
In der Sierra Nororiental in Mexiko kämpfen indigene Gemeinschaften seit Jahren gegen Bergbau-, Fracking- und Wasserkraftprojekte auf ihrem Gebiet. Inzwischen bauen sie selbst eine unabhängige Energieversorgung auf und setzen sich für eine gerechte Energiewende ein – durch den Ausbau von gemeinschaftlich betriebenen Solaranlagen, die mittlerweile den größten Teil ihres Energiebedarfes decken. Damit wollen sie das bewahren, was für sie am wichtigsten ist: Yeknemilis, das «gute Leben».
Alma Zamora ist eine indigene Frau aus Cuetzalan del Progreso. Sie war Mitglied und Koordinatorin von Projekten zur Förderung der Gemeindeentwicklung.
Inmitten von Bäumen, Wasserfällen, Flüssen und dichtem Nebel liegt Cuetzalan del Progreso, ein Ort, der 2002 als «Pueblo Mágico» (magischer Ort) bezeichnet und 2021 von der Welttourismusorganisation der Vereinten Nationen (UNWTO) als eines der «besten Tourismusdörfer» ausgezeichnet wurde. Seine Mystik und seine natürlichen Ressourcen ziehen jährlich nicht nur Hunderte von Tourist*innen, sondern auch Unternehmen an, die in der Region Minen, Fracking und Wasserkraftwerke betreiben wollen.
Seit 2010 organisieren sich die Menschen in der Region, um die Umsetzung dieser sogenannten «Todesprojekte» zu verhindern, die ihre Ökosysteme und das Leben der Gemeinschaften bedrohen, berichtet Ofelio Julián Hernandez, Mitglied der Spar- und Kreditgenossenschaft Tosepantomin des Genossenschaftsverbands Tosepan sowie Mitglied des Rates Maseual Altepetl Tajpianij. Ihr Kampf reicht von rechtlichen Schritten gegen den Tagebau bis hin zu Versammlungen von mehr als 5.000 Einwohner*innen.
Die Sierra Nororiental de Puebla zählt 600.000 Einwohner*innen, von denen die überwiegende Mehrheit Indigene sind, darunter 400.000 Nahua und 100.000 Totonaken. Daher wird die Gemeinschaft durch internationale Verträge wie das Übereinkommen 169 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) unterstützt, das unter anderem die Rechte indigener Gemeinschaften auf Land und Autonomie schützt. Unter Bezug auf das Übereinkommen und die mexikanische Verfassung gelang es, einen ökologischen Gebietsnutzungsplan (OET) zu schaffen, der ein wichtiges Instrument zur Verteidigung der Gemeinschaften und eine juristische Grundlage für die Gemeinde ist: So kann das Gebiet verwaltet werden, ohne dass die Lebensweise der Gemeinschaften beeinträchtigt wird. Dazu zählen auch Maßnahmen wie die Einschränkung oder das Verbot von Megaprojekten auf dem Gebiet der Gemeinde. Staatliche Unternehmen wie das staatliche Elektizitätsunternehmen, die Comisión Federal de Electricidad (CFE), die ganz Mexiko mit Strom versorgt, haben dies jedoch ignoriert und damit den Widerstand der lokalen Gemeinden geweckt.
Der Kampf für ein gutes Leben (Yeknemilis)
Die indigenen Gemeinschaften Mexikos wurden seit der europäischen Kolonialisierung ausgebeutet und sind heute von Enteignungen durch Rohstoffunternehmen bedroht, die sich mit Unterstützung der mexikanischen Regierung in ihren Gebieten niederlassen, um Energie zu gewinnen … aber für wen?
Im Jahr 2016 sahen sich die Nahua- und Totonaken-Gemeinschaften und weitere Bewohner*innen mit dem Projekt Cuetzalan-Entronque-Teziutlán II-Tajín der CFE konfrontiert, für das ein Umspannwerk und eine Hochspannungsleitung errichtet werden sollten. Diese sollten andere Bergbau-, Fracking- und Wasserkraftprojekte in der Region mit Strom versorgen, für die bereits Konzessionen erteilt worden waren. Das Projekt war zwar bereits früher vorgestellt worden, aber erst im Haushalt 2010–2014 des staatlichen Energieunternehmens enthalten.
