Interview | 70 Jahre Italienische Migration Verbündete und Unerwünschte

Italienische Migration und Zwangsarbeit 1937-1945

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Portrait von Carlo Gentile, Historiker
Carlo Gentile, Historiker Foto: privat

Die Geschichte der Italiener*innen in Deutschland während der faschistischen Ära und des Nationalsozialismus ist vielschichtig und ambivalent. Zwischen den späten 1930er-Jahren und 1945 kamen zehntausende Italiener*innen als Arbeitskräfte ins Reich – zunächst als willkommene Saisonarbeiter*innen, später als dringend benötigte Industriearbeiter*innen. Mit dem Kriegsverlauf verschoben sich die Bedingungen: Nach dem Seitenwechsel Italiens 1943 wurden über 600.000 Soldaten zu «Italienischen Militärinternierten» erklärt, entrechtet und zur Zwangsarbeit gezwungen. Ihre Erfahrungen spiegeln Spannungen zwischen politischer Allianz, rassistischer Abwertung und ökonomischer Ausbeutung wider. Das Interview mit Carlo Gentile beleuchtet diese oft vergessene Episode europäischer Migrations- und Gewaltgeschichte und fragt nach Nachwirkungen in der Nachkriegszeit.
 

Carlo Gentile ist Historiker (Univ. Köln) und forscht zu NS-Verbrechen, Holocaust und Erinnerungskultur. Er leitet das Projekt «NS-Täter in Italien 1943–45» und ist Mitglied der Deutsch-Italienischen Historikerkommission.

Massimo Perinelli/Cristina Raffaele: Wie war die Arbeitsmigration und die Situation der Italiener in Deutschland während des italienischen Faschismus und des NS-Regimes vor 1943?

Carlo Gentile: Die italienische Arbeitsmigration nach Deutschland hat eine lange Geschichte, blieb aber bis in die 1930er-Jahre relativ klein. Deutschland war für italienische Arbeiter lange kein besonders attraktives Ziel – Sprachbarrieren, die Wirtschaftskrise und die angespannte Lage in der Weimarer Republik wie auch in den frühen NS-Jahren spielten dabei eine große Rolle.

Ein erster Wendepunkt kam bereits 1937, als in Deutschland polnische Saisonarbeiter in der Landwirtschaft fehlten und Berlin sich an Rom wandte. Für Mussolinis Regime war das eine Gelegenheit, die soziale Lage im Land etwas zu entspannen – gleichzeitig aber auch ein Balanceakt, um das mühsam aufgebaute Image eines «neuen, starken Italien» nicht durch den massenhaften Export von Arbeitskräften zu beschädigen.

Mit dem Achsenbündnis von 1936 und der zunehmenden wirtschaftlichen Verflechtung änderte sich das Verhältnis deutlich. 1938 öffnete sich der deutsche Arbeitsmarkt offiziell für Italiener – zunächst vor allem für Saison- und Vertragsarbeiter in der Landwirtschaft, dann auch zunehmend für Industriearbeiter. Ein entscheidender Moment war 1941: Für das «Unternehmen Barbarossa», den Überfall auf die Sowjetunion, wurden Hunderttausende Deutsche zur Wehrmacht einberufen; in den Fabriken fehlten schlagartig rund 300.000 Arbeiter. Das NS-Regime wollte diese Lücke mit italienischen Arbeitskräften füllen.

Anfangs war die Arbeit in Deutschland für viele Italiener durchaus attraktiv – die Löhne lagen oft mehr als doppelt so hoch wie in der Heimat. Doch bald traten Probleme zutage: Die Ernährungslage war schlechter als erwartet, und im Alltag begegnete ihnen nicht selten eine feindselige Haltung, die bis an offenen Rassismus reichte. Die nationalsozialistische Führung sah die Italiener in einem doppelten Licht – als politisch wertvolle Verbündete, aber gleichzeitig als «nicht arisch» und damit «rassisch unerwünscht».

Sozial standen die Italiener in dieser Phase vergleichsweise besser da als viele andere ausländische Arbeiter, etwa polnische oder sowjetische Zwangsarbeiter. Das passte zum Selbstbild Mussolinis, führte aber bei manchen Migranten auch zu einer gewissen Solidarität mit den schlechter Gestellten. Politisch war diese Generation von jüngeren Italienern und Italienerinnen meist unauffällig – sie waren im Faschismus aufgewachsen und konditioniert, die meisten italienischen Familien hatten sich mit dem System arrangiert, und offene Opposition war selten. Der Faschismus übte bei der Anwerbung eine gewisse Vorselektion aus und schickte überwiegend politisch unauffällige oder zuverlässige Italiener*innen nach Deutschland. Neben gezielten Rekrutierungen gab es auch freiwillige Meldungen – für viele eine Möglichkeit, der Arbeitslosigkeit oder dem politischen Druck zu entkommen. In Einzelfällen nutzte das Regime auf lokaler Ebene die Gelegenheit, missliebige Personen außer Landes zu bringen.

