Interview | Bildungspolitik - Bildungsungleichheit «Bildungspolitik ist Demokratiepolitik»

Maren Kaminski (MdB) über die dicken Bretter in der schulischen Bildung

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15.5.2025: Maren Kaminski (Die Linke) spricht im Plenarsaal im Bundestag zu den Abgeordneten.
«Wir müssen Bildung wieder als soziale Schlüsselfrage begreifen» Maren Kaminski (Die Linke) spricht im Plenarsaal im Bundestag (15.5.2025), picture alliance/dpa | Katharina Kausche

Maren Kaminski ist 2025 über die Landesliste in den Bundestag gewählt worden. Dort ist sie Mitglied im Ausschuss für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie Mitglied im Unterausschuss für Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik. Mit ihr sprach Katrin Schäfgen, Referentin für Bildungspolitik in der Rosa-Luxemburg-Stiftung, über die dringendsten Herausforderungen in der Bildungspolitik.
 

Katrin Schäfgen: Maren, du bist neu in den Bundestag gewählt worden. Als Gewerkschaftssekretärin hast du dich bei der GEW Hannover seit vielen Jahren für gerechte Bildung eingesetzt. Was waren die Schwerpunkte deiner Arbeit – und was habt ihr erreicht?

Maren Kaminski: Bildungsgerechtigkeit stand und steht im Mittelpunkt meiner Arbeit – sowohl bei der GEW Hannover als auch jetzt im Bundestag. In Hannover haben wir Strukturen aufgebaut, die Beteiligung und Solidarität fördern: Heute gibt es in jeder der rund 300 Schulen der Region eine GEW-Vertrauensperson. Das war ein zentraler Baustein unserer Kampagne «A13 für alle Lehrkräfte», mit der wir gleiche Bezahlung und Anerkennung aller Lehrämter durchgesetzt haben.

Maren Kaminski (MdB) hat Sozialwissenschaften in Hannover studiert. Die ehemalige GEW-Gewerkschaftssekretärin ist seit Jahren Mitglied im Kreisvorstand der Partei Die Linke Hannover.

Ein weiterer Schwerpunkt war die Schulentwicklung auf kommunaler Ebene. SPD und Grüne hatten vereinbart, Oberschulen schrittweise in Integrierte Gesamtschulen zu überführen, um sogenannte Schulformwechsel zu vermeiden. Diese Vereinbarung wurde mit dem Ende der rot-grünen Ratsmehrheit aufgehoben. Positiv ist aber, dass nun ein kommunaler Schulsozialindex eingeführt wird, der Schulen mit besonderen sozialen Herausforderungen gezielt unterstützt. Das Prinzip «Ungleiches ungleich zu behandeln» ist endlich im politischen Handeln angekommen – dafür muss man oft dicke Bretter bohren.

Im Bundestag bist du Obfrau im Ausschuss für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie im Unterausschuss für Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik. Das sind thematisch sehr breite Felder. Was sind deine Schwerpunkte?

Ich bin Sprecherin für Berufliche Bildung, Weiterbildung und digitale Bildung unserer Fraktion – Themen, die alle eng mit Chancengerechtigkeit verbunden sind. Berufliche Bildung muss endlich gleichwertig mit akademischer Bildung behandelt werden: mit fairer Vergütung, guten Ausbildungsplätzen und modernen, inklusiven Schulen. Weiterbildung muss lebenslang möglich sein und allen offenstehen, unabhängig vom Einkommen oder Beschäftigungsstatus.

Bildung ist für Die Linke ein zentrales Gerechtigkeitsthema.

Digitale Bildung verstehe ich in erster Linie als pädagogische Aufgabe. Digitale Werkzeuge sollen Lernen sinnvoll unterstützen, kritisches Denken fördern und Zusammenarbeit ermöglichen. Lehrkräfte brauchen Zeit, Fortbildung und pädagogische Freiheit – nicht nur Technik. Kinder sollen Technologie verstehen, hinterfragen und selbstbestimmt nutzen, statt nur Konsument*innen zu sein. Es ist aber auch klar, dass gerade die Thematik KI in Schule in den kommenden Jahren dramatisch an Bedeutung gewinnen wird. Hier arbeiten wir an Ansätzen, wie eine linke Perspektive auf diese neue Technologie in Schule aussehen kann.

