
Der Globale Süden ist unverhältnismäßig stark von den Auswirkungen der Klimakrise betroffen. Dies erfordert innovative Lösungen, die auf lokalem Wissen und ökologischer Vernunft basieren. Da Bangladesch im Gangesdelta liegt und zum überwiegenden Teil aus Flussbetten besteht, ist es besonders anfällig für den Klimawandel – und hat sich zugleich zu einem lebendigen Labor für Klimaanpassung entwickelt. Saisonale Überschwemmungen setzen landwirtschaftliche Flächen regelmäßig über mehrere Monate unter Wasser, und Zeiten der Staunässe nehmen von Jahr zu Jahr zu. Daher haben die Kleinbäuer*innen eine uralte Praxis verfeinert, die die überfluteten Flächen in fruchtbare Gärten verwandelt: das System der schwimmenden Anbauflächen, das vor Ort als baira oder dhap bekannt ist.
Vinod Koshti, Projektmanager im Regionalbüro Südasien der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Neu-Delhi.
Diese traditionelle Technik wurde 2015 von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) als Global wichtiges System des landwirtschaftlichen Kulturerbes (Globally Important Agricultural Heritage Systems, GIAHS) anerkannt. Insbesondere in einem Land wie Bangladesch – wo rund 23,6 Millionen Menschen von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen sind, fast 18,7 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze leben und weitere 3 Millionen Menschen im Jahr 2025 infolge von Überschwemmungen in die Armut gedrängt werden und die hohe Inflation der Lebensmittelpreise die Kaufkraft der gefährdeten Haushalte drastisch mindert – ist diese indigene Anbaumethode ein umfassender Ansatz, um Ernährungssicherheit, ökologisches Gleichgewicht und die Widerstandsfähigkeit von Gemeinschaften aufzubauen. Sie steht im krassen Gegensatz zu den kapitalintensiven, industriellen Landwirtschaftsmodellen, die von der Agrarindustrie gefördert werden.
Die Bedeutung und Funktionsweise der Schwimmenden Gärten
Schwimmende Gärten wurden als Anbaumethode entwickelt, um Nahrungsmittelengpässe während der sintflutartigen Regenfälle der jährlichen Monsunzeiten zu vermeiden. Besonders in den südlichen und zentralen Überschwemmungsgebieten Bangladeschs, wie etwa Gopalganj, Barisal und Pirojpur, machen Staunässe und Überschwemmungen jedes Jahr Ackerflächen für bis zu sechs Monate unbrauchbar.
Schwimmende Gärten werden aus lokal verfügbaren Ressourcen und Ernterückständen gebaut. Die Konstruktionen erinnern an Flöße, die in den überschwemmten Gebieten treiben. Sie dienen als Plattformen für den Anbau von Gemüse, Gewürzen und anderen Pflanzen. Dank dieser Methode können die Kleinbäuer*innen selbst während der Monsunzeit Lebensmittel anbauen und die klimabedingte Herausforderung produktiv nutzen.
Im Grunde ist diese schwimmende Landwirtschaft eine Variation der bodenunabhängigen Hydrokultur. Die Bäuer*innen bauen die schwimmfähige Plattformen aus mehreren Schichten: aus invasiven Wasserpflanzen wie Wasserhyazinthen (Eichhornia crassipes) und weiteren organischen Materialien wie Reisstroh, den Stümpfen der Reispflanzen, Bambusstangen und Kokosfasern. Darüber hinaus werden Wasserpflanzen wie Wassersalat (Pistia stratiotes), Nixenkraut (Najas graminea), Gemeiner Schwimmfarn (Salvinia) oder Alpen-Laichkraut (Potamogeton alpinus) für den Bau der schwimmenden Beete verwendet. Die Materialien werden sorgfältig geschichtet, so dass ein schwimmendes, nährstoffreiches Kompostsubstrat entsteht.
Bau und Anbau folgen einer systematischen und zugleich flexiblen Methode, die über Generationen hinweg verfeinert wurde. Zwischen Juni und Juli beginnen die Bäuer*innen mit dem Anlegen der schwimmenden Beete. Zuerst schichten sie im Abstand von acht bis zehn Tagen wiederholt Wasserhyazinthen aufeinander. Dies bildet die unterste Schicht, eine tragende Basis, die für Auftrieb und Stabilität der gesamten Plattform sorgt. Die folgenden Schichten dienen vor allem als organisches Kompostmaterial, das nach und nach verrottet und so zu einem nährstoffreichen Substrat für den Anbau wird.
