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Zum ersten Mal in der Geschichte Afrikas hat eine ökosozialistische Partei Sitze in einem nationalen Parlament gewonnen – die Partei Resistans ek Alternativ in Mauritius. Das bedeutet für sie einen hochrangigen Kabinettsposten, den Posten eines Staatssekretärs und den Vorsitz eines Arbeitsausschusses. Die Wähler*innen haben der Resistans ek Alternativ und ihren Bündnispartnern das Mandat erteilt, umfassende Schutzmaßnahmen für Arbeiter*innen und die Umwelt einzuführen. Dieser Artikel zeichnet den Weg der Resistans ek Alternativ nach und diskutiert, was die Partei regierungsfähig macht.
Roland Ngam ist Projektmanager für Klimagerechtigkeit im Südafrika-Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Johannesburg. Zuvor war als Postdoktorand im Emancipatory Futures Studies Programme an der University of the Witwatersrand. Ibrahima Thiam ist Projektmanager für Klimagerechtigkeit im Südafrika-Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Johannesburg. Zuvor war als Postdoktorand im Emancipatory Futures Studies Programme an der University of the Witwatersrand.
Es ist ein heißer Tag und ich sitze zu Hause und verfolge die Nachrichten aus Mauritius. Ich will wissen, wie Resistans ek Alternativ (Resistans oder ReA) bei den Wahlen am 10. November 2024 abgeschnitten hat. Obwohl es auf Mauritius nach den Enthüllungen um einen „Abhörskandal“ (auf den ich weiter unten zurückkomme) viel Unmut gibt, habe ich keine großen Hoffnungen. Alle Wahlen in der jüngeren Vergangenheit (in den USA, Georgien, Polen, Frankreich …) wurden von rechtsgerichteten Parteien gewonnen. Könnte also ausgerechnet Mauritius diesen Trend umkehren und eine demokratisch-sozialistische Partei gewinnen lassen?
Resistans ist Teil der Koalition Alliance for Change (Allianz für einen Wandel), zu ihr gehören auch die Labour Party (von Navin Ramgoolam, Sohn des ersten Premierministers Sir Seewoosagur Ramgoolam), der ehemalige Premierminister Paul Bérenger vom Mauritian Militant Movement (Mauritische militante Bewegung, MMM) und die Mitte-Rechts-Partei Nouveaux Démocrates. Resistans ist für mauritische Verhältnisse eine ziemlich junge Partei. Sie trat erstmals bei den Parlamentswahlen 2005 an. Ihre Kritik am mauritischen Wahlsystem, das eine ethnische Klassifizierung der Kandidat*innen vorschreibt, führte jedoch zu ihrem Ausschluss von mehreren folgenden Parlamentswahlen. Im Jahr 2015 benannte sich die Partei um und stellte sich neu auf. Im Jahr 2024 traten vor diesem Hintergrund nur drei Kandidat*innen in drei Wahlkreisen an: Ashok Subron, Dr. Babita Thanoo und Kuvalayen Kugan Parapen. Ashok Subron kandidierte im Wahlkreis 4 (Port Louis Nord und Montagne Longue), Babita Thanoo im Wahlkreis 8 (dem Wahlkreis des amtierenden Premierministers Pravid Jugnauth) und Kugan Parapen im Wahlkreis 1 von Port Louis.
Eine Reihe prominenter Mitglieder der Resistans sowie Aktivist*innen und Gewerkschafter*innen schlossen sich 2010 zusammen und gründeten das Zentrum für alternative Studien und Forschung (Centre for Alternative Research and Studies, CARES). Die Hauptziele von CARES sind die emanzipatorische Bildung der Bevölkerung von Mauritius und Südafrika, die Förderung von postwachstumsorientierten Alternativen zum hegemonialen Marktkapitalismus, die Durchführung von Kampagnen gegen Krieg und Extraktivismus, die Schaffung einer radikaldemokratischen Gegenmacht von unten und der Aufbau einer starken, aufstrebenden Bewegung im Südwestindischen Ozean. Jedes Jahr organisiert CARES eine Reihe von Workshops und Seminaren sowie, am Ende des Jahres, eine jährliche Schule für Ökologie (Indian Ocean School of Ecology, SOE). Das Ziel ist, Menschen zu befähigen, koloniale Erfahrungen aktiv zu dekonstruieren und durch neue pluriversale Vorstellungswelten zu ersetzen, die auf Teilen und Fürsorge beruhen. Die Teilnehmenden der SOE sind danach besser gerüstet, um die Rechte von Mensch und Natur zu verteidigen. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung unterstützt CARES und das Bildungsprogramm seit über einem Jahrzehnt. Der ehemalige Leiter des RLS-Büros für das südliche Afrika, Jan Leidecker, war Gast bei der Neugründung von Resistans, und auch die nachfolgenden Leiter*innen Sigi Schroeder und Janine Walter haben eine besondere Verbundenheit zu dieser Organisation, da sie die gleichen Ideale vertritt wie die Partei Die Linke.