Ein Blick auf die aktuelle Lage: Wie steht es um die Chancengleichheit im Bildungssystem – auch mit Blick auf Schulabgänger*innen ohne Abschluss?

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Im Schuljahr 2023/2024 verließen bundesweit rund 62.000 Schüler*innen die allgemeinbildenden Schulen ohne Abschluss – das sind 7,8 Prozent. In Niedersachsen waren es 6.883 Jugendliche, also 8,7 Prozent. Diese Entwicklung zeigt, dass soziale Ungleichheit im Bildungssystem weiter wächst.

Das Aufstiegsversprechen durch Bildung, das in den 60er- und 70er-Jahren mit der Gesamtschulbewegung verbunden war, ist weitgehend verloren gegangen. Damals galt: Bildung kann soziale Grenzen überwinden, jedes Kind soll unabhängig von Herkunft Chancen haben. Heute wird das gegliederte Schulsystem – also die frühe Trennung in Hauptschule, Realschule und Gymnasium – immer weiter verfestigt und damit soziale Ungleichheit zementiert.

Das Kooperationsverbot wollen wir abschaffen und eine umfassende Gemeinschaftsaufgabe Bildung verankern.

Wir brauchen eine grundlegende Trendwende: Das Kooperationsverbot muss aufgehoben werden, damit Bund, Länder und Kommunen endlich gemeinsam und langfristig in Bildung investieren können. Ebenso notwendig ist ein kostenloses Mittagessen für alle Kinder – als Beitrag zu sozialer Gerechtigkeit und zum Zusammenhalt im Schulalltag. Und nicht zuletzt müssen wir die Erkenntnisse der Bildungsforschung endlich ernst nehmen. Wir wissen, dass multiprofessionelle Teams an Schulen Lernrückstände deutlich besser aufholen können. Trotzdem fehlt es vielerorts an Umsetzung.

Bildungspolitik finden irgendwie alle Parteien wichtig. Trotzdem hat sie auch innerhalb der Partei Die Linke nicht immer denselben Stellenwert wie etwa Sozial- oder Friedenspolitik. Warum ist das so – und wie lässt sich das ändern?

Bildung ist für Die Linke ein zentrales Gerechtigkeitsthema – und doch steht sie in der öffentlichen Wahrnehmung oft hinter anderen Feldern zurück. Das liegt auch daran, dass Bildungspolitik komplex ist, viele Ebenen betrifft und Erfolge sich erst langfristig zeigen. Dadurch ist sie schwerer zu vermitteln, obwohl sie entscheidend dafür ist, ob gesellschaftliche Teilhabe gelingt oder nicht.

Wir müssen Bildung wieder als soziale Schlüsselfrage begreifen – ebenso wichtig wie Umverteilung oder Friedenspolitik. Das gelingt, wenn wir konkrete, greifbare Forderungen formulieren, Bündnisse mit Gewerkschaften und Bildungsinitiativen stärken und Bildungspolitik konsequent als Demokratiepolitik verstehen.

Was sind aus deiner Sicht die dringendsten Herausforderungen in der Bildungspolitik – und was braucht es, um sie zu lösen?

Zu den dringendsten Aufgaben gehören die Aufhebung des Kooperationsverbots, das den Bund bislang daran hindert, dauerhaft in Schulen zu investieren, obwohl strukturelle Probleme langfristige Lösungen erfordern. Bund, Länder und Kommunen müssen gemeinsam Verantwortung übernehmen.

Dadurch, dass der Bund keinen Einfluss auf die Schulpolitik der Länder ausüben darf, insbesondere nicht durch die Finanzierung von Bildungsmaßnahmen, werden gesetzliche Regelungen gestrickt, die das umgehen sollen: Das Bildungs- und Teilhabepaket (BuT) für Eltern, die auf finanzielle Unterstützung angewiesen sind, ist ein diskriminierendes Instrument. Zudem ist es unübersichtlich und bürokratisch, genau wie das Startchancenprogramm.

