
Die Gemeinschaften, die sich für die Flüsse Cahabón und Oxec in Guatemala einsetzen, haben die Formen ihres Widerstands verändert. Nachdem einer ihrer wichtigsten Wortführer, Bernardo Caal Xol, fünf Jahre im Gefängnis verbrachte, streben die Maya Qʼeqchiʼ nun ihre Selbstbestimmung über die Wahlurnen an. Indem sie eigene politische Kandidat*innen zur Wahl stellen, wollen sie an öffentlichen Entscheidungen über sie betreffende Themen mitwirken – und dazu zählt auch die Nutzung der Flüsse.
Text: Cindy Espina
25 Min.
María Josefina Caal Xol überquert einen Fluss, der nicht zu ihrem Gebiet gehört. Die Maya-Qʼeqchiʼ-Frau ist auf dem Heimweg nach einem Kurs zur politischen Beteiligung indigener Frauen, den sie für eine Gruppe von Frauen aus Sepur Zarco in Panzós im Departement Alta Verapaz organisiert hat. Der Winter hat gerade erst begonnen und der Fluss ist noch nicht tief. Das Wasser reicht ihr bis zu den Knöcheln, also zieht sie ihren Corte, den langen, weiten Rock, der zur traditionellen Kleidung der Qʼeqchiʼ-Ethnie gehört, etwas hoch. «Mein Bruder hat mich gefragt, was ich hier mache. Denn diese Gegend gehört nicht zu meinem Gebiet», erzählt sie, während sie zwei längliche, flache Steine aus dem Fluss fischt, mit denen sie später ihren Altar für spirituelle Opfergaben schmücken wird.
Das Gebiet von Caal Xol liegt dreieinhalb Stunden von dem Ort entfernt, an dem sie die Steine aufgelesen hat. Es befindet sich ebenfalls in Alta Verapaz, 200 Kilometer nördlich der Hauptstadt Guatemalas. Um dorthin zu gelangen, muss man muss ein Tal durchqueren, das von Hunderten Hektar Ölpalmen bedeckt ist. Und man muss Berge erklimmen, die von Maschinen zerfurcht wurden, die auf der Suche nach Nickel die rote Erde abtragen.
Am Ende des Weges, der sich bereits auf ihrem Gebiet befindet, zeigt die Maya-Q'eqchi-Frau auf den Berghang. «Da ist der Fluss. Schau nur, was sie mit ihm gemacht haben.» Aufgrund der dichten Vegetation, die den Berghang bedeckt, und des Nebels, der sich zwischen Hitze und Regen bildet, ist zunächst nicht wirklich zu verstehen, was sie meint – bis ihre Worte zehn Minuten später Sinn ergeben. Nun lässt sich ein breiter, grünlicher, jedoch unbeweglicher Flusslauf ausmachen. Sein natürlicher Lauf wurde durch einen Damm gestaut und das wenige Wasser, das durch die Betonmauer sickert, ist alles, was vom Fluss Cahabón übriggeblieben ist. Vor etwa neun Jahren floss hier noch ein Teil des Flusses Oxec, eines Nebenflusses des Cahabón. Heute ist sein Flussbett nur noch eine trockene Rinne; sein Wasser wird durch Rohre geleitet.
Am Fluss Oxec befinden sich die Wasserkraftwerke Oxec S.A. und Oxec II. Diese Namen sind den Bewohner*innen dieser Region im Nordosten Guatemalas seit Anfang 2012 gut bekannt. Ein Jahr später, im Jahr 2013, erhielt zunächst Oxec S.A. eine Betriebsgenehmigung des Ministeriums für Energie und Bergbau (MEM), obwohl zuvor keine Konsultation der Bevölkerung stattgefunden hatte, wie es die von Guatemala unterzeichneten internationalen Abkommen vorschreiben.
So konnte der Betrieb im November 2015 aufgenommen werden. Beide Projekte gehören Energy Resources Capital Corp an, einer panamaischen Gesellschaft, die mit weiteren Wasserkraftunternehmen verbunden ist, die wiederum dem spanischen Unternehmer Florentino Pérez gehören.
