
Die Anti-Migrationspolitik der US-Regierung zwingt tausende Migrant*innen zurück in Richtung Süden. Staaten wie Kolumbien sind darauf kaum vorbereitet. Die Rückkehrer*innen stehen vor einer ungewissen Zukunft.
von Nikolas Grimm
«Bei drei rufen wir alle gemeinsam Puerto Palenque, ok?», ruft der Mann auf Tiktok von einem Bootssteg aus. «Eins, zwei, drei: Puerto… ?» «Palenque!» antworten ihm zumindest ein paar der Migrant*innen, die sich dicht an dicht in ein flaches Boot drängen, das gerade vom Steg des gleichnamigen Dorfs an Panamas Karibikküste ablegt. An Bord halten zwei Männer eine venezolanische Flagge hoch, das Video ist mit fröhlicher Musik untermalt. Die Gesichter der Bootsinsass*innen hingegen sind eher starr und besorgt.
Unter diesem und anderen Tiktok-Werbevideos des informellen Anbieters, der auf diesem Weg weitere Migrant*innen erreichen möchte, reihen sich die Kommentare: «Schickt mir Informationen und Preise bitte.» Aber auch Unverständnis: «Schaut ihr etwa keine Nachrichten? Wisst ihr nicht, wie die Situation in den USA ist?» Jemand erklärt der Kommentatorin, dass die Bootsinsass*innen gar nicht in die USA wollten: «Die kehren zurück, nach Necoclí, Kolumbien. Und dann fahren sie weiter nach Venezuela».
Migración Inversa, also: umgekehrte Migration, hat die lateinamerikanische Öffentlichkeit das Phänomen getauft, dass sich Migrant*innen und Geflüchtete, die Richtung Norden aufgebrochen waren, auf den Rückweg machen. Ein gänzlich neues Phänomen sei das nicht, erklärt Oscar Calderón Barragán, bis August 2025 Regionaldirektor des Jesuiten-Flüchtlingsdiensts in Lateinamerika und der Karibik. Immer wieder habe seine Organisation solche Fälle auch in der Vergangenheit begleitet. «Es handelte sich meist um Menschen, die dringend psychosoziale oder gesundheitliche Versorgung benötigten und die daher zurückkehrten.» Inzwischen habe das Phänomen aber eine neue Qualität erreicht. Rund 14 400 Migrant*innen sind nach Auskunft der kolumbianischen Migrationsbehörde zwischen 1. Januar und 31. Juli 2025 von Panama aus nach Kolumbien zurückgekehrt. Manche hatten es bis in den Norden Mexikos geschafft, andere befanden sich noch in Mittelamerika, als ihnen der Regierungswechsel in den USA einen Strich durch die Rechnung machte.
Geplatzter amerikanischer Traum
Bereits am ersten Tag seiner Amtszeit verhängte US-Präsident Donald Trump den Ausnahmezustand an der Südgrenze. Auch bereits per App gebuchte Termine für Asylantragsverfahren an der Grenze zwischen Mexiko und den USA wurden storniert. Ein jüngster gemeinsamer Bericht der panamaischen, costaricanischen und kolumbianischen Ombudsstellen für Menschenrechte macht die Frustration der Rückkehrer*innen deutlich: «Es ist Zeit zurückzukehren. So hatte ich mir den amerikanischen Traum nicht vorgestellt», erzählt einer der Interviewten.
Von einem jähen Ende dieses Traums zeugt auch der Einbruch der Zahlen jener, die sich von Südamerika aus auf den Weg Richtung Norden machen. Nach Angaben von Panamas Behörden haben in der ersten Jahreshälfte 2025 weniger als 3000 Menschen den Darién-Urwald Richtung Norden durchquert. Der etwa hundert Kilometer breite Landstreifen, größtenteils unwegsamer Regenwald, trennt Kolumbien und Panama. Eine Straßenverbindung gibt es zwischen den beiden Ländern nicht. Insbesondere in den Jahren nach der Corona-Pandemie nahmen jährlich Hunderttausende, mehrheitlich Migrant*innen und Geflüchtete aus Venezuela, Ecuador und Haiti, aber auch Menschen aus afrikanischen und asiatischen Ländern, diesen beschwerlichen Weg auf sich. Auf bis zu zehntägigen Märschen bewältigten sie bei Temperaturen von bis zu 35 Grad steile und schlammige Streckenabschnitte. In den Bergen besteht Absturzgefahr, in den Tälern werden reißende Flüsse schnell zur Todesfalle. Hinzu kommen Krankheiten, Giftschlangen, aber auch bewaffnete Überfälle durch kriminelle Gruppen. Der Internationalen Organisation für Migration (IOM) zufolge sind zwischen 2015 und 2024 mindestens 539 Migrant*innen auf dem Weg durch den Darién ums Leben gekommen.
