
In Deutschland hängt der Bildungserfolg wie in kaum einem anderen Land von der sozialen Herkunft ab. Das Problem ist seit Langem bekannt, geändert hat sich allerdings nichts. Es gibt jedoch Stellschrauben, mit denen sich etwas verändern ließe. Einen ersten Ansatz gibt es bereits.
Schulleistungsstudien und Bildungsberichte zeigen es immer wieder aufs Neue: Das Einkommen und der Bildungshintergrund der Eltern entscheiden wesentlich mit, welche Schule ein Kind besucht, wie gut es lernen kann und welchen Weg es nach der Schule einschlägt. Noch immer ist es nicht gelungen, den Bildungserfolg vom Elternhaus und vom sozialen Umfeld zu entkoppeln. Im Gegenteil: Die Schere geht teilweise sogar weiter auf.
Annette Kuhn hat langjährige Erfahrung im Bildungsjournalismus – zunächst als Redakteurin der Berliner Morgenpost, dann beim Deutschen Schulportal und zuletzt als Redaktionsleiterin bei Bildung.Table. 2025 hat sie das Bildungsdossier Kuhn + Schleper mitgegründet, das in die Tiefe recherchierte Dossiers und Whitepaper erstellt.
Bereits beim Schuleintritt sind die Kompetenzstände der Kinder sehr unterschiedlich. Allein bei den sprachlichen Kompetenzen lassen sich 19,5 Prozent der Unterschiede auf die elterliche Bildung und das Haushaltseinkommen der Familie zurückführen. Doch die Schule ist nicht in der Lage, die Herkunftseffekte auszugleichen. Im Gegenteil: Die soziale Ungleichheit verstärkt sich sogar noch im Laufe der Bildungsbiografie. Die Auswirkungen zeigen sich dann insbesondere an den Übergängen.
Kaum ein Land trennt Kinder in der Schule so früh wie Deutschland
Deutlich mehr Kinder aus privilegierten Elternhäusern als Kinder, deren Eltern einen niedrigeren sozioökonomischen Status haben, bekommen in der vierten Klasse eine Gymnasialempfehlung. Das wiegt besonders schwer, da sich außer in Deutschland – und in Österreich – in keinem anderen OECD-Land die Bildungswege von Schüler*innen so früh trennen. Weltweit lernen die meisten Kinder deutlich länger gemeinsam.
Im weiteren Verlauf des Bildungsweges schreibt sich diese gegenläufige Entwicklung fort: Bei Akademikerkindern ist die Übergangsquote bis in die Hochschulkarriere hinein deutlich größer als bei Nichtakademikerkindern. Von 100 Akademikerkindern nehmen im Schnitt 79 ein Studium auf und 64 machen später einen Bachelorabschluss. Von 100 Nichtakademikerkindern beginnen 27 ein Studium, 20 machen einen Bachelorabschluss, wie der Bildungstrichter des Stifterverbands zeigt.
Gleichzeitig steigt die Zahl der Schulabbrecher*innen. Sie hat 2024 mit 62.000 einen Zehn-Jahres-Höchststand erreicht. Knapp acht Prozent der Jugendlichen verlassen die Schule ohne einen Abschluss. Das hängt auch mit den zuletzt dramatischen Kompetenzrückgängen zusammen. Allein der jüngste IQB-Bildungstrend hat gezeigt, dass 34 Prozent der Neuntklässler*innen in Mathematik die Mindeststandards für den Mittleren Schulabschluss (MSA) 2024 nicht erreicht haben.
Bildungsgleichheit und Bildungsgerechtigkeit sind keine Synonyme
Wieso ist Deutschlands Bildungssystem so ungleich und ungerecht? Wo sind die Stellschrauben, um an dieser Situation etwas zu ändern? Und vorab: Was heißt das überhaupt: Bildungs(un)gleichheit und Bildungs(un)gerechtigkeit?
Die Begriffe sind keine Synonyme. Ziel von Bildungsgleichheit ist, dass alle Kinder gleichen Zugang zu Bildung und gleiche Chancen auf Bildungserfolg haben sollen. Bildungsgerechtigkeit geht einen Schritt weiter und fragt, ob die formale Chancengleichheit auch tatsächlich fair ist: Können alle Kinder tatsächlich unabhängig von Herkunft, Förderbedarfen, Sprachstand, Geschlecht oder sozialem Status gleichermaßen Bildungserfolge erzielen?
