Moçambique) und der muslimischen Institutionen mit der Sekte in Cabo Delgado als einen der entscheidenden Faktoren für deren Übergang zu einem dschihadistischen Aufstand an. Gibt es Beispiele aus anderen afrikanischen Ländern, in denen der Umgang mit Sekten so gestaltet wurde, dass deren Transformation in eine gewalttätige Organisation verhindert werden konnte? 

Das Aufkommen der Al-Shabaab-Sekte wurde zu Beginn von der Verwaltung in Cabo Delgado nicht entsprechend einer einheitlichen Linie behandelt. Während einige Verwaltungen sich mit dem Argument aus der Sache raushielten, es handle sich bei den Spannungen um Glaubensfragen, bei denen der Staat keine Rolle spielen solle, griffen andere ein und verboten die Sekte in ihrem Bezirk. Einige muslimische religiöse Autoritäten waren ähnlich passiv, während andere versuchten, auf die Sekte einzugehen und deren Mitglieder wieder in den muslimischen Mainstream zu integrieren. Der Umgang mit dieser Art von religiöser Gruppe ist tatsächlich überall schwierig, und es wird viel darüber diskutiert, wie man am besten mit religiösen „Sekten“ umgehen soll, also mit Organisationen, die sich von der Gesellschaft distanzieren oder sogar in Opposition zu ihr stehen.

Einige Staaten wie China oder Russland kontrollieren sämtliche religiösen Institutionen im Land und verbieten jene, die sie als gefährlich einstufen. Andere Staaten betrachten die Religionsfreiheit als grundlegendes Recht und verzichten auf die Kontrolle sektiererischer Gruppen. Wenn eine Sekte anfängt, feindlich oder gar gewaltsam gegenüber der übrigen Gesellschaft oder ihren eigenen Mitgliedern aufzutreten, ist allerdings ein kritischer Punkt erreicht. Es kann passieren, dass Sekten und Kulte die Gesellschaft angreifen oder sich selbst zerstören. Das reicht bis zu Massensuiziden und Massentötungen ihrer Anhänger*innen, wie bei der Bewegung „Wiederherstellung der Zehn Gebote“ (Restoration of the Ten Commandments) in Uganda im Jahr 2000 und im Fall des Pastors Paul Nthenge Mackenzie in Kenia 2023.

Die entscheidende Frage lautet also: Wie soll man mit Sekten umgehen, wenn sie aggressiv und gewalttätig werden, und ab wann muss interveniert werden? Staatliche Repression mag in solchen Situationen naheliegend erscheinen, doch sie verschärft häufig Konflikte und kann eine Sekte erst recht in Richtung Massengewalt treiben. Jeder Fall ist anders, doch in allen Fällen gilt: Es braucht ein Verständnis des kollektiven Denkens der Gruppe und eine differenzierte soziologische Analyse ihrer Mitglieder. Hier sollte säkulares Wissen über religiöse Fragen ins Spiel kommen. Einige Länder haben dafür unabhängige oder autonome „Religions- oder Sektenobservatorien“ geschaffen, die religiöse Organisationen wissenschaftlich beobachten und Staat wie Gesellschaft differenziert beraten – insbesondere dann, wenn eine Sekte oder religiöse Gruppe beginnt, Probleme zu verursachen.

Angesichts der langen Dauer des Konflikts und der gescheiterten Versuche der mosambikanischen Regierung sowie ihrer Unterstützer*innen (Entwicklungsgemeinschaft des südlichen Afrika/SADC, Ruanda u.a.), ihn militärisch zu lösen: Welcher Weg wäre Ihrer Ansicht nach am besten geeignet, um mit dschihadistischen Aufständen dieser Art umzugehen? Welche Rolle könnten islamische Institutionen in einer möglichen Konfliktlösung in Cabo Delgado spielen?