Erdrutschsieg für die Alliance for Change
Allmählich treffen die Ergebnisse ein und mein Herzschlag beschleunigt sich. Die Alliance for Change hat das Militant Socialist Movement und die Lepep Alliance des amtierenden Premierministers Pravind Jugnauth mit einem Erdrutschsieg, nein, vielmehr mit einem Bombenerfolg geschlagen und 60 der 62 Sitze im Parlament gewonnen. Die beiden übrigen Sitze gingen an die Organisation du Peuple Rodriguais (OPR). Es ist erst das dritte Mal in der Geschichte der mauritischen Politik, dass die Opposition alle amtierenden Bewerber*innen schlägt.
Es ist eine vernichtende Niederlage für die bisher amtierenden Parteien. Dennoch versuche ich verzweifelt, konkrete Details über die Wahlkreise 1, 4 und 8 zu erfahren. Ich tätige einige Anrufe, aber niemand geht ans Telefon. Am nächsten Tag erfahre ich, dass alle drei Resistans-Kandidat*innen gewählt wurden. Einen Tag später erhalte ich endlich einen Anruf. Es ist Ashok, und er hat noch bessere Nachrichten: „Es ist geschafft, Genosse. Sie haben uns einen Ministerposten angeboten, und wir sind gerade dabei, dies intern in der Partei zu diskutieren. Ich weiß noch nicht, wie es weitergehen wird, aber das ist die Lage.“ Gleichzeitig ruft mich mein Kollege Ibrahima Thiam an, um mir die Ergebnisse seines Interviews mit Dr. Babita Thanoo mitzuteilen. Ein weiterer Kollege, Fredson Guilengue, der die Beziehung zwischen CARES und dem RLS-Büro für das südliche Afrika initiiert hat, ist ebenfalls begeistert. „Das ist eine große Sache. Du musst über diese Geschichte berichten“, sagt er immer wieder zu mir. Aber ich wusste bereits, dass ich mir dieses bahnbrechende Ereignis selbst ansehen musste. Eine Woche später, nach der COP29, sitze ich im Flugzeug der South African Airways nach Mauritius.
Siegesgefühl an der Indian Ocean School of Ecology
Es ist der erste Abend der diesjährigen CARES 2024 Indian Ocean Summer School of Ecology und das Freiluft-Auditorium von Senlis-sur-Mer ist voller Leben. Dany-Marie begrüßt mich mit einem strahlenden Lächeln. Anwesend sind Delegierte aus Réunion, Rodrigues, Madagaskar, den Komoren und den Seychellen. Auch Delegierte vom afrikanischen Festland sind angereist: aus Südafrika, Simbabwe, Tansania, Kenia, Mosambik, der Republik Kongo, der Demokratischen Republik Kongo, Nigeria und dem Senegal. Sogar eine Delegation aus Dänemark ist dabei.
Es hat sich herumgesprochen, dass Ashok Subron, der Vorsitzende von Resistans ek Alternativ, vorbeikommen wird, um die Delegierten zu begrüßen. Vielleicht sollten wir ihn mit seinem neuen Titel ansprechen: Herr Minister Ashok Kumar Subron! Er wurde zum mauritischen Minister für soziale Integration, soziale Sicherheit und nationale Solidarität ernannt, ein Ressort, das die Sozialbeiträge und -leistungen von über 70 Prozent der Mauritier*innen verwaltet. Sein stellvertretender Minister Kugan Parapen ist ebenfalls Gründungsmitglied von Resistans.