Damit sind oft konkrete Dinge verbunden: Das eine Kind hat eine bessere digitale Ausstattung als das andere. Das eine Kind bekommt Hilfe bei Hausaufgaben, das andere nicht. Dem einen Kind haben die Eltern schon im Säuglingsalter vorgelesen, die anderen Eltern können vielleicht selbst nicht lesen. Es braucht also eine bedarfsgerechte Mittelverteilung und Unterstützung, damit alle Kinder trotz der unterschiedlichen Voraussetzungen Chancen auf Bildungserfolg haben.
Die demografische Entwicklung treibt die Debatte um Chancengleichheit an
Das Thema ist in Deutschland nicht neu. Bereits in den 1960er- und 1970er-Jahren gab es Anstrengungen, Bildungsungleichheit zu reduzieren. Während in den 1950er-Jahren die Hauptschule noch die Regel war, wechseln heute 45 Prozent der Kinder nach der Grundschule aufs Gymnasium. Eine Bildungsexpansion fand also statt. Aber die Debatte um Bildungsgleichheit und Bildungsgerechtigkeit ist irgendwann steckengeblieben.
Erst in jüngster Zeit ist das Thema wieder stärker in den Fokus gerückt. Zum einen liegt das an den vielen Studien, die immer wieder zeigen: Die Bildungschancen sind in Deutschland nicht gerecht verteilt. Zum anderen reift die Erkenntnis aufgrund der demografischen Entwicklung. Während die Boomer in den 1970er-Jahren immer zu viele waren und damals nicht alle in der Arbeitswelt gebraucht wurden, hat sich die Altersstruktur heute umgekehrt: Die Boomer stehen vor der Rente, und Kinder bilden eine Minderheit. Hinter der Maxime «Kein Kind darf verloren gehen» steckt also nicht nur der Ruf nach mehr Gerechtigkeit in der Bildung, sondern auch die Gewissheit, dass jedes Kind morgen in der Gesellschaft gebraucht wird.
Es liegt nahe, jetzt – wieder mal – die Strukturdebatte aufzumachen und vor allem die mehrgliedrige Schulstruktur nach der Grundschule auf den Prüfstand zu stellen. Denn klar ist: An Gymnasien lernen weniger Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf und Sprachförderbedarf, weniger Kinder mit Fluchthintergrund, weniger Kinder aus sozioökonomisch benachteiligten Familien. Aber eine Strukturdebatte wird zumindest zum jetzigen Zeitpunkt kaum zum Ziel führen. In einer Zeit, in der die Hälfte der Kinder ein Gymnasium besucht, werden Eltern nicht offen dafür sein, weil sie fürchten, dass ihr Kind dann eine schlechtere Bildung bekommt.
Die Probleme reichen weit in das sozialräumliche Umfeld hinein
Eine Schule für alle löst auch nicht gleich die Probleme. Denn selbst dann hat nicht jede Schule gleiche Voraussetzungen. Auch der Standort einer Schule spielt zum Beispiel eine wesentliche Rolle. Zwei Schulen derselben Schulart und mit einem ähnlichen Profil sind je nach Lage sehr unterschiedlich. Jugendliche aus eher benachteiligtem sozialem Umfeld bleiben genauso unter sich wie Schüler*innen aus privilegierteren Familien. Anschaulich gezeigt hat das der Bildungssoziologe Marcel Helbig, der für alle Einzugsgebiete von Grundschulen die Armutsquoten berechnet hat.
Eltern, denen die Schule in ihrem Einzugsgebiet nicht gefällt und die die Möglichkeit haben, wählen immer häufiger eine Privatschule. Inzwischen sind zwölf Prozent der allgemeinbildenden Schulen Privatschulen. Das heißt, knapp zehn Prozent aller Schüler*innen sind nicht mehr auf einer staatlichen Schule. Hinzu kommt, dass Schulen in benachteiligten Gegenden meist eine schlechtere personelle Abdeckung, mehr Quereinsteiger*innen und oft auch eine schlechtere Ausstattung haben.
Die Frage, wie sich mehr Bildungsgerechtigkeit erzielen lässt, geht also weit über die Schule hinaus und muss mindestens das sozialräumliche Umfeld mit in den Blick nehmen. Auf einer übergeordneten Ebene geht es darum, Verdrängung und Segregation zu verhindern, damit sich nicht sogenannte Brennpunktviertel bilden. Das ist in erster Linie ein Thema der Wohnungspolitik und Infrastruktur.
