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Analyse , : Indonesiens Revolte gegen die Oligarchie

Nach den Massenprotesten Ende August zeichnen sich bereits weitere Auseinandersetzungen ab

Wichtige Fakten

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Menschenmassen protestieren vor dem indonesischen Parlamentsgebäude in Jakarta, 25. August 2025.
Menschenmassen protestieren vor dem indonesischen Parlamentsgebäude in Jakarta, 25. August 2025. Foto: IMAGO / ZUMA Press Wire

Die Proteste, die sich das ganze Jahr über in Indonesien entfacht hatten, erreichten Ende August ihren Höhepunkt. Tausende gingen in Jakarta und anderen Städten der Inselgruppe für soziale Gerechtigkeit und eine institutionelle Reform auf die Straße.

Die Revolte begann mit einer Mobilisierung am 25. August. Die Bevölkerung reagierte damit auf den Beschluss der Regierung, Parlamentsangehörigen einen Wohnzuschuss in zehnfacher Höhe des Mindestlohns zu gewähren, während Millionen Bürger*innen kaum die grundlegenden Lebenshaltungskosten stemmen können. 

Muhammad Ridha leitet den Bereich Ideologie und Kaderschulung bei der indonesischen Arbeiterpartei, Partai Buruh.

Die Empörung wuchs, als Mitglieder des Volksvertretungsrats – einer der zwei gewählten gesetzgeberischen Versammlungen des Landes, die zusammen die Beratende Volksversammlung bilden – sich beim jährlichen Treffen letzterer zu Tänzen hinreißen ließen und ein weiteres Mitglied, Ahmad Sahroni von der National-Demokratischen Partei, die Protestierenden als „die größten Idioten der Welt“ beschimpfte. Andere Mitglieder des Volksvertretungsrats machten ähnlich herablassende Bemerkungen. Der krasse Gegensatz zwischen der harten wirtschaftlichen Realität, der die Menschen in Indonesien täglich ausgesetzt sind, und der Arroganz der politischen Klasse brachten die Wut auf die staatlichen Institutionen bald zum Überkochen.

Die Revolte dauerte bis zum 28. August. Sie begann mit einer Mobilisierung durch die Arbeiterpartei (Partai Buruh), die höhere Löhne, Abschaffung von Outsourcing und eine Wahlreform forderte und den Staat aufrief, die Interessen der eigenen Bürger*innen zu schützen. Bald jedoch eskalierte die Protestwelle, was zum tragischen Tod Affan Kurniawans führte, einem 21-jährigen Motorradtaxi-Fahrer, der bei einem Zusammenstoß von der Polizei überfahren wurde. Affans Tod wurde zum Symbol für die staatliche Gewalt gegen die einfache Bevölkerung, heizte die Stimmung noch weiter an und brachte Tausende mehr auf die Straße.

Der Widerstand gegen die aktuelle Regierung beschränkt sich nicht länger auf Arbeiter*innen, sondern schließt auch Studierende und Hochqualifizierte ein, sogar Lieferservicefahrer*innen sind beteiligt. Die Revolte richtet sich nicht nur gegen den Volksvertretungsrat, sondern auch gegen die Polizei, die oft repressive Gewalt gegen Bürger*innen ausübt. Bislang haben sich die Proteste jedoch nicht in einem Maße gebündelt, dass sie den Herrschenden gefährlich werden könnten.

Die wirtschaftlichen Gründe der Revolte

Die Wut der Bevölkerung kommt im Wesentlichen daher, dass die reiche Oligarchie das politische System des Landes dominiert. Laut Daten von Indonesia Corruption Watch (ICW) haben in der Legislaturperiode 2024 bis 2029 von den 580 Mitgliedern im Volksvertretungsrat 354, also ungefähr 61 Prozent, einen unternehmerischen Hintergrund oder Verbindungen zur der Wirtschaft. In der Legislaturperiode 1999 bis 2004 waren es noch 33,6 Prozent gewesen.

Die Macht der Oligarchie über die Politik stellt sicher, dass der Staat selten im öffentlichen Interesse, sondern vielmehr im Interesse der Reichen handelt. Die Zahl der Arbeitslosen ist unter Präsident Prabowo Subianto auf 7,28 Millionen im Februar 2025 angewachsen, das waren 80.000 mehr als im Vorjahr. Die Gründe sind massive Entlassungen und fehlende Stellen infolge des Versäumnisses, Strukturreformen durchzuführen und die indonesische Wirtschaft zu industrialisieren. Gleichzeitig ist die Zahl informell Arbeitender auf 86,58 Millionen gestiegen, ein Anteil von 59,4 Prozent an der Arbeitsbevölkerung.