Dann trifft er ein. Spontan bricht der Raum in Freiheitsgesänge aus. Auch „Amandla! Awethu!“-Rufe sind zu hören. Ashok nimmt alles in sich auf, während er wartet, bis sich das Amphitheater wieder beruhigt hat. Dann hält er eine kurze Rede.
„Genossinnen und Genossen, dies ist unser Moment!“ Die Delegierten jubeln. „Dieser Sieg ist ein Sieg für die Arbeiter*innen.“ Ashok spricht kurz über den Weg der Resistans zur Macht und die letzten Wahlen. Dann fügt er hinzu: „Bevor ich zur Vereidigungszeremonie ging, fragte sich ganz Mauritius: ‹Wird Ashok im Parlament einen Anzug und ordentliche Schuhe tragen?›“ Allgemeines Gelächter. „Ich bin einen kleinen Kompromiss eingegangen.“ Noch mehr Gelächter. „Wo wir jedoch keine Kompromisse eingehen werden, das ist bei den Versprechen ans Volk. Wohin ich auch gehe, habe ich immer eine Kopie unseres Wahlprogramms dabei – sowohl als Erinnerung als auch als Versprechen, dass wir das Volk niemals verraten werden. Wenn wir es verraten, führen wir Gesetze ein, damit es uns rauswerfen kann.“ Erneuter tosender Applaus.
Ashok bedankt sich noch einmal bei den Anwesenden und verabschiedet sich dann. Er muss zurück in sein Büro. Sein Posteingang sei bereits sehr voll. Weder Kugan noch Dr. Babita Thanoo sind anwesend. Sie werden erst am Wochenende kommen. Dr. Thanoo hat einen neuen Spitznamen: „Le Tombeur du Premier Ministre“, wörtlich „Die Bezwingerin des Premierministers“, weil sie den amtierenden Pravind Jugnauth in dessen Wahlkreis besiegt hat.
Wie sie es geschafft haben: Der Weg von Resistans ek Alternativ ins Parlament
Als wir uns einige Tage später kurz am Strand von Pomponette unterhalten, erzählt mir die mauritische Aktivistin Amira: „Hätte vor einigen Jahren jemand gesagt, dass Resistans bis 2024 Teil der Regierung wäre, hätte man ihm ins Gesicht gelacht. Resistans ist bekannt dafür, soziale Probleme direkt anzugehen, manchmal Protestaktionen zu organisieren und keine Kompromisse bei politischen Positionen einzugehen. Die Wähler*innen lieben sie, weil sie als Kämpfer*innen für das Volk gelten. Aber die Wähler*innen scheuten sich häufig auch davor, ihre Stimme für sie abzugeben.“
Das ist doch paradox, oder? Dass Menschen gegen ihre eigenen Interessen stimmen? Doch Ameerahs Beobachtung kommt mir vertraut vor. In vielen Ländern werden demokratisch-sozialistische Parteien, die wichtige Erfolge in Bezug auf arbeitnehmerkontrollierte Produktionsmittel, gleiche Bezahlung, psychische Gesundheit, Umweltschutz, Beendigung von Kriegen, Geschlechtergerechtigkeit und LGBTQ+-Rechte erzielt haben, häufig mit negativen Vorurteilen belegt. Sie werden als „zu woke“ und zu gefährlich für ein politisches Amt bezeichnet. Solche Verleumdungskampagnen sind oft sehr erfolgreich. Sie lenken die Wähler*innen stets in die Richtung von Demagog*innen.