Florentino Pérez ist seit zwanzig Jahren eine Figur des öffentlichen Lebens. Er ist vor allem dafür bekannt, dass er über zwei verschiedene Zeiträume Präsident von Real Madrid war, einem der berühmtesten Fußballvereine der Welt und Mannschaft einiger der größten Fußballstars. Unter seiner Führung und seiner berüchtigten Strategie, «die Galaktischen» unter Vertrag zu nehmen, hat der Verein sechs spanische und sechs europäische Titel gewonnen. Erst vor einem Monat haben sie mit ihrem Sieg gegen Liverpool das 14. Mal die Champions-League gewonnen.
Mehr als 8.000 Kilometer vom Stadion Estadio Santiago Bernabéu entfernt, in dem Pérez‘ Real Madrid vor einigen Wochen auch die spanische Liga gewann, sind die Folgen der Probleme rund um die Aufnahme der Geschäftstätigkeit von Oxec S.A. vor sieben Jahren stets spürbar. Die mit dem spanischen Unternehmer verbundenen Wasserkraftprojekte führten zu Demonstrationen und rechtlichen Schritten der Gemeinschaften von Santa María Cahobón, die versuchten, die 2013 vom Ministerium für Energie und Bergbau an Oxec S.A. erteilte Lizenz für verfassungswidrig erklären zu lassen. Die Gemeinschaften von Cahobón reichten zudem Anzeigen wegen illegaler Abholzung sowie wegen der Kriminalisierung von Gemeindevorsteher*innen ein, die sich gegen das Projekt ausgesprochen hatten.
Sie verstanden diese Reihe rechtlicher Schritte als «Widerstand», um die durch ihr Gebiet fließenden Flüsse zu verteidigen. Die Organisierung der indigenen Q’eqchi’-Gemeinschaften von Santa María Cahobón unter Federführung des Lehrers Bernardo Caal Xol veranlasste die Eigentümer*innen von Oxec S.A. und Oxec II S.A. sowie die Unternehmerverbände, die dem Koordinierungsausschuss der Landwirtschafts-, Handels-, Industrie- und Finanzverbände (CACIF) angehören, in den letzten zehn Jahren zu verstärkten Medienkampagnen. In Konferenzen und Pressemitteilungen forderten sie das Verfassungsgericht auf, die von Bernardo Caal Xol im Namen des Widerstands eingereichten Verfassungsbeschwerden zu ihren Gunsten zu entscheiden. 2017 war geprägt von solchen Aktionen, eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofs war dringend nötig.
Ich war dabei, als mein Bruder festgenommen wurde. Ich habe ihn zum Gericht in Cobán [in Alta Verapaz] begleitet.
So erinnert sich María Josefina Caal Xol an den Moment, in dem sie beschloss, sich verstärkt politisch zu engagieren und sich für den Schutz der Flüsse Cahabón und Oxec einzusetzen. Ihr Bruder ist Bernardo Caal Xol, ein maßgebliche Unterstützer und Anführer im Widerstand der indigenen Q’eqchi’-Gemeinden zum Schutz des Flusses Cahabón.
Caal Xol erzählt vom 30. Januar 2018, dem Tag, an dem sich auch die Struktur und die Vision der gemeinschaftlichen Organisation zur Verteidigung der Flüsse ändern sollte. An diesem Tag wurde Bernardo wegen einer Tat festgenommen, die sich angeblich während der ersten Demonstrationen am 15. Oktober 2015 ereignete. Die Q'eqchi'-Gemeinschaften hatten diese Demonstration organisiert, um sich gegen die Aufnahme des Betriebs des Wasserkraftunternehmens Oxec S.A. zu wehren.
An diesem 30. Januar 2018 musste sich Bernardo Caal Xol in Cobán, der Hauptstadt des Verwaltungsbezirks Alta Verapaz, wegen eines angeblichen Betrugs verantworten. Das Bildungsministerium warf ihm vor, 20 Monatsgehälter als Lehrer bezogen zu haben, ohne zur Arbeit erschienen zu sein. Er wurde im Zuge der Anhörung wegen Betrugs angeklagt, dann verhaftet und zu einem Bereitschaftsgericht gebracht. Dort wurde ihm mitgeteilt, dass er wegen weiterer Straftaten angeklagt sei. Ein Kabelunternehmen namens Netzone S.A. beschuldigte ihn des Diebstahls und der Freiheitsberaubung seiner Mitarbeiter*innen.
María Josefina Caal Xol ist mit ihren 33 Jahren die jüngste von acht Geschwistern. Wie Bernardo Caal Xol ist auch sie Lehrerin. Als ihr Bruder im Jahr 2018 inhaftiert wurde, musste der Vorstand der Widerstandsbewegung der Gemeinschaft sich intern neu strukturieren, da er der wichtigste Kopf der Bewegung war. Damals trat sie dem Vorstand bei und wurde zur Vorsitzenden ernannt.