Zu Beginn klassifizierte der Staat das Problem als „Banditentum“ und setzte die Polizei gegen die Aufständischen ein. Schon bald wurde auch die Armee in die Kämpfe verwickelt, und wenig später traten Milizen auf den Plan. Nachdem die Regierung die Aufständischen offiziell als „Terroristen“ eingestuft hatte, leitete sie eine internationale Militärintervention durch die SADC und Ruanda ein. Während sich die SADC inzwischen zurückgezogen hat, sind ruandische Kräfte weiterhin sehr aktiv und spielen eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung des Aufstands.

Um den Aufstand auf nicht-militärischem Wege einzudämmen, befasst sich die Regierung seit 2019 auch stärker mit den sozialen und wirtschaftlichen Missständen im Norden Mosambiks. Dafür wurden neue Behörden geschaffen, Wiederaufbaupläne entwickelt und Investitionen in die soziale und wirtschaftliche Entwicklung sowie in die Resilienz des Nordens von Mosambik getätigt.[1]

Schließlich kam 2021 die Idee auf, mit den Aufständischen in einen Dialog zu treten, nachdem Ex-Präsident Joaquim Chissano öffentlich vorgeschlagen hatte, dies als eine zusätzliche Dimension bei der Konfliktlösung zu berücksichtigen. Einige gingen noch weiter und brachten sogar direkte Verhandlungen ins Gespräch. Ob formelle Verhandlungen – wie einst zwischen der Mosambikanischen Nationalen Widerstandsbewegung (RENAMO) und der Regierung[2] – tatsächlich möglich sind, bleibt fraglich. Es ist schwer vorstellbar, dass Dschihadisten mit einem Staat verhandeln, den sie grundsätzlich ablehnen. Dennoch können Kontakt und Dialog aufgenommen werden. Sie könnten ein wichtiger Schritt sein, um zu verstehen, wer die Aufständischen sind, welche Ziele sie verfolgen und welche Formen eines friedensfördernden Dialogs für sie überhaupt denkbar wären. Am 22. Juni 2025 erklärte Präsident Daniel Chapo erstmals öffentlich, dass Mosambik die Möglichkeit eines Dialogs prüfen müsse. Es könnte also tatsächlich bald in diese Richtung gehen.

Inwiefern könnte das anhaltende militärische Vorgehen der Regierung unbeabsichtigt dazu beitragen, die Fähigkeiten und Schlagkraft der Aufständischen zu stärken?

Ein solches Risiko besteht in allen Konflikten. Kriege führen unweigerlich zu einer Polarisierung: Menschen werden gezwungen, sich für ein Lager zu entscheiden, wobei kaum noch Raum für Kompromisse oder Grauzonen bleibt, denn im Krieg geht es um Leben und Tod. Hinzu kommen unbeabsichtigte Folgen und Kollateralschäden, die Verbündete treffen und diese dazu bewegen können, Schutz bei der Gegenseite zu suchen.

In einem Kontext wie in Cabo Delgado, wo soziale, wirtschaftliche, religiöse und politische Spannungen eng miteinander verflochten sind, sind die Dynamiken besonders sensibel und problematisch. Während die Aufständischen eindeutig eine Seite gewählt haben, muss der Staat stets ausgewogen und gerecht handeln. Er muss gegenüber allen Gemeinschaften neutral auftreten (und auch als neutral wahrgenommen werden). Dabei muss er sehr vorsichtig vorgehen, und sich nicht in eine Zwickmühle manövrieren (oder manövrieren lassen), indem er sich einseitig hinter eine der Gemeinschaften stellt. Die mosambikanische Regierung gibt sich ganz offensichtlich große Mühe, aber das Ganze ist komplexer, als es auf den ersten Blick erscheint. Zum Beispiel stammen viele Soldaten aus dem Süden des Landes und verfügen weder über Kenntnisse muslimischer Kultur noch über ein Bewusstsein für die bestehenden Spannungen zwischen den verschiedenen Gemeinschaften in Cabo Delgado. Da sie vor ihrem Einsatz im Norden kaum auf die kulturellen Begebenheiten vorbereitet werden, entstehen vor Ort immer wieder Probleme, etwa im Umgang mit Religion, Alkohol oder Frauen. Das führt dann zu weiteren Missverständnissen. 

