
Zu wenig Lehrer*innen, zu wenig Sozialarbeit, zu wenig Raum, zu wenig Geld. Obwohl die Probleme in Ibbenbüren (ca. 50.000 Einwohner) eklatant sind, lösen wir sie auf besondere Weise. Die Gemeinschafts-Hauptschule soll ein nagelneues Schulgebäude bekommen. Kosten: ca. 23 Millionen Euro. Die Schule soll 2030 fertig sein. Das Haupt-Argument für den Schulneubau ist die Zusammenlegung von zwei Teilstandorten. Der eine Teilstandort beherbergt die jetzige Klasse 5 (einzügig), die Klasse 6 und 7 (je zweizügig) und die Klasse 8 (dreizügig). Die Klasse 9 (dreizügig und Langzeitpraktikum) und 10 (zweizügig) sind am zweiten Teilstandort untergebracht. Beide Standorte füllen sich mit den Kindern der Geflüchteten, die per Beschluss nur dieser Schule zugewiesen werden. Sie füllen sich auch mit den «Abschülern», derer sich andere Schulen entledigen. Und sie füllen sich mit einigen Schüler*innen mit Förderbedarf, damit die Schule den Status einer «Schule des gemeinsamen Lernens» bekommt. Gern wird auf die aktuelle Zertifizierung verwiesen, die die Qualität bestätigen soll. «Schlechtere Bewertungen gibt es nur für den Umgang mit Störungen und bei der Differenzierung.», sagt die Schule.
Für unser «Krisenbuch Schule» haben wir persönliche Berichte von an Schule beschäftigtem Personal, Schüler*innen und Eltern gesammelt. Einige Statements konnten wir nicht im Buch veröffentlichen, da sie Reflexion über die Bildungssituation statt persönlicher Erfahrung waren. Da sie aber eine Bereicherung in der Debatte um Bildungsungleichheit sind, veröffentlichen wir sie als zusätzliche Einzelbeiträge in unserem Dossier «Was braucht es für Bildungsgerechtigkeit».
Maria Frank hat Lehramt studiert, war nach dem zweiten Staatsexamen für die Sekundarstufe 1 arbeitslos und hat einen Buchhandel in Ibbenbüren eröffnet. Mit Beginn ihrer Rente engagierte sie sich in der AG Stolpersteine ERNA der Gesamtschule und hat Kunstunterricht an einer Freien Schule erteilt.
Die Stadt hat zwei Gymnasien, eine städtische und eine katholische Realschule und eine Gesamtschule, die auf vierzügig gedeckelt ist. Politisch entschieden gegen den sonst so hochgelobten Elternwillen. Dieser hatte eine Erhöhung der Zügigkeit um mindestens zwei Züge einfordert. Die Nachbarkommunen haben inzwischen fast alle eine eigene Gesamtschule. Die anspruchsvollen Eltern schicken aber gern ihren Nachwuchs auf eins der beiden Gymnasien. Meist zu dem, was sie selbst als Status-erhöhend kennengelernt haben. Die Gesamtschule würde aber eine Erweiterung nur dann vertragen, wenn eines der Gymnasien seine Tore schlösse. Und damit eine Revolution ausriefe. Soweit die Nachrichten aus der Standesgesellschaft.
Nun hat ein Teil der Eltern der bisher akzeptierten Standesgesellschaft gekündigt. Es wurden nur fünf Kinder für das Schuljahr 2025/2026 auf der Hauptschule angemeldet. Die Zahl «fünf» wurde erst zehn Tage später als die Zahlen der anderen Schulen verkündet. Zu fragen ist, wie viele Anmeldungen waren es am Tag eins? Und wo kommen die fünf Kinder her? Auf jeden Fall wusste die Schule aber, dass jedes Jahr Nachzügler*innen zu erwarten seien. Sieben hätten sie schon aufgetan: die kämen aus ihrer jetzigen Klasse 5!
Aber die unumstößliche Erkenntnis in den Ratsparteien war und ist (außer in der Partei, die immer schon die «Schule für alle» propagiert): wir bauen auf jeden Fall die neue Hauptschule. Dann wird alles besser. Hoffnung oder Selbstbetrug: die Eltern wollen längeres gemeinsames Lernen und die Option auch für zunächst langsamere Lerner*innen, das Abitur auch an ihrer Schule machen zu können.
Einige der allgemeinen Schul-Probleme lösten sich von selbst, wenn wir die Ressourcen nicht in die Gliederung, sondern in das Gemeinsame Lernen stecken würden. Ein kaputtes System verbraucht viel Kraft, die wir an anderer Stelle verwenden müssen. Als ersten Schritt: «Schafft das Gymnasium ab!»