Resistans ek Alternativ steht in der Tat dafür ein, die eigenen Überzeugungen konsequent zu verfolgen. Seit ihrer Gründung richtet die Partei ihren Kampf auf die Verbesserung der materiellen Lebensbedingungen der mauritischen Bevölkerung aus. Ihr Slogan für die Kommunalwahlen 2015 lautete „Ansam nous transform nous lavil“ (Gemeinsam können wir die Städte verändern). Dies lässt sich auf ihre umfassendere Vision für das ganze Land übertragen. Um diese zu verwirklichen, kämpft Resistans an vorderster Front gegen alle Formen von Ungerechtigkeit. In ihrer ersten großen Kampagne konzentrierten sie sich auf die Förderung des Morisianismus. Was ist Morisianismus? Es ist das Recht der Mauritier*innen, sich eine Beschäftigung zu suchen oder für ein Amt zu kandidieren, ohne ihre ethnische Herkunft angeben zu müssen. Ashok erläutert: „Wir bezeichnen uns als ökosozialistische Bewegung, die ökologische Themen mit Themen der Arbeiter*innenklasse, sozialen Themen und demokratischen Themen verbindet. Unsere erste Aktion bestand darin, das ethnisch geprägte politische System infrage zu stellen, das wir aus unserer langen Kolonialgeschichte geerbt haben. Während der verschiedenen politischen Phasen dieser Epoche gab es viele ethnisch geprägte Spannungen, die dazu dienten, das Bewusstsein der Arbeiter*innenklasse zu unterdrücken. Wir haben einen Rechtsstreit bis vor den Obersten Gerichtshof und den UN-Menschenrechtsrat getragen und parallel dazu einen politischen Kampf aufgenommen. Letztendlich führte dieser Kampf zur Entstehung des Morisianismus, unserer Version des Humanismus, der Version der multiplen und unteilbaren Identitäten. Wir sind ein Resultat des Kolonialismus, wir sind ein Ergebnis unseres Kampfes. Wie Sie wissen, gab es bei uns keine indigene Bevölkerung, sondern Menschen aus aller Welt kamen hierher, um zu arbeiten: Sklav*innen, Vertragsarbeiter*innen und andere, die viele verschiedene Kulturen und Lebensweisen mitbrachten.“
Der Morisianismus, der mauritische Humanismus, ist eine neue geistige Strömung auf Mauritius. Sie fordert gleiche Rechte für alle, umfassenden Umweltschutz, verbesserte Arbeitsbedingungen, die Beendigung der Strandnahme durch Hotelketten und Bauträger, den Schutz der digitalen Rechte aller Bürger*innen, die Beteiligung am internationalen Solidaritätsaufruf zur Beendigung aller Kriege sowie die Forderung nach einer Überarbeitung der Abkommen für die Chagos-Inseln und Agalega.
Als die Beschäftigten im Gastgewerbe während der Corona-Pandemie beurlaubt wurden, setzte sich Resistans gemeinsam mit anderen Bewegungen erfolgreich dafür ein, dass die Regierung die Arbeitsplätze in allen Sektoren durch Lohnzuschüsse sicherte und ein Entlassungsgremium einrichtete, das Kündigungen bis zum Ende der Pandemie verhinderte.
Nachdem am 25. Juli 2020 ein japanischer Öltanker vor der Küste von Mahebourg auf Grund gelaufen war, mobilisierte Resistans Menschen, um rund um den Unfallort Barrieren aus getrockneten Zuckerrohrblättern zu errichten. Diese handwerkliche Lösung konnte die Auswirkungen des Unfalls begrenzten, bis die Regierung und ausländische Akteure, die ihre Hilfe angeboten hatten, eintrafen, um das Öl aus den am stärksten betroffenen Bereichen zu entfernen. Die Bevölkerung konnte sehen, wie die Aktion von Resistans Hunderttausende Freiwillige mobilisiert hat, um die Küste von Mahebourg zu sichern. Einige Tage später halfen sie dabei, über hunderttausend Menschen zu mobilisieren, die gegen die langsame Reaktion der mauritischen Regierung demonstrierten und Entschädigungen für das Land und seine Umwelt forderten.
Seit vielen Jahren kämpfen sie gegen die Aneignung der Strände in Palmarin, Rivière Noire und Pomponette. Am 1. Mai 2018 rissen sie die Absperrungen eines für den Bau eines Fünf-Sterne-Hotels vorgesehenen Gebiets nieder. Resistans fordert, dass der Strand als Blauer-Flaggen-Strand ausgewiesen wird und so das „saubere Wasser, die saubere Küste und ein freier Zugang für alle“ gesichert werden. Während der Proteste in Pomponette wurden mehrere Mitglieder von Resistans festgenommen, darunter die Mitglieder des Nationalkomitees David Sauvage und Ashok. Der ReA-Slogan „Aret Kokin Nu Laplaz“ (Hört auf, unsere Strände zu stehlen) ist zum Schlachtruf aller geworden, die dafür kämpfen, dass die einfachen Mauritier*innen die Strände ihres Landes ungehindert genießen können.