Der Dschihadismus ist, wie Sie auch in Ihrem Buch darlegen, eine politische Ideologie. Mosambik ist also im Wesentlichen mit einem politischen Problem konfrontiert. Dies entspricht auch jenen Narrativen, die die Vorstellung zurückweisen, dass Armut und Ungleichheit die eigentlichen Ursachen des Konflikts seien. Halten Sie es in irgendeiner Form für möglich, den Konflikt zu beenden, indem auf bestimmte politische Forderungen der Gruppe eingegangen wird?

Unter Wissenschaftler*innen, Analytiker*innen und Regierungsvertreter*innen herrscht eine rege Debatte über die treibenden Faktoren des Konflikts sowie über mögliche Push- und Pull-Faktoren. Der derzeitige Konsens lautet, dass der Aufstand das Ergebnis einer Mischung verschiedener Elemente ist, also sowohl von Push- als auch Pull-Faktoren: von konkreten Missständen und einer religiös-politischen Agenda. Die dschihadistische Ideologie greift diese Missstände auf, übersetzt sie in einen oppositionellen Diskurs und bietet als vermeintliche Lösung aller Probleme die Errichtung eines Kalifats unter Durchsetzung der Scharia an.

Das Ziel der Dschihadisten ist absolut: Sie lehnen den bestehenden säkularen Staat kategorisch ab und fordern stattdessen einen islamischen Staat und eine islamische Gesellschaft. Da es sich dabei um Glaubensüberzeugungen handelt, geht es weniger um rationale Argumente als vielmehr um ein Bekenntnis. Entsprechend schwierig wird es sein, die Aufständischen und insbesondere ihre Anführer mit einer Sprache der Vernunft zu erreichen. Vielmehr gilt es, gemeinsame Anknüpfungspunkte innerhalb eines islamischen Paradigmas und in der Sprache des Islam zu finden. Während der Staat also den Aufstand weiterhin militärisch bekämpft und zugleich an der Beseitigung der sozioökonomischen Ursachen des Konflikts arbeitet, sollte der Staat, wie Präsident Chapo kürzlich sagte, auch einen Dialog eröffnen. Ziel müsste es sein, Wege aufzuzeigen, wie die Aufständischen ihre Hijra (den Rückzug aus der Gesellschaft, um den Dschihad zu führen) rückgängig machen und eine Reintegration in die mosambikanische Mehrheitsgesellschaft akzeptieren könnten.

Wie viele andere Studien zum Konflikt in Cabo Delgado mussten auch Sie Ihr Buch unter der Einschränkung verfassen, nur begrenzten Zugang zu Primärquellen zu haben – aus nachvollziehbaren Sicherheitsgründen. Inwiefern hätten Ihre Ergebnisse davon profitiert, wenn Sie direkten Zugang zur Gruppe und ihren Anführern gehabt hätten?

Wissenschaftliche Arbeit in Kriegskontexten ist immer schwer. Dschihadistische Konflikte sind dabei besonders herausfordernd: Zum einen haben die Aufständischen kein Interesse an wissenschaftlicher Arbeit oder journalistischer Berichterstattung, zum anderen hat die internationale Gemeinschaft Kontakte zu dschihadistischen Bewegungen kriminalisiert. Im Fall von Mosambik haben die USA Al-Shabaab/ISIS-Mosambik als verbotene „terroristische Organisation“ eingestuft. Jeder Kontakt mit ihr ist also illegal und strafbar. Trotzdem hätte ein Austausch mit dieser Organisation – selbst wenn es nur darum ginge, ihre offiziellen Stellungnahmen zu erhalten – entscheidend dazu beitragen können, besser zu verstehen, wer die Aufständischen sind, welche Missstände sie benennen und welche politischen Ziele sie verfolgen. 