Laut der Umweltverträglichkeitserklärung (Manifestación de Impacto Ambiental, MIA) sollte eine etwa 20 Kilometer lange Hochspannungsleitung durch die Gemeinden Xaltsinta, Colonia Cuauhtémoc, Alahuacapan, Xiloxochico, Chikueyajko, Acaxiloco und Nahuiogpan verlaufen. Zudem sollte sie durch die Ortschaft Cuamono führen, durch die der Fluss Apulco fließt, an dessen Lauf bereits Konzessionen für vier Wasserkraftwerke (Ana, Boca, Conde und Diego) erteilt wurden. Darüber hinaus lagen in Cuetzalan drei durch das Wirtschaftsministerium erteilte Konzessionen für die Bergbaustandorte Atexcaco I, Atexcaco II und Macuilquila vor. Gegen diese Projekte sowie das Bergbaugesetz wurde eine Verfassungsbeschwerde eingereicht, da sie – wie Hernandez betont – verfassungswidrig sind.
Die Bewohner*innen untersuchten die Auswirkungen, die die Hochspannungsleitungen auf die Gemeinde haben würden, berichtet Hernandez. Dabei hoben sie insbesondere die Strahlung hervor, sowie die Tatsache, dass die Leitungen «ganze Gemeinden durchqueren und überspannen, und im Fall von Xiloxochico etwa über einen Kindergarten» führen würden. Nach einer Demonstration, die angesichts des Anstiegs der Kriminalität infolge der Konzessionen mehr Sicherheit von den kommunalen Behörden forderte, wurde 2016 auf dem Gelände des geplanten Umspannwerkes ein Protestlager errichtet, das zehn Monate lang bestand.
In diesen zehn Monaten wurde das Lager für Workshops genutzt, bei denen Zukunftsvorstellungen entwickelt wurden, Milpas – ein traditionelles mesoamerikanisches Landwirtschaftssystem, das auf einer Mischkultur von Mais, Bohnen und Kürbis basiert – als Symbol des Widerstandes gepflanzt und die gegenwärtigen Formen der Energiegewinnung hinterfragt. Hier nahmen die Diskussionen über die Machbarkeit von Energieautonomie und der Versorgung durch erneuerbaren Energie ihren Anfang.
Obwohl das Lager aufgelöst wurde und die CFE die Arbeiten nicht fortsetzte, verklagte das staatliche Unternehmen 2017 acht indigene Führungsfiguren wegen ihres Widerstands gegen das Projekt. Laut Hernandez folgten bis 2018 Schikanen und Verleumdungskampagnen gegen die Gegner*innen des Umspannwerks. Im Jahr 2019 wurde auf einer Generalversammlung in Cuetzalan bekannt gegeben, dass die CFE die Anklagen gegen die Aktivist*innen fallen gelassen habe. Noch im selben Jahr gab das Umweltministerium Semarnat die endgültige Einstellung des Projekts bekannt. Die Einwohner*innen schließen jedoch nicht aus, dass das Unternehmen es in Zukunft erneut versuchen könnte, das Projekt doch noch umzusetzen.
Energiewende und Umweltgerechtigkeit in Mexiko
Eine Möglichkeit, die Auswirkungen der aktuellen Klimakrise abzuschwächen, ist die Energiewende: der Umstieg von fossilen Brennstoffen auf erneuerbare Energien wie Solar- und Windenergie. Dies ist besonders wichtig in Mexiko, das weltweit an zwölfter Stelle der Länder mit den höchsten Emissionen steht. Tatsächlich machen fossile Brennstoffe 83,93 Prozent der Primärenergieproduktion des Landes aus. Wie aus der im Jahr 2021 veröffentlichten Nationalen Energiebilanz 2019 hervorgeht, entfallen davon 59,83 Prozent auf Rohöl und 23,15 Prozent auf Erdgas.
Es genügt jedoch nicht, lediglich die Energiequellen zu ersetzen. Auch soziale Aspekte müssen berücksichtigt werden. Aus diesem Grund streben die Gemeinschaften in der Sierra Norte de Puebla eine Just Transition an, eine gerechte Energiewende, die soziale und ökologische Gerechtigkeit berücksichtigt und unter anderem territoriale, sozioökonomische und geschlechtsspezifische Besonderheiten miteinbezieht. Das Konzept Just Transition stammt zwar ursprünglich aus Nordamerika und Europa, wurde jedoch in unterschiedlichen Kontexten auf verschiedene Weise übernommen. So streben beispielsweise die indigenen Gemeinschaften der Masehual und Totonaken in Cuetzalan die Verbesserung der Lebensbedingungen der Einwohner*innen durch Klimagerechtigkeit an.