Das war das erste Mal, dass eine Frau in der Widerstandsbewegung zur Verteidigung der Flüsse Cahabón und Oxec in einer derart entscheidenden Rolle vertreten war.
Der Beginn der Organisation der Q’eqchi’-Gemeinschaften
Im Jahr 2012, drei Jahre bevor Oxec S.A. den Betrieb aufnahm, schloss das Unternehmen eine Vereinbarung mit elf Dörfern in der Nähe der Wasserkraftwerke. Diese Vereinbarung wurde vom Unternehmen gegenüber dem Ministerium für Energie und Bergbau als Argument dafür angeführt, dass die Gemeinschaften konsultiert worden seien, woraufhin im Jahr 2013 die Betriebsgenehmigung erteilt wurde. Im Rahmen dieser Vereinbarung verpflichtete sich das Wasserkraftunternehmen, elf Dörfer im Gegenzug dafür, dass diese sich nicht gegen den Bau der Wasserkraftwerke Oxec S.A. und Oxec II S.A. aussprachen, zu unterstützen.
Vier Jahre später, im Jahr 2017, stellte das Verfassungsgericht fest, dass diese Vereinbarung keine Konsultation im Sinne des Übereinkommens 169 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) darstellte. Das Verfassungsgericht gab Bernardo Caal Xol Recht, der eine Verfassungsklage eingereicht hatte. Es stellte fest, dass das Ministerium für Energie und Bergbau Oxec S.A. eine Betriebsgenehmigung erteilt hatte, ohne dass das Unternehmen eine Befragung der betroffenen Gemeinschaften gemäß den Vorgaben internationaler Übereinkommen zum Schutz indigener Völker und ihrer Gebiete durchgeführt hatte. Bei diesen Konsultationen entscheiden die Mitglieder einer indigenen Bevölkerung frei und demokratisch, ob sie mit der Ansiedlung wirtschaftlicher Projekte externer Akteure in ihren Gebieten einverstanden sind. Bei der Vereinbarung, die das Wasserkraftwerk getroffen hatte, waren jedoch lediglich Vertreter*innen von elf Dörfern aus Santa María Cahobón zusammengekommen, und hatten für die anderen mitentschieden.
Nach diesem Urteil wurde der Bau des Wasserkraftwerks im Februar 2017 gestoppt. Doch bereits im Mai desselben Jahres erlaubte dasselbe Verfassungsgericht, den Bau fortzusetzen, nachdem das Wasserkraftunternehmen eine Nichtigkeitsklage beantragt hatte.
Die Vereinbarung mit den elf Dörfern, die vom Verfassungsgericht zunächst wegen Nichteinhaltung der Anforderungen einer Konsultation für nichtig erklärt wurde, eröffnete dem Unternehmen ein neues Schlupfloch. In seinem Urteil verpflichtete das Verfassungsgericht den Kongress, ein Gesetz über Gemeinschaftskonsultation zu erlassen, und das Ministerium für Energie und Bergbau, eine Verordnung zu deren Regelung zu erlassen. Gleichzeitig legte das Gericht jedoch den Weg für die Ausgestaltung dieser Regelung fest. Das Verfassungsgericht schränkte ein, welche Gemeinschaften konsultiert werden mussten, und bestimmte, dass nur die im «Einflussgebiet» gelegenen Gemeinschaften in unmittelbarer Nähe der Infrastruktur und Anlagen von Oxec S.A. zu befragen waren. Die Dörfer entlang des Flusslaufs, der unterbrochen werden würde, sollten hingegen außen vor gelassen werden. Somit sollten nur die elf Dörfer berücksichtigt werden, deren Vorsteher*innen die Vereinbarung bereits unterzeichnet hatten. Die übrigen 195 Dörfer der Gemeinde Santa María Cahabón, die ebenfalls am Ufer der Flüsse Cahabón und Oxec liegen und Auswirkungen auf ihre Wasserversorgung befürchteten, wurden entgegen ihren Forderungen nicht einbezogen.
