
Der Imperialismus hatte in der Vergangenheit und hat auch heute noch verheerende Auswirkungen auf die Landwirtschaft in der ganzen Welt. Dies zeigt sich besonders deutlich im Irak, der unter den Folgen eines modernen Kriegs sowie den langwierigeren, verheerenden Folgen des Kolonialismus leidet. Auch wenn die Auswirkungen der US-amerikanischen Invasion von 2003 katastrophal waren, sind die Vereinigten Staaten nicht die einzige Macht, die das zerstörte Agrarsystem des Irak zu verantworten haben. Die Fehlentwicklungen in der Landwirtschaft des Landes lassen sich auch auf das zentralisierte und streng kontrollierte System des Baath-Regimes sowie auf das britische Kolonialsystem zurückführen.
Schluwa Sama ist Wissenschaftlerin. Im Juli 2024 wurde ihre Studie zum Handel mit Pestiziden im Irak von der Rosa-Luxemburg Stiftung veröffentlicht.
Ansar Jasim ist Programmkoordinatorin für den Irak im Regionalbüro Beirut der Rosa-Luxemburg-Stiftung.
Im April 2023 führen wir in den Büros der Abteilung für Seuchenprävention und Schädlingsbekämpfung des irakischen Landwirtschaftsministeriums eine Reihe von Interviews: «Wir schließen nur Verträge mit großen, verlässlichen Firmen wie Syngenta oder Bayer ab», erklärt uns ein Mitarbeiter, während seine Laptop-Maus über ein Mousepad der Firma Syngenta gleitet. An der Wand hinter ihm tickt eine Syngenta-Uhr. Innerhalb des Ministeriums gelten Unternehmen wie Syngenta oder Bayer, die im globalen Agrargeschäft gut etabliert sind, als Symbol für die Zukunft der irakischen Landwirtschaft. Hier ist man überzeugt, dass Verträge mit den multinationalen Unternehmen dem Land dabei helfen werden, ein veraltetes, marodes Agrarsystem hinter sich zu lassen. Doch in Wirklichkeit ist dies nur ein weiteres Kapitel der langen Geschichte imperialer Gewalt in diesem Land.
Britischer Kolonialismus und die nachwirkenden sozialen Transformationen
Während der direkten britischen Herrschaft über den Irak, die von 1914 bis 1932 andauerte, wurden die Eigentumsrechte über landwirtschaftliche Flächen eher traditionellen Führungsfiguren und deren Familien zugesprochen als Bäuer*innen und Landwirt*innen. Wie in vielen anderen Fällen der «Teile und herrsche»-Kolonialpolitik führte diese Politik im Irak zur Herausbildung einer neuen Klasse von Landbesitzer*innen und eines feudalen Systems, das die Landbevölkerung verarmen ließ. Gleichzeitig verbreitete sich damit die Vorstellung, dass Land Eigentum sei, dessen Hauptzweck darin bestehe, den Gewinn aus der Landwirtschaft zu steigern. Dies setzte sich auch nach dem Ende der direkten britischen Herrschaft in der irakischen Monarchie fort.
Nach der Revolution vom 14. Juli 1958 wurde dieses ungerechte System im Zentralirak teilweise ausgesetzt, wo die Böden zum Teil an Kleinbäuer*innen umverteilt wurden. Doch in den Landesteilen, die für den Staat weniger zugänglich waren –- wie den Bergregionen Kurdistans – blieb das System weitestgehend bestehen. Zu dieser Zeit begann das Land, sich zunehmend in das internationale Wirtschaftssystem zu integrieren, indem es sich zunächst als Getreideexporteur und später als Ölexporteur etablierte, was die Wirtschaft des Iraks schließlich vollends vom Öl abhängig machte. Statt die sozialen und politischen Ordnungen aus den Zeiten der britischen Kolonialherrschaft zu überwinden, setzten die folgenden Regierungen diese durch ihre Politik fort. Auf diese Weise prägt der Kolonialismus auch heute noch den Irak. Das zeigt sich ebenfalls darin, dass die Nachfahr*innen der einflussreichen Großgrundbesitzer*innen des frühen 20. Jahrhunderts noch immer Machtpositionen in politischen Parteien und Milizen bekleiden.
