Nachricht | Migration / Flucht - Amerikas Sicherheitsdiskurse und Grenzverschiebungen

Die Migrationspolitik in Costa Rica wird repressiver

 Im EMISUR-CATEM, dem temporären Aufnahme- und Betreuungszentrum für Migrant*innen in Costa Rica: Menschen laufen über einen sterilen Flur.
 Im EMISUR-CATEM, dem temporären Aufnahme-
und Betreuungszentrum für Migrant*innen in Costa Rica. Foto: Fabián Mena

Im Jahr 2025 rückte Costa Rica in Sachen Migrationspolitik erheblich näher mit den USA zusammen. Präsident Rodrigo Chaves demonstrierte seine Nähe zu Trump mit der umstrittenen Zustimmung zur irregulären Aufnahme von mindestens 200 aus den USA abgeschobenen Menschen. Die Migrant*innen wurden mit langen Haftzeiten, befristeten Aufenthaltsgenehmigungen, Sprachbarrieren und der drohenden Abschiebung in ihr Herkunftsland konfrontiert. Hier zeigt sich ein System, das Grenzschutz über Menschenrechte stellt. Angesichts der sozialen Ungerechtigkeit übernehmen lokale Gemeinschaften und Organisationen vor Ort humanitäre Verantwortung. Sie widersetzen sich damit der Sicherheitslogik und der Entmenschlichung von Migration. 

Von Adam Álvarez Calderón

Ende Februar 2025 schoben die US-Behörden 200 Menschen aus Drittstaaten nach Costa Rica ab, darunter 81 Minderjährige aus verschiedenen Ländern Asiens, Afrikas und des Nahen Ostens. Zwischen den beiden Regierungen gab es hierüber kein schriftliches Abkommen. Präsident Rodrigo Chaves rechtfertigte sein Vorgehen damit, dass Costa Rica dem «wirtschaftlich mächtigen Bruder im Norden» auf diese Weise helfe. Dies markiert einen entscheidenden Wendepunkt in der Migrationspolitik des mittelamerikanischen Landes.

Nach ihrer Ankunft wurden die Menschen in ein Auffanglager an der Südgrenze gebracht, in die Migrationsstelle des Südens EMISUR (Estación Migratoria Sur), auch bekannt als Zentrum für die vorübergehende Betreuung von Migrant*innen CATEM (Centro de Atención Temporal para Migrantes). Sie bekamen eine Ausnahmegenehmigung für die Einreise und den Aufenthalt, begrenzt auf 30 Tage und unter Einschränkung ihres Bewegungsradius ausschließlich für ihren Aufenthalt im Zentrum. Auf Druck von Organisationen der Zivilgesellschaft wurde die Frist verlängert.

Adam Álvarez Calderón ist Sozialanthropologe an der Universität von Costa Rica und Landesdirektor des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes Costa Rica, der Teil des Netzwerks Jesuit Refugee Service ist.

Mehrere Berichte dokumentierten in diesem Zusammenhang eine Reihe von Menschenrechtsverletzungen. Bereits in den USA kam es zu Misshandlungen bei Verhaftungen, es gab keine Anhörungen zu Fluchtgründen und Familien wurden auseinandergerissen. In Costa Rica wiederum erlitten die Betroffenen eine faktische Freiheitsberaubung von mehr als 60 Tagen. Ihre Bewegungsfreiheit wurde eingeschränkt und aufgrund von Sprachbarrieren und fehlender Übersetzung bekamen sie keine Informationen. Auch hier fand keine individuelle Überprüfung ihres Schutzbedarfs statt. Besonders fragwürdig ist die Anwendung von Verfahren der «freiwilligen Rückkehr», insbesondere bei Schwangeren, Minderjährigen, Familien oder Personen, die im Falle einer Abschiebung in ihr Herkunftsland unmittelbarer Lebensgefahr ausgesetzt wären.

Dies alles passierte nicht unwidersprochen. Am 24. Juni 2025 gab das Verfassungsgericht einem Antrag auf Haftprüfung teilweise statt. Es erkannte die Verletzung des Rechts auf persönliche Freiheit an und verfügte die Freilassung sowie staatliche Betreuung. Einige Betroffene erhielten inzwischen vorübergehend Papiere aus humanitären Gründen. Die rechtliche Tragweite dieser Einzelfallentscheidungen der Migrationsbehörde DGME (Dirección General de Migración y Extranjería) bleibt jedoch ungewiss und die Verfahren zur Verlängerung des Aufenthalts sind nicht klar definiert.

CATEM: Vom humanitären Zufluchtsort zum Sammellager

Bis September 2023 war das Zentrum CATEM ein Ort für Einzelfälle in besonderen Notlagen. Untergebracht wurden dort vor allem besonders vulnerable Personen, die nicht direkt weiterreisen konnten. Das Zentrum befindet sich in einer ehemaligen Fabrik des Unternehmens Faber-Castell. Die Infrastruktur ist mangelhaft und das Gebäude kaum bewohnbar, es gibt keine Privatsphäre und die Räumlichkeiten haben schlechte hygienische Bedingungen. Seit Oktober 2023 gibt es eine Vereinbarung zwischen Costa Rica und Panama über ein System des kontrollierten Transits. Busse bringen die Menschen direkt vom Aufnahmezentrum Lajas Blancas in Panama nach EMISUR-CATEM. Die Bustickets zahlen die Migrant*innen selbst. Ziel der Vereinbarung war es, die Ausreise aus Panama zu beschleunigen und die Zeit der Durchreise durch Costa Rica zu verkürzen, um damit den Aufenthalt in beiden Ländern auf ein Minimum zu reduzieren.