Laut Ihrer Recherche haben muslimische Führungspersonen in Konfliktfällen, die ihre religiösen Praktiken betrafen, stets versucht, mit dem Staat zu verhandeln, etwa hinsichtlich des Tragens der Burka. Sie haben den Staat und seine Institutionen schon immer anerkannt und den Säkularismus nicht infrage gestellt. Konnten Sie ähnliche Versuche der Sekte in Cabo Delgado feststellen, ihre Forderungen auszuhandeln, bevor sie zur Gewalt griff? Und falls ja, wie hat der Staat darauf reagiert?

In meinem Buch beschreibe ich einige Interaktionen zwischen der Al-Shabaab-Sekte und der Regierung, die vor 2017 stattfanden. Weitere Forschung ist notwendig, doch was wir wissen, ist, dass sich die Sekte vor 2017 erfolgreich in ganz Cabo Delgado sowie in Teilen von Niassa und Nampula ausbreiten konnte. Sie versuchte, sich vom Rest der Gesellschaft und vom Staat abzugrenzen. Daher auch die Bezeichnung „Sekte“. Ihr Ziel war es, ein Leben in einer perfekten islamischen Gemeinschaft zu schaffen, die getrennt von der übrigen mosambikanischen Gesellschaft existierte.

Ab 2015 begannen Mitglieder der Sekte, in Konflikt mit der Gesellschaft und dem säkularen Staat zu geraten. Der Konflikt entfachte rund um Dinge, die sie aufgrund ihres Glaubens als „verboten“ betrachteten: etwa den Verkauf von Alkohol oder die Feier staatlicher Symbole und Feiertage. Es kam zu Gewaltausbrüchen. Vertreter*innen der muslimischen Mehrheitsgemeinschaft versuchten, mit den Sektenmitgliedern ins Gespräch zu kommen, um die Situation zu entschärfen, stießen jedoch auf Ablehnung. Sobald es zu Gewalt kam, nahm der Staat Sektenmitglieder fest, stellte sie vor Gericht und brachte sie ins Gefängnis, sofern dies rechtlich geboten war.

Seit 2016 geht der Staat gezielter gegen die Sekte vor. Kurz gesagt: Vonseiten der Sektenmitglieder gab es vor 2017 keinen Versuch, mit dem Staat in Kontakt zu treten oder mit ihm zu verhandeln. Nach acht Jahren Konflikt entsteht jedoch der Eindruck, dass die Aufständischen heute offener für einen Dialog sind, wenn auch nicht für Verhandlungen – was im Koran und in den Hadithen nachdrücklich als Mittel zur Konfliktlösung empfohlen wird.

Im Umgang mit terroristischen Organisationen scheinen vor allem zwei mögliche Ansätze verfolgt zu werden. Der eine zielt auf ihre militärische Eliminierung ab, der andere besteht in Verhandlungen. Wie sollte der Konflikt in Cabo Delgado unter Berücksichtigung seiner spezifischen Züge Ihrer Meinung nach angegangen werden?

Die Terminologie, mit der wir ein Problem beschreiben, prägt die Lösungsansätze, die wir dafür finden. Werden die Aufständischen als „Terroristen“ bezeichnet, sind Dialog und Verhandlungen von vornherein ausgeschlossen. Werden diese Männer hingegen als „Aufständische“ oder „irregeleitete Brüder“ betrachtet, dann ist ein Dialog möglich. 

Wenn wir uns ansehen, wie das Problem in anderen Ländern gehandhabt wird oder wurde, sehen wir, dass nur wenige Konflikte rein militärisch entschieden wurden – etwa 2002 in Angola und 2009 in Sri Lanka. Die meisten hingegen endeten durch Verhandlungen oder durch eine Kombination aus militärischem Vorgehen, sozialen und politischen Maßnahmen sowie Dialog. Nach acht Jahren ist klar, dass ein ausschließlich militärischer Ansatz in Mosambik gescheitert ist, selbst wenn er von sozialen und wirtschaftlichen Interventionen begleitet wurde. Präsident Chapo scheint dies erkannt zu haben und erklärte, er wolle nun einen Dialog in Betracht ziehen. Das ist eine bedeutende Entwicklung. Zwar wird ein Dialog kein Allheilmittel sein, das den Konflikt von heute auf morgen beendet, doch er kann mittelfristig ein entscheidender Faktor für seine Lösung werden.