Die Erzeugung eines anfälligen Agrarsystems
Vor der US-amerikanischen Invasion im Jahr 2003 war das Agrarsystem im Irak stark zentralisiert. Wie in anderen Ländern in der Region, etwa Syrien, war dies mit einem hohen Maß an staatlicher Kontrolle verbunden. Der Staat war nicht nur der Hauptlieferant landwirtschaftlicher Betriebsmittel, sondern legte auch die Preise fest, übernahm die Verteilung der Erträge und vieles mehr. Ab den 1970er-Jahren verfolgte das irakische Regime eine zunehmend autoritäre Agrarpolitik, verbunden mit Maßnahmen zur Bevölkerungskontrolle. Eines der auffälligsten Beispiele für diese Bemühungen waren die kollektiven Siedlungen mujamm’at oder Kollektivstädte, in denen vor allem kurdische Bäuer*innen, aus ihren Heimatdörfern vertrieben, leben sollten – oft unter dem Vorwand der landwirtschaftlichen Modernisierung. Auf diese Weise wurden kurdischen Bäuer*innen von ihren ursprünglichen Dörfern und traditionellen Lebensgrundlagen abgeschnitten, wodurch sie in Abhängigkeit vom Staat gerieten – und dieser de facto nahezu vollständige Kontrolle über ihr Leben gewann.
Der Golfkrieg Anfang der 1990er-Jahre hatte schwerwiegende Auswirkungen auf die Landwirtschaft dieser Region. Nach der Invasion Kuwaits durch den Irak im Jahr 1990 verhängten die Vereinten Nationen massive Sanktionen und ein Embargo gegen den Irak, das bis zur US-Invasion im Jahr 2003 anhielt. Diese Maßnahmen sollten den Irak seiner Import- und Exportkapazitäten berauben und dazu beitragen, den Handel in anderen Ländern der Region, wie der Türkei, sowie weltweit, beispielsweise in Australien, anzukurbeln. Die irakische Regierung setzte nun auf zwei Strategien, um die Bevölkerung und die Nahrungsmittelproduktion unter Kontrolle zu bringen.
Zum einen führte sie ein System zur Nahrungsmittelrationierung ein, bitaqa tamwiniya, das einen doppelten Effekt hatte: Es verstärkte die Abhängigkeit der irakischen Bevölkerung vom Regime und erweiterte gleichzeitig dessen Möglichkeiten, seine Bürger*innen zu kontrollieren und zu bestrafen. So wurden zum Beispiel Familien, die in irgendeiner Weise in Verbindung mit der Widerstandsbewegung gegen das herrschende Baath-Regime standen oder deren Mitglieder sich der Wehrpflicht verweigerten, von der Lebensmittelversorgung ausgeschlossen.
Der Abbau staatlicher Strukturen während der US-Besatzung hinterließ ein Land mit kaum funktionierenden staatlichen Leistungen.
Zum anderen reagierte die Regierung auf die Sanktionen der 1990er-Jahre mit einer Erhöhung der Investitionen in das zentralisierte Agrarsystem. Ziel dieser Zentralisierung war es, Hungersnöte zu verhindern und so das Überleben des Regimes angesichts der Sanktionen zu sichern. Zunächst nahm dies die Form von Maßnahmen wie den Entsalzungskampagnen an, bevor im Jahr 1995 das umstrittene, von den Vereinten Nationen geleitete Öl-für-Lebensmittel-Programm umgesetzt wurde. Dank der Entsalzungskampagnen konnten Bäuer*innen bislang ungenutztes Land (etwa bei Yusufiyah in der Nähe von Bagdad) bewirtschaften, wodurch die Ernte gesteigert und die Bevölkerung während des Importverbots mit Nahrungsmitteln versorgt werden konnte. Mit dem Beginn des von den Vereinten Nationen lancierten Öl-für-Lebensmittel-Programms nahm der Fokus auf eine Steigerung der Erträge jedoch ab: Nun wurde irakisches Öl auf dem Weltmarkt verkauft, und mit den Gewinnen wurden Lebensmittel aus verschiedenen Ländern importiert.