So wurden im Jahr 2017 schließlich zwei Konsultationen parallel durchgeführt: die eine von den Unternehmen auf Basis des Beschlusses des Verfassungsgerichts, die andere von den widerständigen Gemeinschaften, die sich auf das in der Gemeindeverordnung festgelegte Recht auf Konsultation beriefen. Laut Oxec S.A. wurde der Konsultationsprozess mit der Q'eqchi'-Bevölkerung im Einflussgebiet gemäß den Vorgaben des Urteils des Verfassungsgerichts durchgeführt und mit einem Dokument mit dem Titel «Vereinbarungen für Frieden und nachhaltige Entwicklung der Gemeinden im Einflussgebiet der Wasserkraftprojekte Oxec und Oxec II» abgeschlossen («Acuerdos por la Paz y el Desarrollo Sostenible de las Comunidades del Área de Influencia de los Proyectos Hidroeléctricos Oxec y Oxec II»). Der Rahmen dieser Vereinbarung, die am 24. November 2017 in Santa María Cahabón unterzeichnet wurde, ermöglichte es Oxec S.A., die Voraussetzungen für die Fortsetzung des Bauprozesses und des Betriebs zu erfüllen, während der Bau des Wasserkraftwerks Oxec II beginnen konnte. Ana Valeria Prado, die bei Oxec S.A. und Oxec II für Nachhaltigkeit zuständig ist, erklärt, dass die Unternehmen den Konsultationsprozess nach Einschätzung des Ministeriums für Energie und Bergbau zum Abschluss gebracht haben und ihr Betrieb somit keinerlei Einschränkungen seitens der Behörden mehr unterliegt.
Die widerständigen Gemeinschaften führten am 27. August 2017 ihrerseits eine eigene Konsultation durch. Die Q'eqchi'-Gemeinschaft stützte sich dabei auf Artikel 60 der Gemeindeverordnung, der den Anwohner*innen das Recht verleiht, über Entscheidungen, die ihr Gebiet betreffen, abzustimmen. An der Volksbefragung nahmen 26.537 Personen teil, darunter auch 8.700 Kinder. Nur elf Personen stimmten dem Bau des Wasserkraftwerks zu, der Großteil lehnte die Projekte von Oxec S.A. und Oxec II ab. Der Gemeinderat von Santa María Cahabón erkannte dieses Ergebnis jedoch nie als bindend an.
Bis heute steckt die Frage der Konsultation in einer Sackgasse fest. Kurz nach den Konsultationen, die die Gemeinschaften selbst durchgeführt hatten, begann die Kriminalisierung der Anführer*innen des Widerstands. Fünf Monate nach der Gemeindebefragung wurde Bernardo Caal Xol verhaftet. Die Taten, die ihm vom Kabelunternehmen vorgeworfen werden, sollen sich außerhalb der Anlagen von Oxec S.A. ereignet haben. «Sie beschuldigen meinen Bruder, hier, in der Sicherheitszone des Wasserkraftwerks, Menschen entführt und festgehalten zu haben. Aber das stimmt nicht. Mein Bruder ist nie bis hierher gekommen. Er ist an der Kreuzung geblieben», sagt María Josefina Caal Xol und versichert, dass sie selbst ihn während der ersten Demonstration gegen die Aufnahme des Betriebs von Oxec S.A. im Jahr 2015 gesehen habe. Die Kreuzung, von der sie spricht, ist ein Treffpunkt, der 15 Gehminuten vor den Eingangstoren von Oxec S.A. liegt. Ihr zufolge blieb Bernardo während der Demonstration an dieser Kreuzung, die auch nach Sepos Semococh führt – zu dem Dorf, aus dem die Familie Caal Xol stammt und in dem Bernardo damals lebte.
Während der Fahrt durch die Dunkelheit der Nacht in den Bergen von Santa María Cahabón geht Caal Xol näher auf die Spaltung ein, die zwischen den Gemeinschaften entstanden ist. Auf der einen Seite stehen jene elf Dörfer, die entlang der Straße in der Nähe der Wasserkraftwerke liegen, und die das Abkommen mit den Projektträgern unterzeichneten. Viele ihrer Bewohner*innen arbeiteten in diesen Unternehmen, sagt sie, während sie versucht, durch die Fenster des Fahrzeugs nicht gesehen zu werden.
Strategiewechsel
Durch die beiden widersprüchlichen Konsultationen und die Inhaftierung von Bernardo Caal Xol aufgrund untergeschobener Straftaten im Zusammenhang mit seinen Protesten gegen den Bau des Wasserkraftwerks entstand eine Pattsituation. Dies veranlasste die widerständigen Gemeinschaften dazu, im Schutz der Flüsse Cahabón und Oxec einen Schritt weiterzugehen.