Um den Zersetzungsprozess zu beschleunigen, mischen die Bäuer*innen häufig halbverrottete Wasserpflanzen wie Wassersalat, Nixenkraut oder junge Wasserhyazinthen in die höhergelegenen Schichten der Beete. Etwa acht bis zehn Tage nach dem Anlegen der letzten Schicht werden Samen oder Setzlinge im vorbereiteten Substrat ausgesät oder verpflanzt. Die Maße der schwimmenden Beete sind nicht standardisiert, sondern richten sich nach den örtlichen Gegebenheiten und praktischen Erfordernissen. In der Regel sind die Beete rechteckig; zwischen 10 und 60 Meter lang und 1,5 bis 4 Meter breit.
Auch wenn größere Beete theoretisch höhere Erträge versprechen, ziehen die meisten Bäuer*innen oft schmalere Plattformen vor: Zum einen lassen sich diese leichter von den Booten aus bewirtschaften, zum anderen können sie bei Bedarf einfacher verlegt werden. Für Stabilität sorgen Bambusstangen, mithilfe derer die schwimmenden Flöße verankert werden, damit sie nicht abdriften. Gleichzeitig kann damit ihre Position in der Höhe verändert und an schwankende Wasserstände angepasst werden.
Der Anbau folgt einem saisonalen Zyklus. Während der Monsunzeit (Juni–Oktober) werden feuchtigkeitsresistente Gemüsearten angebaut: Bittermelone, Okra, Gurke, Flügelgurke, Schlangenhaargurke, Aubergine, Kürbis, Indischer Spinat, Taro, Wachskürbis oder Kurkuma, um nur einige zu nennen. Wenn die Wasserstände zu Beginn der Trockenzeit sinken, werden die Plattformen auf die Felder gelegt, als nährstoffreicher Mulch für Trockenzeitkulturen wie Tomate, Blumenkohl, Spinat, Flaschenkürbis, Spargelbohne, Bohnen, Kartoffeln, Kohl, Kohlrabi, Speiserübe, Radieschen, Karotte, Ingwer, Zwiebel, grüne Chilis und Knoblauch. Dieses ganzheitliche System ist so produktiv, dass die Erträge häufig höher ausfallen als in der herkömmlichen Landwirtschaft in Auengebieten. Laut einem Bericht der FAO sind die Erträge der Schwimmenden Gärten so zuverlässig, dass dieses System für 60 bis 90 Prozent der Menschen in den Feuchtgebieten Süd-Bangladeschs die beste Form der Nahrungsmittelproduktion darstellt.
Variationen der Schwimmenden Gärten gibt es ebenfalls in Myanmar, Kambodscha, Mexiko und Indien. Sie werden oft auf bestimmte indigene Communitys zurückgeführt, die den Gärten ihre verschiedenen Namen gegeben haben: radh in Kaschmir, pontha in Südostindien, kaing in Myanmar, chinampas in Mexiko und dhap oder baira in Bangladesch.
Sozioökologische Vorteile und Klimaresilienz
Das System der schwimmenden Gärten bringt vielfältige Vorteile. Ökologisch gesehen verwandelt es Umweltprobleme in produktive Ressourcen. Die Wasserhyazinthe, die andernorts Wasserwege verstopft und den Sauerstoffgehalt des Wassers mindert, erhält hier eine wichtige landwirtschaftliche Funktion. Die Gärten sind von Natur aus nachhaltig und tragen dazu bei, ökologische Ungleichgewichte auszugleichen: Sie reduzieren den Einsatz synthetischer Düngemittel oder Pestizide und helfen so zugleich, die Treibhausgasemissionen zu senken. Zugleich reduziert ihre lokale Verankerung den CO₂-Fußabdruck, der durch den Transport landwirtschaftlicher Erzeugnisse entsteht. Zusammengenommen überwiegen diese Vorteile deutlich gegenüber dem vermeintlichen Nutzen von Monokulturen und intensiver Landwirtschaft, wie sie von agrarindustriellen Konzernen propagiert werden.
Wirtschaftlich sorgen Schwimmende Gärten für entscheidende Einkommensstabilität in Regionen, in denen saisonale Überschwemmungen traditionell zu monatelangem wirtschaftlichen Stillstand geführt haben. Sie ermöglichen Landwirtschaft in hochwassergefährdeten Gebieten und garantieren Ernährungssicherheit sowie Einkommen in Zeiten, in denen konventionelle Landwirtschaft nicht möglich ist. Im Gegensatz zu den teuren Technologien der Agrarindustrie basieren Schwimmende Gärten auf lokal verfügbaren Materialien und traditionellem Wissen. Dadurch werden sie für marginalisierte Gruppen wie Kleinbäuer*innen, Frauen und landlose Arbeitskräfte zugänglich, die in der Regel nicht über die finanziellen Mittel verfügen, um in teure Betriebsmittel zu investieren.