Die Steigerung der landwirtschaftlichen Nutzfläche hatte allerdings auch eine Schattenseite: Das neu gewonnene Land wurde mit Wasser aus einem Damm- und Kanalsystem versorgt, das wiederum so aufgebaut war, dass es Regionen, die sich gegen die Zentralregierung aufgelehnt hatten, von der Wasserversorgung abschnitt. Dies führte zum fast vollständigen Aussterben der Kultur der Menschen in der Ahwar Region, dem Marschland im südlichen Irak.
Diese Schritte bereiteten den Grund, auf dem die imperialistische Gewalt im Irak so wirksam greifen konnte. Sie prägen die Landwirtschaft durch die Vorrangstellung, die sie dem Profit einräumen. Profit, nicht die Versorgung der Bevölkerung mit lokalen und gesunden Lebensmitteln, wird zum vorrangigen Ziel der Nahrungsmittelproduktion. Um dies zu erreichen, schaffen Imperialmächte (wie im Fall des Irak vor allem die USA, aber auch Staaten wie der Iran oder China) Bedingungen, die die lokale Lebensmittelproduktion unrentabel machen, indem sie Märkte, staatliche Strukturen, landwirtschaftliche Methoden und sogar die Ernährungsgewohnheiten der Menschen verändern.
Unternehmensmacht und die Entmenschlichung der Bäuer*innen
Die Macht der Konzerne zeigt sich heute besonders deutlich an der umfassenden Kontrolle und starken Präsenz internationaler Agrarunternehmen auf dem irakischen Agrarmarkt. Das wird insbesondere auf großen Agrarmessen in Bagdad und Erbil deutlich, wo globale Unternehmen wie Bayer und BASF ihre Produkte präsentieren, die sie anschließend auf dem irakischen Markt einführen. Und sie dominieren Workshops und Netzwerktreffen, die die Gründung lokaler Start-ups fördern sollen. In beiden Fällen bleiben die eigentlichen Produzent*innen, die Bäuer*innen und landwirtschaftlichen Arbeitskräfte, außen vor. Diese Messen und Start-up-Initiativen im Agrarsektor begannen bereits in den frühen Nachkriegsjahren unmittelbar nach 2003 und waren Teil des USAID-Programms ARDI, des Programms für Wiederaufbau und Entwicklung der Landwirtschaft (Agriculture Reconstruction and Development Program), das irakischen Bäuer*innen neues Saatgut für Hochertragssorten lieferte.
Unter dem Einfluss der USA wurde die irakische Landwirtschaftspolitik vorwiegend von rein technisch-ökonomischen Werten geleitet. 2004 richtete sich die in den USA ausgebildete Interims Landwirtschaftsministerin Sawsan Ali Magid al-Sharifi mit klaren Worten an die Bäuer*innen im Irak und in Kurdistan: «Wir brauchen wettbewerbsfähige irakische Bäuer*innen. Deswegen haben wir entschieden, Betriebsmittel wie Pestizide, Düngemittel und verbessertes Saatgut zu subventionieren.» Die Erwartung, dass Bäuer*innen wettbewerbsfähig sein sollen, stellt eine profitorientierte Unternehmenslogik über die Unterstützung selbstbestimmter Bäuer*innen, die ihren Lebensunterhalt mit der Produktion gesunder Lebensmittel für die Ernährung der Bevölkerung bestreiten.