Bei den Parlamentswahlen 2019 kandidierten sie für Ämter im Gemeinderat von Santa María Cahabón und für die Vertretung von Alta Verapaz im Nationalkongress.
María Josefina Caal Xol bezeichnet diesen Prozess als «freie Selbstbestimmung der indigenen Völker »Nach der Kriminalisierung meines Bruders beteiligten sich Kinder und Frauen stärker am Widerstand. Bei den ersten Demonstrationen für die Freilassung von Bernardo trugen die Q’eqchi’-Frauen umgekehrte Krüge auf dem Kopf. Die Kinder kamen mit leeren Dosen. Das war das Symbol dafür, dass sie uns das Wasser nehmen. Die Gemeinschaften beteiligen sich nun stärker und organisieren sich besser, was auch dazu führte, dass Bernardo im Gefängnis Besuche zur Unterstützung erhielt» erzählt sie.
María Josefina, das jüngste der Geschwister Caal Xol, nutzte diesen Wandel – oder, wie sie es ausdrückte, die «neue Kraft» der Gemeinschaften – um Veränderungen in der Strategie der Widerständigen einzuleiten. Heute ist sie nicht nur Vorstandsvorsitzende der Widerstandsbewegung, sondern seit 2020 auch Vierte Gemeindevorsteherin von Santa María Cahabón.
Diese Entscheidung zum Weg über politische Ämter wurde von der Widerstandsbewegung bei Versammlungen im Jahr 2019 getroffen. Caal Xol erklärt, dass sie dadurch mehr Einfluss auf kommunale Entscheidungen nehmen und die 2017 durchgeführte Konsultation zur Ablehnung der beiden Wasserkraftprojekte bekräftigen wollten.
Wir brauchen lokale Selbstbestimmung, denn die Gemeinschaften sind es leid, alle vier Jahre getäuscht zu werden
sagt Guadalupe Choc über die Teilnahme an den Wahlen 2019. Sie ist 41 Jahre alt, indigene Q’eqchi’, Lehrerin und war Kandidatin für die Widerstandsbewegung. Außerdem führt sie Schulungen für Frauen aus den Gemeinschaften durch, um über die Anliegen der Organisierung zu informieren, die sich für den Schutz der Flüsse Cahobón und Oxec einsetzt.
Der ursprüngliche Plan war es, ein Bürger*innenkomitee zu gründen und das Bürgermeisteramt anzustreben. Aber eine Spaltung innerhalb der Widerstandsbewegung verzögerte diese Pläne. Die Bewegung für die Befreiung der Völker (Movimiento Para la Liberación de los Pueblos, MLP), eine Partei, die aus dem Komitee für ländliche Entwicklung (Comité de Desarrollo Campesino, Codeca) hervorgegangen ist, nahm Gespräche mit anderen Führungspersonen des Widerstands auf, ohne die Versammlung, in der alle zusammenkommen, zuvor zu konsultieren. Sie schlugen ein Vorstandsmitglied und Mitglied der MLP, Francisco Tec, als Kandidaten für das Amt vor.
Dies führte zu Diskussionen und Unmut innerhalb der Organisation. Die Meinungsverschiedenheiten und Diskussionen über die Vorgehensweise der MLP führten dazu, dass die Frist für die Gründung eines Bürger*innenkomitees verstrich. Als beschlossen wurde, den Plan zur Teilnahme an den Wahlen fortzusetzen, war die Anmeldefrist bereits abgelaufen. Also wurde entschieden, sich der Convergencia anzuschließen, einer Partei, deren Kandidat*innen ebenfalls aus verschiedenen sozialen Bewegungen stammten, die sich jedoch schlussendlich auflöste, als sie keinen Sitz im Kongress erringen konnte.
Der Bürgermeisterkandidat der Widerstandsversammlung war Raúl Caal, der 2017 den Vorsitz der Wahlkommission der Konsultation inne hatte. Aber wie gegen Bernardo Caal Xol lag auch gegen ihn ein Haftbefehl vor, aufgrund einer Anzeige wegen mutmaßlich schwerwiegender Landnahme bei der Besetzung von Grundstücken zusammen mit dem Comité de Unidad Campesina (CUC). Er wurde verhaftet und zwei Tage später gegen Kaution freigelassen.