Darüber hinaus stärken Schwimmende Gärten die Resilienz der Gemeinschaften, da sie selbst bei klimabedingten Katastrophen eine verlässliche Nahrungs- und Einkommensquelle darstellen. Diese Resilienz ist für den Aufbau einer langfristigen Nachhaltigkeit in gefährdeten Regionen von entscheidender Bedeutung. Besonders hervorzuheben sind geschlechtsspezifische Aspekte, da Frauen, die in Bangladesch einen großen Teil der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte ausmachen, eine zentrale Rolle in der Kultivierung der Schwimmenden Gärten spielen. Diese Praxis stärkt ihre Position in der Gesellschaft, da sie ihnen Einkommensquelle und Ernährungssicherheit verschafft, insbesondere in den männlich dominierten ländlichen Gemeinden. Auch Kleinbäuer*innen, Landlose und marginalisierte Gruppen profitieren von dieser niedrigschwelligen Anbaumethode, die Fragen der Klassen- und sozialen Ungleichheit angeht.
Auch in ernährungspolitischer Hinsicht bieten Schwimmende Gärten entscheidende Vorteile, da sie in Regionen, die zuvor von saisonalen Ernten abhängig waren, einen ganzjährigen Zugang zu einer Vielfalt von Gemüsesorten ermöglichen.
Institutionelle Unterstützung, Ausbaupotenzial und Zukunftsperspektiven
Der heutige Erfolg der Schwimmenden Gärten geht auf strategische Kooperationen zwischen traditionellen Wissenträger*innen und institutionellen Partnern zurück. Seit den 1990er-Jahren arbeiten bangladeschische NGOs wie Practical Action Bangladesh und das Bangladesh Rural Advancement Committee (BRAC) daran, diese Technik weiterzuentwickeln und ihre Verbreitung zu fördern, indem sie Kleinbäuer*innen mit technischer Beratung, Schulungen und Ressourcen unterstützen. Ihre Maßnahmen reichen von der Entwicklung standardisierter Konstruktionsmodelle über die Einrichtung von Beispielanlagen bis hin zur Gründung von Frauenkooperativen für den gemeinschaftlichen Anbau und Verkauf.
Die staatliche Unterstützung ist ebenso wichtig. Die Abteilung für landwirtschaftliche Beratung (Bangladesh Department of Agricultural Extension) bietet politische Unterstützung und Finanzmittel zur Förderung der Schwimmenden Gärten als klimaresilienter Landwirtschaftspraxis. Forschungsinstitutionen wie das Bangladesh Agricultural Research Institute (BARI) führen Studien durch, um die Effizienz und Nachhaltigkeit von schwimmenden Gärten zu verbessern. Internationale Organisationen wie die FAO oder das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) stellen finanzielle Mittel und fachliche Expertise zur Verfügung, um klimaresiliente landwirtschaftliche Projekte wie Schwimmende Gärten weiterzuentwickeln und zu fördern.
Doch trotz all dieser Erfolge stößt die Hydrokultur auch an ihre Grenzen. Die Technik funktioniert besonders gut in Regionen, die vier bis acht Monate pro Jahr überflutet sind, doch Regionen mit permanenter Staunässe erfordern andere Ansätze. Auch die Verfügbarkeit der benötigten Materialien schränkt eine landesweite Umsetzung ein, da die Verbreitung von Wasserhyazinthen je nach Region variiert. Manche Bäuer*innen haben auch, an Bambus zu gelangen, da Waldflächen zunehmend privatisiert werden. Zudem gerät das Gemeineigentum der Feuchtgebiete, in denen die Hydrokulturen gedeihen, zunehmend unter Druck. Lokale Eliten und politisch vernetzte Einzelpersonen haben begonnen, die Gebiete für sich zu beanspruchen und besonders geeignete Standorte in der Nähe von Kanälen zu häufig ausbeuterischen Konditionen an Kleinbäuer*innen zu verpachten. So werden traditionelle Zugangsrechte zerstört und bestehende soziale Ungleichheiten verschärft.