Kann man einen Regenwald schließen?
Einer, der die Trendwende im Darién als seinen persönlichen politischen Sieg verkauft, ist Panamas konservativer Präsident José Raúl Mulino. Bereits im Wahlkampf war die «Schließung» des Darién durch das Militär eines seiner zentralen Wahlversprechen. Kann man ein über 6000 Quadratkilometer großes Regenwaldgebiet einfach mit Stacheldraht und Soldaten schließen? Oscar Calderón vom Jesuiten-Flüchtlingsdienst winkt ab: «Die Frage ist doch: Wer kontrolliert diese unwegsame Grenze? Für die beiden Staaten ist das nur schwer möglich.» Das Sagen im Darién haben andere. Der Clan del Golfo, Kolumbiens mächtigstes Drogenkartell, verdient als parastaatlicher Akteur in der Region praktisch an jedem legalen und illegalen Geschäft mit. Ohne seine Genehmigung bewegt sich niemand in diesem Grenzgebiet. Und auch ansässige indigene und afrokolumbianische Gemeinden haben ihre eigenen Regeln und wollen mitunter am Durchzug der Migrant*innen mitverdienen, indem sie sich als ortskundige Führer*innen anbieten.
Nikolas Grimm ist Politikwissenschaftler und Lateinamerikanist. Er schreibt zu Menschenrechten, Migration und sozialen Bewegungen in Lateinamerika.
Für jene, die den Darién trotzdem weiterhin durchqueren müssen, bedeutet die Militarisierung, dass sie auf noch entlegenere, potenziell noch gefährlichere Routen ausweichen müssen und dass wichtige Anlaufstellen für Hilfe geschlossen sind. Die große Mehrheit der Rückkehrer*innen aus dem Norden hingegen, die diese Teilstrecke auf dem Hinweg noch zu Fuß durch den Dschungel bewältigt haben, meidet den Landweg. Die neuen Routen führen über das Meer.
Meer statt Urwald
Die flachen und offenen Boote der Schlepper*innen sind nicht für die Fahrt auf offener See gedacht und kaum in der Lage, höheren Wellen zu trotzen. Im Februar 2025 geriet ein Boot mit Rückkehrer*innen auf dem Weg nach Kolumbien bei schlechtem Wetter in Seenot. 21 Menschen konnten gerettet werden, ein acht Jahre altes venezolanisches Mädchen ertrank.
Die lokale Bevölkerung, für die die Migration durch die Region ein wichtiges Einkommen bedeutet, hat sich schnell an die Nachfrage nach der neuen Route nach Süden angepasst. Es ist dasselbe Geschäft, nur eben in umgekehrter Richtung. Routine. Für die Migrant*innen hingegen, die diesen Teil Amerikas zum zweiten Mal durchqueren, findet die Rückkehr unter gänzlich anderen Vorzeichen statt. Viele haben auf dem Weg durch Zentralamerika und vor allem in Mexiko schwere Gewalt erlebt, wurden von Behörden und Kriminellen erpresst, Frauen und Mädchen haben sexualisierte Gewalt erfahren. Auf dem Weg nach Norden haben die Meisten ihr Erspartes aufgebraucht. In Interviews, die die drei Ombudsstellen in Panama führten, berichtete über die Hälfte der Befragten, nicht mehr über die nötigen finanziellen Mittel zu verfügen, um nach Hause zu kommen.
Wer sich die rund 230 US-Dollar, die die Schmuggler*innen für eine Überfahrt nach Kolumbien verlangen, nicht leisten kann, strandet, bis er oder sie das Geld durch informelle Arbeiten zusammengekratzt hat. Außerdem sei die Rückkehr mit einer psychischen Doppelbelastung verbunden, betont Oscar Calderón: «Die Menschen sind noch traumatisiert durch die Umstände, die sie zur Flucht oder Migration zwangen, und nun kommt noch die Frustration über das Scheitern ihrer Migrationspläne hinzu.» Entsprechend groß sei das Bedürfnis nach psychologischer Begleitung. Staatliche Programme, die auf solche spezifischen Bedürfnisse dieser Gruppen zugeschnitten sind, gebe es in Kolumbien bisher quasi nicht. Auch die zivilgesellschaftlichen Organisationen seien angesichts der umfassenden Kürzungen in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit mit ihren Mitteln kaum im Stande, adäquat auf die hochdynamische Situation zu reagieren.