Dies führte dazu, dass die Delegation des Obersten Wahlgerichts sich weigerte, ihn als Bürgermeisterkandidaten zu registrieren. Doch Convergencia hatte ihre Kandidat*innenliste bereits in einer Gemeindeversammlung aufgestellt und beschloss, die angenommene Liste beizubehalten. Dadurch gewann María Josefina Caal Xol, die ursprünglich nicht für den Spitzenplatz vorgesehen war, innerhalb der Organisation an Bedeutung, da sie Kandidatin für den Gemeindevorstand war. Nach der Ablehnung der Registrierung des Bürgermeisterkandidaten wäre sie diejenige gewesen, die die Bewegung im Falle eines Wahlsiegs vertreten hätte.
Bei den Kommunalwahlen 2019 belegten sie laut Protokoll der Wahlkommission des TSE in Alta Verapaz den dritten Platz mit 2.012 Stimmen. Dieses Ergebnis reichte aus, um in den Gemeinderat einzuziehen.
María Josefina Caal Xol, Bernardos Schwester und erste Frau in der Führung des Widerstands, war nun ebenfalls Gemeindevorsteherin der Stadtverwaltung.
Bernardo Caal Xol erlangte am 25. März 2022 seine Freiheit zurück, nachdem er zu einer siebenjährigen Haftstrafe wegen Raubes und Freiheitsberaubung verurteilt worden war – Straftaten, die er angeblich während der Proteste gegen die Errichtung der Wasserkraftwerke Oxec und Oxec II begangen haben soll.
Doch er bewegt sich nach wie vor auf unsicherem Terrain. Seine Freiheit ist noch nicht garantiert.
«Nachdem er die Hälfte seiner Strafe verbüßt hatte, wurde er lediglich auf Bewährung vorzeitig entlassen», erklärt Edgar Pérez, Geschäftsführer der Anwaltskanzlei für Menschenrechte (Bufete Jurídico de Derechos Humanos), die die Verteidigung des Q'eqchi'-Führers übernommen hat, «daher darf er keinesfalls für eine weitere Straftat angeklagt werden. Vor dem Hintergrund seiner Kriminalisierung, besteht dafür jedoch keinerlei Garantie.»
In den Tagen nach seiner Freilassung hatte Bernardo Caal Xol keine Ruhe. Der Verteidiger der Gemeinschaft ist mit medizinischen Untersuchungen seines Gesundheitszustands und der Vorbereitung seiner Verteidigung gegenüber dem Bildungsministerium stark ausgelastet. Er plant jedoch, bald nach Santa María Cahabón zurückzukehren. Isabel Matzir, Lehrerin, Lebensgefährtin und Mitstreiterin von Bernardo Caal Xol, erklärt, sie wolle seine Botschaft in die widerständigen Gemeinschaften tragen, um den Kampf der Q'eqchi'-Bevölkerung für die Verteidigung der Flüsse Cahabón und Oxec weiter zu inspirieren und zu stärken. Die Familie unterstützt die Idee, dass die Widerstandsbewegung an den Wahlen teilnimmt.
Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass viele indigene Völker erkannt haben, dass Kämpfe sowohl auf der Straße als auch an den Wahlurnen ausgetragen werden
sagt Matzir. «Das muss man bedenken, und in diesem Fall werden es die Gemeinschaften sein, die im Rahmen der Selbstbestimmung der indigenen Völker darüber entscheiden, ob sie sich beteiligen oder nicht», fügt die Grundschullehrerin hinzu. Sie ist überzeugt, dass dies der richtige Weg ist, auch wenn auf diesem Weg Bernardo Caal Xol noch keine politische Option darstellt.
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Am Ufer des Flusses Cahabón denken María Josefina Caal Xol und Guadalupe Choc darüber nach, was dieser Erfolg für den Widerstand bedeutet hat.
Seit Beginn der Bewegung sind zehn Jahre vergangen. Fünf davon verbrachte Bernardo Caal Xol im Gefängnis. «Als mein Bruder inhaftiert wurde, organisierten sich die Gemeinschaften, um ihn zu besuchen und ihm Essen zu bringen. Das war eine Möglichkeit, ihm zu zeigen, dass er nicht allein war … Ich habe auch beobachtet, dass die Beteiligung zunahm und sich viele Frauen dem Protest mit den Krügen auf dem Kopf anschlossen», sagt María. Dieser Marsch der Q'eqchi'-Frauen war eine der Demonstrationen, mit denen die Kriminalisierung von Bernardo Caal Xol angeprangert wurde. Der verkehrt herum getragene Krug war ein Symbol dafür, dass das Wasserkraftwerk «sie umbringt», denn «sie lassen uns kein Wasser».