Bildungspolitik braucht Entschlossenheit, stabile Ressourcen und eine enge Zusammenarbeit mit der Praxis, damit jedes Kind die gleichen Chancen bekommt.

Wichtig ist für uns ein kostenloses Mittagessen für alle Kinder – es sichert Teilhabe, stärkt Gemeinschaft und verhindert Ausgrenzung. 

Darüber hinaus müssen wissenschaftliche Erkenntnisse in der Pädagogik endlich ernst genommen werden. Wir wissen, dass Schulen mit multiprofessionellen Teams aus Lehrkräften, Sozialpädagog*innen und Schulpsycholog*innen deutlich erfolgreicher sind, wenn es darum geht, Lernrückstände aufzuholen. Bildungspolitik braucht Entschlossenheit, stabile Ressourcen und eine enge Zusammenarbeit mit der Praxis, damit jedes Kind die gleichen Chancen bekommt.

Wir fordern eine Änderung des Grundgesetzes: Das Kooperationsverbot wollen wir abschaffen und eine umfassende Gemeinschaftsaufgabe Bildung verankern.

Mit einem Bildungsrahmengesetz wollen wir dafür sorgen, dass in allen Bundesländern die gleichen sozialen und personellen Mindeststandards und Rechtsansprüche im Schulbereich gelten.

Mein Ziel ist eine Schule, die Chancen schafft, statt Grenzen zu reproduzieren.

Wenn du auf dein zukünftiges Arbeitsfeld Berufliche Bildung, Weiterbildung und Digitale Bildung schaust: Was willst du in dieser Legislatur anschieben und umsetzen?

Ich möchte in dieser Legislatur die berufliche Bildung stärken, Weiterbildung flächendeckend fördern und digitale Bildung pädagogisch gestalten. Berufliche Bildung braucht Wertschätzung, faire Bedingungen und moderne Ausstattung. Weiterbildung muss öffentlich gefördert und allen zugänglich sein, um lebenslanges Lernen zu ermöglichen. Und bei der digitalen Bildung geht es mir darum, dass sie das Lernen unterstützt, nicht ersetzt. Mein Ziel ist eine Schule, die Chancen schafft, statt Grenzen zu reproduzieren.

Wenn du einen Wunsch frei hättest: Wie sollte Bildung in Deutschland zukünftig aussehen?

Ich wünsche mir ein Bildungssystem, in dem von Schule gesprochen wird und alle verknüpfen Positives damit: Beschäftigte, die Zeit und Ressourcen haben, um zufrieden ihrer Profession nachgehen können, Kinder, die gerne hingehen. Inklusive Strukturen, soziale Gerechtigkeit und echte Chancengleichheit müssen selbstverständlich werden.

Bildung soll Kinder und Jugendliche groß und nicht klein machen.

Eine Jugendliche aus meinem Umfeld hat im 16. Lebensjahr ein halbes Jahr eine Schule in Schweden besucht. Sie erzählte, dass sie dort zum ersten Mal das Gefühl hatte, Schule sei nicht gegen sie. Die Situation, als sie das sagte, habe ich immer noch vor mir, das ist sehr bitter. Es gab täglich ein kostenloses Mittagessen, eine gute Ausstattung, Lehrkräfte, die alle den Eindruck machten, dass sie richtig Lust auf die Arbeit haben – und sie wurde herzlich aufgenommen, obwohl sie die Ausländerin war. Solche Erfahrungen müssen auch bei uns ganz selbstverständlich sein. «Alle mitnehmen, keine*n zurücklassen», das war mal der Titel einer bundesweiten Bildungskonferenz von uns. Dieses Leitbild gefällt mir immer noch. Bildung soll Kinder und Jugendliche groß und nicht klein machen, das ist meine Erweiterung davon. Bildung als Chance für alle, unabhängig von Herkunft.