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Autosoziobiographien gehören spätestens seit der deutschsprachigen Übersetzung von Didier Eribons Rückkehr nach Reims 2016 zu den populärsten Formen der Gesellschaftsanalyse. Der Blick aus der Ich-Perspektive wirkt mitreißend und nahbar. Er verspricht den Niederschlag der Verhältnisse in den subjektiven Erlebniswelten der Autor:innen unmittelbar nachvollziehbar zu machen. Gerade Erzählungen von Leid- und Diskriminierungserfahrungen bekommen dadurch eine leibliche Kraft, die vermeintlich unbeteiligten Beschreibungen abgeht. Das Schreiben vom eigenen Standpunkt aus hat zudem eine emanzipatorische Dimension: Stimmen der Betroffenen von Rassismus oder Antisemitismus galten historisch oft zu befangen, um zuverlässig Auskunft über die Ideologien geben zu können. Ihr Standpunkt galt weniger als privilegierter Erkenntniszugang, sondern als Hindernis der nüchternen Analyse. Wenn heute Gesellschaftstheorie, soziologische Befunde und Ideologiekritik mit dem eigenen Standpunkt akzentuiert werden, klingt darin auch immer eine Selbstbehauptung gegenüber der epistemischen Missachtung an.
Tom Uhlig ist Vertretungsprofessor für Demokratieförderung und Methoden am Fachbereich Sozialwesen der Hochschule RheinMain. Demnächst erscheinen «Antisemitismuskritik im Handgemenge. Beiträge zur politischen Bildung» (Neofelis Verlag) und gemeinsam mit Nikolas Lelle «Antisemitismus definieren. Anleitung zur Abgrenzung» (Verbrecher Verlag). Eine Kurzversion des Textes erschien hier in der Wochenzeitung Jungle World vom 9.10.2025..
Allerdings bergen die autosoziobiographischen Texte auch Risiken: Zum einen kann ihr Identifikationsangebot in die Irre führen. Nicht-Betroffene versetzen sich in Positionen, die nicht die ihre sind. So sinnvoll die Perspektivübernahme auch sein kann, sollte doch auch wieder ein Weg zurück beschritten werden. Sensibilisierung kann ansonsten dazu führen, die eigene objektive gesellschaftliche Positioniertheit zu vergessen und sich selbst betroffen zu fühlen. Um eine solidarische und zivilcouragierte Haltung zu entwickeln, ist Selbstkritik und -reflexion notwendig, die ihre Adressat:innen verfehlt, wenn sie sich nicht mehr gemeint fühlen. Zum anderen läuft Autosoziobiographie Gefahr, die gesellschaftlichen Verhältnisse auf eine Kulisse des eigenen Lebenslaufs reduzieren. Das Soziale dramatisiert die individuellen Erfahrungen, aber verliert dabei sein Allgemeines. Im Gegensatz dazu, kann es aber auch leicht passieren, dass die individuelle Biographie lediglich als Illustration der Verhältnisse dient und also auf Ausschnitte reduziert wird, die sich verallgemeinern lassen.
Marina Chernivskys Buch Bruchzeiten. Leben nach dem 7. Oktober umgeht diese Fallstricke virtuos. Die Autorin verknüpft die Stationen ihres Lebens mit Beobachtungen antisemitischer Verhältnisse, ohne dabei der ihrer Biographie das Besondere oder den Verhältnissen das Allgemeine zu nehmen. Dieses Kunststück scheint zu gelingen, weil Chernivsky in ihrer Berufsbiographie früh begann, mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten, die von Antisemitismus betroffen sind. Chernivsky gründete 2014 das Kompetenzzentrum für antisemitismuskritische Bildung und Forschung und 2017 OFEK e.V., die erste auf Antisemitismus spezialisierte Beratungsstelle in Deutschland. Ihre professionellen Erkenntnisse aus Bildung, Forschung und Opferberatung informieren die individualbiographische Perspektive in Bruchzeiten und umgekehrt. Die Übersteigerung des Besonderen ins Allgemeine ist hier weniger ein Sprung von dem Erlebnis zur Theorie, sondern die theoretische Erkenntnis ist selbst Teil der (professionellen) Erfahrung.
Durchlässige Grenzen
Dabei ist das Buch selbst von Suchbewegungen strukturiert, es ringt mit Fragen, die es nicht immer gleich beantworten kann, und deren Antworten womöglich in der eigenen Erzählpraxis liegen. Das Leitmotiv ist dabei der titelgebende Zeitenbruch. Mit dem genozidalen Massaker vom 7. Oktober scheint die Zeit aus den Fugen geraten. So wie eine traumatische Erfahrung als nicht integrierbares Element die ganze Selbsterzählung durcheinanderbringen kann, scheint der 7. Oktober Biographien, jüdische Geschichte und Antisemitismuserfahrungen durcheinanderzuwirbeln.