Allerdings reicht der Sitz im Gemeinderat nicht aus. Er reicht nicht für eine Mehrheit, und somit ist die Bewegung bei Entscheidungen oft unterlegen. Persönlich sind sich beide einig, dass die Widerstandsbewegung bei den Parlamentswahlen 2023 in Guatemala erneut antreten sollte.
Entlang der Route von Santa María Cahabón – einem Feldweg, der entlang des Flusses Cahabón bis zur asphaltierten Straße verläuft – erhebt sich ein vielstimmiger Klang. Hier vermischen sich Vogelgezwitscher, das Rauschen des Flusses und die Gespräche der Q'eqchi'-Frauen, die am Fluss sitzen und darüber diskutieren, wer Kandidat oder Kandidatin für das Amt des Gemeinderats von Santa María werden soll. María Josefina Caal Xol versichert, nicht selbst kandidieren zu wollen, würde es aber begrüßen, wenn wieder eine Frau die Bewegung vertreten würde. Sie ziehen es vor, die Namen der möglichen Kandidat*innen nicht zu nennen. Einerseits, weil sie keine Spaltung herbeiführen wollen, da dies in einer Versammlung entschieden werden muss, andererseits aus Sicherheitsgründen.
Die Nennung eines Namens würde diese Person ins Rampenlicht rücken, wodurch sie Opfer von Kriminalisierung werden könnte. Deshalb wollen sie nicht viele Details zu ihren politischen Aktivitäten preisgeben und lassen die Namen der Parteien, mit denen sie Gespräche geführt haben, außen vor. Auch verraten sie nicht, ob sie erneut versuchen werden, ein Bürger*innenkomitee zu gründen.
Mit Bestimmtheit können María Josefina Caal Xol und Guadalupe Choc nur sagen, dass die Widerstandsbewegung an den Wahlen teilnehmen wird. Darüber sind sich die Führungsmitglieder einig. Das Thema wurde bereits in der Versammlung erörtert. Sie sind sich jedoch bewusst, dass ihr Weg davon abhängig ist, ob sich die guatemaltekischen Justizbehörden wieder für die Kriminalisierung von Führungspersonen der Bewegung instrumentalisieren lassen. Zudem hängt alles davon ab, ob die Wahlbehörde TSE ihre Registrierung für die Wahlen genehmigt.
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Ana Paredes Marín ist Forscherin an der Universidad Rafael Landívar (ICESH) und kennt die Gründe für die Beteiligung des Widerstands an den Wahlprozessen nur zu gut. Die Politiksoziologin hat dokumentiert, wie sich die in den letzten zwanzig Jahren in Guatemala entstandenen Widerstandsorganisationen, die sich für den Schutz der Umwelt und der Territorien einsetzen, dazu entschlossen haben, an den Wahlen beteiligen. Sie bekräftigt, dass dies eine weitere legitime Form des Widerstands ist, die nicht nur in Guatemala zu beobachten ist, sondern seit jeher einen festen Platz in der Geschichte der Widerstands- und sozialen Bewegungen hat.
«Eine Protestaktion, eine Blockade oder das Einschalten von Behörden hat keine Wirkung, wenn es dort niemanden gibt, der Verbündeter ist und versteht, warum man sich widersetzt», meint die Sozialforscherin und Autorin der Dissertation «Bergbauindustrie und Unterdrückung in Guatemala» (Industria Minera y represión en Guatemala). «Die Beteiligung an diesen (politischen) Räumen wird oft negativ wahrgenommen, weil sie in der Vergangenheit zur Korruption missbraucht wurde. Aber soziale Bewegungen und Organisationen brauchen Verbündete in den Institutionen, um diese zu verändern oder umzugestalten, und das ist kompliziert, weil man sich damit Goliath entgegenstellt.»