Können Sie näher erläutern, wie die Ausbreitung religiöser Gruppierungen im Rahmen eines „religiösen Marktes“ verstanden werden kann und in welchem Zusammenhang dieses Konzept mit der allgemeinen Marktwirtschaft steht? Und halten Sie es für möglich, dass sich in Mosambik künftig neue Sekten innerhalb des Islams oder anderer Religionsgemeinschaften herausbilden?

Das Konzept des „religiösen Marktes“ wurde in den 1990er Jahren von US-amerikanischen Wissenschaftler*innen im Kontext der sogenannten Rational-Choice-Theorie entwickelt. Diese geht davon aus, dass Menschen ihre Religion so wählen oder wechseln, wie sie Waren im Geschäft kaufen – als rein rationale Entscheidung, unabhängig von Geschichte, Ethnizität, sozialer Klasse oder Herkunft.

Ich selbst teile diese Sichtweise zwar nicht, habe den Begriff jedoch verwendet, weil er eine dynamische Perspektive eröffnet. So konnte ich den Wettbewerb zwischen unterschiedlichen Religionen beschreiben, der Mosambik in den 1990er und 2000er Jahren prägte. Zahlreiche religiöse Institutionen kamen aus dem Ausland nach Mosambik. Innerhalb des Landes selbst entstanden neue religiöse Institutionen und Bewegungen, und es traten neue Propheten auf. Daraus gingen auch neue Sekten hervor – sowohl christliche als auch muslimische –, von denen einige schwierige Beziehungen zum Staat hatten.

Zwei Beispiele: Die Apostolische Kirche von John Marange geriet in den 2000er und 2010er Jahren mit dem Staat in Konflikt, da sie Biomedizin und Krankenhäuser ablehnte und frühe sowie polygame Ehen zuließ – Praktiken, die im Widerspruch zu Teilen des mosambikanischen Rechts und zum Prinzip des säkularen Staates standen. Nach langen Verhandlungen und Anpassungen erkannte das Justizministerium die Kirche schließlich im Jahr 2024 offiziell an. Was islamische Institutionen anbelangt, hatte der Staat zur selben Zeit Probleme mit einer Gruppe, die sich „Salafisten“ nannte und Nähe zur Al-Shabaab-Bewegung erkennen ließ. Nach zahlreichen Auseinandersetzungen distanzierte sich ihr Anführer jedoch 2024 klar und öffentlich vom „Terrorismus“, sodass eine staatliche Anerkennung bald erfolgen könnte.

Mit anderen Worten: Das religiöse Feld in Mosambik ist äußerst vielfältig und dynamisch, geprägt von ständig neu entstehenden Gruppen und religiösen Akteur*innen oder Einflüssen, die aus dem Ausland ins Land getragen werden. Der Staat agiert dabei als „Regulierer“ dieses „Marktes“ und hat damit häufig gute Ergebnisse, dank der Fachkompetenz und des Engagements der Nationalen Direktion für Religionsangelegenheiten im Justizministerium. 

Einige Kommentator*innen sind der Meinung, die Radikalisierung der Aufstandsbewegung habe teilweise dazu beigetragen, lokale Lebensgrundlagen zu schützen, einschließlich der Beteiligung an illegalen Wirtschaftsaktivitäten wie Drogenschmuggelrouten. Welche Einschätzung haben Sie auf Grundlage Ihrer Forschung zu dieser Perspektive?

Als der Aufstand noch in seinem Anfangsstadium war, kursierten viele verschwörungstheoretische Argumente, denen zufolge die bewaffnete Bewegung geschaffen worden sei, um ausländische Interessen und illegale Geschäfte zu schützen oder zu fördern. Verdächtigt wurden etwa der Drogenhandel, der illegale Holzeinschlag, die CIA, französische Ölinteressen und einige Golfmonarchien.