Energie von und für indigene Gemeinschaften
Cuetzalan ist ein Beispiel dafür, wie gemeinschaftliche Energiealternativen gefördert werden können, um Klimagerechtigkeit und einen gerechten Übergang zu erreichen – Hand in Hand mit Energiesouveränität. Laut der Ingenieurin Sofía García Pacheco, einer der Gründerinnen der Genossenschaft Onergía, gibt es zwei Narrative zur Energiesouveränität. Das eine wurde stets von Staaten vorangetrieben und betrifft die Verstaatlichung der Ressourcen für die Nation. Obgleich wir in diesem Zusammenhang von Souveränität sprechen können, bedeutet dies nicht, dass Energie im Sinne der Menschenrechte genutzt wird und allen ein würdiges Leben ermöglicht.
Vor diesem Hintergrund beschlossen die lokalen Gemeinschaftsversammlungen, ihre Souveränität durch verschiedene Projekte selbst voranzutreiben, wie die Installation von Photovoltaikanlagen.
In Cuetzalan wurden zwei Arten von Systemen eingesetzt: vernetzte hybride sowie autonome Systeme. Die ersten wandeln Sonnenlicht in Strom um und sind an das öffentliche Netz (in diesem Fall dem Netz der CFE) angeschlossen. Ihr Vorteil zeigt sich in einer günstigeren Stromrechnung. Das autonome System funktioniert, wie der Name schon sagt, ohne Anschluss an das öffentliche Stromnetz. «Der Vorteil der Solarenergie ist, dass sie anpassungsfähig ist und flexibel genutzt werden kann, je nach Einsatzort. Dafür wird zunächst der jeweilige Energiebedarf geprüft», erklärt García Pacheco.
Die Ingenieurin erläutert, dass es in Mexiko ein gut ausgebautes nationales Energiesystem gibt, «das sich von Süden bis Norden erstreckt und im Süden sogar mit dem Stromnetz Mittelamerikas und im Norden mit dem Stromnetz der USA verbunden ist».
Angesichts dessen betont García Pacheco, dass Energiesouveränität «die Aneignung der Energieflüsse auf lokaler Ebene bedeutet, was wiederum heißt, dass wir uns die verschiedenen Formen der Umwandlung, Erzeugung und des Verbrauchs von Energie zu eigen machen müssen, damit dies gemeinschaftlich und auf der Grundlage lokaler Wirtschaftskreisläufe geschehen kann».
Auch Leticia Vazquez Esteban, Koordinatorin des Projekts zur Wiederbelebung der Sprache des Genossenschaftsverbands Tosepan, vertritt diese Auffassung. Sie hebt die gemeinschaftliche Energieforschungsinitiative «Demokratisierung der Energie in der Sierra Nororiental de Puebla» hervor, die neue Formen der Energieverwaltung für ein gutes Leben (yenemiliks) entwickeln soll.
Zu Beginn stellten sie fest, dass ihnen Begriffe wie «erneuerbare Energien», «Energiearmut», «Energiesouveränität» völlig fremd waren, weshalb sie beschlossen, ein neues Verständnis davon zu entwickeln, was Energie eigentlich ist.
Bei diesen Überlegungen stellten Vazquez Esteban und ihre Mitstreiter*innen fest, dass unter «Energie meist Strom oder die durch Wasserkraft oder fossile Brennstoffe (wie beim Erdgas) erzeugte Energie verstanden wird. In den Gemeinschaften ist jedoch die wichtigste und grundlegendste Energiequelle Biomasse (in Form von Brennholz), gefolgt von anderen Formen der Energie, wie der Kraft der Sonne (für die Beleuchtung), Wasser und die Energie, die unser Körper benötigt, um sich zu bewegen. Außerdem begannen wir, über spirituelle Energie zu sprechen.»
Energiesouveränität ist die Aneignung der Energieflüsse auf lokaler Ebene, und das bedeutet, dass wir uns die verschiedenen Formen der Umwandlung, Erzeugung und des Verbrauchs von Energie zunutze machen müssen.
Sofía García Pacheco, Ingenieurin und einer der Gründerinnen der Genossenschaft Onergía
Nach der Anfangsphase entstand die Genossenschaft Tonaltsin im Rahmen des Programms «Jóvenes Construyendo el Futuro» (Jugendliche gestalten die Zukunft), die mit der Installation von Photovoltaikanlagen begann und somit den ersten Schritt in Richtung erneuerbare Energien machte.
Und daraufhin folgten weitere Initiativen. Wie der Dokumentarfilm «La energía de los pueblos» (2020) zeigt, wurden in der Gemeinde Cuetzalan mit Unterstützung der Genossenschaft Onergía mehrere Solaranlagen installiert.
Die hier gewonnene Solarenergie wird von den Familien hauptsächlich für ihre täglichen Aktivitäten genutzt, sei es für die Beleuchtung, den Anschluss ihrer Elektrogeräte oder das Aufladen ihrer Handys. Außerdem sparen sie die Kosten für die Stromrechnung und können dank ihres autonomen Systems bei Stromausfällen, etwa aufgrund von Netzfehlern, auf ihren Batteriespeicher zurückgreifen. So haben sie immer Strom.