Die Verschlechterung der Sozialversorgung unter der gegenwärtigen Regierung ist allerdings nicht nur auf die Wirtschaftskrise, sondern auch auf die Ausgabenpolitik zurückzuführen. Nach dem Amtsantritt im Oktober 2024 ergriff die Prabowo-Regierung Sparmaßnahmen, um die exzessiven Ausgaben der Vorgängerregierung in den Griff zu bekommen – insbesondere die Verlagerung der Hauptstadt nach Ibu Kota Nusantara hatte die staatlichen Ressourcen ausgezehrt und den Schuldenstand in die Höhe getrieben. Kritische Haushaltsposten wie Bildung und Gesundheit wurden gekürzt, während die Ausgaben für Militär und Polizei erhöht wurden.

Dieses Muster zeigt, dass die Prabowo-Regierung die bestehenden Strukturprobleme nicht lösen will, indem man die soziale Sicherheit der Bevölkerung gewährleistet, sondern durch die Stärkung des staatlichen Gewaltapparats. Daran werden ihre Prioritäten deutlich: Statt durch soziale Absicherung Legitimität anzustreben, stützt sich die Regierung zunehmend auf Zwang – eine Entwicklung, die oft mit der Konsolidierung autoritärer Herrschaft einhergeht.

Mobilisierungszyklen

Die Revolte im August lässt sich nicht von dem breiten Widerstand trennen, der seit Jahren gegen die Oligarchie gärt. Ab 2019 begannen verschiedene Bewegungen, gegen die Reformen des früheren Präsidenten Joko Widodo (auch bekannt als Jokowi) aufzubegehren, darunter die Studierendenbewegung 2019 und die Massenmobilisierung 2020 gegen die Ratifizierung des sogenannten Omnibus-Gesetzes zur Schaffung von Arbeitsplätzen, mit dem im Namen der Investitionsförderung viele Arbeiterrechte abgeschafft wurden. Das Inkrafttreten des Gesetzes war 2021 tatsächlich ausschlaggebend für die Gründung der Arbeiterpartei.

Den Augustprotesten waren seit Probowos Amtsantritt mindestens zehn große Mobilisierungen vorangegangen, von denen zwei besonders erwähnenswert sind. Die erste war im Februar ein Jugendprotest unter dem Titel „Indonesia Gelap“ (Dunkles Indonesien). Viele junge Protestierende sahen die Zukunft zunehmend pessimistisch, weil es der Regierung nicht gelang, die Bürger*innen vor den negativen Auswirkungen der Sparpolitik zu schützen. Ein Beispiel war das Programm „Kostenlose nahrhafte Mahlzeiten“, das – trotz einer Finanzierungshöhe von 320 Billionen Indonesischen Rupiah (ungefähr 22 Milliarden Euro) bzw. elf Prozent des gesamten Staatshaushalts – von Problemen wie schlechte Lebensmittelqualität und Massenvergiftungen an mehreren Schulen geplagt war. Bei einer weiteren Mobilisierung im März protestierten Massen gegen die Verabschiedung eines Gesetzes zur Ausweitung der zivilen Rolle des Militärs, was bei vielen Erinnerungen an die Suharto-Diktatur aufkommen ließ. Doch keiner dieser Proteste konnte die Regierung zur Änderung ihrer Politik bewegen.

Auch in den weitflächigen indonesischen Regionen kam es überall zu Mobilisierungen. Am 13. August fanden im zentraljavanischen Pati Massenproteste gegen Pläne zur Erhöhung der Grundsteuer um bis zu 250 Prozent statt, weil die Bevölkerung dadurch die Lebensgrundlage ihrer Gemeinschaften in Gefahr sah. Ähnliche Proteste gab es im südsulawesischen Bone, wo die lokale Regierung Steuererhöhungen von bis zu 300 Prozent plante. Was also die Welt Ende August zu Gesicht bekam, war zwar der bedeutendste Protest, aber doch Teil einer Protestwelle, die sich seit 2019 wegen der Gleichgültigkeit der Regierung gegenüber dem Wohlergehen der Mehrheit aufgebaut hatte.

Kollektive Macht aufbauen

Was die jüngste Massenerhebung besonders bemerkenswert macht, sind die Versuche systematischer Unterdrückung durch die herrschende Klasse. Die Menschenrechtsgruppe Commission for Missing Persons and Victims of Violence (Kommission für Vermisste und Gewaltopfer) meldete für den Zeitraum von Juni 2024 bis Juli 2025 insgesamt 602 Vorfälle von Polizeigewalt gegen politisch Andersdenkende. Dazu gehörten Tötungen ohne Gerichtsverfahren, Folter und unrechtmäßige Verhaftungen. Staatliche Gewalt gegen Protestbewegungen ist seit langem Teil der indonesischen Politik, doch Intensität und Ausmaß waren in dieser Phase weit stärker als in vorherigen Jahren, was darauf hindeutet, dass die aktuelle Regierung repressiver wird.