Laut Practical Action Bangladesh nutzen landwirtschaftlich tätige Familien entweder ihre eigenen Flächen für Schwimmende Gärten oder pachten diese, falls sie kein eigenes Land besitzen. Das Pachten von Anbauflächen ist dabei – sofern es unter fairen Bedingnungen geschieht – überraschend kosteneffizient: Für umgerechnet rund acht US-Dollar kann ein*e Bäuer*in etwa 20 Quadratmeter für vier bis fünf Monate bewirtschaften. Diese Investition amortisiert sich in der Regel schon nach drei bis vier Monaten und liefert bis zu 16 Kilogramm Gemüse bei minimalen Betriebskosten. Kleinbäuer*innen können ihre Produktion zudem steigern, indem sie größere Flächen pachten und damit bis zu viermal mehr erwirtschaften als beim traditionellen Reisanbau.
Doch der Klimawandel bringt neue Herausforderungen mit sich. Die zunehmend unberechenbaren Regenfälle treiben Schwimmende Gärten gelegentlich davon, sodass sie auf dem Trockenen liegen. Oder sie werden bei außergewöhnlich hohem Wasserstand überflutet. In den Küstenregionen zwingt das Vordringen von Salzwasser dazu, salztolerante Gemüsesorten zu entwickeln. Forschende reagieren darauf mit Innovationen wie höhenverstellbaren Plattformen und brackwasserresistenten Pflanzen. Dennoch stellt das rasante Tempo der Umweltveränderungen die Anpassungsfähigkeit des Systems auf eine harte Probe. Um diese Anbaumethode langfristig in umfassendere Strategien einer klimaresilienten Landwirtschaft einzubinden, sind weitere wissenschaftliche Forschung, politische Unterstützung und ökologische Schutzmaßnahmen unerlässlich.
Globale Erkenntnisse und transformatives Potenzial
Die Schwimmenden Gärten von Bangladesch sind mehr als eine technische Anpassung an saisonale Überschwemmungen. Sie sind ein ganzheitliches Paradigma nachhaltiger Entwicklung, das ökologisches Gleichgewicht, soziale Gerechtigkeit und die Weitergabe kulturellen Erbes miteinander verbindet. Angesichts der weltweit zunehmenden Klimafolgen zeigen sie, wie gefährdete Bevölkerungsgruppen nicht Opfer, sondern aktiv Wegweiser für erfolgreiche Anpassungsstrategien sein können. Schwimmende Gärten lassen Ernährungssouveränität Wirklichkeit werden: durch dezentralisierte Ressourcennutzung und den direkten Wissensaustausch unter Kleinbäuer*innen.
Progressive Agrar- und Klimabewegungen können aus den Erfahrungen der Schwimmenden Gärten von Bangladesch mehrere wichtige Erkenntnisse ziehen. Bewegungen für Ernährungssouveränität müssen agroökologische Praktiken Vorrang einräumen, die die Kernprinzipien von Nachhaltigkeit, Biodiversität und kollektiver Resilienz stärken, und sich zugleich entschlossen gegen profitorientierte, agrarindustrielle Modelle stellen. Um die Kontrolle der Konzerne über die Landwirtschaft anzufechten, sind politische Maßnahmen erforderlich, die Kleinbäuer*innen unterstützen und naturbasierte Lösungen durch Allianzen zwischen Kleinbäuer*innen, Wissenschaft, NGOs und politischen Entscheidungsträger*innen stärken. Staaten müssen ihre Fördermittel in partizipative Forschung, Fortbildungen und den Ausbau der Infrastruktur für gemeinschaftlich getragene Anpassungsprojekte umlenken.
Da Bangladesch bis zum Jahr 2100 mit einem Anstieg des Meeresspiegels um bis zu 1,5 Meter rechnen muss, wird sich auch die schwimmende Landwirtschaft kontinuierlich weiterentwickeln müssen. Doch ihre Kernprinzipien – Anpassungsfähigkeit, ökologische Integration und gemeinschaftliche Verantwortung – bleiben universell relevant. Diese Gärten sind mehr als nur eine Anbaumethode. Sie tragen generationenübergreifendes Wissen darüber in sich, wie Leben in dynamischen Ökosystemen gelingen kann. Ihre Botschaft ist klar: Wahre Klimaresilienz entsteht nicht in den Unternehmenslaboren, sondern in demokratisierten Wissenssystemen, die Gemeinschaften befähigen, im Rahmen ökologischer Grenzen innovativ zu sein.
Übersetzung von Claire Schmartz & Camilla Elle für Gegensatz Translation Collective