Abbau und Privatisierung des Staates
Maktab, lokale landwirtschaftliche Läden, findet man überall im Irak. Hier versorgen sich die Bäuer*innen mit Produktionsmitteln, weswegen die maktab zum direkten Berührungspunkt zwischen Bäuer*innen und Unternehmen geworden sind. Der Abbau staatlicher Strukturen während der US-Besatzung hinterließ ein Land mit nur mehr wenigen funktionierenden staatlichen Leistungen. Dieses Vakuum wurde durch Milizen und Konzerne gefüllt; seit 2003 haben lokale Agrarhändler*innen die ehemals staatlichen Beratungs- und Unterstützungsdienstleistungen übernommen. Vor der Invasion boten regionale Niederlassungen des Landwirtschaftsministeriums den Bäuer*innen Beratung und Unterstützung an. Heute aber lachen Bäuer*innen wie Ahmed aus dem Bezirk Yusufiyah, wenn man sie fragt, welche Rolle der Staat spiele: «Wir haben hier schon sehr lange niemanden mehr von der Regierung gesehen. An das lokale Büro des Landwirtschaftsministeriums kann ich mich nicht erinnern. Da müsste ich meine Mutter fragen. Wir bekommen unser gesamtes Saatgut und unsere Pestizide aus dem Laden.»
Hochgiftige Pestizide im Irak
Eine neue Studie des Beiruter Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung und des Netzwerks Gwez w Nakhl (Netzwerk für Ernährungssouveränität in Kurdistan und im Irak) ist zu dem Ergebnis gekommen, dass die Regierung im Jahr 2021 50 Tonnen Tebuconazol an Bäuer*innen verteilt hat. Tebuconazol wurde vom Pestizid Aktions-Netzwerk e. V. (PAN) als «Hochgefährliches Pestizid» (Highly Hazardous Pesticide, HHP) eingestuft – seine akute Toxizität ist so stark, dass es als «tödlich beim Einatmen» gilt. Auch die Langzeitfolgen sind verheerend: Es gilt als krebserregend und kann zu Unfruchtbarkeit führen.
Dies war die erste Studie, die den Verkauf von Wirkstoffen dokumentiert, die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als toxisch für Menschen eingestuft werden und die in der Europäischen Union teils verboten sind. Die Studie brachte zudem ans Licht, dass neben dem Konzern Bayer, der Tebuconazol vertreibt, auch das Unternehmen Syngenta Pestizide mit dem Wirkstoff Thiamethoxam an die Regierung verkauft, welche bei der Schädlingsbekämpfung durch Besprühen aus der Luft eingesetzt werden. Die Verbreitung von Pestiziden trägt zur Vergiftung der Menschen und der Böden bei. Zudem schadet sie den Bäuer*innen finanziell und spielt Konzernen in die Tasche. Diese stellen ihre Produkte zuerst kostenlos oder zu stark reduzierten Preisen zur Verfügung – nur um sie zu verteuern, sobald die Bäuer*innen von den Produkten abhängig sind.
Die Zerstörung der Saatgutvielfalt im Irak
2003 wurde die Nationale Saatgutbank in Abu Ghraib durch die Auswirkungen eines US-amerikanischen Bombenangriff zerstört. Diese Zerstörung und die anschließende Plünderung, die zum Verlust jahrtausendealter irakischer Saatgutsorten führten, wird häufig kontrastiert mit dem Bild einer «blühenden landwirtschaftlichen Vielfalt» vor der Invasion von 2003. Die US-amerikanische NGO Corpwatch, die multinationale Unternehmen scharf kritisiert, formulierte es so: «Der Fruchtbare Halbmond (der den Irak, Israel, Jordanien, Libanon, Palästina und Syrien umfasst) hatte ein landwirtschaftliches System entwickelt, das weltweit als Vorbild galt. Nun, unter der Besatzung, sind Jahrhunderte des Fortschritts über Nacht zerstört worden.» Die Bombardierung der Saatgutbank gilt als der wohl drastischste Akt in einer Reihe von Versuchen der US-Besatzung, die irakische Wirtschaft sowie das Lebensmittel- und Agrarsystem zu einem neoliberalen System umzugestalten. Doch eine einseitige Berufung auf dieses Narrativ der Zerstörung birgt die Gefahr, die Ursachen dafür zu übersehen, warum das irakische System so stark durch die Intervention der USA beschädigt werden konnte.
