
Wir leben in extrem politisierten Zeiten. Die Diskussionen ändern sich schnell und sind oft hitzig. Manchmal werden absichtlich falsche Behauptungen aufgestellt, und es ist nicht immer leicht, Fake News von Fakten zu unterscheiden. In unserer Serie «Was ist eigentlich …?» erklären wir wichtige Begriffe aus der politischen Diskussion und zeigen, welche Interessen und Konflikte dahinterstecken.
Der Lehrkräftemangel in Deutschland ist unübersehbar. Im vergangenen Schuljahr blieben über 17.000 Stellen unbesetzt, die meisten in Ostdeutschland und Berlin. Bis 2035 könnten bis zu 85.000 Lehrer*innen fehlen. Von einem «Bildungsnotstand» ist bereits die Rede. Besonders in ländlichen Regionen und armen Stadtteilen, wo soziale Probleme ohnehin groß sind, fehlen viele Lehrkräfte. Dort sind auch die Schulen oft marode. Lehrer*innen beklagen Überlastung, Bürokratie und schlechte Ausstattung. Der Lehrkräftemangel ist Ausdruck tieferliegender Probleme im Bildungssystem.
Bei Bildungsgerechtigkeit ist Deutschland Schlusslicht
Seit 2000 vergleicht die PISA-Studie Schulleistungen in 81 Ländern. Deutschland landet im Mittelfeld, mit zuletzt deutlich schlechteren Ergebnissen. Alarmierend ist die Bildungsungleichheit: In keinem anderen OECD-Land hängt der Bildungserfolg so stark von der sozialen Herkunft ab. Kinder aus Akademikerfamilien haben deutlich bessere Chancen, ein Gymnasium zu besuchen, als Kinder aus nicht-akademischen Haushalten. Auch die Einkommen der Eltern spielen eine große Rolle. Schulausgaben – für Hefte, Bücher, Tablets oder Ausflüge – summieren sich über die Schulzeit auf bis zu 20.000 Euro pro Kind.
Kooperationsverbot verschärft soziale Ungleichheit
In der Politik herrscht Einigkeit: Über Jahre wurde zu wenig in Bildung investiert. Die im März 2025 beschlossenen 500 Milliarden Euro für Infrastruktur wurden auch mit dem Zustand der vielen maroden Schulen begründet. Doch weil Bildung Ländersache ist, bleibt eine ausreichende Finanzierung schwierig.
Union, FDP und auch die AfD verteidigen den Bildungsföderalismus und damit das sogenannte Kooperationsverbot, das direkte Finanzhilfen des Bundes verhindert. Dahinter steht auch das Interesse, Reformen am dreigliedrigen Schulsystem aus Haupt-, Realschule und Gymnasium zu blockieren. Der Erhalt des Gymnasiums gilt dabei als Garant für «Leistungsgerechtigkeit» und Wahlfreiheit der Eltern. Doch die soziale Schieflage wird so noch verschärft. An Gymnasien herrscht kaum Lehrermangel, während Sekundar- und Berufsschulen unter Personalmangel und knappen Mitteln leiden. Dort fehlen Ressourcen für kleinere Klassen, zusätzliche Lehrkräfte oder gezielten Sprachunterricht – genau dort also, wo Bildung soziale Unterschiede ausgleichen könnte.
Schule für alle statt Klassensystem
Das deutsche Bildungssystem ist ein Klassensystem: Wer schon Vorteile hat, bekommt meist noch mehr. Für echte Bildungsgerechtigkeit sind drei Schritte wichtig. Erstens: Das Kooperationsverbot muss fallen, damit der Bund eine ausreichende Finanzierung garantieren kann. Zweitens: Die Lehrkräfteausbildung muss reformiert werden, mit bundesweiten Standards, einer Ausrichtung auf Schulstufen statt Schularten, einer einfacheren Anerkennung ausländischer Abschlüsse und der Integration des Referendariats in die Studiengänge. So kann der Lehrkräftemangel gezielt behoben werden. Regionen und Fächer mit akutem Mangel brauchen zusätzliche Förderung, und die Lohnunterschiede zwischen den Schularten sollten angeglichen werden. Drittens: Das dreigliedrige Schulsystem, das seit dem 19. Jahrhundert Kinder nach Herkunft sortiert, sollte abgeschafft werden. Stattdessen braucht es Schulen für alle, mit gleichen Chancen, ausreichenden Mitteln und guten Arbeitsbedingungen.
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Redaktionelle Betreuung: Henning Obens