Der Autorin gelingt es dieses Gefühl der Haltlosigkeit auf das Papier zu bringen, ohne dabei an sprachlicher Präzision zu verlieren:
Der 7. Oktober ist vergangen, aber noch nicht vorbei. Die Angst ist wieder gegenwärtig. Sie ist begründet, sie darf hier sein. Nach dem Massaker haben sich die Grenzen zwischen Zeiten und Generationen verschoben. Das Vergessen ist anfangs eine Option, aber dieses Privileg haben die Betroffenen nicht lange, die Erinnerung bricht früher oder später durch. Die Zeiten sind nun ineinandergeschoben. Die Erfahrungen sind flüchtige, aber wiederkehrende Fragmente. Im Erdgeschoss meiner Lemberger Wohnung duftet es aus der Bäckerei nach frischem Brot.
Der 7. Oktober hält an, in der weltweiten Enthemmung antisemitischer Gewalt und in der Angst der Betroffenen. Chernivsky zufolge werden transgenerational vermittelte Erinnerungen an die Schoah reaktiviert, «als wäre das Nacherleben der traumatischen Vergangenheit zu nah herangerückt.» Dieses Nacherleben der Vergangenheit, verbinden die biographischen Stationen der Autorin – Lemberg, Jerusalem, Berlin. Jeder dieser Orte repräsentiert eine reich beschriebene Erfahrungswelt – die Bäckerei mit frischem Brot – wie auch antisemitische Gewaltgeschichten, die Zeiten und Orte destruktiv miteinander in Beziehung setzt.
Eine atemlose Passage über drei Seiten gegen Ende des Buches macht diese Bruchzeit besonders deutlich. Chernivsky beschreibt, wie sie 2024 mit ihrer Koautorin Friederike Lorenz-Sinai an einer gemeinsamen Studie zu jüdischen Reaktionen auf den 7. Oktober arbeitete. Die Teilnehmenden hätten ihr Zeiterleben nach dem 7. Oktober als «eingefroren» beschrieben, als ein «nicht enden wollender Alptraum». Chernivsky lässt sich von den Interviews 20 Jahre in die Vergangenheit führen. Damals habe sie in Israel Forschung zu psychischen Folgen von Terroranschlägen betrieben und Überlebende wie Angehörige interviewt. Einer der Interviewten erzählte damals 2001 den Anschlag auf die Dolfi-Diskothek während der Zweiten Intifada überlebt zu haben. Er sei zu spät zum Treffpunkt gekommen, während seine zwei Schwestern bereits in der Schlange warteten. Chernivsky erinnerte sich, von dem Anschlag in Berlin erfahren zu haben, als sie gerade eine Schülerin in hebräisch unterrichtete. Wieder zwanzig Jahre in der Zukunft habe Chernivsky in Magdeburg mit Nebenkläger:innen im Halle-Prozess über jene Zeit in Israel gesprochen. Einige der Nebenkläger:innen seien Nachkommen von Schoah-Überlebende gewesen, die nun 2019 dem antisemitischen-rechtsterroristischen Attentat in Halle entronnen waren.
«Das jüdische Leben ist geprägt, aber nicht bestimmt von der Gewaltgeschichte. Das jüdische Leben ist bestimmt von der Wehrhaftigkeit, von der ungeheuren Kraft des Überlebens», schreibt Chernivsky im Epilog. Stimmen der Wehrhaftigkeit sind in dem ganzen Buch zu hören. Es ist geprägt von einer Haltung des Begreifen-Wollens. Das Buch ist ein Zeugnis davon, dass der 7. Oktober nicht in der Lage war, dieses reflexive und analytische Vermögen zu überwältigen. Umso enttäuschender ist die Reaktion der nicht-jüdischen Gesellschaft. Chernivsky beschreibt aus verschiedenen Blickwinkeln die ausbleibende Solidarität, die Indifferenz und das fehlende Verständnis. Während die Betroffenen um Sprache ringen, angesichts der erdrückenden Gewalt, fehlt es andernorts an Bereitschaft, ihnen auch nur zuzuhören. Im Buch sind es aber auch diese Aufforderungen gegen die Gleichgültigkeit, die nicht-Betroffene bei der Lektüre davor bewahren können, es sich in der Opferidentifizierung bequem zu machen.
Marina Chernivsky: Bruchzeiten. Leben nach dem 7. Oktober; Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2025, 176 Seiten, 24 Euro