So erklärt sie, warum organisierte Gruppen den Schritt in die «institutionelle Politik» wagen. Auch die Widerstandsbewegung «La Puya», die sie ebenfalls untersucht hat – eine Gemeinschaft, die sich gegen das Goldbergbauprojekt in San José del Golfo in der Nähe der guatemaltekischen Hauptstadt wehrt – habe sich dazu entschlossen an den Wahlen teilzunehmen. Dadurch konnte sie Sitze im Gemeinderat gewinnen und das Projekt aus dieser Position heraus überprüfen lassen – um festzustellen, dass es keine Lizenz hatte.
Sie erwähnt auch den Fall von San Miguel Ixtahuacán in der Provinz San Marcos, wo die Marlin-Goldmine betrieben wurde. In dieser Gemeinde nahe der Grenze zu Mexiko nahmen die Mitglieder der lokalen Opposition gegen das Goldminenprojekt an den Kommunalwahlen teil und gewannen Sitze. Sie nutzten diesen Erfolg jedoch, um den Konflikt zwischen den Gemeinschaften und der Mine zu schlichten. Die Soziologin ergänzt, dass sich dieser Fall nicht verallgemeinert lässt, da diese Art von Maßnahme in der Regel nur wenig Rückhalt in der Bevölkerung habe.
«Die Arbeit von Widerstandsbewegungen und Organisationen innerhalb der Institutionen erfordert eine genauere Analyse, da sich hier häufig Grauzonen beobachten lassen. Nicht alles ist schwarz oder weiß. Nicht alle Fälle sind Erfolge oder Fehlschläge», sagt Paredes Marín. In ihrer Untersuchung stellte sie fest, dass Projekte gesellschaftlicher Initiativen, die zunächst mit ihrem Widerstand gescheitert waren, auf diese Weise in der Regel dennoch mehr Aufmerksamkeit erzeugen konnten.
Ihrer Meinung nach lässt sich der Erfolg von Organisationen und Widerstandsbewegungen, die institutionelle Ämter erlangen, nicht allein daran messen, ob große Extraktionsprojekte verhindert werden konnten. Dies sei in Guatemala «nahezu unmöglich». Bei der Auswertung des institutionellen Weges sollten auch andere Kriterien berücksichtigt werden, darunter die Kontrollfunktion, der rechtliche Einfluss und der Stellenwert, den ihre Stimmen damit bei Entscheidungen der Zentral- und Kommunalregierungen des Landes erhalten.
Während María auf einem Stein am Ufer des Flusses Cahobón am Flussweg eine Pause einlegt, macht Choc es ihr am sandigen Ufer gleich. Die Frauen, die den Fluss gut kennen, zeigen dabei auf den Strudel, den die Strömung vor ihnen bildet.
«Sie wissen, dass man einen Fluss nicht in gerader Linie überqueren sollte, sondern eher im Zickzackkurs. Manchmal denkt man, dass es besser ist, den kürzesten Weg zu nehmen, um schneller ans Ziel zu kommen. Aber das stimmt nicht, denn auf diese Weise umgeht man starke Strömungen und Untiefen nicht», erklärt María. Sie zeigt mit der Hand auf die Stelle, an der sie den Fluss überqueren würde und deutet an, wie sie sich bewegen würde.
Ihre Metapher spiegelt auch ihre politische Strategie wider.
Ein Sieg der Demokratie:
Bei den Wahlen im Juni 2023, um die es im Text geht, hat es Bernardo Arévalo, der Kandidat der jungen sozialdemokratischen Partei Semilla (Movimiento Semilla) überraschend in die Stichwahl geschafft – und in dieser Sandra Torres, die Kandidatin des Establishments, im August 2023 geschlagen. Der sogenannte „Pakt der Korrupten“, die politischen und wirtschaftlichen Eliten des Landes, versuchte, den Machtwechsel mit allen Mitteln zu verhindern: etwa indem sie ihm und seinen Mitstreiter*innen Straftaten anhängten und im letzten Moment noch versuchten, die Vereidigung zu verhindern. Dass Arévalo im Januar 2024 schließlich doch sein Amt antreten konnte, verdankt er einer landesweiten Mobilisierung der Zivilgesellschaft, die durch monatelange Proteste, Straßenblockaden und Streiks schließlich die Machtübergabe erzwang. Besonders dabei: Es waren vor allem indigene Gemeinschaften und Aktivist*innen, die die Proteste vorantrieben, obwohl sie bisher selbst von demokratischen Prozessen wenig profitiert hatten. (JS)
Tierra de Resistentes
Übersetzung von Camilla Elle & Claire Schmartz für Gegensatz Translation Collective