Amílcar Cabral sagte einmal:
Denkt immer daran, dass Menschen nicht für Ideen kämpfen, für Dinge, die in den Köpfen stecken. Sie kämpfen, um materielle Vorteile zu erlangen, um besser und in Frieden zu leben, voranzukommen, um die Zukunft ihrer Kinder zu sichern.
Getreu diesem Credo leistet Resistans nicht nur Widerstand, sondern bietet auch Alternativen für eine bessere Welt.
Schwierigkeiten im Vorfeld der Wahlen
Die Vorbereitungen für die Wahlen 2024 offenbarten eine recht toxische Kehrseite der mauritischen Politik. Schon zuvor belastete die Krise der Lebenshaltungskosten das Land – ein schwerwiegendes Problem für einen Staat, der den Großteil seiner Lebensmittel und sogar einen Teil der Melasse für die vielen Zuckerrohr- und Rumfabriken importiert. Hinzu kamen hohe Treibstoffpreise, die eine Reihe von Protesten auslösten. Die größten Probleme waren jedoch die Korruption und der Abhörskandal.
Seit 2020 gab es schwerwiegende Korruptionsvorwürfe gegen die Regierung Jugnauth. So wurde behauptet, dass einige seiner Kabinettsminister*innen an der Ermordung eines wichtigen politischen Akteurs beteiligt waren, der Beweise in der Hand gehabt habe, um sie zu stürzen. Es gab Skandale um die Veruntreuung hoher Summen an Steuergeldern bei der Beschaffung von persönlicher Schutzausrüstung für den Einsatz gegen die Corona-Pandemie. Es gab schwerwiegende Vorwürfe, dass hochrangige Minister*innen einem bekannten Drogenhändler den Erwerb von Grundstücken erleichtert hätten. Hinzu kamen Anschuldigungen über geheime Absprachen mit Teilen der Polizei, die politische Gegner*innen durch sogenanntes „Unterjubeln von Drogen“ „vorbeugend ausschalteten“ – ähnlich dem, was in Russland als „Kompromat“ bekannt ist. Dazu warfen ehemalige Mitarbeiter*innen der nationalen Telefongesellschaft der Regierung vor, das durch Mauritius verlaufende SAFE-Kabelsystem manipuliert zu haben, möglicherweise, um ausländische Kommunikation abzuhören.
Im Vorfeld der Wahlen 2024 begann die unter dem Namen „Missie Moustass“ bekannte Social-Media-Aktivistin, Aufzeichnungen von Gesprächen zwischen Aktivist*innen, Polizeibeamt*innen und Mitgliedern der Opposition zu veröffentlichen. Als daraufhin der Regierung Abhörpraktiken vorgeworfen worden wurden, behauptete Premierminister Jugnauth, die Aufzeichnungen seien mithilfe von KI erstellt worden. Dann wurde es noch skandalöser. Kurz darauf tauchten Aufzeichnungen auf, die den Eindruck erweckten, dass die gesamte Regierung von Kobita Jugnauth, der Frau des Premierministers, geführt wurde. Auf einer Aufnahme war zu hören, wie sie sich abfällig über den indischen Botschafter äußerte – dabei ist Indien ein wichtiger Partner von Mauritius. Eine andere Aufnahme enthüllte, wie sie versuchte, dem Oppositionspolitiker Navin Ramgoolam den Zugang zu den Medien zu erschweren. Oder wie sie diktierte, wer Posten in der Regierung bekommen sollte, wie sie sich über Tamilen beschwerte und sogar eine Verleumdungskampagne gegen den ehemaligen Premierminister Collendavelloo plante. In einer weiteren belastenden Aufnahme ist zu hören, wie Polizeichef Anil Kumar Dip einen Gerichtsmediziner unter Druck setzte, den Autopsiebericht eines Mannes zu ändern, der nach einer Prügelstrafe in einer Polizeizelle gestorben war.