Vor 2003 wurde das Saatgut von staatlichen Unternehmen zur Verfügung gestellt, die dem Landwirtschaftsministerium unterstanden, das die Preise kontrollierte. Die irakische Saatgutbank befand sich im ländlichen Umland von Abu Ghraib und war ein bedeutendes Forschungs- und Beratungszentrum mit einem Lager für Saatgut. Doch es ist schwer, sich auf verlässliche Daten zu berufen, die ein vollständiges Bild der Lage vor 2003 zeichnen, insbesondere aufgrund der Plünderung zahlreicher staatlicher Institutionen und ihrer Archive. Ein Bericht des US-Außenministeriums der Middle East Working Group on Agriculture aus dem Jahr 2002 konstatiert ein Saatgutvermehrungssystem in der Krise: «Die Aussaat von minderwertigem Saatgut in den 1980er- und 1990er-Jahren führte zu Problemen mit Unkraut- und Schädlingsbefall, geringer Produktivität und einer ineffizienten Nutzung der Saatgutverarbeitungsmaschinen. Das Fehlen von ertragreichem Saatgut hat die Effizienz der Landwirtschaft geschwächt und zahlreiche arme Bauern gezwungen, ihr Land aufzugeben.»
Der wichtigste nächste Schritt liegt darin, den Übergang von konventioneller zu agroökologischer Landwirtschaft zu fördern, angefangen beim Ausbau lokalen Wissens und der Schaffung dezentraler Saatgutbanken.
Derselbe Bericht bezieht sich auf eine Initiative des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (United Nations Development Programme, UNDP) zur Unterstützung des Saatgutvermehrungssystems,die in den 1990er-Jahren auf Ersuchen der irakischen Regierung umgesetzt wurde. Auch wenn eine solche Quelle mit Vorsicht zu betrachten ist, deutet sie doch auf ein stark dysfunktionales Saatgutsystem zu diesem Zeitpunkt hin und bot ein ideales Argument für die Neuaufstellung des Agrarsystems. In Bezug auf die Bombardierung und ihre Folgen bleibt das Schicksal der 1.400 in Abu Ghraib gelagerten Pflanzensorten unklar. Einige Quellen berichten von einer «Black Box» mit 200 Saatgutsorten, die 1996 an das Internationale Zentrum für landwirtschaftliche Forschung in Trockengebieten (International Centre for Agricultural Research in the Dry Areas, ICARDA) geschickt worden sein soll und so der Zerstörung entgangen sein könnte. Andere erzählen von den heldenhaften Rettungsversuchen irakischer Wissenschaftler*innen, die alle Samen sammelten, die sie finden konnten; viele davon mussten sie vom Boden auflesen, nachdem die Glasbehälter zu Bruch gegangen waren. Doch selbst Bäuer*innen und Aktivist*innen für Ernährungssouveränität wissen nicht, wo sie anfangen sollen, um die Saatgutbank wieder aufzubauen. Samen sind nicht nur für die Ernte und die Pflanzen eines Landes von Bedeutung, sondern sie sind auch Teil der Landwirtschaft und des historischen Gedächtnisses eines Landes. Die Unmöglichkeit, diese Geschichte zu erzählen, ist selbst Teil imperialer Gewalt.
Das Saatgut-Patentgesetz nach 2003
Die zentralisierte Struktur der irakischen Landwirtschaft sowie die Geschichte der Gewalt gegen ländliche Communitys und Bäuer*innen machten das System äußerst verletzlich. Dieser Umstand erleichterte es den USA im Jahr 2003, das irakische Agrarsystem grundlegend umzugestalten. Während der Besatzung erließ die US-geführte Koalition als Übergangsregierung eine Reihe von «Verordnungen» – darunter die «Verordnung über Patente, Industriedesign, Geschäftsgeheimnisse, Schaltkreise und Pflanzensorten» (Order on Patent, Industrial Design, Undisclosed Information, Integrated Circuits and Plant Variety), die das irakische Patentgesetz von 1970 änderte und internationalen Saatgutunternehmen das Recht verlieh, irakisches Saatgut zu patentieren, während es zugleich Bäuer*innen verbot, Saatgut aufzubewahren und zu vermehren.