Eines der häufig vorgebrachten Argumente der CFE war, dass Sonnenkollektoren in dieser Region aufgrund der hohen Niederschlagsmenge und häufigen Bewölkung nicht funktionieren könnten. Die Ingenieurin García Pacheco erklärt allerdings, dass der Nebel eher wie ein Filter wirke und nichtsdestotrotz Photonen Durchlass fänden. Selbst wenn es in der Gemeinde tagelang neblig ist, funktionieren die Solarmodule. Natürlich produzieren sie weniger Strom, aber die geringe Menge an Licht, die durchkommt, lade die Speicherbatterien dennoch ausreichend auf.
Die Herausforderungen auf dem Weg zur Energiesouveränität
Zu Beginn seiner Amtszeit im Jahr 2018 gab der mexikanische Präsident Andrés Manuel López Obrador 100 Versprechen ab, darunter das Versprechen Nr. 73:
Wir werden die Entwicklung alternativer erneuerbarer Energiequellen wie Wind-, Solar-, Geothermie- und Gezeitenenergie vorantreiben.
Dieses Versprechen befindet sich laut der offiziellen Website der Präsidentschaft zwar «in Bearbeitung», bezieht jedoch nicht die Stimmen der indigenen Gemeinschaften des Landes mit ein. Vázquez Esteban berichtet, dass die indigenen Gemeinschaften bei der Ausarbeitung der Energiereform nicht berücksichtigt wurden, die später auch nicht im Kongress verabschiedet wurde.
Eine weitere Herausforderung ist das Konzept der Energiewende selbst. Obwohl dieser Begriff in Mexiko immer häufiger zu hören ist, wird er in den indigenen Gemeinschaften nicht verstanden, da es keine Übersetzungen der entsprechenden Kriterien gibt, was die Einbeziehung der indigenen Bevölkerung erschwert. Vázquez Esteban erklärt, dass diese Begriffe aus der Wissenschaft und nicht aus den Gemeinschaften stammten, weswegen «Konzepte in der Nahuatl-Sprache und dem Totonakischen geschaffen werden, die einen wichtigen Beitrag leisten. Sie ermöglichen nicht nur, das Konzept selbst zu benennen, sondern bestimmen auch die Bedeutung, die die Menschen dem Konzept beimessen». Laut Angaben des Nationalen Instituts für Statistik und Geografie (INEGI) ist der Bundesstaat Puebla neben Oaxaca, Chiapas, Yucatán und Veracruz einer der fünf Bundesstaaten mit dem höchsten Anteil an indigener Bevölkerung (61,09 Prozent). Dennoch werden Informationen zu diesen Themen von der Regierung auch hier nur auf Spanisch verbreitet.
Die Energiewende steht vor einer weiteren Herausforderung: den Rohstoffpreisen. «Es handelt sich nach wie vor oft um Technologie, die nicht für jeden finanziell zugänglich ist», erklärt García Pacheco. Sie weist darauf hin, dass seit Beginn der Corona-Pandemie viele Mikrokomponenten und Rohstoffe, die für diese Technologie benötigt werden, knapp geworden sind. Auch erneuerbare Energien sind vom globalen Markt abhängig – und die Preise ändern sich gegenwärtig von Monat zu Monat.
«Wir sagen immer, dass es nicht um Geld geht, dass unser Kampf nicht wirtschaftlich motiviert ist, sondern letztendlich die Frage der sozialen Organisierung betrifft», betont García Pacheco. Denn es sei nicht dasselbe, ob eine Person allein eine Solaranlage kauft oder sich mehrere Personen zusammentun und somit eine finanzielle Unterstützung durch die Gemeinschaft erfahren.
Auch wenn noch ein langer Weg vor ihnen liegt und der Prozess viele Herausforderungen mit sich bringt, sind sich die Initiator*innen dieser Projekte bewusst, dass sie einen wichtigen Beitrag zur Energieautonomie der Region leisten, um die derzeitigen Formen der Stromerzeugung möglichst vollständig abzulösen. Mit den Worten von Ofelio Julián Hernandez: «Für die Genossenschaft und die Gemeinschaften ist es zu einer Notwendigkeit geworden, über andere Formen der Energieerzeugung nachzudenken und Zukunftsvorstellungen dafür zu entwickeln.»
Dieser Artikel wurde im Rahmen des Mentorenprogramms für Klimajournalismus von Climate Tracker erstellt.
Übersetzung von Camilla Elle und Claire Schmartz für Gegensatz Translation Collective