Kobita wurde zur Marie Antoinette der mauritischen Politik: Sie wurde zum Blitzableiter, der den Zorn der gesamten Insel auf sich zog. Um die Leaks versiegen zu lassen, verbot Pravind Jugnauth vom 4. bis 11. November alle sozialen Medien auf der Insel. Das war zu viel für die Mauritier*innen, die VPNs und Mundpropaganda nutzten, um den Sturz der amtierenden Regierung trotzdem voranzutreiben.
Zurück zur Indian Ocean School of Ecology
Es ist Wochenende und Ashok ist an die Indian Ocean School of Ecology zurückgekehrt. Ebenso wie andere globale Ikonen der Linken: die französische Politikwissenschaftlerin Françoise Vergès, Zo Randriamaro von CRAAD-OI Madagaskar, Nnimmo Bassey, Vorstandsmitglied von Oil Watch und Gründer der Health of Mother Earth Foundation (HOMEF), Charlize Tomaselli, Forschungsleiterin von AIDC, und Brian Ashley, der ehemalige Direktor von AIDC. Auch Genoss*innen von Global Aktion aus Dänemark sind dabei. Sie sind nicht nur gekommen, um wissbegierigen jungen und alten Köpfen eine radikale emanzipatorische Bildung zu bieten, sondern auch, um sich mit Genoss*innen zu einem gemeinsamen Essen zu treffen, die eine neue Phase des Aktivismus innerhalb der Regierungsstrukturen einleiten wollen. Auch die regelmäßig Teilnehmenden von Resistans sind mit von der Partie: Dany Marie, David Sauvage, CARES-Präsident Stefan Gua, Devianand Narrain, Michel Chiffone, Veena Dholah, Dany Montille, Ashvin Gudday, Blackwell Louis, Anne-Gaëlle Carré, Ian Jacob und viele andere.
Inmitten des Trubels findet Ashok Zeit, mit mir über die Bedeutung der Wahlen zu sprechen. Wir sind uns beide einig, dass im Land allgemein eine große Freude herrscht.
„Wenn man durch die Straßen läuft, sieht man, dass die Menschen glücklich sind! Sie fühlen sich befreit. Es herrscht eine freudige Stimmung und gleichzeitig ... bin ich stolz, sehr stolz! Es ist das dritte Mal in der Geschichte des Landes, dass die Opposition alle Sitze gewonnen hat. Die Priorität lag darauf, diese Regierung mit ihren autoritären neofaschistischen Tendenzen, die wir in den letzten zehn und insbesondere in den letzten fünf Jahren erlebt haben, loszuwerden. Denn die Menschen sagten: Wir haben euch zwar gewählt, aber wenn ihr keine Ergebnisse liefert, werden wir gegen euch stimmen.“
Obwohl der Sieg etwas überraschend kommt, hebt Ashok die Arbeit hervor, die seit langem im Hintergrund geleistet wurde:
„Wir kämpfen seit langem für mauritische Werte, den Wert der Familie, den Schutz der Strände, kontrollierten Tourismus, für Feuchtgebiete, Arbeitsrechte, Rechte für prekär Beschäftigte und vieles mehr. Ich selbst bin beispielsweise seit über dreißig Jahren in der Gewerkschaftsbewegung aktiv. Wir haben uns auch aktiv an der Organisation kleiner Energiegenossenschaften und der Schulung von Organisationen von Kleinbäuer*innen beteiligt. Wir haben vorausschauend gehandelt, als wir schon vor Jahren begonnen haben, uns für digitale Rechte und Datenschutzbestimmungen einzusetzen. Angesichts des Abhörskandals können die Menschen nun sehen, dass wir die ganze Zeit Recht hatten.“
Wir sprechen über die Veränderungen, die Resistans auf nationaler Ebene erreichen möchte:
„Wir haben uns auf eine Reihe wichtiger politischer Maßnahmen geeinigt, die in das Manifest der Alliance for Chance aufgenommen werden sollen, als Voraussetzung für unseren Beitritt zur Koalition. Dazu gehören die allgemeine Einführung der Fünf-Tage-Woche mit 40 Stunden, um die Work-Life-Balance der Mauritier*innen zu gewährleisten und die Zeit, die wir mit unseren Kindern verbringen, neu zu organisieren; die Abschaffung der Verpflichtung für politische Kandidat*innen, ihre ethnische Herkunft anzugeben, da sonst bislang die Kandidatur disqualifiziert werden konnte; Änderungen in der Gesetzgebung in Bezug auf Arbeitsrechte in Zeiten von Klimakatastrophen. Zum ersten Mal haben wir