 Diese Maßnahmen sind Teil eines Ansatzes von Versicherheitlichung[1] und Auslagerung der Grenzkontrollen. Die Verantwortung wird dabei an das nächste angrenzende Land entlang der Route weitergegeben. Um die Bedürfnisse und Rechte der Migrant*innen kümmern sich in erster Linie internationale Organisationen, die Zivilgesellschaft und Gemeinden in den Grenzregionen.

Vergangenheit und neue Tendenzen

Costa Rica ist für Migrant*innen zugleich Ziel-, Aufnahme- und Transitland. Circa 13 bis 15 Prozent der rund 5,4 Millionen Einwohner*innen sind nicht im Besitz der costa-ricanischen Staatsbürgerschaft. In den letzten Jahrzehnten nahm das Land Migrant*innen auf, die vor bewaffneten Konflikten flohen, in den 80er- und 90er-Jahren aus Zentralamerika, ab 2000 aus Kolumbien. Hinzu kamen wirtschaftliche Gründe und Familienzusammenführungen. Seit 2018 ist der Großteil gewaltsam Vertriebener aus Nicaragua nach Costa Rica geflohen. Ende 2024 waren es rund 241 000 Geflüchtete und Asylsuchende aus verschiedenen Ländern, davon waren etwa 83 Prozent Nicaraguaner*innen.

Gleichzeitig verzeichnet das Land auch Auswanderung, vor allem in die USA. In den letzten Jahren spielte Costa Rica eine Schlüsselrolle im Migrationskorridor nach Nordamerika. Zwischen 2010 und 2019 wurden rund 109 000 Menschen im Transit durch das Land erfasst. Zwischen 2020 und 2024 stieg die Zahl auf etwa 1,6 Millionen. Im Jahr 2023 wurde der Höchstwert verzeichnet: Über 525 000 Menschen ohne regulären Status durchquerten das Land.

Viele der aus den USA abgeschobenen Familien befinden sich noch immer gegen ihren Willen in Costa Rica. Sie werden kriminalisiert und ihnen wird der Zugang zu Grundrechten oder ein Mindestmaß an Stabilität verwehrt. Sie befinden sich in dieser Lage, weil die costa-ricanische Regierung die Auslagerung von Grenzkontrollen wie von Trump gewünscht umsetzt. Diese Maßnahmen sind eng mit geopolitischen und wirtschaftlichen Interessen der USA verwoben. Es geht um die strategische Bedeutung des Panamakanals, die Rivalität mit China wegen dessen steigender Präsenz in der Region und die zunehmende Militarisierung, die in den vergangenen Wochen zu beobachten war.

Als Teil des «Trump-Effekts» nahm auch die sogenannte «umgekehrte Migration» zu. Menschen, die sich auf dem Weg nach Norden befanden, versuchen nun, in ihre Herkunftsländer zurückzukehren oder Ziele anzusteuern, die weniger feindlich erscheinen. Vor allem an der Grenze zu Panama zeigt sich, wie verletzlich diese Menschen sind, welche physischen und psychischen Belastungen die erzwungene Rückkehr mit sich bringt und wie orientierungslos viele hinsichtlich der Möglichkeiten einer Heimkehr sind. Die meisten Betroffenen sind Venezolaner*innen.

Die staatlichen Kapazitäten sind überlastet. Hinzu kommen massive Kürzungen der Mittel für internationale und nationale humanitäre Organisationen. Als unmittelbare Folge fehlen zunehmend Akteur*innen, die früher grundlegende Unterstützung vor Ort leisteten, Hilfsstrategien koordinierten, lokale Projekte finanzierten und als Vermittler*innen gegenüber den Behörden auftraten.

Im August 2025 wurde ein Plan des US-Außenministeriums bekannt, Abschiebungen aus Costa Rica mit bis zu 7,85 Millionen Dollar zu finanzieren. Damit würde Costa Ricas Rolle als Teil der US-Strategie zur Externalisierung und Versicherheitlichung von Grenzen weiter verfestigt. 

Hoffnung von unten

An beiden Landesgrenzen haben lokale und zivilgesellschaftliche Initiativen eine Führungsrolle dabei gespielt, Menschen in besonders verletzlichen Situationen zu unterstützen. Hilfsorganisationen wie Mano Amiga, Casa Esperanza, Iglesia del Nazareno, Red Humanitaria Local, Comunidad Intercongregacional, Red Uniendo Fronteras oder der Jesuiten-Flüchtlingsdienst Costa Rica arbeiten eng zusammen. Sie sichern humanitäre und psychosoziale Unterstützung, stärken Kapazitäten und richten ihren Fokus auf Menschenrechte und Schutz.

Diese Arbeit aus dem kritischen zivilgesellschaftlichen Raum stellt sich gegen die nekropolitischen Logiken, die der Politik der Versicherheitlichung und Externalisierung zugrunde liegen. Dazu gehört die Vorstellung, dass es «entbehrliche Leben» gibt, insbesondere die von armen, rassifizierten und verletzlichen Migrant*innen und außerdem die Idee, dass die Mobilität der Menschen mit Kontrolle, Ordnung und Entmenschlichung verwaltet werden kann. Aber Mobilität von Menschen ist keine Ware.

Übersetzung: Alix Arnold

Der Artikel ist als Teil eines gemeinsamen Dossiers der Zeitschrift ila, des FDCL und der Rosa-Luxemburg-Stiftung in der ila 489 «Migration» erschienen.


[1] Versicherheitlichung ist ein zentrales Konzept der «Kopenhagener Schule». Das Konzept zeigt auf, wie durch einflussreiche politische Akteure relevante Themen als «Sicherheitsprobleme» dargestellt werden. Aufgrund einer angeblich sicherheitsgefährdenden Bedrohungssituation wird suggeriert, dass die Probleme nur mit außerordentlichen Maßnahmen unter Umgehung demokratischer Regeln gelöst werden können.