Heute haben diese Argumente jedoch viel von ihrer Überzeugungskraft verloren. Zum einen hat sich unser Verständnis des Aufstands und seiner Ursachen deutlich verbessert. Zum anderen haben Studien zum internationalen Drogenhandel gezeigt, dass die Aufstandsbewegung den Schmuggel in Mosambik nicht erleichtert, sondern vielmehr dazu geführt hat, dass er in andere Provinzen ausweichen musste.

Es stimmt aber auch, dass bewaffnete Konflikte stets eine „Kriegswirtschaft“ hervorbringen, die sich außerhalb legaler Strukturen bewegt und sowohl die Aufständischen als auch korrupte Beamte finanziert. Diese Schattenökonomie prägt die Dynamik des Krieges und erschwert es beiden Seiten, ihre Ziele zu erreichen – ein Beispiel für jene „unbeabsichtigten Folgen“, die ich erwähnt habe. 

Besteht die Gefahr, dass sich nach der Präsidentschaftswahl von 2024 lokale Missstände verschärften und damit der Aufstandsbewegung neue Möglichkeiten eröffneten, diese auszunutzen – ähnlich wie wir es mit den Aktionen der Naparama in den Provinzen Nampula und Zambézia erlebt haben?

Die Wahlen, ihre Anfechtung und die daraus resultierende Krise haben den Kampf gegen die Aufstandsbewegung im Norden Mosambiks nicht gestärkt, sondern vielmehr bestehende Missstände verschärft und neue geschaffen. So führte das Wiederauftreten der Naparama-Milizen in Nampula zu neuen Gewaltgefahren und erschwerte das ohnehin fragile Bündnis zwischen Armee, Polizei und Milizen in Cabo Delgado im Kampf gegen die Aufständischen.

Zudem waren Polizei und Armee über mehrere Monate hinweg abgelenkt. Diesen Umstand konnten die Aufständischen nutzen, um sich neu zu organisieren. Bis 2025 hatte sich die Bewegung erholt, ihre Präsenz im Süden der Provinz konsolidiert und neue Angriffe in der Provinz Niassa gestartet. Acht Jahre nach seinem Beginn hat der Krieg somit wieder deutlich an Intensität gewonnen, und es wird erhebliche Anstrengungen erfordern, diese Entwicklung umzukehren.
 

Übersetzung von Carlotta Freigang und Claire Schmartz für Gegensatz Translation Collective
 


[1] Die Agência de Desenvolvimento Integrado do Norte (ADIN, Agentur für integrierte Entwicklung des Nordens) wurde 2020 von der mosambikanischen Regierung gegründet, um die soziale Entwicklung in den Provinzen Niassa, Cabo Delgado und Nampula zu fördern. Mehr Informationen zu ADIN finden sich unter: adin.gov.mz. Das Programa de Resiliência e Desenvolvimento Integrado do Norte (PREDIN, Programm für Resilienz und integrierte Entwicklung des Nordens) wurde 2022 von der Regierung ins Leben gerufen. Ziel ist der Aufbau oder Wiederaufbau öffentlicher und privater Infrastrukturen – darunter Verwaltungsgebäude, Einrichtungen des Gesundheits- und Bildungswesens, Energie- und Kommunikationssysteme sowie Straßen. Der Plano de Reconstrução de Cabo Delgado (PRCD, Wiederaufbauplan für Cabo Delgado) wurde 2021 von der Regierung verabschiedet. Er soll in den sechs am stärksten vom Konflikt betroffenen Distrikten von Cabo Delgado umgesetzt werden, insbesondere in Mocímboa und Palma.

[2] Um den 16-jährigen Bürgerkrieg zu beenden, handelte die Regierung Mosambiks ein Allgemeines Friedensabkommen mit der ehemaligen Rebellenbewegung RENAMO aus. In der Folge wurden weitere Abkommen unterzeichnet, um die wiederaufgeflammten Feindseligkeiten zwischen RENAMO und der Regierung Mosambiks beizulegen.

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