ein demokratisches Mandat für die Anerkennung der Rechte der Natur in der Verfassung von Mauritius. Außerdem haben wir zwei Rechtsgrundsätze aufgenommen. Erstens gilt der Grundsatz der öffentlichen Verantwortung für Rechtsstreitigkeiten, sowohl für sozioökologische als auch für sozioökonomische Fragen und Sammelklagen. In einer Region, in der es zu einer ökologischen Katastrophe kommt, können alle Bürger*innen sofort auf Entschädigung klagen. Und wir haben das Recht auf Abberufung eingeführt. Wir sind der Meinung, dass die Menschen zwei Jahre nach einer Wahl das Recht haben sollten, das Mandat ihrer Abgeordneten zu widerrufen, wenn sie mit ihnen nicht zufrieden sind. Dies ist eine bedeutende Veränderung seit der Einführung des allgemeinen Wahlrechts im Jahr 1948, seit der Unabhängigkeit im Jahr 1968 und der Verankerung des Wahlrechts in der Verfassung im Jahr 1982.“
Ashok stimmt mit Amílcar Cabral überein, dass das Volk letztendlich die Macht erlangen muss, um echte Verbesserungen seiner materiellen Lebensbedingungen zu erreichen. Er erklärt, dass dies der Grund war, warum sich Resistans zur Wahl gestellt hat: „Ökologische Themen können nicht isoliert betrachtet und auf den Spielraum von Nichtregierungsorganisationen beschränkt werden. Das kann nicht funktionieren. Es ist wichtig, ‹Kohle im Boden und Öl im Erdreich› zu lassen, doch diese Slogans sind bedeutungslos, wenn das Volk nicht die Macht im Land übernimmt, um Dinge sinnvoll zu verändern. Dies [keine politische Macht zu erringen] wäre fatal!“
Wir diskutieren etwa eine Stunde lang über die Zukunft von Resistans und Mauritius, dann werden wir unterbrochen. Der Vorsitzende der General Workers Federation, Clency Bibi, und andere versuchen, Ashok zu erreichen.
Ein Tag voller Jubel und Siegesgesänge
Der letzte Tag der Indian Ocean School of Ecology wird mit einem Picknick am Strand von Pomponette begangen. Wir freuen uns über den Abschluss, den Einzug von Resistans in die Regierung, die Tatsache, dass der Strand von Pomponette ein öffentlicher Ort ist, den Erfolg der Linken und das Leben im Allgemeinen. Über zweitausend Menschen sind an den Strand gekommen, um zu feiern, sich an vergangene Kämpfe zu erinnern und über die Zukunft zu diskutieren.
Gegen Mittag beginnen die Bands, die Stimmung anzuheizen. Alle auftretenden Musiker*innen sind auch selbst Aktivist*innen: Ragalayam, Emlyn/Langaz Ravann, Son of the Waves, Latanier, Racinetatane, die Kaya Band … Einige von ihnen waren am Kampf um den Strand beteiligt. Andere unterstützten die Menschen, als sie auf dem Höhepunkt der Wakashio-Krise Zuckerrohrblatt-Ölsperren bauten. Auch heute sind sie wieder hier, wie eine große Familie. Vahantsaina aus Madagaskar, Teilnehmer der Sommerschule für Ökologie 2024 und Gewinner eines renommierten Jazzwettbewerbs, spielt ebenfalls einige seiner größten Hits.
Ashok ist inzwischen mit einer Reihe von Politiker*innen der Resistans und der Alliance for Change eingetroffen: Rajesh Bhagwan vom MMM, Dany-Marie, Babita, Kugan, der Abgeordnete aus Pomponette und einige andere. Zwischen den Konzerten halten mehrere Redner*innen kurze Ansprachen über die Zukunft von Mauritius. Clency Bibi gratuliert Resistans zu ihrem großen Sieg und sagt, dass die Arbeiter*innen große Erwartungen an diese Regierung haben. „Die Arbeiterklasse ist jetzt an der Macht. Resistans ist ein Partner der General Workers Federation, und was wir für die Zukunft sehen, ist Engagement, Hoffnung und Zuversicht.“
Lall Dewnath, der Präsident der Independent Unions Federation, hält eine mitreißende Rede über die Rolle, die die Arbeiter*innen bei der Veränderung von Mauritius gespielt haben, und über die Kämpfe, die noch vor ihnen liegen. Die Stimmung ist elektrisierend. Als ich Lalls Wirkung auf die Menge beobachte, frage ich mich, warum er nicht auch für ein Amt kandidiert hat.