Im Jahr 2013 wurde diese Verordnung aufgehoben und durch ein Gesetz ersetzt, das jeglichen Einsatz von nicht-patentiertem Saatgut in der Landwirtschaft verbot. Vor Ort stellten die Autor*innen diese Artikels fest, dass Bäuer*innen diese Vorschriften nicht mal diskutierten. Stattdessen berichteten diese von einem Teufelskreis der Verschuldung, in dem sie sich befänden, da sie die Tradition der lokalen Produktion von Saatgut, von Biopestiziden und anderen Betriebsmitteln verloren hätten. Heute sind die Bäuer*innen, wie bereits erwähnt, gezwungen, sämtliche Betriebsmittel von privaten Unternehmen zu kaufen – zu Preisen, die von Jahr zu Jahr weiter ansteigen.
In einigen Dörfern in Kurdistan, die weder vom ehemaligen Saddam-Regime geräumt noch durch regelmäßige Bombardierungen der türkischen Armee zerstört wurden, werden jedoch nach wie vor Formen traditioneller Landwirtschaft praktiziert. Hier bestehen neben dem Kauf von Saatgut und Pestiziden auch Praktiken wie Saatguttausch und die eigene Saatgutproduktion fort. Doch die militärischen Angriffe der Türkei und die zunehmende Privatisierung sowie Förderung von Agrarkonzernen setzen kleinbäuerliche Lebensmittelproduzent*innen zunehmend unter Druck. Insgesamt handelt es sich in Irak heute nicht um eine sauber nach US-amerikanischem Lehrbuch entwickelte neoliberale Wirtschaft, sondern um ein hochgradig privatisiertes und von Korruption durchzogenes System. Eine Möglichkeit, die Situation zu verbessern, wäre es, irakischen Bäuer*innen den Zugang zum ursprünglichen, einheimischem Saatgut zu erleichtern. Derzeit haben nur institutionelle Akteure Zugang zu den bei ICARDA gelagerten Saatgutsorten, nicht jedoch die Kleinbäuer*innen selbst. Ein verbesserter und gerechterer Zugang, etwa zu irakischen Saatgutsorten, die weltweit in Saatgutbanken konserviert werden, könnte Aktivist*innen beim Aufbau von dezentralen Saatgutbanken im ganzen Land unterstützen. Das würde auch die Strukturen stärken, die Aktivist*innen und Bäuer*innen bereits heute geschaffen haben, insbesondere da sich internationale Entwicklungsorganisationen hauptsächlich auf den Aufbau der Kapazitäten staatlicher Institutionen im Irak fokussieren. Aktuell können irakische Bürger*innen nur über politische Beziehungen auf staatliche Ressourcen zugreifen, und das macht es kleinen Lebensmittelproduzent*innen schwer, die eine unabhängige Lebensmittelproduktion aufbauen wollen. Daher liegt der wichtigste nächste Schritt darin, den Übergang von einer konventionellen zu einer ökologischen Landwirtschaft zu fördern, angefangen beim Ausbau lokalen Wissens und der Schaffung dezentraler Saatgutbanken sowie weiterer Maßnahmen.
Die Rückkehr widerständiger Traditionen
Trotz der langen Geschichte ihrer gewaltsamen Unterdrückung haben sich die Widerstandsbewegungen im Irak nicht ausmerzen lassen. Bedeutende Kapitel dieser Geschichte, wie etwa der Widerstand von Khalid Ahmad Zaki 1963 gegen das Baath-Regime in der Ahwar-Region, fanden während der Tishreen-Bewegung 2019 ein Echo. Die Tishreen-Bewegung war eine einjährige politische Bewegung, die Plätze im gesamten Zentralirak besetzte und die Abschaffung der nach 2003 eingeführten Verfassung forderte. Dies war ein direkter Versuch von unten, das politische, soziale und wirtschaftliche System umzukehren, das den Menschen im Irak infolge der US-Invasion aufgezwungen worden war.
Die Solidarität innerhalb des Globalen Südens stärkt Organisationen und Kollektive, die einander in Krisenzeiten unterstützen können, was zu einer weitreichenden sozioökologischen Transformation führen könnte.