Mehr Daten, um zu erfahren, welche Maßnahmen wirklich helfen
Bezogen aufs Kind kommt es darauf an, dass alle Akteure im sozialräumlichen Umfeld bereichsübergreifend zusammenarbeiten. Der Ausbau der Ganztagsschule ist dafür eine wichtige Voraussetzung. Bislang fehlen allerdings noch verbindliche Qualitätskriterien.
Immer stärker wird auch eine datengestützte Entwicklung von Schule und Jugendarbeit gefordert, um zu mehr Bildungsgerechtigkeit zu gelangen. Nur so lässt sich ableiten, welche Maßnahmen in Schule – aber auch im Umfeld – welchen Kindern was bringen. Der Abschlussbericht der Enquete-Kommission zu «Chancengleichheit in der Bildung» in Nordrhein-Westfalen empfiehlt dafür den Einsatz einer Bildungs-ID.
Wichtig ist außerdem, die frühkindliche Bildung stärker in den Blick zu nehmen, damit alle Kinder eine faire Chance haben, einen guten Start in die Schule zu erleben und die Kompetenzunterschiede insbesondere beim Spracherwerb früh reduziert werden.
Aber auch auf der Schulebene gibt es Stellschrauben. Vor allem geht es darum, die Ausstattung der Schulen zu verbessern, die vor besonders großen Herausforderungen stehen. Also weg vom Gießkannenprinzip, nach dem alle Schulen gleich viele Mittel bekommen. Hin zu einer bedarfsgerechten Ressourcensteuerung. Schulen, in denen besonders viele Kinder mit sonderpädagogischen oder Sprachförderbedarfen sind, brauchen insbesondere mehr personelle Ressourcen.
Kein Hebel allein führt zum Erfolg und zu mehr Bildungsgerechtigkeit
Wichtig ist außerdem, die Arbeit gerade an Schulen mit einer sehr heterogenen Schülerschaft für pädagogisches Personal attraktiv zu machen, damit dort, wo es besonders gebraucht wird, die nötige Expertise tatsächlich vorhanden ist. Innovative Konzepte, mehr gemeinsames Arbeiten im Kollegium oder die Zusammenarbeit mit der Wissenschaft können überdies für angehende Lehrkräfte Anziehungspunkte sein, um sich gerade für diese Schulen zu entscheiden. Letztlich kann eine bessere Ausstattung von Schulen in herausfordernder Lage auch dazu führen, dass Eltern, die zuvor vielleicht eine Schule gemieden und damit zur wachsenden Segregation beigetragen haben, ihre Kinder nun gern auf diese Schule geben.
Schließlich noch eine wichtige Stellschraube, die bis in das einzelne Klassenzimmer hineinreicht: Schulen müssen demokratischer werden. Wenn Schüler*innen stärker in der Lage sind, Themen im Unterricht und Belange der Schule mitzugestalten und ihren Lernprozess selbst zu steuern, ist auch ihr Bildungserfolg weniger stark vom Elternhaus abhängig. Allerdings braucht es dafür in der Schule Vorbereitung und intensive Demokratiebildung.
Keiner dieser Hebel allein führt zu mehr Bildungsgerechtigkeit. Es geht um eine sinnvolle Verzahnung der Maßnahmen und vor allem um nachhaltige Konzepte, die den gesamten Bildungsverlauf in den Blick nehmen. Eine große Aufgabe. Doch einen Anfang gibt es: Das Startchancen-Programm, mit dem Bund und Länder über einen Zeitraum von zehn Jahren und mit einem Volumen von insgesamt 20 Milliarden Euro 4.000 Schulen fördern wollen.
Das Programm ist eine Abkehr vom Prinzip Gießkanne. Die Mittelverteilung stützt sich wenigstens zum Teil auf einen Sozialindex, der Aufschluss über die sozioökonomische Zusammensetzung der Schüler*innenschaft gibt. Im Rahmen des Programms haben sich auch die Länder zur Entwicklung eines solchen Sozialindex verpflichtet, die ihn bislang noch nicht hatten. Außerdem soll das Startchancen-Programm umfangreich evaluiert werden. So jedenfalls das Ziel. Es bleibt zu hoffen, dass es tatsächlich Bildungsungleichheit nachhaltig abbaut oder zumindest die ersten Schritte geht, um dieses Ziel zu erreichen.