Unter den Migrant*innen waren überwiegend Männer, aber auch einige Frauen, die beispielsweise in der Textilindustrie arbeiteten und damit traditionelle Geschlechterrollen durchbrachen. Die Motivation war meist wirtschaftlich: Man ging dorthin, wo die Arbeit am besten bezahlt wurde; politische oder ideologische Gründe spielten eher selten eine Rolle.

Was geschah nach dem Seitenwechsel Italiens 1943 mit den italienischen Soldaten in Deutschland – den IMIs?

Mit der deutschen Besetzung Italiens im September 1943 wurde die Geschichte der italienischen Arbeitskräfte im Deutschen Reich auf einen Schlag viel komplexer. Es ging nun nicht mehr nur um Arbeitsmigration, sondern auch um politische Deportationen, Zwangsarbeit und Internierung.

Der Wendepunkt war der 8. September 1943: Über 600.000 italienische Soldaten gerieten nach dem Waffenstillstand in deutsche Gefangenschaft. Sie wurden entwaffnet, ins Reich verschleppt und als «Italienische Militärinternierte» eingestuft – eine Sonderkategorie, die ihnen den Schutz der Genfer Konvention entzog. Für die Deutschen waren sie keine regulären Kriegsgefangenen, sondern Verräter. Wer bereit war, weiter für Deutschland oder die neugegründete italienische Sozialrepublik zu kämpfen, konnte aus der Gefangenschaft entlassen werden – entweder für den Dienst in der Wehrmacht oder in den Truppen Mussolinis in Norditalien. Die meisten lehnten ab und blieben in Gefangenschaft, wurden zur Zwangsarbeit gezwungen und damit Teil einer politischen Deportation ins Reich. Viele nannten das später «Widerstand ohne Waffen».

Gleichzeitig verstärkte sich in Italien der Widerstand gegen die deutsche Besatzung. Das führte zu einer zweiten großen Gruppe von Verschleppten: Zivilistinnen und Zivilisten, die wegen tatsächlicher oder vermeintlicher Unterstützung der Partisanen verhaftet wurden, ebenso wie streikende Arbeiter aus den Industriestädten Mailand, Turin und Genua. Auch gezielte Rekrutierungen von Arbeitskräften unter Zwang nahmen zu.

In der deutschen Kriegswirtschaft wurden die IMIs und die deportierten Zivilisten dringend gebraucht. Viele kamen in strategisch wichtige Betriebe – Hydrierwerke für synthetischen Treibstoff und Gummi, Flugzeugfabriken, U-Boot-Werften, das Raketenlager Dora-Mittelbau. Während sowjetische Zwangsarbeiter aus Sicherheitsgründen ferngehalten wurden, galten Italiener trotz des Verratsvorwurfs als vergleichsweise zuverlässig und gut ausgebildet.

Es gab aber auch weiterhin Italiener, die freiwillig nach Deutschland gingen – oft aus wirtschaftlichen Gründen, manchmal auch überzeugte Faschisten, die sich damit in den Dienst des NS-Systems stellten. Manche hatten sich in Italien schwer kompromittiert durch Kollaboration, etwa bei der Bekämpfung der Widerstandsbewegung.

So ergab sich nach 1943 ein vielschichtiges Bild: Neben den Soldaten in Gefangenschaft standen politische Deportierte, Zwangsrekrutierte und eine kleinere Gruppe von Freiwilligen – alle Teil einer Geschichte, in der Arbeit, Zwang und Politik untrennbar miteinander verknüpft waren.

Gibt es etwas spezifisch Italienisches an der Art, wie sich IMIs und italienische Gefangene in Deutschland verhielten?

Ob es etwas spezifisch Italienisches am Verhalten der IMIs und italienischen Gefangenen in Deutschland gab, lässt sich schwer sagen. Ich möchte jedenfalls vermeiden, in alte Stereotype zu verfallen – vom angeblich faulen Italiener oder vom bösen Deutschen. Die Wirklichkeit war vielschichtiger.

Es gab die brutale Seite: harte Zwangsarbeit, Misshandlungen durch Wachmannschaften oder Betriebsleiter, Hunger, Krankheiten – und auch Morde. In den Akten der italienischen Militärjustiz sind zahlreiche solche Fälle dokumentiert. Aber es gab auch andere Erfahrungen. Manche Internierte, die nicht in den großen Lagern oder Rüstungsfabriken landeten, berichten von Hilfe oder guter Behandlung durch Zivilisten.

Und dann gibt es Zeugnisse wie das Tagebuch von Mario Magonio, der beschreibt, wie Gefangene mitten im untergehenden NS-Reich Feste organisierten, Kontakte zu deutschen Frauen pflegten, Essen stahlen oder den Alltag mit viel Improvisation gestalteten – trotz größter Unsicherheit. Ob das nun «spezifisch italienisch» war, wage ich zu bezweifeln. Wahrscheinlich waren es kulturell geprägte Überlebensstrategien, eine Form, sich trotz der totalen Entmenschlichung ein Stück Normalität und Würde zu bewahren.