Der unermüdliche Rajesh Bhagwan betritt die Bühne. Er möchte alle daran erinnern, dass er sich gemeinsam mit Ashok stets für Arbeitsrechte, Umwelt und Klima engagiert hat. Der Moderator bittet ihn, nur fünf Minuten zu sprechen, aber Rajesh Bhagwan nennt man auch „den Bulldozer“, wie Ameerah mir erzählt, und er ist ein Senior, also macht er, was er will. Doch das Publikum liebt ihn und dank seiner erstklassigen Redekunst passt am Ende alles.
Während er spricht, umringen die Menschen Ashok, Babita und Kugan, um Selfies mit ihnen zu machen. Das breite Lächeln auf den Gesichtern ist nicht zu übersehen. Überall herrscht echte Freude. Nach Rajesh ist der Abgeordnete von Pomponette an der Reihe. Er gratuliert Resistans, betont jedoch, dass er keine radikalen Ideen tolerieren werde. Um welche radikalen Ideen es sich dabei handeln soll, verrät er nicht, aber es besteht auch keiner darauf, dass er das ausführt. Heute ist ein Tag zum Feiern.
Bevor Ashok, Babita und Kugan zu Wort kommen, gibt es weitere Musik.
Dies ist ein transformativer Moment für unsere Gesellschaft, und Frauen standen an der Spitze dieses Kampfes
ruft Babita Thanoo. Die Menge tobt.
„Ich werde Ihnen sagen, warum wir uns für den Schmetterling entschieden haben“, erzählt Kugan Parapen dem Publikum. „Unser Logo war früher eine Art Quadrat. Aber eines Tages besuchte mich ein Freund und wir tauschten Ideen aus, und dabei kam die Idee des Schmetterlings auf. Als Symbol für Verwandlung. Für vollständige Transformation. Und genau das wollen wir erreichen!“ Es folgt tosender Applaus.
Als die Sonne untergeht, die Menge anfängt, „Krapo Kryé“ und andere Sega- und Seggae-Songs zu singen und ich all die stolzen und glücklichen Gesichter um mich herum sehe, bin ich überzeugt: Dies ist ein großer Moment für die Linke auf Mauritius. Bei Resistans ging es schon immer um Transformation. Ihr transformativer, radikal demokratischer Ansatz in Politik und Gesellschaft, bei dem sie predigen und auch praktizieren, was sie predigen, hat die Partei beim Volk beliebt gemacht. Dieser Ansatz reicht von den Gewerkschaften über Pomponette bis hin zu Wakashio. Darin liegt die Chance, transformative Ideen in der Gesellschaft zu verbreiten. Ich bin sicher, dass sie alles tun werden, um ihre Visionen in die Realität umzusetzen.
Vielleicht ist dies die wichtigste Lehre aus dem Sieg von Resistans: den Mut zu haben, zu seinen Überzeugungen zu stehen und sie täglich in der eigenen Gemeinschaft zu leben, damit die Menschen, die die Bemühungen sowie Philosophie dahinter sehen, dich wählen können, um noch größere Veränderungen innerhalb des politischen Systems zu bewirken. Ich bin gespannt, wie weit dieses Experiment des Ökosozialismus gehen wird.
Ich verlasse Mauritius voller Zuversicht, dass die Geschichte von Resistans ek Alternativ gerade erst begonnen hat. Mit den Erfolgen, die sie für das mauritische Volk erzielen, wird die Resistans Zukunft haben.
Geschichte von Roland Ngam. Dr. Babitha Thanoo wurde von Roland Ngam und Ibrahima Thiam interviewt.
Aus dem Englischen von Camilla Elle und Claire Schmartz für Gegensatz Translation Collective.