Eine unsichtbare(re) Migrationsbewegung
Noch prekärer als in der kolumbianischen Karibik ist die Situation an der Pazifikküste, an der inzwischen ebenfalls viele Rückkehrer*innen per Boot aus Panama ankommen. Vielen haben die Schlepper*innen eine Überfahrt bis nach Buenaventura, Kolumbiens wichtigstem Pazifikhafen, versprochen. Stattdessen werden sie betrogen und in kleinen Gemeinden im Departement Chocó ausgesetzt, die vom Rest des Landes fast völlig abgeschnitten sind. Manche stranden dort und bleiben monatelang. Die Lage hier ist besonders unübersichtlich. Niemand weiß genau, wie viele Menschen in welchen Gemeinden ankommen. Entsprechend schwierig ist es, den Bedürfnissen der Menschen vor Ort zu begegnen, die kaum wissen, wo sie sind. Im Mai warnte Iris Marín Ortiz, Kolumbiens Ombudsfrau für Menschenrechte, mit Blick auf die Situation an der Pazifikküste des Chocó: «Wir erleben, dass Kinder in Begleitung von Erwachsenen ankommen, die weder ihre Eltern noch ihre Verwandten sind, und obendrein haben sie keine Ausweisdokumente.» Während die Migrationsströme nach Norden etwas waren, was streng überwacht und kontrolliert wurde – Panamas Regierung setzte beispielsweise biometrische Kontrollen zur Erfassung der Migrant*innen ein – ist die Bewegung nach Süden vielerorts eine unsichtbarere und hat für die Behörden kaum Priorität.
So prekär die Umstände seien, feindselige Stimmung gegenüber den Migrant*innen gebe es in den Pazifikgemeinden des Chocó kaum, meint Calderón vom Jesuiten-Flüchtlingsdienst. Die Region ist seit Jahrzehnten von Fluchtbewegungen geprägt. Lange Zeit haben sich dort die ehemalige Guerilla FARC-EP und paramilitärische Gruppierungen bekriegt, heute kämpfen dort die Guerillaorganisation ELN und der Clan del Golfo um territoriale Kontrolle. Auf denselben Routen, über die nun die Menschen aus Panama kommen, sind in der Vergangenheit Tausende aus der Region vor der Gewalt nach Norden geflohen. «Für die Bevölkerung dort ist es nichts Neues, Menschen auf der Flucht zu sehen», meint Calderón. Vereinzelt Potenzial für Konflikte sieht er in der Karibikregion, in der der Tourismus eine relevante Einkommensquelle ist. «Da hört man dann immer wieder so furchtbare Argumente, wie etwa, dass die Migrant*innen die Strände verschandeln würden.»
Für die Migrant*innen und Geflüchteten sind die Gemeinden im karibischen Golf von Urabá und an der Pazifikküste des Chocó Durchgangsorte. Dort bleiben wollen die Wenigsten. Daten der IOM zeigen, dass weit über 90 Prozent der Rückkehrer*innen venezolanische Staatsbürger*innen sind. In den Interviews der Ombudsstellen für Menschenrechte erklärte nur etwa die Hälfte, nach Venezuela zurück zu wollen. Ein relevanter Anteil wird versuchen, in Kolumbien Arbeit zu finden, andere werden es in Chile, Peru oder Brasilien versuchen. Auch Oscar Calderón zweifelt daran, dass die Menschen, die nun nach Venezuela gehen, ihr Migrationsvorhaben damit endgültig aufgeben. «Wir begegnen vielen Menschen, die ihre Familien wiedersehen wollen. Aber den langfristigen Plan, nach Venezuela zurückzukehren? Den haben sie eher nicht.» Und so stellt sich bei all der Rede von den «Rückkehrer*innen» vor allem die Frage: Rückkehr wohin?
Um darauf Antworten zu finden sei es nötig, dass die Staaten der Region an einem Strang ziehen, um den Bedürfnissen der Rückkehrer*innen zu begegnen, betont Calderón. Ein Lichtblick sei der Cartagena+40-Prozess: Im Dezember vergangenen Jahres trafen sich Vertreter*innen der lateinamerikanischen und karibischen Staaten anlässlich des 40-jährigen Bestehens der Declaración de Cartagena. Die Erklärung von 1984 war für Flüchtlingsrechte in Lateinamerika wegweisend. Beim Treffen wurde der «Aktionsplan Chile 2024 – 2034» beschlossen, der die Staaten verpflichtet, überregional im Zeichen der Solidarität und Flüchtlingsrechte zusammenzuarbeiten und das Recht auf eine sichere Rückkehr und Reintegration zu gewährleisten. Es bleibt abzuwarten, welche realpolitische Wirkkraft eine solche Absichtserklärung in Zeiten hat, in denen es Gelder der internationalen Zusammenarbeit eher für die Migrationsbekämpfung denn für Integrationsprogramme gibt. Sie wird zumindest etwas sein, worauf zivilgesellschaftliche Organisationen die Regierungen der Region in Zukunft festnageln werden.
Der Artikel ist als Teil eines gemeinsamen Dossiers der Zeitschrift ila, des FDCL und der Rosa-Luxemburg-Stiftung in der ila 489 «Migration» erschienen.