Als die Proteste im August eskalierten, intensivierte die herrschende Klasse ihre Angriffe noch und versuchte die Bewegung zu diskreditieren, indem sie die Protestierenden als gewalttätige Hooligans darstellte. Ihre Bemühungen, die Proteste durch Repression und Geheimdienstoperationen zum Schweigen zu bringen, konnten die Massenmobilisierung ausbremsen. Wütende Bürger*innen waren nicht mehr bereit, auf die Straße zu gehen, weil sie befürchteten, dass ihre legitimen Beschwerden von den Herrschenden in falsches Licht gerückt würden. Erneute Mobilisierungsversuche Anfang September brachten weniger Menschen auf die Straße, was vor allem auf die Sorge vor Ausschreitungen zurückzuführen ist. Mit Unterstützung von Influencer*innen übermittelten Aktivist*innen aus der Mittelschicht mehrere Forderungen an den Volksvertretungsrat, konnten damit allerdings nichts Konkretes erreichen.

Diese Dynamik legt ein grundlegendes Paradox der gegenwärtigen Politik in Indonesien offen: Einerseits macht sie eine massive soziale Unruhe aufgrund der Sparpolitik und Konsolidierung oligarchischer Herrschaft sichtbar. Andererseits fehlt der öffentlichen Empörung mangels einer organisierten Bewegung eine klare Stoßrichtung, mit der sie die Fundamente der oligarchischen Macht ins Wanken bringen könnte. Stattdessen stärkt sie im Ergebnis diese Fundamente, indem die Kontrolle des Sicherheitsapparats über die Gesellschaft gefestigt wird.

Fragmentierung bleibt die größte Schwäche der aktuellen Massenbewegungen in Indonesien: Arbeiter*innen kämpfen für ökonomische Forderungen, die ihren eigenen Sektor betreffen, Landwirt*innen bleiben bei der Verteidigung ihres Bodens unter sich, arme städtische Communitys wehren sich gegen Zwangsräumungen nur auf lokaler Ebene, und Studierende demonstrieren auf dem Campus, aber nur selten bilden diese Kämpfe eine vereinte Front. Daraus resultiert ein Zyklus lebendigen, aber zersplitterten, ausdauernden, aber fragilen Widerstands, der zwar heroisch sein mag, aber keine Resultate verzeichnen kann.

Um die Fragmentierung aufzuheben, müssen die Bewegungen in Indonesien erkennen, dass kein noch so gut organisierter Sektor für sich alleine gegen das Bündnis von Oligarchie und politischen Eliten ankommen kann. Die neue Arbeiterpartei könnte ein politisches Vehikel bieten, aber wenn sie nicht in den laufenden Kämpfen der entrechteten Jugend, Bauernschaft und informellen Arbeiter*innen verankert ist, mag sie als weitere unbedeutende Partei enden, die nach Stimmen fischt, ohne wirkliche Veränderung bewirken zu können.

Die Unorganisierten, die spontan und lokal Widerstand leisten, aber noch nicht Mitglied einer Gewerkschaft oder politischen Partei sind, verfügen über ungeheure Energie und Einfallsreichtum. Es ist nicht nur wünschenswert, diese Energie mit der Stabilität eines geordneten Systems zu verbinden – es ist schlicht notwendig.

Fest steht: Der gemeinsame politische Kampf stärkt die Bewegungen, Fragmentierung schwächt sie. Um diese Herausforderung anzugehen, muss die indonesische Bevölkerung zusammenkommen – nicht durch Wegwischen der Differenzen, sondern durch ihre Einbeziehung in einen allgemeineren Kampf für Gerechtigkeit, Gleichheit und Demokratie. Die August-Revolte war der bislang deutlichste Beweis für den Wunsch der Bevölkerung nach echtem Wandel. Dieser Wandel mag dieses Mal aufgehalten worden sein, doch nun muss die Suche nach wirksameren Widerstandsformen beginnen – nach einem Rahmen, der weniger auf plötzlichen Ausbrüchen gründet, als auf der geduldigen Arbeit, dauerhafte kollektive Macht aufzubauen.
 

Übersetzung: Daniel Fastner und Charlotte Thießen für Gegensatz Translation Collective

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