Die Protestierenden warfen zudem die Frage der unabhängigen Nahrungsmittelproduktion im Irak auf. Sie entwickelten ein Verständnis dafür, dass diese notwendig ist, um einen echten politischen Wandel zu erreichen; insbesondere vor dem Hintergrund, dass Iraks Nachbarstaaten, sei es der Iran oder die Türkei, zu den größten Lieferanten von Lebensmitteln ins Land gehören. Mit ihrer Forderung nach einer neuen Verfassung war die Tishreen-Bewegung eine bedeutende antiimperialistische Bewegung, oder zumindest der Ausdruck einer solchen Vision: Sie strebte nach nichts Geringerem als den Sturz des gesamten Systems nach 2003. Die Tishreen-Bewegung ebnete den Weg für eine neue Vision von Ernährungssouveränität und kollektiver Organisation im Irak. Menschen unterschiedlicher Herkunft begannen, sich zu treffen und darüber auszutauschen, was Ernährungssouveränität im irakischen Kontext bedeuten würde. Daraus entstand das Netzwerk Gwez w Nakhl («Walnuss» auf Kurdisch oder «Palmenbaum» auf Arabisch). Diese Gruppe stellt in mehrerlei Hinsicht ein Hindernis für eine weitere imperialistische Expansion dar. Denn der irakische Imperialismus basiert auf einem Diskurs des religiösen Sektierertums und einer Vision der Moderne, die zwischen ländlichen Gebieten und Städten unterscheidet. Die Menschen, die sich im Netzwerk Gwez w Nakhl zusammenschließen, widersetzen sich dieser Vision, insbesondere durch die Bildung einer Allianz zwischen Kurdistan und dem Irak, die sich auf die Geschichte des antiautoritären Kampfes auf dem Land stützt.
Transnationale Organisation
Imperialismus und Unternehmensmacht sind im Lebensmittelsektor global organisiert. Daher müssen Netzwerke von Bäuer*innen, Aktivist*innen und Wissenschaftler*innen, die Alternativen zum bestehenden Ernährungssystem aufbauen wollen, international zusammenarbeiten. Es gibt bereits einige Beispiele für eine solche transnationale Organisation, etwa der Wissensaustausch zwischen dem libanesischen Kollektiv Buzuruna Juzuruna («Unsere Samen sind unsere Wurzeln») und dem Netzwerk für Ernährungssouveränität Gwez w Nakhl. Ein weiteres Beispiel ist das Anlegen verschiedener Gärten in den Dörfern rund um die Städte Dohuk, Sulaymaniyah und Bagdad sowie in weiten Teilen Kurdistans. In diesen Gärten engagieren sich Menschen für den Übergang von konventioneller zu ökologischer Landwirtschaft. Sie bauen ohne Pestizide an, produzieren Saatgut und schaffen damit von Konzernen unabhängige Räume. Da den Bäuer*innen jedoch bislang nur wenige ursprüngliche irakische Saatgutsorten für den Aufbau gemeinschaftlicher Saatgutbanken zur Verfügung stehen, hat Buzuruna Juzuruna dem Netzwerk Gwez w Nakhl sowohl Saatgut als auch Wissen bereitgestellt.
Diese Solidarität innerhalb des Globalen Südens stärkt Organisationen und Kollektive, die einander in Krisenzeiten unterstützen können, was zu einer weitreichenden sozioökologischen Transformation beitragen könnte. Allianzen zwischen dem Globalen Süden und dem Globalen Norden sind jedoch ebenso wichtig, denn es braucht einen Internationalismus, der den zivilgesellschaftlichen Druck auf Regierungen und Institutionen auch im Globalen Norden erhöht.
Dieser Artikel erscheint im Rahmen des gemeinsamen Dossiers der Rosa-Luxemburg-Stiftung und Alameda Seeds of Sovereignty: Contesting the Politics of Food.
Übersetzung von Claire Schmartz & Camilla Elle für Gegensatz Translation Collective
