
Leistung und Erfolg stehen auf eine Art und Weise im Vordergrund, die echte Haltungsarbeit und Partizipation verunmöglicht.
Inmitten gesellschaftlicher Umbrüche, globaler Krisen, Kriege und einer realen Bedrohung durch autoritäre und antidemokratische bis hin zu rechtsextremen Akteur*innen und damit verbundener wachsender Diskriminierung ist das deutsche Bildungssystem gefordert, sich sichtbar zu verändern. Doch anstatt als dynamische Institution zu agieren, in der neue Ideen und Ansätze zum Tragen kommen, empfinde ich unser Schulsystem oft als behäbig, verstaubt und wenig flexibel, vor allem das Gymnasium.
Für unser «Krisenbuch Schule» haben wir persönliche Berichte von an Schule beschäftigtem Personal, Schüler*innen und Eltern gesammelt. Einige Statements konnten wir nicht im Buch veröffentlichen, da sie Reflexion über die Bildungssituation statt persönlicher Erfahrung waren. Da sie aber eine Bereicherung in der Debatte um Bildungsungleichheit sind, veröffentlichen wir sie als zusätzliche Einzelbeiträge in unserem Dossier «Was braucht es für Bildungsgerechtigkeit».
Nicole Schweiß ist Lehrerin in Köln für die Fächer Deutsch, Pädagogik, Darstellendes Spiel, Literatur und Kunst. Sie wirft einen diversitätssensiblen, diskriminierungskritischen und möglichst multiperspektivischen Blick auf das deutsche Schulsystem und hat hierzu eine Multiplikator*innenausbildung absolviert. In ihrem Podcast «Kleine Pause» und auf ihrem Instagram-Kanal spricht sie dazu mit unterschiedlichen Gäst*innen, gibt Impulse und versucht Brücken zwischen Theorie und Praxis zu schlagen.
Die Realität in unseren Klassenzimmern ist geprägt von Strukturen und Denkweisen, die sowohl den Anforderungen einer sich ständig verändernden, pluralen Gesellschaft als auch den Bedürfnissen der Schüler*innen nicht gerecht werden. Das Demokratieverständnis ist häufig jenes, das wir auch aus anderen Kontexten kennen: «Ich lebe in einer Demokratie – also bin ich qua Existenz Demokrat*in.» Leider wird wehrhafte Demokratie hierdurch zur Worthülse, die häufig sinnentleert ist. Demokratisches Handeln wird nur selten gelebt. Fähigkeiten, die man hierzu benötigt: Frustrationstoleranz, Ambiguitätstoleranz, das Anerkennen von Gleichzeitigkeiten, Konflikte aushalten und gemeinsam lösen zu können, etc., werden dabei wenig bis gar nicht eingeübt. Leistung und Erfolg stehen auf eine Art und Weise im Vordergrund, die echte Haltungsarbeit und Partizipation verunmöglicht.
Ein zentrales Problem ist die Diskrepanz zwischen politischen Diskursen und der Realität, in der wir Lehrkräfte täglich arbeiten. Der medial geführte Diskurs über Schule ist oft von simplen Meinungen und Klischees geprägt: Lehrer*innen hätten es leicht, müssten nur «unterrichten» und seien nicht mit der Realität konfrontiert. Gleichzeitig wird uns von verschiedenen Seiten eine Verantwortung zugeschoben, die oft als Alibi für unzureichende politische Maßnahmen dient.
Wir müssen das System hinterfragen, anstatt es zu verwalten.
Die Notwendigkeit einer Revolution statt einer Reform wird immer deutlicher. Wir müssen das System hinterfragen, anstatt es zu verwalten. Der Einsatz für Diskriminierungskritik, Gendergerechtigkeit, soziale und Klima-Gerechtigkeit muss ein integrativer Bestandteil unseres Unterrichts sein, nicht nur nach außen kommuniziert, sondern aktiv gelebt werden. Wir brauchen Lehrer*innen und vor allem Schulleiter*innen und Menschen in höheren Machtpositionen, die bereit sind, sich selbst in Frage zu stellen, die bereit sind, ihre eigene Position innerhalb des Systems zu reflektieren und diese Macht zu hinterfragen. Wenn die Schule nicht als Ort verstanden wird, der aktives Lernen und kritisches Denken fördert, wird sie ihrer Aufgabe nicht gerecht – und das hat Auswirkungen auf die Gesellschaft als Ganzes.
Fordern wir eine Bildung, die diversitätssensibel, diskriminierungskritisch, inklusiv und gerecht ist. Verantwortung in der Bildung bedeutet, eine Umgebung zu schaffen, in der jeder gehört wird, und in der aus den Erfahrungen aller Beteiligten gelernt werden kann. Es ist unsere Pflicht, eine Schulkultur zu fördern, in der nicht nur Wissen reproduziert, sondern aktiv hinterfragt und verändert wird.
Unser Bildungssystem ist ein zentraler Ort für gesellschaftliche Veränderungen.
In der Rolle der Lehrkraft sehe ich mich daher nicht mehr als alleinige Wissensvermittlerin, sondern als Begleiterin im Lernprozess. Es gilt, einen Raum zu schaffen, in dem Fragen aufkommen dürfen, um von den Schüler*innen lernen zu können. Wir müssen den Mut haben, unbequeme Themen und Perspektiven in unsere Unterrichtspraxis zu integrieren. So können wir dazu beitragen, eine Schule zu formen, die die Werte einer pluralen und vielfältigen Gesellschaft widerspiegelt.
Gerade in Zeiten, in denen gesellschaftliche Solidarität wichtiger ist denn je, sind wir gefordert, als Lehrer*innen Allianzen zu bilden und uns mit den Anliegen unserer Schüler*innen zu solidarisieren. Unser Bildungssystem ist ein zentraler Ort für gesellschaftliche Veränderungen. Um eine gerechtere Zukunft zu schaffen, müssen wir an Erkenntnissen und Perspektiven festhalten, die uns herausfordern und voranbringen. Lasst uns gemeinsam den Status quo in Frage stellen und die Schule zu einem Ort des (Ver)Lernens für alle machen. Denn nur so kann sie in einer komplexen Welt bestehen und ihre gesellschaftliche Aufgabe erfüllen.