Die Italiener waren sichtbar – in manchen Bereichen, etwa auf Großbaustellen für die synthetische Treibstoffproduktion, stellten sie sogar die größte ausländische Gruppe. Das mag erklären, warum gerade unter ihnen viele Formen kreativer Selbstbehauptung zu beobachten waren. Und ihre Geschichte spielte sich vor dem Hintergrund des zerfallenden NS-Staates ab: In den bombardierten Städten mischten sich Gewalt, Anarchie, opportunistische Annäherungen und erste Solidaritäten.

Was weiß man über die Italiener, die nach 1945 in Deutschland blieben, etwa bis 1955?

Nach dem Krieg kehrten die allermeisten italienischen Zwangsarbeiter und Militärinternierten in ihre Heimat zurück. Einige blieben jedoch – aus persönlichen Gründen oder weil sie in Deutschland neue Bindungen eingegangen waren, etwa durch Heirat oder eine Anstellung. Diese kleinen Gruppen waren die Vorläufer der späteren «Gastarbeiter»-Migration.

Zwischen 1945 und 1955 verlief die Migration vor allem individuell und ungeregelt. Die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen änderten sich erst mit dem Anwerbeabkommen von 1955. Vorher aber gab es punktuelle Arbeitsmigration – etwa im Bauwesen oder in der Landwirtschaft –, oft auf Initiative der italienischen Regierung, die auf die hohe Arbeitslosigkeit im Süden reagierte.

Wie drückte sich der gegenseitige Hass nach dem Krieg aus – auf deutscher wie auf italienischer Seite?

Der Bruch Italiens mit Deutschland im September 1943 wurde in der NS-Propaganda als «Verrat» inszeniert – und dieser Vorwurf wirkte noch lange nach. In den 1950er-Jahren wurden neu angekommene italienische Arbeiter in Deutschland als «Badoglio-Verräter» beschimpft. Der Begriff «Itaker» war ein häufig benutztes Schimpfwort voller Verachtung.

In Italien saß die Ablehnung gegenüber den Deutschen tief – genährt durch die realen Erfahrungen der Besatzungszeit. Diese Gefühle blieben lange lebendig: Man konnte die Zeit nicht vergessen, war aber pragmatisch, und so waren deutsche Touristen in den fünfziger Jahren wieder willkommen. Über die Verbrechen wurde meist geschwiegen, doch viele Überlebende und Angehörige der Opfer hatten noch lange starke Vorbehalte, daran erinnere ich mich aus meiner Jugend sehr gut. Und zugleich diente die Dämonisierung der Deutschen in der öffentlichen Erinnerung auch dazu, die eigene Mitverantwortung am Faschismus und Krieg zu verdrängen und sich vor allem als Opfer zu inszenieren.

In den 1960er- bis 1980er-Jahren, während der großen Arbeitsmigration, traten solche Spannungen in anderer Form wieder auf. Viele italienische «Gastarbeiter» begegneten Vorurteilen und wurden herablassend behandelt. Erst mit dem Generationswechsel verlor diese Haltung langsam an Bedeutung. Ich selbst habe in den frühen 1980er-Jahren noch vereinzelt die Ausläufer dieses Antiitalianismus erlebt, als ich aus Italien nach Deutschland kam: selten offene Beschimpfungen, aber manchmal dieser leise Unterton, eine gewisse Distanz – gespeist aus einer langen, belasteten Geschichte.

Welche Rolle spielte die kommunistische Prägung vieler italienischer Migranten in den 1950er- und 1960er-Jahren?

In den ersten Jahren nach dem Krieg kamen viele italienische Arbeitsmigranten aus einer klaren politischen Prägung – oft kommunistisch oder gewerkschaftlich. Manche hatten in der Resistenza gekämpft, andere waren in linken Organisationen aktiv. Sie brachten ihre Überzeugungen mit nach Deutschland, engagierten sich in Gewerkschaften, gründeten Kulturvereine und organisierten politische Bildungsarbeit. Das politische Koordinatensystem der italienischen Nachkriegszeit – auf der einen Seite die Kirche, auf der anderen die Kommunistische Partei – spiegelte sich auch hier in Deutschland wider.

Mit der großen Anwerbung der 1960er-Jahre kam dann eine jüngere Generation ins Land. Diese kannte den Faschismus nur noch aus Erzählungen, war dafür aber stark geprägt von den Arbeitskämpfen der Nachkriegszeit, vor allem von den Auseinandersetzungen der süditalienischen Landarbeiter. Viele waren politisiert, ohne einer Partei anzugehören, und traten selbstbewusster auf als die Generation vor ihnen.

In Städten wie Frankfurt, Stuttgart oder Köln entstanden italienische Vereine, in denen sich diese beiden Strömungen wiederfanden: Die katholischen Missionen bildeten den einen Pol, kommunistische und sozialistische Organisationen den anderen. Diese Vereinslandschaften blieben noch bis in die 1980er-Jahre eng mit der italienischen Innenpolitik verbunden.